Quelle: Blätter 1963 Heft 05 (Mai)


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       DVD,  die mehr als 9000 Beiträge von 1956-1989  enthält oder auf
       der aktuellen "Blätter"-CD, welche die  Beiträge ab 1990 enthält
       und beim gleichnamigen Verlag bezogen werden kann. Näheres siehe
       unter www.blaetter.de.
       
       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Kurt R. Grossmann, New York
       
       EIN MENSCH ALLEIN
       =================
       Zum 25. Todestag von Carl von Ossietzky
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       Das nachfolgende  Manuskript basiert auf dem beim Kindler Verlag,
       München, erschienenen Buch des Verfassers: "Ossietzky - Ein deut-
       scher Patriot",  das mit  dem Albert-Schweitzer-Buchpreis  ausge-
       zeichnet wurde. D. Red.
       ...
       ...
       "Wir haben  uns den  Begriff Vaterland  mit dickflüssigem Schwatz
       umkleistern lassen.  Nichts schwingt  in uns mehr mit, wenn einer
       das Land  unserer Geburt  feiert. Männerchöre  gröhlen, Studenten
       trampeln, Frauenvereine  kreischen, aber  es  zittert  kein  Herz
       mehr, wenn  einer  D e u t s c h l a n d  sagt. Das Vaterland ge-
       hört zum  Bereich des Mundwerks, ist untrennbar verbunden mit Ei-
       chenlaub und Schwertern und schlechtem Öldruck.
       Deutschland? Was ist das? Zu wem spricht das? Wer liebt überhaupt
       Deutschland? Die von rechts sagen, dieses Deutschland ist gedemü-
       tigt, beschmutzt,  ehrlos geworden,  müsse in  Blutströmen gesund
       gebadet werden.  Sie verachten  das geschlagene, friedenssuchende
       Deutschland!
       Aber niemals ist das Vaterland liebenswerter als in den Tagen der
       Not. Vielleicht erhält in solchen Zeiten das Wort erst recht sei-
       nen Sinn.  Und seid  ehrlich, wer  von Euch  hat in diesen Jahren
       Deutschland geliebt?"
       ...
       ...
       "Vaterlandsliebe ist  kein deutsches  Gewächs. Vielleicht gedeiht
       sie im  unruhigen Albanien, vielleicht im Sand der maurischen Wü-
       ste, wo  braune Männer  mit europäischen  Eindringlingen um jeden
       Fußbreit der traurigen Erde kämpfen. Wir sind wohl zu 'national',
       um zu wissen, was Vaterland ist."
       ...
       ...
       "Wenn es  schon nicht ohne Nationalhymne geht, da sind noch immer
       die Verse  des Düsseldorfer  Juden- und Preußenfressers und Napo-
       leonschwärmers Heinrich  Heine: Denk  ich an  Deutschland in  der
       Nacht, so  bin ich  um den  Schlaf gebracht...  Vertont das  aber
       nicht für Blech und Kalbfell, sondern für eine wehmütig gestimmte
       Geige. Und  das wollen wir, wenn wir an Deutschland denken, leise
       vor uns hinsummen wie ein Wiegenlied für ein krankes Kind."
       ...
       ...
       "Die Wirkung  der Zensur ist nicht in den erreichten Konfiskatio-
       nen oder gerichtlichen Bestrafungen zu suchen, überhaupt nicht in
       der Quantität.  Diese Zensur  errichtet Warnungszeichen, sie will
       zunächst abschrecken.  Die Konsequenz für die Presse ist, daß ihr
       ein Thema nach dem andern entgleitet. Sie wagt nicht mehr, an be-
       stimmte Dinge zu rühren, das Risiko wäre zu groß. Ein verhängnis-
       voller Vorgang, denn alles vollzieht sich unsichtbar. Die Dynamik
       der Zeitung  ist die gleiche geblieben, die Substanz aber schwin-
       det...
