Quelle: Blätter 1963 Heft 05 (Mai)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUS DER ENZYKLIKA PAPST JOHANNES' XXIII. "PACEM IN TERRIS"
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       Aus der am Gründonnerstag, dem 11. April 1963, von Papst Johannes
       XXIII. gegebenen  Enzyklika "Pacem in terris" veröffentlichen wir
       im folgenden  (in der  Übersetzung der  Katholischen Nachrichten-
       Agentur) die wichtigsten Abschnitte über die Beziehungen zwischen
       den Völkern und Staaten. D. Red.
       
       III.
       
       Beziehungen zwischen den politischen Gemeinschaften
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       In der Wahrheit
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       Die wechselseitigen  Beziehungen der  politischen  Gemeinschaften
       untereinander müssen von der Wahrheit geleitet sein. Die Wahrheit
       verlangt aber,  daß es darin keine Diskriminierung der Rassen ge-
       ben darf; denn das Prinzip muß anerkannt werden, daß alle politi-
       schen Gemeinschaften  durch die  Würde  der  Natur  untereinander
       gleichgestellt sind. Jeder hat also das Recht auf das Dasein, auf
       Entfaltung, auf  den Besitz  der dazu notwendigen Mittel und auch
       darauf, daß  er in  der Verwirklichung alles dessen auch die Ver-
       antwortung übernimmt.  Desgleichen kann  er rechtmäßig verlangen,
       daß er  in gutem  Rufe stehe, und daß ihm die gebührende Ehre er-
       wiesen wird.
       Die Erfahrung lehrt, daß die Menschen sehr häufig und auch in ho-
       hem Maße voneinander verschieden sind an Wissen, Tugend, Geistes-
       kraft und  an Besitz  äußerer Güter. Daraus kann aber niemals ein
       gerechter Grund  abgeleitet werden, daß diejenigen, die den übri-
       gen überlegen  sind, diese  irgendwie von  sich abhängig  machen;
       vielmehr haben  sie die größere, auf alle einzelnen sich erstrec-
       kende Verpflichtung, den anderen zu der durch gegenseitiges Bemü-
       hen zu erringenden Vollkommenheit zu verhelfen.
       So kann  es vorkommen,  daß auch unter den Nationen die einen den
       anderen voraus  sind an  wissenschaftlichem Fortschritt,  an men-
       schlicher Kultur  und an wirtschaftlicher Entwicklung. Doch diese
       Vorzüge erlauben es ihnen keineswegs, in ungerechter Weise andere
       zu beherrschen,  sondern sollen  ihnen vielmehr ein Ansporn sein,
       mehr zum gemeinsamen Fortschritt der Völker beizutragen...
       
