Quelle: Blätter 1963 Heft 05 (Mai)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ZUM 20. JAHRESTAG DES AUFSTANDES IM WARSCHAUER GHETTO
       =====================================================
       
       Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Heinz Galinski,
       hielt am  18. April  in West-Berlin  eine Rede  aus Anlaß des 20.
       Jahrestages des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Wir veröffentli-
       chen im  folgenden den  Text dieser Rede mit wenigen, unwesentli-
       chen Kürzungen am Anfang und am Schluß. D. Red.
       
       ...Der 20.  Jahrestag des  Aufstandes im Warschauer Ghetto, meine
       verehrten Damen  und Herren,  sollte mehr  sein als nur ein jüdi-
       scher Trauertag.  Er sollte zu einem Symbol aller freien Menschen
       erhoben werden, die sich von Völker- und Rassenhaß gelöst und be-
       freit haben.  Dieser Gedenktag  sollte zum  Welt-Freiheitstag ge-
       macht werden, wo allen Freiheitskämpfern, allen, die gegen Unter-
       drückung aufgestanden  sind, der  Tribut der  Dankbarkeit gezollt
       wird.
       Der Aufstand im Warschauer Ghetto begann in den Morgenstunden des
       19. April  1943 und  fand nach 5 Wochen erbittertsten Ringen sein
       blutiges Ende.  Der Aufstand  im Warschauer  Ghetto begann in der
       Geschichte dieser grauenhaften Jahre, die zwar hinter uns liegen,
       jedoch heute noch wie ein Alpdruck auf unserer Seele lasten.
       In der polnischen Hauptstadt zählte die jüdische Gemeinde vor dem
       Eindringen der  Nationalsozialisten rund  500 000 Juden  und  war
       wohl neben  New York  die größte  jüdische Gemeinde.  Von  diesen
       blieben nur  ca. 60 000  Menschen übrig. Die anderen wurden durch
       die Methoden,  die wir  kennen, und  die vornehmlich in Auschwitz
       ihren Ausdruck  fanden, ermordet.  Diese 60 000 Menschen haben in
       dem klaren  Bewußtsein, daß sie nichts ausrichten konnten, trotz-
       dem den  Kampf aufgenommen.  Sie wollten  sich nicht  einfach zur
       Schlachtbank führen lassen. Sie standen auf im Ghetto zu Warschau
       und kämpften einen aussichtslosen Kampf.
       Sie starben  mit dem Gebet auf den Lippen "Höre Israel, der Ewige
       ist unser Gott". Sie wurden niedergemäht mit dem Maschinengewehr,
       sie erstickten im Gas, den Millionen der schon Vergasten nachfol-
       gend. Sie  starben einfach - Frauen, Mütter, Säuglinge und Greise
       -, die  Blüte einer  ganzen Generation.  Gehetzte, Verfolgte, Ge-
       knechtete lebten  im Ghetto,  getrennt durch  Sprache, Sitten und
       Gebräuche, Arme und Reiche auf ewig wiedervereint - im Leiden und
       im gemeinsamen  Sterben. Sie dokumentierten in ihrem Leben, ihrem
       Kampf und  ihrem Tod im Ghetto Warschaus das unabdingbare Eintre-
       ten für  das Menschenantlitz  vor einer  Welt, die  sich zu einem
       großen Teil  passiv verhielt. Damals ging es nicht um einen jüdi-
       schen Befreiungskampf  oder eine Aktion jüdischer Selbsterhaltung
       in der  letzten Phase der furchtbaren Vernichtung, die als Endlö-
       sung in die traurige jüngste deutsche Geschichte eingegangen ist.
       Damals ging es um ein allgemein menschliches Ringen für Wahrheit,
       Freiheit und  Recht. Die Toten von Warschau sind Vorkämpfer unse-
       rer gemeinsamen  Sache gewesen und für die Freiheit und Würde des
       Menschengeschlechtes gefallen.  Sie verteidigten  ihr Leben, aber
       Sie verteidigten,  indem sie  ihr Leben bis zum letzten opferten,
       mehr als  nur eine  kurze Spanne  ihres Lebens.  Sie verteidigten
       ihre Ehre,  sie verteidigten ihr Recht, sie verteidigten all das,
       was jedem  von uns  heilig ist  - das Recht eines jeden Menschen,
       frei zu sein und frei zu leben. Wäre dieses Beispiel von Warschau
       befolgt worden, so lebten wir heute nicht in einer Situation, die
       für alle beklagenswert ist.
