Quelle: Blätter 1963 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       PRÄSIDENT KENNEDYS FRIEDENS-REDE
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       Wir veröffentlichen nachstehend den Wortlaut der Rede, die Präsi-
       dent Kennedy am 10. Juni 1963 bei den Promotionsfeiern der Ameri-
       can University in Washington gehalten hat. D. Red.
       
       Es gibt  wenige irdische Dinge, die schöner sind als eine Univer-
       sität, schrieb  John Masefield in seiner Würdigung der englischen
       Universitäten - und seine Worte haben hier in gleicher Weise Gül-
       tigkeit. Er  bezog sich  damit nicht  auf die  Türme und Spitzen,
       nicht auf  die Grünanlagen  des Universitätsgeländes  und auf die
       efeubewachsenen Wände. Er bewunderte die großartige Schönheit der
       Universität, weil  sie, wie  er sagte, ein Platz ist, wo diejeni-
       gen, die  die Unwissenheit hassen, nach Wissen streben können, wo
       diejenigen, die  die Wahrheit  sehen, danach streben können, auch
       andere sehend zu machen.
       Ich habe  daher diesen  Zeitpunkt und  diesen Ort gewählt, um ein
       Thema zu  erörtern, über das zu oft Unwissenheit herrscht und bei
       dem die  Wahrheit zu  selten gesehen wird - und doch ist es eines
       der wichtigsten Themen auf Erden: der Weltfrieden.
       Welche Art  Frieden meine  ich? Nach  welcher Art Frieden streben
       wir? Nicht  nach einer Pax Americana, die der Welt durch amerika-
       nische Kriegswaffen aufgezwungen wird. Nicht nach dem Frieden des
       Grabes oder  der Sicherheit des Sklaven. Ich spreche hier von dem
       echten Frieden  - jenem  Frieden, der das Leben auf Erden lebens-
       wert macht, jenem Frieden, der Menschen und Nationen befähigt, zu
       wachsen und zu hoffen und ein besseres Leben für ihre Kinder auf-
       zubauen, nicht  nur ein Friede für Amerikaner, sondern ein Friede
       für alle  Menschen. Nicht nur Frieden in unserer Generation, son-
       dern Frieden für alle Zeiten.
       Ich spreche  vom Frieden, weil der Krieg ein neues Gesicht trägt.
       Ein totaler  Krieg ist  sinnlos in  einem Zeitalter, in dem Groß-
       mächte umfassende  und verhältnismäßig  unverwundbare Atomstreit-
       kräfte unterhalten können und sich weigern, zu kapitulieren, ohne
       vorher auf diese Streitkräfte zurückgegriffen zu haben.
       Er ist  sinnlos in einem Zeitalter, in dem eine einzige Atomwaffe
       fast das  Zehnfache an Sprengkraft aller Bomben aufweist, die von
       den gesamten  alliierten Luftstreitkräften  während  des  Zweiten
       Weltkrieges abgeworfen  wurden. Und er ist sinnlos in einem Zeit-
       alter, in  dem die  bei einem  Atomkrieg freigesetzten  tödlichen
       Giftstoffe von  Wind und  Wasser und  Boden und Saaten bis in die
       entferntesten Winkel  des Erdballs  getragen und  sich selbst auf
       die noch ungeborenen Generationen auswirken würden.
       Es ist  heute, wenn  der Friede gewahrt werden soll, unerläßlich,
       jedes Jahr  Milliarden von Dollar für Waffen auszuwerfen, die le-
       diglich zu  dem Zweck geschaffen werden, sicherzustellen, daß wir
       sie niemals  einzusetzen brauchen. Aber zweifellos ist die Anlage
       solcher unnützen  Arsenale, die  nur der  Vernichtung und niemals
       dem Ausbau  dienen können, nicht der einzige, geschweige denn der
       wirksamste Weg zur Gewährleistung des Friedens.