       Tätige Solidarität
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       Da die  gegenseitigen Beziehungen  der Staaten gemäß der Wahrheit
       und Gerechtigkeit  geregelt werden  sollen, müssen sie auch durch
       eine tätige  Einigung der  Kräfte und Bestrebungen gefördert wer-
       den. Dies  kann durch  wechselseitige vielfältige  Zusammenarbeit
       erreicht werden,  wie es  in unserer Zeit fruchtbar geschieht auf
       dem Gebiete  der Wirtschaft,  der Sozialarbeit,  der Politik, der
       Kultur, des Gesundheitswesens und des Sportes. Diesbezüglich müs-
       sen wir  uns vor  Augen halten,  daß die Staatsgewalt ihrer Natur
       nach nicht  dazu eingesetzt  ist, die  Menschen nur innerhalb der
       Grenzen der jeweiligen politischen Gemeinschaft zusammenzuschlie-
       ßen, sondern  vor allem  für das  Gemeinwohl des Staates, das von
       dem der ganzen Menschheitsfamilie nicht getrennt werden kann.
       Dies bedeutet,  daß die  einzelnen bürgerlichen Gemeinschaften in
       der Wahrung  ihrer Interessen  einander nicht  nur nicht  schaden
       dürfen, sondern  auch mit  Rat und  Tat sich  zusammentun sollen,
       wenn die  Anstrengungen der  einzelnen  Staaten  die  gewünschten
       Ziele nicht erreichen können. In diesem Falle muß man sehr darauf
       achten, daß  die Vorteile,  die sich für einen Staat ergeben, den
       anderen nicht  mehr Schaden  als Nutzen bringen. Auch das univer-
       selle Gemeinwohl verlangt, daß in jeder einzelnen Nation der Aus-
       tausch jeglicher  Art zwischen den Bürgern und den Körperschaften
       gefördert werde.  Denn da es in vielen Teilen der Erde Volksgrup-
       pen gibt,  die der  Abstammung nach mehr oder weniger voneinander
       verschieden sind, muß man Vorsorge treffen, daß nicht die Glieder
       des einen Volkes am Umgang mit denen des anderen Volkes gehindert
       werden. Dies  wäre in  offenem Widerspruch  zu einer Zeit wie der
       unsrigen, in  der die Entfernungen unter den Völkern beinahe auf-
       gehoben sind.  Es darf  auch nicht übersehen werden, daß die Men-
       schen eines  jeden Stammes  neben ihren  eigenen Anlagen, die sie
       von den  anderen unterscheiden,  auch mit  anderen gemeinsame und
       wichtige Eigenschaften, zumal im Bereich der geistigen Werte, be-
       sitzen, durch  die sie  immer mehr  Fortschritte machen  und sich
       vervollkommnen können.  Sie haben also das Recht und die Pflicht,
       ihr Leben in Gemeinschaft mit den übrigen zu verbringen.
       
       Gleichgewicht zwischen Bevölkerung, Land und Kapitalien
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       Es ist  allgemein bekannt,  daß mancherorts auf Erden ein unglei-
       ches Verhältnis  zwischen der  Ausdehnung des bestellbaren Landes
       und der  Zahl der Einwohner besteht, anderswo zwischen den Boden-
       schätzen und  den zur Verfügung stehenden Mitteln zu rascher Ver-
       wertung. Daraus  entspringt die  Notwendigkeit, von  den  Völkern
       eine Zusammenarbeit  zu verlangen zum Zweck eines leichteren Aus-
       tausches der  Güter, der Kapitalien und der menschlichen Arbeits-
       kräfte.
       Hier halten wir es für angebracht, daß, soweit möglich, das Kapi-
       tal die  Arbeit suche,  nicht aber  die Arbeit  das Kapital.  Auf
       diese Weise  wird vielen  die Möglichkeit  einer Vermögensmehrung
       geboten, ohne daß sie gezwungen sind, mit großem Kummer ihre Hei-
       mat zu  verlassen, einen  anderen Wohnsitz  zu suchen,  in  einer
       neuen Lage sich zurechtzufinden und neue Beziehungen aufzunehmen.
       
       Das Problem der politischen Flüchtlinge
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       Da Wir  durch Gottes  Anregung gegenüber allen Menschen insgesamt
       die Gesinnungen  väterlicher  Liebe  hegen,  betrachten  Wir  mit
       großem Schmerz das Los derer, die aus politischen Gründen aus ih-
       rer Heimat  vertrieben wurden.  Viele und unglaubliche Leiden be-
       gleiten ja ständig die große, in unserer Zeit wahrlich ungezählte
       Menge der Flüchtlinge.
       Diese Erscheinung  zeigt, daß  die Regierungen  gewisser Nationen
       die Grenzen  der gerechten Freiheit allzu sehr einengen, in deren
       Bereich es den einzelnen gestattet wäre, ein menschenwürdiges Le-
       ben zu  führen. In  solchen Staaten wird zuweilen sogar das Recht
       auf Freiheit in Frage gestellt oder auch ganz genommen. Wenn dies
       geschieht, wird  die rechte Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft
       völlig umgestürzt; denn die Staatsgewalt ist ihrer Natur nach zum
       Schutz des  Wohles der  Gemeinschaft bestimmt, dessen Grundforde-
       rung ist,  die rechten Grenzen der Freiheit anzuerkennen und ihre
       Rechte zu sichern.
       Deshalb ist es angezeigt, an dieser Stelle daran zu erinnern, daß
       solche Flüchtlinge  mit der Würde einer Person ausgestattet sind,
       und daß  ihnen die  Rechte einer  Person zuerkannt werden müssen.
       Diese Rechte  können die Flüchtlinge dadurch, daß sie des Bürger-
       rechtes ihrer politischen Gemeinschaft beraubt wurden, nicht ver-
       lieren...
       