       Der Kampf im Ghetto zu Warschau war keine militärische Aktion. Er
       war ein Fanal, ein aufrüttelnder Appell an das Weltgewissen, aber
       das Ghetto kämpfte allein, Tag um Tag und Woche um Woche, bis der
       letzte Mann  gefallen war.  Der SS- und Polizeiführer im Distrikt
       Warschau, Stroop,  sandte dem  "Führer" am 16. Mai 1943 ein Fern-
       schreiben, das folgenden Inhalt hatte:
       "Es wurden  180 Juden, Banditen und Untermenschen vernichtet. Das
       ehemalige jüdische  Wohnviertel Warschaus besteht nicht mehr. Mit
       der Sprengung  des Warschauer  Ghettos wurde  die  Großaktion  um
       20.15 Uhr  beendet. Die  Gesamtzahl der erfaßten und nachweislich
       vernichteten Juden beträgt insgesamt 56 065, keine eigenen Verlu-
       ste. Schlußbericht lege ich am 18. Mai 1943 bei der SS- und Poli-
       zeiführer-Tagung vor."
       Zygelbaum, einer  der Führer  der  jüdischen  Untergrundbewegung,
       ging am  11. Mai  1943 in den Tod, als ihn die Nachricht vom Auf-
       stand im  Warschauer Ghetto  erreichte. In  seinem Abschiedsbrief
       heißt es u.a.:
       "Hinter den  Ghettomauern spielt sich nun der letzte Akt der Tra-
       gödie ab,  der nicht  seinesgleichen in  der Geschichte  hat. Ich
       kann nicht  schweigen, ich  kann nicht  leben, wenn die Reste der
       jüdischen Bevölkerung  Polens, deren Vertreter ich bin, zugrunde-
       gehen. Meine  Freunde im  Warschauer Ghetto sterben mit der Waffe
       in der  Hand, in  dieser letzten  heroischen Schlacht. Es war mir
       nicht bestimmt, mit ihnen zusammen zu sterben, aber ich gehöre zu
       ihnen und in ihre Massengräber. Durch meinen Tod wünsche ich mei-
       nen letzten  Protest gegen  die Untätigkeit  zu bekunden, mit der
       die Welt  zuschaut und  die Ausrottung der jüdischen Menschen zu-
       läßt. Ich weiß, wie wenig ein Menschenleben wert ist, aber da ich
       unfähig war,  während meines Lebens etwas zu tun, werde ich viel-
       leicht durch  meinen Tod dazu beitragen, die Gleichgültigkeit je-
       ner zu  bezwingen, die nun im letzten Augenblick die wenigen noch
       lebenden Juden retten könnten."
       Der junge Kommandeur der Kämpfer in den Bunkern der jüdischen Un-
       tergrundbewegung in  Warschau, Mordechai  Anilewicz, fiel während
       des Aufstandes  zusammen mit  seinen anderen  Kommandeuren. Keine
       Spur seines Körpers blieb zurück, aber er lebt in Israel unsterb-
       lich durch  das schlichte Denkmal, das im Kibbuz Yad Mordechai am
       Eingang des  Negew errichtet wurde. In stiller Ehrerbietung stand
       ich vor  14 Tagen, anläßlich meines Besuches in Israel, davor und
       sah auf das Gesicht dieses jungen Mannes, das aus Stein gemeißelt
       wurde und  so auf  uns herunterschaut,  als ob  es noch  lebendig
       wäre. Er  hat es  nicht mehr  erlebt, die  Verwirklichung  seines
       Traumes zu  sehen -  die Wiedererstehung des jüdischen Staates -,
       aber einige  wenige der  Überlebenden des Warschauer Ghettos, sie
       leben nun  in Israel  und können  mit Genugtuung feststellen, daß
       der Traum,  den sie im Warschauer Ghetto geträumt haben, sich nun
       doch erfüllt  hat. War  es der  Wille des  Schicksals, daß  nur 5
       Jahre nach dem Warschauer Ghetto-Aufstand im Jahre 1943 der Staat
       Israel im Jahre 1948 Wirklichkeit wurde?
       Wenn wir  heute 20 Jahre zurückschauen und unsere Umwelt zusammen
       mit uns  an jenes  Geschehen erinnern, so tun wir es zusammen mit
       unseren Freunden  - als Juden zusammen mit unseren nichtjüdischen
       Freunden -  aus der  gemeinsamen Pflicht auf dem gemeinsamen Wege
       in eine bessere Zukunft.
       In dieser  Stunde gemeinsamen  Gedenkens müssen wir uns die Frage
       vorlegen, ob  die Menschheit  aus diesem tragischen Geschehen ge-
       lernt hat.  Wir, die Überlebenden, haben in dieser Stunde Zeugnis
       abzulegen, ob  wir unsere  Pflicht erfüllt haben. Wir sind uns in
       dieser Stunde  bewußt und  denken daran,  daß unser individuelles
       Überleben Zufall war - Zufall oder Fügung.