       Ich spreche  daher vom  Frieden als dem zwangsläufig vernünftigen
       Ziel vernünftiger  Menschen. Ich  bin mir bewußt, daß das Streben
       nach Frieden  nicht so dramatisch ist wie das Kriegsstreben - und
       oft treffen  die Worte  desjenigen, der  nach Frieden strebt, auf
       taube Ohren. Und doch gibt es keine dringlichere Aufgabe für uns.
       
       Nicht zum Untergang verurteilt
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       Manche sagen,  es sei  zwecklos, von Weltfrieden, internationalem
       Recht oder  internationaler Abrüstung  zu sprechen, und daß alles
       nutzlos ist,  solange die  Führer der  Sowjetunion  keine  aufge-
       schlossenere Haltung  einnehmen. Ich  hoffe, sie werden dies tun.
       Ich glaube,  wir können ihnen dabei helfen. Aber ich glaube auch,
       daß wir unsere eigene Haltung überprüfen müssen, als Einzelperson
       und als  Nation, denn  unsere Einstellung ist genauso wichtig wie
       die ihre.
       Und jeder  Absolvent dieser  Universität, jeder  denkende Bürger,
       der den  Krieg verabscheut  und mithelfen will, Frieden zu schaf-
       fen, sollte  damit beginnen,  in sich  zu gehen  und seine eigene
       Einstellung zu  den Möglichkeiten  des Friedens, zur Sowjetunion,
       zum Verlauf  des Kalten  Krieges, zur  Freiheit sowie zum Frieden
       hier im eigenen Lande zu überprüfen.
       Lassen Sie  uns zunächst  unsere Haltung  gegenüber  dem  Frieden
       selbst überprüfen.  Zu viele von uns halten ihn für unmöglich. Zu
       viele von uns halten ihn für nicht zu verwirklichen. Aber das ist
       ein gefährlicher,  defätistischer Glaube. Er führt zu der Schluß-
       folgerung, daß  der Krieg  unvermeidlich ist,  daß die Menschheit
       zum Untergang verurteilt ist, daß wir uns in der Gewalt von Kräf-
       ten befinden, die wir nicht kontrollieren können.
       Wir brauchen  diese Ansicht nicht zu akzeptieren. Unsere Probleme
       sind von  Menschen geschaffen,  deshalb können  sie auch von Men-
       schen gelöst werden. Und die Größe, die der menschliche Geist er-
       reichen kann,  bestimmt der Mensch selbst. Kein Schicksalsproblem
       der Menschheit  liegt außerhalb  der Reichweite des Menschen. Die
       menschliche Vernunft  und der menschliche Geist haben oftmals das
       scheinbar Unlösbare  gelöst. Und wir glauben, daß sie dies erneut
       tun können.
       Ich spreche  jetzt nicht  von der  absoluten, nicht mehr faßbaren
       Idee des Weltfriedens und des guten Willens, von der einige Phan-
       tasten und  Fanatiker immer  noch träumen.  Ich leugne  nicht den
       Wert von Hoffnungen und Träumen, aber wir würden lediglich Entmu-
       tigung und  Ungläubigkeit Tür und Tor öffnen, wenn wir das zu un-
       serem einzigen und unmittelbaren Ziel machen würden.
       Wir sollten uns stattdessen auf einen praktischeren, erreichbaren
       Frieden konzentrieren, der nicht auf einer plötzlichen Revolution
       der menschlichen  Natur, sondern auf einer allmählichen Evolution
       der menschlichen  Konstitution basiert - auf einer Reihe von kon-
       kreten Maßnahmen  und wirksamen  Übereinkünften, die im Interesse
       aller Betroffenen liegen.
       Für diesen  Frieden gibt  es keinen  einfachen  Schlüssel,  keine
       großartige oder  magische Formel,  die sich eine oder zwei Mächte
       aneignen könnten.  Der echte Friede muß das Produkt vieler Natio-
       nen sein,  die Summe  vieler Maßnahmen.  Er muß  dynamisch, nicht
       statisch sein, er muß flexibel sein, um den großen Aufgaben einer
       jeden Generation  zu entsprechen. Denn der Friede ist ein Prozeß,
       er ist ein Weg, Probleme zu lösen.