       Abrüstung
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       Andererseits sehen  Wir nicht  ohne großen  Schmerz, daß  in  den
       wirtschaftlich gut entwickelten Staaten ungeheure Kriegsrüstungen
       geschaffen wurden  und noch  geschaffen werden, und daß dafür die
       größten geistigen  und materiellen  Güter aufgewendet  wurden. So
       kommt es,  daß während  die Bürger dieser Nationen keine geringen
       Lasten zu  tragen haben,  andere Staaten, die sich wirtschaftlich
       und sozial  entwickeln sollten,  der notwendigen  Hilfeleistungen
       entbehren.
       Als rechtfertigenden  Grund für diese militärische Rüstung pflegt
       man anzugeben,  daß unter  den gegenwärtigen Umständen der Friede
       nur durch  das Gleichgewicht der Rüstungen gesichert werden kann.
       Die militärische  Rüstung, die  irgendwo besteht,  hat  also  zur
       Folge, daß  auch anderswo das Streben nach Mehrung der Waffen zu-
       nimmt. Und  wenn eine Nation mit Atomwaffen ausgerüstet ist, gibt
       dies anderen  Nationen Anlaß, daß auch sie sich solche Waffen mit
       gleicher Zerstörungskraft zu verschaffen suchen.
       Infolgedessen befinden  sich die  Völker beständig in Furcht, als
       ob ein Sturm sie bedrohe, der jeden Augenblick mit erschreckender
       Gewalt losbrechen könne. Und das nicht ohne Grund, denn an Waffen
       fehlt es  tatsächlich nicht. Wenn es auch kaum glaublich ist, daß
       es Menschen gibt, die es wagen möchten, die Verantwortung für die
       Vernichtung und das Leid auf sich zu nehmen, die ein Krieg im Ge-
       folge hat,  so kann  man doch  nicht leugnen, daß unversehens und
       unerwartet ein  Kriegsbrand entstehen kann. Und wenn auch die un-
       geheure militärische Rüstung heute die Menschen davon abschrecken
       dürfte, einen  Krieg zu beginnen, so ist dennoch zu fürchten, daß
       die schon  für Kriegszwecke unternommenen Kernwaffen-Experimente,
       wenn sie  nicht aufhören,  die verschiedenen Arten des Lebens auf
       Erden in schwere Gefahr bringen.
       Deshalb fordern  Gerechtigkeit, gesunde Vernunft und Sinn für die
       Menschenwürde dringend,  daß der allgemeine Rüstungswettlauf auf-
       hört; daß  ferner die in verschiedenen Staaten bereits zur Verfü-
       gung stehenden  Waffen auf beiden Seiten und gleichzeitig vermin-
       dert werden;  daß Atomwaffen  untersagt werden;  und daß  endlich
       alle nach  Vereinbarung zu  einer  entsprechenden  Abrüstung  mit
       wirksamer gegenseitiger  Kontrolle gelangen.  "Es ist  mit  allen
       Kräften zu verhindern" - mahnte Unser Vorgänger seligen Andenkens
       Pius XII.  - "daß  das Grauen  eines Weltkrieges mit seiner wirt-
       schaftlichen Not,  seinem sozialen  Elend und  seinen  sittlichen
       Verirrungen zum  drittenmal über  die Menschheit  komme". Dennoch
       müssen alle  davon überzeugt  sein,  daß  die  Einschränkung  der
       Kriegsrüstungen, ihre  wirksame Herabminderung  oder gar  völlige
       Beseitigung so  gut wie  unmöglich sind,  wenn man nicht zu einer
       allumfassenden Abrüstung  schreitet, das  heißt, wenn  sich nicht
       alle einmütig  und aufrichtig  Mühe geben, daß die Furcht und die
       angstvolle Erwartung  eines Krieges aus dem Herzen gebannt werde.
       Dies fordert  aber, daß  an die Stelle des obersten Gesetzes, wo-
       rauf der  Friede sich  heute stützt,  ein ganz anderes Gesetz ge-
       stellt werde,  wodurch bestimmt  wird, daß der wahre Friede unter
       den Völkern  nicht durch  die Gleichheit  des militärischen Appa-
       rates, sondern  nur durch gegenseitiges Vertrauen fest und sicher
       bestehen kann.  Wir meinen,  daß dies  geschehen kann. Noch mehr:
       Wir meinen,  daß es sich um eine Sache handelt, die nicht nur von
       den Gesetzen  der gesunden  Vernunft befohlen  wird, sondern auch
       höchst wünschenswert und überaus segensreich wäre...
       In den Beratungen der Männer, die durch ihre Stellung und Autori-
       tät hervorragen,  soll gründlich geprüft werden, wie auf der gan-
       zen Welt  die gegenseitigen  Beziehungen der Staaten in menschli-
       cherem Gleichgewicht  neu  zu  gestalten  sind;  Wir  meinen  ein
       Gleichgewicht, das  auf gegenseitigem Vertrauen, auf aufrichtigen
       Verträgen und  auf unverletzlichen  Vereinbarungen gegründet ist.
       Aber diese  Frage soll  so von  allen Seiten  erwogen werden, daß
       eine Grundlage  gefunden wird,  auf der  freundschaftliche, feste
       und nützliche Bündnisse entstehen können...
       