       Wir alle  wollen daraus lernen, wie Unmenschlichkeit entsteht und
       sich auswirkt, damit sich in keinem Teile der Welt mehr Ähnliches
       wiederholen kann. Deswegen fühlen wir uns verpflichtet, in dieser
       Stunde der  Besinnung als  verantwortliche Staatsbürger in diesem
       Lande Worte  der Mahnung  an unsere  Umwelt zu richten. Es ist in
       den letzten  Monaten, in  den letzten Wochen und Tagen zuviel ge-
       schehen, um  einige unliebsame  Vorkommnisse zu verschweigen. Wir
       stehen unter  dem Eindruck  schwerer Rückschläge  - und seien wir
       ehrlich, diese  Rückschläge kamen  für keinen von uns unerwartet,
       denn die Abkehr vom Unrechtsstaat des Dritten Reiches hätte unbe-
       dingter und entschiedener sowohl in sachlicher als auch in perso-
       neller Beziehung sein müssen.
       E s   h a t,   u n d   d a r a u f   h a b e n  w i r  s o  o f t
       h i n g e w i e s e n,   k e i n e n  k o m p r o m i ß l o s e n
       B r u c h   m i t   d e r   V e r g a n g e n h e i t    g e g e-
       b e n.   Man schleppt sie hinter sich her, manchmal nur entschul-
       digend für  mildernde Umstände  plädierend, manchmal sogar recht-
       fertigend, immer  aber als  ein Stück  nationaler Geschichte. Der
       Hinweis des  Bundesinnenministeriums, wie unbedeutend der Einfluß
       rechtsradikaler Kräfte sei, kann von uns nicht akzeptiert werden.
       Es hat  sich bei  den letzten Vorkommnissen nicht mehr um Einzel-
       fälle, sondern  um Symptome  gehandelt. Die  Spalten der  rechts-
       radikalen Zeitungen  sind voll mit Verfälschungen des Geschichts-
       bildes. Ist  es nicht  empörend, daß  ein Mann  wie   D ö n i t z
       dazu ausersehen  wurde, der  heranwachsenden Generation  über die
       jüngste Vergangenheit  von seiner  Warte aus  ein  Bild  zu  ver-
       mitteln? Denken wir an die Vorgänge in Würzburg. Was aber unseren
       größten Protest  hervorruft,  ist,  daß  es  dem  ehemaligen  SS-
       Hauptsturmführer    R a j a k o v i c,    einem  Mitarbeiter  von
       E i c h m a n n,   möglich war, in die Bundesrepublik ungehindert
       einzureisen, obwohl  man über seine Verbrechen genauestens infor-
       miert war.  Erst nachher wurde er zum unerwünschten Ausländer er-
       klärt. In  der Bundesrepublik  blieb er  unauffindbar. Liegt hier
       ein Zufall  oder eine  Absicht vor?  Erst kürzlich  wurde  er  in
       Österreich verhaftet,  nachdem er  sich selbst  den Behörden  ge-
       stellt hatte.  Im bayrischen  Staatsdienst war bis vor kurzem der
       Oberregierungsrat Dr.   H a r s t e r   tätig, der für die Erfas-
       sung der Juden in der berüchtigten Sicherheitspolizei in den Nie-
       derlanden verantwortlich  war. Dieser  Oberregierungsrat hat kei-
       neswegs seine  Vergangenheit verschwiegen,  und trotzdem wurde er
       wieder in  den Staatsdienst  aufgenommen. Vor einigen Tagen wurde
       er wegen  seines angegriffenen  Gesundheitszustandes in den Ruhe-
       stand versetzt.  Ähnlich verhält  es sich mit dem im Bundeskrimi-
       nalamt tätigen Kriminalrat  S a e v e c k e.  Und diese gefährli-
       chen Tendenzen  können nicht  auf dem  Wege  der  Beschwichtigung
       durch nichtssagende Erklärungen ausgeräumt werden. Wir haben kei-
       neswegs die Absicht, politische Entwicklungen solcher Art zu dra-
       matisieren. Wer  immer auch  für diese Vorkommnisse - für die Be-
       setzung dieser Positionen - verantwortlich zeichnet, muß zur Ver-
       antwortung gezogen  werden, denn er hat dem Ansehen der Bundesre-
       publik den  größten Schaden zugefügt. Wie oft haben wir verlangt,
       daß belastete Personen von der Mitarbeit ausgeschaltet werden.