       
       Falsche Behauptungen
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       Bei einem  solchen Frieden wird es Streitigkeiten und entgegenge-
       setzte Interessen  geben, wie dies innerhalb von Familien und Na-
       tionen der Fall ist. Der Weltfriede, wie auch der Friede in Stadt
       und Land,  erfordert nicht,  daß jeder  seinen Nachbarn liebt. Er
       erfordert lediglich,  daß man in gegenseitiger Toleranz miteinan-
       der lebt,  seine Streitfälle  einer gerechten und friedlichen Lö-
       sung unterwirft.
       Und die Geschichte lehrt uns, daß Feindschaften zwischen Nationen
       wie zwischen einzelnen nicht ewig dauern. Wie fest unsere Neigun-
       gen und  Abneigungen auch  immer erscheinen  mögen, der  Gang der
       Zeit und  der Ereignisse  wird oft überraschende Verlagerungen in
       den Beziehungen zwischen Nationen und Nachbarn bringen.
       So wollen  wir unermüdlich  weiterarbeiten.  Der  Friede  braucht
       nicht unerreichbar zu sein und der Krieg nicht unvermeidlich. In-
       dem wir unser Ziel klarer definieren, indem wir es greifbarer und
       weniger fern  erscheinen lassen,  können wir  dazu beitragen, daß
       alle Völker  es erkennen, Hoffnung daraus schöpfen und sich unbe-
       irrt darauf zubewegen.
       Lassen Sie  uns zweitens unsere Haltung gegenüber der Sowjetunion
       überprüfen. Es  ist entmutigend,  zu denken, daß die sowjetischen
       Führer wirklich glauben könnten, was ihre Propagandisten unabläs-
       sig schreiben.  Es ist entmutigend, eine kürzlich erschienene au-
       toritative sowjetische Veröffentlichung über militärische Strate-
       gie zu lesen und Seite um Seite völlig grundlose und unglaubliche
       Behauptungen zu finden - wie die Behauptung, "Amerikanische impe-
       rialistische Kreise  bereiten sich darauf vor, verschiedene Arten
       von Kriegen  auszulösen, ... daß die sehr reale Gefahr eines Prä-
       ventivkrieges besteht, der von amerikanischen Imperialisten gegen
       die Sowjetunion  gestartet wird..., daß die politischen Ziele der
       amerikanischen Imperialisten  in der wirtschaftlichen und politi-
       schen Versklavung  der europäischen  und anderen kapitalistischen
       Länder... und  in der  Erreichung der Weltherrschaft... durch ag-
       gressive Kriege bestehen."
       
       Wachsam bleiben
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       Sicher ist  es so, wie es in der Schrift heißt, daß "der Gottlose
       flieht und  niemand jagt  ihn ...". Dennoch ist es traurig, diese
       sowjetischen Erklärungen  zu lesen  und die  Größe der Kluft, die
       uns trennt,  zu erkennen.  Es ist aber auch eine Warnung, eine an
       das amerikanische  Volk gerichtete  Warnung, nicht in die gleiche
       Falle wie die Sowjets hineinzutapsen, sich nicht nur ein verzerr-
       tes und  verzweifeltes Bild  von der anderen Seite zu machen, den
       Konflikt nicht  als etwas  Unvermeidliches und  den Ausgleich als
       unmöglich anzusehen  und nicht  jede Kommunikation  lediglich als
       Austausch von bloßen Worten und Drohungen zu betrachten.
       Keine Regierung und kein Gesellschaftssystem ist so schlecht, daß
       man das  unter ihm  lebende Volk  als bar  jeder  Tugend  ansehen
       könnte. Wir  Amerikaner empfinden  den Kommunismus als Verneinung
       der persönlichen  Freiheit und  Würde im tiefsten abstoßend. Den-
       noch aber können wir das russische Volk um vieler seiner Leistun-
       gen willen  - sei  es in  der Wissenschaft  und Raumfahrt, in der
       wirtschaftlichen und industriellen Entwicklung, in der Kultur und
       in seiner mutigen Haltung - rühmen.