       Der Aufstieg der Staaten im Entwicklungsstadium
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       Da alle  Menschen durch  das gemeinsame  Band des  Ursprungs, der
       christlichen Erlösung  und der  höchsten Bestimmung untereinander
       verbunden sind und dazu berufen, eine einzige christliche Familie
       zu bilden,  haben wir  in der  Enzyklika "Mater  et Magistra" die
       wirtschaftlich vollentwickelten  Staaten ermahnt,  jenen Völkern,
       deren wirtschaftliche  Entwicklung sich  noch im Aufbau befindet,
       alle nur mögliche Hilfe zu leisten.
       Nicht ohne  großen inneren Trost erkennen Wir heute an, daß diese
       Mahnungen weitgehend  angenommen worden  sind, und  Wir hegen die
       Hoffnung, daß sie in Zukunft noch weiter aufgegriffen werden, da-
       mit die  bedürftigen Völker auf wirtschaftlichem Gebiete bald so-
       weit voranschreiten,  daß ihre  Bewohner ein Leben führen können,
       das der Menschenwürde entspricht.
       Und doch  muß man sich immer wieder vor Augen halten, daß man je-
       nen Völkern so viel Hilfe zukommen lassen muß, daß sie ihre Frei-
       heit unversehrt  wahren können.  Auch müssen  sie wissen, daß bei
       diesem wirtschaftlichen  Fortschritt und  sozialem Aufstieg ihnen
       selbst die  erste Verantwortung  zukommt, und  daß sie  dabei die
       Hauptarbeit leisten müssen...
       
       IV.
       
