Quelle: Blätter 1963 Heft 06 (Juni)


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       Buchbesprechungen
       
       DER MENSCH AN DER WENDE
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       Ernst Hass:  "Die Chance",  253 S. brosch. 14,80 DM, Leinen 19,80
       DM, Günter Olzog-Verlag, München und Wien.
       Ernst Schwarz:  "Am Wendepunkt",  285 S.,  Leinen 19,20 DM, Ernst
       Klett-Verlag, Stuttgart.
       ...
       ...
       "Kant hat  seinerzeit die These, die Philosophie sei nur die Magd
       der Theologie,  beantwortet mit der Erklärung, sie sei gewiß ihre
       Magd, aber  sie trage ihr die Laterne voran. Soweit es um die er-
       kennbaren und  formbaren Dinge unseres Lebens geht, wird die Phi-
       losophie heute ihrerseits dem Licht folgen müssen, das die moder-
       nen Naturwissenschaften entzündet haben."
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       ...
       "Aktiv: die schöpferische Tat der Befriedung, und passiv: die Re-
       flexion über  die eigene  Mitschuld, also darüber, was wir selbst
       in dem  Konflikt unterlassen  und wissentlich  oder unwissentlich
       dazu beigetragen  haben. Kant  sagt: Der Friede muß  g e s t i f-
       t e t   werden. Das  heißt: es  bedarf einer  aus höherer Verant-
       wortung -  gegenüber der  gesamten Menschheit  nämlich, nicht nur
       gegenüber dem  eigenen Volk  - erwachsenden  moralischen Anstren-
       gung, um  gegen die  Trägheit der Herzen und der Verhältnisse die
       festgefahrene Sache wieder in Ganz zu bringen."
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       "Was die  heutigen Machthaber  utopisch nennen,  ist faktisch die
       Voraussetzung für den Fortbestand der Menschheit."
       ...
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       "Jede neue  Waffe wird  zur nationalen Verteidigung erzeugt, aber
       alle Sachverständigen  sind sich einig, daß die modernen, massen-
       vernichtenden, im  Moment verfügbaren  Waffen jede nationale Ver-
       teidigung unmöglich  gemacht haben.  - Für alle Nationen wäre die
       Abrüstung das sicherste und das am besten durchführbare Verteidi-
       gungssystem."
       ...
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       "Erstaunlich wenig  wirtschaftliche  oder  gar  kulturelle  Güter
       treffen auf den Kopf der Erdbevölkerung; dafür aber - umgerechnet
       - rund 1600 Zentner herkömmlichen Sprengstoffes!" (Hass S. 20).
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       ...
       "Ich erinnere  in diesem  Zusammenhang an den russischen Dawydow-
       Plan, dessen  Ziel es ist, von einem sibirischen Meer aus ein Ge-
       biet zu bewässern, in dem mehr Getreide wachsen könnte als in den
       USA, in  Ägypten, in  Japan und  in Australien zusammen. Auch für
       die zentralafrikanische  Tschadsenke besteht  ein ähnliches  Pro-
       jekt. Alle  diese alten  Vorschläge hören sich gut an. Je schöner
       sie klingen,  desto unrealistischer  sind sie aber. Denn in Wirk-
       lichkeit werden  statt Traktoren  bevorzugt  Panzer  hergestellt;
       U-Boote  statt  moderner  Fischereifahrzeuge;  Kampfstoffe  statt
       Kunstdünger.  Verderbenspeiende  Weltraumstationen  interessieren
       mehr als die Photosynthese..."
       ...
       ...
       "Nach einer  Aufstellung des  englischen Statistikers E.C. Rhodes
       lebten bei  Fortbestand der  derzeitigen Zuwachsrate von 1,5 Pro-
       zent im  Jahr 2500  bereits 8,5 Billionen Menschen, das sind rund
       60 000 auf  den Quadratkilometer  Festland. Im Jahr 5000 käme bei
       einer Weltbevölkerungszahl  von 123 700  Trillionen gar eine Mil-
       lion Menschen auf jeden Quadratkilometer der gesamten Erdoberflä-
       che. Es  läßt sich also nicht etwa die Frage stellen, ob sich die
       derzeitigen Zuwachsraten  vermindern werden  oder nicht. Zur Dis-
       kussion steht nur, auf welche Art und Weise dies geschehen soll."
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       ...
       "Mit dem Ausbau und der rigorosen Anwendung massenpsychologischer
       Methoden hat  eben auch  der demokratische  Wähler seine geistige
       Selbständigkeit verloren. Er ist zu einem Automaten geworden, der
       bei richtiger  Bedienung nicht anders kann, als 'richtig' reagie-
       ren. Freiheit  gegenüber Belanglosigkeiten hat nur den Zweck, die
       Masse darüber  hinwegzutäuschen, daß  in wesentlichen Dingen ihre
       Meinung nicht gehört, sondern manipuliert wird."
       ...
       ...
       "Demokratische Einrichtungen lassen sich nur dann zum Funktionie-
       ren bringen,  wenn alle, die es angeht, ihr Möglichstes tun, Wis-
       sen zu  verbreiten und Vernunft zu ermutigen. Heutzutage aber be-