       Das Argument  des höheren  Staatsinteresses hat für uns keinerlei
       Bedeutung, weil wir wissen, daß es Tausende aufrechter Demokraten
       gibt, die  ohne weiteres  diese Positionen  einnehmen können. Das
       Fingerspitzengefühl muß  immer den Vorrang vor Zweckmäßigkeitser-
       wägungen haben,  die auch mit der Entschuldigung vom unentbehrli-
       chen Fachmann  nicht stichhaltig  sein können.  Gewiß ist es wün-
       schenswert, ein  Sachgebiet mit  einem Fachmann zu besetzen, aber
       auch der  Nutzen des  besten Fachmannes  kann den  Schaden  nicht
       wettmachen, den  verständliches Mißtrauen  in  die  Untadeligkeit
       dieses Fachmannes  anrichten  muß.  An  einem  solchen  Tage  der
       schmerzlichen Erinnerung  sind wir der Meinung, daß die Besetzung
       der Positionen der Demokratie und des öffentlichen Lebens mit po-
       litisch -  in diesem Sinne - einwandfreien Menschen eine unerläß-
       liche Forderung  ist, wenn man wirklich eine Demokratie will. Die
       Demokratie muß  frei sein von den Schlacken der Vergangenheit. Es
       wäre doch ein schreckliches Armutszeugnis für den neuen deutschen
       Staat, wenn man keine solchen Kräfte in ausreichendem Maße finden
       würde und  deswegen auf  die alten,  sogenannten bewährten Kräfte
       zurückgreifen muß.  Nicht der Wohlstand und die Konjunktur, nicht
       einmal die  technischen Fortschritte und alle Zeichen der Zivili-
       sation sind maßgeblich für die Sicherung der Prinzipien der Demo-
       kratie, sondern  die moralische  Basis einer politischen Haltung,
       die ein  Volk einnimmt.  Wir sind  enttäuscht  darüber,  daß  wir
       mitansehen müssen, wie diejenigen deutschen Kräfte, die mutig und
       offen -  aus der kollektiven Scham - die Menschen zur Umkehr mah-
       nen, in die Einsamkeit gedrängt werden, ja Mißliebigkeiten ausge-
       setzt werden. In der heutigen weltpolitischen Situation erscheint
       es mir  als doppelt  notwendig, daß die Frage der Bewältigung der
       Vergangenheit in  einer sauberen  und klaren Atmosphäre der deut-
       schen Innenpolitik  beantwortet wird.  Es genügt  aber nicht, daß
       wir uns  heute hier  in Trauer  zusammengefunden haben. Wir haben
       keine Gräber, an denen wir unseren Menschen Zeichen des Gedenkens
       niederlegen können.  Wir stehen  vor einem  riesigen,  namenlosen
       Grab, in  dem die  Millionen unserer  Menschen irgendwo in Europa
       ruhen. Deswegen ist unser heutiges Gedenken zugleich ein Gedenken
       an dieses namenlose Grab, in dem unsere Menschen ihre letzte Ruhe
       gefunden haben.
       Und wenn wir unserer Menschen gedenken, gedenken wir zugleich all
       derer, die ihren Tod im aufrechten und mutigen Widerstand des Ge-
       wissens und der Überzeugungen gegen die grausame Tyrannei fanden,
       ganz gleich welcher Religion, Weltanschauung, Rasse oder Überzeu-
       gung sie  waren. Erfahrung  kennt keine Grenzen, und ein Volk ist
       keine Insel für sich selbst. Die historische Erfahrung eines Vol-
       kes birgt Lehren für die ganze Menschheit. Dieses tragische Kapi-
       tel muß  als ständige  Warnung für alle Menschen dienen. Die Ver-
       gangenheit sollte  die Menschheit über die Gefahren eines schran-
       kenlosen Nationalismus und wilder Rassentheorien belehrt haben.
       Die Forderung  dieser Stunde  kann nur die sein, der Leidenschaft
       und der  entsetzlichen Gefahr des Rassismus abzuschwören, Glauben
       zu haben  an die endliche Freiheit, indem man dafür arbeitet, daß
       die Freiheit in keinem Winkel der Welt um das Mindeste vermindert
       wird; auf Grund eines moralischen Nationalismus an dem Glauben an
       die eine  Menschheit festzuhalten  und an  die Zusammenarbeit und
       das Zusammenleben der Völker. Am Ende des Schreckens der unglück-
       seligen Vergangenheit steht die Verpflichtung, gemeinsam an einer
       besseren Zukunft  zu arbeiten.  Mögen die Menschen aus der Erfah-
       rung lernen  und einen feierlichen Schwur leisten, niemals wieder
       eine Wiederholung solcher Vorkommnisse zu gestatten.
       ...
       

       zurück