       Beziehungen zwischen den einzelnen politischen Gemeinschaften
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       und der Völkergemeinschaft
       ==========================
       
       Gegenseitige Abhängigkeit der politischen Gemeinschaften
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       Da die  neueren Fortschritte  der Wissenschaften  und der Technik
       das menschliche  Verhalten sehr stark beeinflußt haben, veranlas-
       sen sie  die Menschen der ganzen Welt, sich zu immer größerer Zu-
       sammenarbeit zu  verbinden und  sich immer mehr zusammenzuschlie-
       ßen.
       Tatsächlich hat  sich heute  der Austausch  von Dingen, Ideen und
       Menschen stark  vermehrt. Die  gegenseitigen Beziehungen zwischen
       den einzelnen,  den Familien  und den Zwischenverbänden, die ver-
       schiedenen Nationen  angehören, sind  sehr stark angewachsen, und
       auch die  Fühlungnahme zwischen  verschiedenen Staatsoberhäuptern
       ist häufiger  geworden. Indessen  wird die  Wirtschaft der  einen
       Staaten von  Tag zu  Tag mehr mit der Wirtschaft der anderen ver-
       flochten, und  zwar so sehr, daß aus diesem Zusammenschluß gewis-
       sermaßen eine  Wirtschaftsgemeinschaft der  ganzen Welt entsteht.
       Schließlich hängen  sozialer Fortschritt, Ordnung, Sicherheit und
       Ruhe jedes  einzelnen Staates notwendig mit dem Fortschritt aller
       übrigen Nationen  zusammen. Unter  diesen Voraussetzungen  ist es
       klar, daß  die einzelnen  Staaten, wenn  sie von  den übrigen ge-
       trennt sind,  durchaus nicht  in der  Lage sind,  ihre Interessen
       wahrzunehmen und  sich entsprechend  zu entwickeln,  da der Wohl-
       stand und der Fortschritt des einen Staates aus dem Wohlstand und
       dem Fortschritt  aller anderen  folgt und  diesen zugleich mitbe-
       wirkt.
       
       Ungenügen der gegenwärtigen Organisationen
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       für das universelle Allgemeinwohl
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       Kein Zeitalter  wird die  Einheit der  menschlichen  Gemeinschaft
       zerstören, da diese aus Menschen besteht, die gleichberechtigt an
       der naturgegebenen  Würde teilhaben.  Daraus entspringt die drin-
       gende, durch  die Natur  des Menschen gegebene Notwendigkeit, daß
       in entsprechender  Weise ein Gemeinwohl angestrebt wird, das uni-
       versell ist  und die  gesamte Menschheitsfamilie  angeht. In  den
       vergangenen Zeiten  konnten die  Staatslenker hinreichend für das
       universelle Gemeinwohl  sorgen. Sie suchten es zu erreichen durch
       Diplomaten, durch Zusammenkünfte und Gespräche auf höchster Ebene
       und durch  Abschluß von  Konventionen und Verträgen, durch Mittel
       und Wege  also, die  durch das  Naturrecht, durch das Völkerrecht
       oder das internationale Recht vorgegeben waren.
       In unseren  Tagen aber  haben die  gegenseitigen Beziehungen  der
       Staaten große  Veränderungen erfahren.  Denn das  gemeinsame Wohl
       aller Völker  wirft einerseits Fragen von höchster Bedeutung auf,
       die schwierig  und äußerst dringlich sind, besonders was die Wah-
       rung der  Sicherheit und des Friedens der ganzen Welt angeht; an-
       dererseits können die Lenker der einzelnen Nationen, da sie unter
       sich gleichberechtigt sind, und obgleich sie sehr viele Kongresse
       veranstalten und  ihre Anstrengungen vervielfältigen, um geeigne-
       tere Rechtsmittel  zu finden, die Probleme doch nicht in genügen-
       der Weise  lösen; nicht  daß es ihnen am guten Willen oder an Un-
       ternehmungsgeist fehlt, sondern ihre Autorität verfügt nicht über
       die nötige Macht.
       Deshalb sind  bei dem  Zustand der heutigen Menschheit sowohl die
       staatliche Organisation als auch der Einfluß, welchen die Staats-
       gewalt bei  allen Nationen des Erdkreises verfügt, als ungenügend
       anzusehen, um das gemeinsame Wohl aller Völker zu fördern...
       