       Unter den vielen Zügen, die den Völkern unserer beiden Länder ge-
       meinsam sind,  ist keiner  ausgeprägter als  unsere beiderseitige
       Abscheu vor  dem Krieg.  Unter den großen Weltmächten haben wir -
       und dies ist beinahe einzigartig - niemals gegeneinander im Krieg
       gestanden, und  wohl kein  anderes Volk  in  der  Geschichte  der
       Kriege hat  mehr gelitten  als das  russische Volk im Verlauf des
       Zweiten Weltkrieges.
       Wenigstens zwanzig  Millionen gaben ihr Leben. Zahllose Millionen
       von Häusern und Bauernhöfen verbrannten oder wurden zerstört. Ein
       Drittel des russischen Gebiets, darunter nahezu zwei Drittel sei-
       ner Industriegebiete,  wurde verwüstet; ein Verlust, der der Ver-
       wüstung unseres gesamten Landes östlich von Chicago gleichkäme.
       Sollte heute  ein totaler  Krieg ausbrechen,  dann würden  unsere
       beiden Länder die Hauptziele darstellen. Es ist eine Ironie, aber
       auch  eine  harte  Tatsache,  daß  die  beiden  stärksten  Mächte
       zugleich auch  die beiden  Länder sind, die in der größten Gefahr
       einer Zerstörung schweben. Alles, was wir aufgebaut haben, alles,
       wofür wir gearbeitet haben, würde vernichtet werden.
       Und selbst  im Kalten Kriege, der für so viele Länder - unter ih-
       nen die engsten Verbündeten der USA - Lasten und Gefahren bringt,
       tragen unsere  beiden Länder die schwersten Lasten. Denn wir wer-
       fen beide  für gigantische  Waffen riesige  Beträge aus, Beträge,
       die besser  für den Kampf gegen Unwissenheit, Armut und Krankheit
       aufgewandt werden  sollten. Wir  sind beide in einem unheilvollen
       und gefährlichen Kreislauf gefangen, in dem Argwohn auf der einen
       Seite Argwohn  auf der  anderen auslöst und neue Waffen zu wieder
       neuen Abwehrwaffen führen.
       Kurz gesagt:  Beide, die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten
       und die  Sowjetunion und  ihre Verbündeten, haben ein gemeinsames
       tiefes Interesse  an einem  gerechten und  wirklichen Frieden und
       einer Einstellung  des Wettrüstens.  Abkommen, die zu diesem Ziel
       führen, sind  im Interesse  der Sowjets  wie  auch  im  unsrigen.
       Selbst bei  den feindlichsten Ländern kann man damit rechnen, daß
       sie solche  vertraglichen Verpflichtungen akzeptieren und einhal-
       ten; allerdings  nur solche vertraglichen Verpflichtungen, die in
       ihrem eigenen Interesse sind.
       Wir wollen  also gegenüber  unseren Differenzen  nicht die  Augen
       verschließen. Aber  wir wollen auch unsere Aufmerksamkeit auf die
       gemeinsamen Interessen  und auf  die Mittel  richten,  durch  die
       diese Differenzen  beseitigt werden  können. Und  wenn wir unsere
       Differenzen auch  jetzt noch  nicht aus der Welt schaffen können,
       so können  wir doch  zumindest dazu beitragen, daß die Welt trotz
       Meinungsverschiedenheiten sicher  bleibt. Denn letzten Endes bil-
       det die  Tatsache, daß  wir alle  Bewohner dieses  Planeten sind,
       doch das  uns im  tiefsten gemeinsame  Band. Wir  alle atmen  die
       gleiche Luft,  uns allen liegt die Zukunft unserer Kinder am Her-
       zen, und wir sind alle sterblich.
       Lassen Sie uns drittens unsere Einstellung zum Kalten Krieg über-
       prüfen. Wir  wollen uns daran erinnern, daß wir nicht in eine De-
       batte verwickelt  sind, bei der es darum geht, Pluspunkte zu sam-
       meln. Wir sind nicht hier, um Lob und Tadel zu verteilen oder mit
       den Fingern auf andere zu weisen. Wir müssen uns mit der Welt be-
       fassen, wie  sie ist,  und nicht, wie sie hätte sein können, wäre
       die Geschichte der letzten 18 Jahre anders verlaufen.