       So sinkt  die Freiheit der Presse langsam in sich zusammen, nicht
       nur weil  das im Gesetz der kapitalistischen Entwicklung liegt...
       sondern weil der immer mehr diktatorische Formen annehmende Staat
       in jeder  fundierten gegnerischen  Meinung ein Kardinalverbrechen
       sieht. Der  Effekt bleibt nicht aus. Das Exempel hat gewirkt. Wer
       hat danach  noch Lust, sich die Finger zu verbrennen? Das Reichs-
       wehrministerium hat,  was es wollte, durchgesetzt. Es ist seitdem
       vor lästigen Fragen sicher..."
       ...
       ...
       "Der Staatsanwalt,  ein höflicher und zurückhaltender Herr, hatte
       nur die  Verhängung finanzieller Sanktionen beantragt, jedoch die
       Charlottenburger Emminger Kammer, aus einem Landgerichtsdirektor,
       einem gelehrten Richter und zwei ungelehrten Volksrichtern beste-
       hend, entschied  sich für Prison. Wir sind nicht pathetisch genug
       veranlagt, die  Hände zum Himmel zu recken, wo unveräußerlich die
       ewigen Rechte wohnen; wir haben Freunde und Sekundanten. Wir sind
       nicht wehrlos, und vor allem, wir sind illusionslos...
       Dennoch war auch dieser Gang nach Moabit lohnend, weil er uns die
       Bekanntschaft mit  der Richterpersönlichkeit des Herrn Dr. Crohne
       vermittelte. Es  ist hier und anderswo im Laufe der Jahre manches
       Bittere über  die Richter  geschrieben worden.  Manches, was  von
       Galle durchtränkt war und bei einem späteren Nachlesen oft karri-
       katuristisch verbogen  schien. Es  bleibt das Verdienst von Herrn
       Dr. Crohne,  unsere gelegentlichen Zweifel an dem Richterbild der
       deutschen Linkspresse  behoben zu haben... Dieser Richter, dessen
       Tatendurst nicht  Objektivität, geschweige denn Konzilianz hemmt,
       verfügt über  eine unermüdliche Eloquenz: er redet, redet, redet.
       Bald autoritär und herunterputzend, bald mit der striemenden Iro-
       nie eines durch sein Amt vor ähnlichen Waffen Gesicherten; sofort
       nach der Eröffnung pfeift er uns, die Angeklagten, an, wie es ein
       Richter von Herz und Takt nicht bei ein paar verstockt leugnenden
       Langfingern tun  würde... Die  Begründung des  Urteils wirft  uns
       "gemeine Angriffe"  gegen die  drei Offiziere  vor, sie hält eine
       Geldstrafe für  ungenügend, da  diese keine Gewähr biete, uns von
       weiteren Angriffen auf die Ehre anderer abzuhalten. Hier hört das
       Humoristikum auf,  und das Interesse der ganzen deutschen Presse-
       gilde beginnt.  Denn damit werden zwei Publizisten, die sich seit
       Jahren in  einem politischen  Kampf befinden,  rund und  nett als
       Ehrabschneider gebrandmarkt  und  gleich  für  die  Zukunft  ver-
       warnt... Jeder  Publizist, der  mit ganzem  Herzen für eine Sache
       eintritt, wird  mit Empörung  eine Drohung auf die Zukunft ableh-
       nen. Man  mag uns  verurteilen heute, aber unser Stolz wird sein,
       nicht "gebessert", sondern nur energischer, schärfer, dichter und
       zäher zu  werden. Dafür  sind wir  Publizisten und  stehen wir im
       Dienst der Öffentlichkeit..."
       ...
       ...