       Zeichen der Zeit
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       Wie allen  bekannt ist,  wurde am  26. Juni 1945 die Organisation
       der Vereinten  Nationen (UNO)  gegründet, der  in  der  Folgezeit
       kleinere Institutionen beigefügt wurden, die sich aus bevollmäch-
       tigten Mitgliedern  verschiedener Nationen  zusammensetzen. Ihnen
       sind große  und weltumspannende  Aufgaben übertragen,  die sie im
       wirtschaftlichen, sozialen,  kulturellen, erzieherischen  und hy-
       gienischen Bereich  erfüllen sollen. Ferner stellen sich die Ver-
       einten Nationen  als Hauptaufgabe,  den Frieden unter den Völkern
       zu schützen  und zu festigen, sowie freundschaftliche Beziehungen
       unter ihnen zu pflegen und zu entwickeln, die auf den Grundsätzen
       der Gleichheit,  der gegenseitigen Hochachtung und der vielfälti-
       gen Zusammenarbeit auf allen Gebieten menschlichen Zusammenlebens
       gründen.
       Ein Akt von höchster Bedeutung ist die "Allgemeine Erklärung über
       die Menschenrechte",  die am  10. Dezember  1948 von der Vollver-
       sammlung der Vereinten Nationen angenommen wurde. In der Präambel
       dieser Erklärung wird versichert, daß alle Völker und Nationen in
       erster Linie  danach trachten  müssen, daß alle Rechte und Formen
       der Freiheit,  die in der Erklärung beschrieben sind, tatsächlich
       anerkannt und unverletzt gewahrt werden.
       Gegenüber einigen Kapiteln dieser Erklärung sind Einwände und be-
       gründete Zurückhaltung  geäußert worden.  Aber nichtsdestoweniger
       ist diese  Erklärung gleichsam als Stufe und als Zugang zu der zu
       schaffenden rechtlichen  und politischen Ordnung aller Völker auf
       der Welt zu betrachten. Denn durch sie wird die Würde der Person,
       die allen  Menschen unbedingt  zukommt, feierlich anerkannt sowie
       jedem Menschen  seine Recht  zugesprochen, wie  z.B. die Wahrheit
       frei zu  suchen, den  Normen der Rechtschaffenheit zu folgen, die
       Pflichten der  Gerechtigkeit auszuüben  und ein  menschenwürdiges
       Dasein zu führen. Darüber hinaus werden noch andere Rechte gefor-
       dert, die mit den erwähnten in Zusammenhang stehen.
       Es ist  daher zu  wünschen, daß die Vereinten Nationen immer mehr
       dazu kommen, ihre Verfassung und die geeigneten Mittel, die ihnen
       zur Verfügung  stehen, der  Weite und  der Vortrefflichkeit ihrer
       Aufgaben anzupassen, damit bald die Zeit komme, in der diese Ver-
       sammlung die  Rechte der  menschlichen  Person  wirksam  schützen
       kann. Rechte,  die deswegen allgemein, unverletzlich und unverän-
       derlich sind, weil sie unmittelbar aus der Würde der menschlichen
       Person entspringen. Und das um so mehr, weil die Menschen heutzu-
       tage in  ihrer Nation mehr im öffentlichen Leben stehen, mit leb-
       hafterem Interesse  die Anliegen aller Völker ununterbrochen ver-
       folgen und  sich immer  mehr bewußt  sind, daß  sie als lebendige
       Glieder zur allgemeinen Menschheitsfamilie gehören...
       
       V.
       