       Wir müssen  daher auf  der Suche nach Frieden ausdauernd bleiben,
       in der  Hoffnung, daß  konstruktive Veränderungen  innerhalb  des
       kommunistischen Blocks  Lösungen in  Reichweite bringen  könnten,
       die heute  noch unerreichbar  scheinen. Wir müssen unsere Politik
       so betreiben,  daß es schließlich das eigene Interesse der Kommu-
       nisten wird,  einem echten  Frieden zuzustimmen. Vor allem müssen
       Atommächte, bei aller Verteidigung unserer eigenen Lebensinteres-
       sen, solche  Konfrontationen vermeiden,  die einem Gegner nur die
       Wahl zwischen  einem demütigenden  Rückzug oder  einem  Atomkrieg
       lassen. Wenn  man im Atomzeitalter den letzteren Kurs einschlagen
       wollte, dann  wäre dies  nur der  Beweis für den Bankrott unserer
       Politik - oder den kollektiven Todeswunsch für die Welt.
       Um dies  zu gewährleisten, sind die Waffen Amerikas nicht heraus-
       fordernd, sorgfältig  kontrolliert, für die Abschreckung bestimmt
       und für den selektiven Einsatz geeignet. Unsere Streitkräfte sind
       für den  Frieden bestimmt  und in  Zurückhaltung geschult. Unsere
       Diplomaten sind  angewiesen, unnötigen Ärger und rein rhetorische
       Feindseligkeiten zu  vermeiden. Denn  wir können uns um ein Nach-
       lassen der  Spannungen bemühen,  ohne deshalb in unserer Wachsam-
       keit nachzulassen.
       
       Friedlicher Wettstreit
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       Und wir unsererseits bedürfen nicht der Drohungen, um unsere Ent-
       schlossenheit zu  zeigen. Wir  haben es nicht nötig, ausländische
       Rundfunksendungen zu  stören, aus  Furcht,  unser  Glaube  könnte
       durch sie  entwurzelt werden. Wir wollen unser System keinem Volk
       gegen dessen  Willen aufzwingen. Wir sind aber willens und in der
       Lage, mit  jedem anderen System auf der Erde in einen friedlichen
       Wettstreit einzutreten.
       In der  Zwischenzeit wollen  wir die  Vereinten Nationen stärken,
       ihre finanziellen Probleme lösen helfen, sie zu einem wirksameren
       Instrument des  Friedens machen, sie zu einem echten Sicherheits-
       system für  die Welt  entwickeln -  einem System, das in der Lage
       ist, Meinungsverschiedenheiten  auf der Basis des Rechts beizule-
       gen, die Sicherheit der Großen und der Kleinen zu garantieren und
       Bedingungen zu schaffen, unter denen die Waffen schließlich abge-
       schafft werden können.
       Gleichzeitig bemühen wir uns, den Frieden innerhalb der nichtkom-
       munistischen Welt zu erhalten, wo viele Nationen - alle von ihnen
       unsere Freunde  - über Fragen uneins sind, die die westliche Ein-
       heit schwächen,  die die  kommunistische Intervention begünstigen
       oder die zum Kriege zu führen drohen.
       Wir sind  in unseren  Bemühungen in  Westneuguinea, im  Kongo, im
       Mittleren Osten  und auf  dem indischen Subkontinent trotz Kritik
       von beiden  Seiten beharrlich  und geduldig  geblieben. Wir haben
       gleichzeitig ein Beispiel für andere zu geben versucht, indem wir
       kleine, aber  doch nicht unwichtige Differenzen mit unseren eige-
       nen engsten Nachbarn in Mexiko und in Kanada beizulegen suchten.