       "Ähnliche Kapriolen  wurden auch  auf dem Flugplatz Johannisthal-
       Adlershof gemacht.  Auf der  Adlershofer Seite bestand als beson-
       dere Gruppe  der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt eine so-
       genannte Abteilung M. Als beim vorjährigen Luftfahrtsetat der so-
       zialistische Abgeordnete  Krüger im  Haushaltsausschuß die Regie-
       rungsvertreter um  Auskunft bat, zu welchem Zweck die Abteilung M
       da sei,  bekam er  keine Antwort,  denn sonst hätten die Behörden
       darauf aufmerksam  machen müssen,  daß "M"  auch der Anfangsbuch-
       stabe für  Militär ist. So schwieg man lieber. Aber auch hier ar-
       beitete Groeners findige Verneblungstaktik. Um bei einer erneuten
       Anfrage sagen zu können, "Eine solche Abteilung 'M' gibt es nicht
       mehr, mit diesen Schweinereien haben wir aufgeräumt", wurde diese
       Abteilung auch  aufgelöst, kam  auf die  Johannisthaler Seite des
       Flugplatzes und  heißt jetzt  "Erprobungsabteilung Albatros", zum
       Unterschied von einer Versuchsabteilung, die Albatros bereits be-
       sitzt. Diese  "Erprobungsabteilung Albatros"  ist zu  Lande  das-
       selbe, was  an der  See die  "Küstenflugabteilung Albatros"  dar-
       stellt. Beide  Abteilungen besitzen  je etwa  dreißig bis vierzig
       Flugzeuge, manchmal auch mehr.
       Aber nicht alle Flugzeuge sind immer in Deutschland..."
       ...
       ...
       "Die Mißstimmung  wird verstärkt  durch den Spruch von 18 Monaten
       Gefängnis, den das Reichsgericht in Leipzig gegen den Herausgeber
       einer deutschen  radikalen Zeitschrift  und den Autor eines Arti-
       kels über  die deutsche  Luftschiffahrt, den  er in  dieser Zeit-
       schrift veröffentlicht  hatte, fällte. Man sprach sie des Verrats
       militärischer Geheimnisse schuldig..."
       ...
       ...
       "Anderthalb Jahre  Freiheitsstrafe? Es ist nicht so schlimm, denn
       es ist  mit der  Freiheit in  Deutschland nicht weit her... Jeder
       Publizist, der  in bewegter Zeit seinem Gewissen folgt, weiß, daß
       er gefährdet  lebt... Wer, wie der Schriftsteller, an die immate-
       rielle Kraft  des in  die Welt hinabgeschleuderten Wortes glaubt,
       der wird  also nicht  jammern, wenn  dieses, Körper geworden, als
       Gummiknüppel oder  Stahlmantel oder  Gefängnishaft wieder auf ihn
       zurückprallt."
       ...
       ...
       "Seit 1912 habe ich den Krieg bekämpft. Ich gehörte schon vor dem
       Kriege einer  pazifistischen Organisation an... Was ich im Kriege
       gesehen, hat meine Meinung über ihn und das Kriegshandwerk durch-
       aus bestätigt.  Den Artikel  in der "Weltbühne", der ja nicht von
       mir stammt  und wegen  dessen ich ja hier angeklagt bin, vertrete
       ich vollständig.  Ich habe  niemals lieber vor Gericht gestanden,
       als gerade wegen dieses Artikels, der ganz meiner Auffassung ent-
       spricht...
       Wir Anhänger  des Friedens haben die Pflicht, immer wieder darauf
       hinzuweisen, daß  der Krieg  nichts Heroisches  bedeutet, sondern
       daß er nur Schrecken und Verzweiflung über die Menschheit bringt.
       Gerade weil wir wissen, daß die machtpolitische Situation für uns
       im Augenblick  nicht günstig  ist, gerade deshalb müssen wir eine
       lapidarere Sprache  führen. Aber  diese lapidare Sprache geht von
       Laotse über  die Bibel  und Kant  durch die ganze Literatur. Alle
       haben den Krieg als Mord und das Soldatenhandwerk als Mörderhand-
       werk gekennzeichnet.  Das Wort  "Mörder" wird hier nicht in einem
       juristischen, sondern  in einem  sittlichen Sinne gebraucht. Seit
       zweitausend Jahren  streitet man  sich um  diese Dinge  herum. Es
       scheint sich hier um eine Frage der Quantität zu handeln. Das ist
       der ewige Zwiespalt zwischen Staatsmoral und dem Individuum..."