       vorzugen es die Politiker und ihre Propagandisten in den Demokra-
       tien, und  zwar vor  allem in den mächtigsten, demokratische Ver-
       fahren in Unsinn zu verkehren, indem sie sich fast ausschließlich
       an die Unwissenheit und Unvernunft ihrer Wähler wenden."
       ...
       ...
       "daß sie  einen wirklichkeitsgetreuen  Querschnitt durch Volk und
       Wirtschaft gibt,  daß sie einen Rahmen bietet, der alle organisch
       zusammenfaßt und  in dieser konkreten Veranschaulichung überhaupt
       erst ein  politisches Bewußtsein  der Stände  in ihrem Verhältnis
       zueinander, ihrer  Grenzen und  ihrer Funktionen  ermöglicht; sie
       ist Ausdruck und bis zu einem gewissen Grade auch Integration des
       Pluralismus in der Gesellschaft;
       daß sie  den wechselnden Machtverhältnissen des Parlaments gegen-
       über  eine  stabile  Ordnung  darstellt.  Sie  repräsentiert  die
       (relative) Statik der Gesellschaft, das Parlament ihre Dynamik;
       daß sie den "vorparlamentarischen Raum", der bisher im Halbdunkel
       lag, zu  einem Teil  der politischen Öffentlichkeit macht und daß
       damit zugleich  der unkontrollierbare Einfluß der pressure groups
       beseitigt wird,  die zu  verantwortlichen Figuren auf der politi-
       schen Bühne  werden. Nur mit einer berufsständischen zweiten Kam-
       mer ist  das Problem des Rivalisierens von Parteien und Verbänden
       zu lösen (...);
       daß Fachleute  aller Gebiete  am politischen Leben aktiv teilneh-
       men. Die  Abgeordneten können die Universalgenies nicht sein, die
       sie unter den heutigen Verhältnissen sein müßten."
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       "Außerdem weiß man nur zu genau Bescheid über Haftpsychosen, über
       die Höhenkrankheit  und über  halluzinatorische Zustände, wie sie
       durch die  Einsamkeit und  den Lichtmangel  etwa einer Polarnacht
       ausgelöst werden  können. Die  Nordländer, die  uns als Jäger und
       Fischer speziell  über die letztgenannten geistigen Störungen be-
       richtet haben,  mußten aber noch keinen Radarschirm bedienen. Sie
       haben den  Bären, der  auf sie  zukam, schließlich  doch noch als
       solchen erkannt. Heute lauern U-Boot-Kommandeure wochenlang unter
       dem Polareis auf die Sekunden ihres Lebens, und die Munition, die
       ein einziger  von ihnen verschießen kann, hat die gleiche Spreng-
       kraft wie alle Bomben und Granaten des Zweiten Weltkrieges zusam-
       mengenommen."
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       ...
       "daß die  Verantwortlichen selbst ganz genau wissen, was sie tun.
       So hat  der französische  Hochkommissar für  Atomenergie, Perrin,
       schon vor  de Gaulles erster Atomexplosion in der Sahara erklärt,
       dieser Test  würde auf der ganzen Welt pro Jahr höchstens tausend
       Menschen, also  nur etwa  15 Franzosen, das Leben kosten. Ist das
       nicht vorsätzlicher  Mord? Es  wäre gut,  jeder unserer Politiker
       hätte wenigstens schon einen einzigen Leukämiekranken auf die be-
       kannt qualvolle, wirklich elendste Weise verenden sehen. Auch ein
       zwangsweiser Aufenthalt  in einem Heim für mißgebildete und idio-
       tische Kinder gehörte m.E. zum Ausbildungsprogramm eines modernen
       Politikers. Wer  immer wieder  die menschliche Tragödie unheilbar
       Kranker aus  nächster Nähe  miterleben muß,  wer neben  dem unbe-
       greiflichen Lebenswunder  blühender,  strahlend  gesunder  Kinder
       grauenhafte, gequälte  Mißgeburten sieht,  die nicht  nur  selbst
       einen erschütternden,  bemitleidenswerten Anblick bieten, sondern
       darüber hinaus  das Leben  einer ganzen Familie ruinieren können,
       der denkt  nämlich etwas  anderes als Monsieur Perrin - und seine
       östlichen und  westlichen Kollegen! - über "nur tausend" von Men-
       schen planmäßig  verschuldete Fälle  dieser Art. Woher nehmen un-
       sere Staatsmänner  eigentlich die  Berechtigung, neuerdings  auch
       schon im  Frieden ihren  fragwürdigen ideologischen Vorstellungen
       zuliebe über eine nicht abzuschätzende Zahl von lebenden und noch
       ungeborenen Menschen  entsetzliches Siechtum  und frühen  Tod  zu
       bringen? Gibt  es irgendeine  Autorität, die sie dazu ermächtigen
       könnte? Gibt es irgendein Ziel, das wichtig genug wäre, derartige
       Kapitalverbrechen gegen die Menschlichkeit zu rechtfertigen?"
       ...
       ...
       "Wozu ein  Streit um Meinungen, wenn Tatsachen die Fragen eindeu-
       tig klären können?"
       ...
       ...
       Wolfgang Baranowsky
       ...
       

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