Quelle: Blätter 1963 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       EMBARGO FÜR ÄRZTE?
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       Unter dem  Titel  "Embargo  für  Ärzte"  ist  in  Nr.  19/63  der
       "Ärztlichen Mitteilungen  / Deutsches  Ärzteblatt"  der  folgende
       Kommentar erschienen:
       
       Unter Berufung  auf eine Mitteilung des Auswärtigen Amtes hat das
       Bundesgesundheitsministerium die  Bundesärztekammer gebeten,  bei
       Anfragen von  Ärzten, ob  gegen die offizielle oder private Teil-
       nahme an wissenschaftlichen Kongressen in der Sowjetzone Deutsch-
       lands Bedenken  bestünden, in  "geeigneter Form" darauf hinzuwei-
       sen, daß  aus "politischen Gründen von einer Teilnahme abzuraten"
       sei.
       Als Begründung  des Auswärtigen Amtes wird vom Bundesgesundheits-
       ministerium angegeben,  daß die  NATO-Partner  Deutschlands  seit
       längerer Zeit  eine offizielle Teilnahme von Wissenschaftlern ih-
       rer Länder an Kongressen in der Sowjetzone oder in Ostberlin ver-
       boten haben und auch von einer privaten Teilnahme abraten.
       Soweit es  sich um die offizielle Teilnahme an solchen Kongressen
       handelt, gehen  wir absolut  einig mit  unseren NATO-Verbündeten.
       Anders sehen  die Dinge  jedoch aus,  wenn es sich um die private
       Anwesenheit von westdeutschen Ärzten in der Zone handelt, gleich-
       gültig ob es sich um einen wünschenswerten wissenschaftlichen Ge-
       danken- und  Erfahrungsaustausch handelt  oder um das persönliche
       Gespräch mit Kollegen. Unvorstellbar, daß die Regierung eines an-
       deren freien  Landes ihren Wissenschaftlern von solchen Kontakten
       "abrät".
       Die Bundesärztekammer  hat darum  auch dem Bundesgesundheitsmini-
       sterium mitgeteilt,  daß diese  Empfehlung insoweit  nicht  ihrer
       bisherigen Handhabung  entspricht; sie  beabsichtige auch  nicht,
       ihre Auffassung zu ändern.
       Das Bundesgesundheitsministerium  betont in seinem Schreiben, daß
       es bisher bei Anfragen einzelner Wissenschaftler seine Zustimmung
       gegeben habe und es im übrigen keine Möglichkeit sehe, den priva-
       ten Besuch  bei Kongressen  in der  Sowjetzone zu verhindern. Den
       zuständigen Herren  im Gesundheitsministerium kann bei ihrer Auf-
       forderung an  die Bundesärztekammer  doch selbst nicht recht wohl
       gewesen sein.  Soll nun etwa die Bundesärztekammer als Büttel be-
       stellt werden?
       Die Wissenschaft kennt keine Grenzen! Um nur ein Beispiel zu nen-
       nen: Dem Ostberliner Krebsforschungs-Institut (Robert-Rössle-Kli-
       nik), das  internationalen Ruf  genießt, läßt  sich bisher in der
       Bundesrepublik nichts  Gleichwertiges gegenüberstellen.  Bis Hei-
       delberg soweit  ist, wird noch sehr viel Wasser den Neckar herun-
       terfließen. Im übrigen sollte man nicht übersehen, daß ein Gedan-
       kenaustausch mit den Kollegen in Ostdeutschland auch für den Arzt
       in Westdeutschland  - und unter Umständen auch für seinen Patien-
       ten - überaus gewinnbringend sein kann. Wenn man beginnt, die me-
       dizinische Wissenschaft  nach politischen Gesichtspunkten zu tei-
       len, wird der Leidtragende letztlich der kranke Mensch sein - der
       kranke Mensch in Ost  u n d  West.
       Gegen Reisen  zu Kongressen in Warschau, Prag, Budapest oder Mos-
       kau hat  bisher allerdings noch niemand etwas einzuwenden gehabt.
       Das Gespräch  mit unseren Landsleuten hinter dem Eisernen Vorhang
       dagegen will man abwürgen? Ist der Bundesregierung vielleicht der
       Bericht des Bonner Korrespondenten der "Times" entgangen, der als
       entscheidenden Eindruck den sehnlichen Wunsch der Deutschen unter
       Ulbrichts Regime  nach Herstellung  möglichst vieler menschlicher
       Kontakte zu den Deutschen im Westen schildert?
       Der Arzt  ist als  Praktiker und  Wissenschaftler der Menschlich-
       keit, dem  Kontakt von  Mensch zu  Mensch, der Hilfe für den Men-
       schen verpflichtet  wie kaum  ein anderer.  Selbst  die  Sportler
       dürften da  erst an zweiter Stelle rangieren, denen ihre durchaus
       offiziellen Kontakte  mit der  Sowjetzone man  nicht zu verbieten
       wagt. Also ein "Embargo" für Ärzte?
       

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