       ...
       ...
       "Der kritische  Augenblick meines Besuches trat um 3 Uhr nachmit-
       tags ein... Mitten auf dem großen Freiplatz zwischen den Baracken
       sagte ich  zu dem  Kommandanten, Standartenführer  Loritz: 'Jetzt
       wünsche ich Herrn von Ossietzky zu sehen und zeugenlos mit ihm zu
       sprechen, den Hamburger Pazifisten und Schriftsteller Ossietzky.'
       Die Umstehenden  nahmen eine  fast drohende  Haltung an.  Loritz,
       hochrot, preßte hervor: 'Wen wollen Sie sehen? Wer ist das?'
       'Sie wissen es genau.'
       'Kein Häftling dieses Namens ist hier.'
       'Doch, er  ist hier,  falls er  noch lebt.  Wir wollen keine Zeit
       verlieren', dann  lauter, 'falls er noch lebt, mache ich Sie per-
       sönlich verantwortlich.'
       Jetzt schrie  Loritz:  'Unmöglich,  ausgeschlossen,  ich  weigere
       mich.'
       ...Nun, ein  einziges Mal,  entschloß ich mich auch zu dem Kaser-
       nenton: 'Was ist das für eine verdammte Schweinerei, daß hier Be-
       fehle nicht  durchgehen. Sie  kennen Ihren  Befehl, ich  sehe die
       Häftlinge, die  ich zu  sehen wünsche, und spreche mit ihnen. Sie
       wissen, um was es geht.'
       Mehr brauchte  der Unteroffizier  nicht. Schon lief einer aus dem
       Gefolge in  die hinterste  Baracke. Dann  standen wir schweigend,
       wieder schaute ich auf die Armbanduhr, drei Minuten, fünf, zehn.
       Nach zehn  Minuten kamen  zwei SS-Leute,  die einen  kleinen Mann
       mehr schleppten  und trugen als heranführten. Ein zitterndes, to-
       tenblasses Etwas,  ein Wesen,  das gefühllos  zu sein schien, ein
       Auge  verschwollen,   die  Zähne  anscheinend  eingeschlagen;  er
       schleppte ein gebrochenes, schlecht ausgeheiltes Bein.
       Ich ging  ihm entgegen,  reichte ihm  die Hand,  die er nicht er-
       griff.
       'Melden!' schrie Loritz.
       Ein unartikulierter  leiser Laut  kam aus der Kehle des Gemarter-
       ten.
       Ich zu Loritz, 'Zurück!'
       'Herr von  Ossietzky', sprach  ich ihn  an. 'Ich bringe Ihnen die
       Grüße Ihrer  Freunde, ich  bin der  Vertreter des Internationalen
       Komitees vom Roten Kreuz, ich bin hier, um Ihnen, soweit uns dies
       möglich ist, zu helfen.'
       Nichts. Vor mir, gerade noch lebend, stand ein Mensch, der an der
       äußersten Grenze des Tragbaren angelangt war.
       Kein Wort der Erwiderung.
       Ich trat  näher. Jetzt füllte sich das noch lebende Auge mit Trä-
       nen, lispelnd unter Schluchzen sagte er:
       'Danke, sagen Sie den Freunden, ich sei am Ende, es ist bald vor-
       über, bald  aus, das  ist gut.' Und dann noch ganz leise: 'Danke,
       ich habe einmal Nachrichten erhalten, meine Frau war einmal hier;
       ich wollte den Frieden.'
       Dann kam  wieder das  Zittern. Ossietzky verneigte sich leicht in
       der Mitte  des weiten,  leeren Lagerplatzes und machte eine Bewe-
       gung, als  wolle er militärische Stellung annehmen, um sich abzu-
       melden. Dann  ging  er,  das  eine  Bein  nachschleppend,  mühsam
       Schritt vor Schritt zu seiner Baracke zurück."
       ...
       

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