       Pastorale Weisungen
       ===================
       
       Beziehungen zwischen Katholiken und Nichtkatholiken auf
       -------------------------------------------------------
       dem wirtschaftlichen, sozialen und politischen Sektor
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       Die von  Uns gezogenen Richtlinien ergeben sich aus der Natur der
       Dinge selbst  und sehr oft aus dem Naturrecht. So kommt es häufig
       vor, daß  die Katholiken in vielfacher Form mit Christen, die vom
       Apostolischen Stuhl  getrennt sind, oder mit Nichtchristen zusam-
       menarbeiten, in  denen jedoch  vernünftiges Denken waltet und die
       Menschen von  natürlicher Wohlanständigkeit  sind. Ist  dies  der
       Fall, so  sollen die  Katholiken darauf achten, sich selber immer
       treu zu  bleiben und nicht zu jenen halben Verhaltungsregeln her-
       abzusteigen, durch welche die Reinheit der Religion oder der Sit-
       ten Schaden leidet. Ebenso gilt aber auch: Sie sollen die Meinung
       der anderen  Seite mit  echtem Wohlwollen, sachlich und selbstlos
       prüfen und  bereit sein,  mit vereinten  Kräften zu schaffen, was
       seiner Natur nach gut ist oder zum Guten gewendet werden kann.
       Man möge  ferner immer  unterscheiden zwischen  dem   I r r t u m
       und den   I r r e n d e n,   auch wenn es sich um solche handelt,
       die im  Irrtum oder in ungenügender Kenntnis über Dinge der reli-
       giös-sittlichen Werte  befangen sind.  Denn der  dem Irrtum  Ver-
       fallende hört  nicht auf,  Mensch zu sein, und verliert nie seine
       persönliche Würde, die doch immer geachtet werden muß. In der Na-
       tur des  Menschen geht  auch nie die Fähigkeit verloren, sich vom
       Irrtum frei  zu machen  und die  Wahrheit zu suchen. Hierin fehlt
       dem Menschen  auch nie  die Hilfe  der göttlichen Vorsehung. Wenn
       heute also  jemand der  Klararbeit des Glaubens ermangelt oder zu
       falschen Lehren  abgewichen ist, kann es sein, daß er später, von
       Gottes Licht  erleuchtet, die Wahrheit umfaßt. Wenn nämlich Gläu-
       bige profaner Belange wegen mit solchen in Verbindung stehen, die
       überhaupt nicht,  oder, weil im Irrtum, nicht richtig glauben, so
       können sie ihnen Anlaß oder Antrieb sein, für die Wahrheit gewon-
       nen zu werden.
       Von daher  gesehen ist  es ungerecht,  bestimmte Bewegungen,  die
       sich mit  wirtschaftlichen und  sozialen Verhältnissen,  mit  der
       geistigen Ausbildung  oder der  zweckmäßigen Ordnung  der Staaten
       befassen, einfach  zu identifizieren  mit bestimmten  philosophi-
       schen Lehrmeinungen  über das  Wesen, den Ursprung, über Ziel und
       Zweck der  Welt und  des Menschen,  auch wenn jene Bewegungen von
       solchen Auffassungen  her entstanden  geleitet sind.  Während der
       wissenschaftliche Begriff,  wenn er  einmal festgelegt ist, nicht
       mehr geändert werden kann, unterliegen doch diese Bewegungen not-
       wendig den Veränderungen der jeweiligen Situation. Wer könnte üb-
       rigens leugnen,  daß in  solchen Bewegungen,  soweit sie sich den
       Gesetzen einer  geordneten Vernunft  anpassen und  die  gerechten
       Forderungen der  menschlichen Person berücksichtigen, etwas Gutes
       und Anerkennenswertes sich findet?
       Daher kann  der Fall eintreten, daß Konferenzen über den Gebrauch
       bestimmter Dinge,  die bisher unter keiner Rücksicht sinnvoll wa-
       ren oder  erschienen, jetzt  wirklich fruchtbringend sind oder es
       morgen sein  können. Das Urteil jedoch, ob man jetzt schon soweit
       gekommen sei  oder nicht,  die Entscheidung,  mit welchen Mitteln
       man wahren  Nutzen im  sozialen und  wirtschaftlichen Bereich, in
       dem der  Lehrmeinungen oder auch der öffentlichen Verwaltung, er-
       reichen könne,  dieses Urteil  steht allein  der Klugheit zu, der
       Leiterin aller  menschlichen Eigenschaften,  von denen  das Leben
       des Einzelnen und der Gemeinschaft bestimmt wird...
       

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