       Wenn ich  von anderen  Nationen spreche,  dann möchte  ich  einen
       Punkt klarstellen. Wir sind durch Allianzen an viele Nationen ge-
       bunden. Diese  Bündnisse bestehen,  weil ihre  und unsere  Sorgen
       sich im wesentlichen decken. Unsere Verpflichtung, Westeuropa und
       Westberlin zu  verteidigen, zum  Beispiel, steht nach wie vor un-
       verändert, weil  unsere lebenswichtigen  Interessen die  gleichen
       sind. Die  Vereinigten Staaten  werden sich  mit der  Sowjetunion
       nicht auf Kosten anderer Nationen und anderer Völker arrangieren,
       nicht nur, weil sie unsere Partner sind, sondern weil ihre Inter-
       essen und die unsrigen übereinstimmen.
       
       Direkter Draht
       --------------
       
       Unsere Interessen  stimmen jedoch  nicht nur bei der Verteidigung
       der Grenzen der Freiheit, sondern auch in dem Streben auf den We-
       gen des Friedens überein. Es ist unsere Hoffnung und das Ziel der
       alliierten Politik,  die Sowjetunion  überzeugen zu  können,  daß
       auch sie jede Nation ihre eigene Zukunft bestimmen lassen sollte,
       solange diese  Wahl nicht mit der von anderen getroffenen in Kon-
       flikt gerät.
       Das kommunistische  Streben, anderen  ihr politisches  und  wirt-
       schaftliches System  aufzuzwingen, ist  der  Hauptgrund  für  die
       Spannungen in  unserer heutigen Welt Es kann nämlich kein Zweifel
       daran bestehen,  daß der  Friede weitaus  gesicherter wäre,  wenn
       alle Nationen  davon Abstand nähmen, sich in die Selbstbestimmung
       anderer einzumischen.
       Dies wird  neue Anstrengungen  zur  Schaffung  eines  Weltrechts,
       einen neuen Rahmen für weltweite Gespräch erfordern. Es wird eine
       bessere Verständigung zwischen uns und der Sowjetunion vorausset-
       zen. Und  eine bessere  Verständigung wird vermehrte Kontakte und
       Verbindungen erfordern.  Ein Schritt  in dieser  Richtung ist die
       vorgeschlagene Vereinbarung  für einen  direkten  Draht  zwischen
       Moskau und  Washington, durch  den auf  beiden Seiten die gefähr-
       lichsten Verzögerungen,  Mißverständnisse und  Fehldeutungen  der
       Maßnahmen des  anderen vermieden  werden sollen, wie sie in einer
       Zeit der Krise leicht auftreten könnten.
       
       Ein neuer Anfang
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       Wir haben  ferner in  Genf über  andere erste  Maßnahmen der  Rü-
       stungskontrolle gesprochen,  die die  Intensität des  Wettrüstens
       bremsen und  die Risiken  eines Zufallskrieges verringern sollen.
       Unser wichtigstes langfristiges Interesse in Genf ist jedoch eine
       allgemeine und  vollständige Abrüstung, die in Phasen stattfinden
       und gleichlaufende politische Entwicklungen beim Aufbau der neuen
       Institutionen des  Friedens, die  an Stelle der Rüstungen treten,
       zulassen soll.
       Das Streben  nach Abrüstung ist seit den zwanziger Jahren ein An-
       liegen der amerikanischen Regierung gewesen. Die letzten drei Re-
       gierungen haben  sich intensiv  darum bemüht.  Und so ungewiß die
       Aussichten auch  heute noch sein mögen, so haben wir doch die Ab-
       sicht, diese  Anstrengungen fortzusetzen, damit alle Länder, ein-
       schließlich unseres eigenen, besser begreifen können, welche Pro-
       bleme und Möglichkeiten tatsächlich in der Abrüstung liegen.
       Das eine  große Gebiet bei diesen Verhandlungen, wo sich das Ziel
       abzeichnet, wo  jedoch ein  neuer Anfang  dringend notwendig  er-
       scheint, ist  ein Vertrag zur Ächtung der Kernwaffenversuche. Der
       Abschluß eines solchen Vertrages - so nah und doch noch so fern -
       würde die  endlose Schraube  des Wettrüstens auf einem seiner ge-
       fährlichsten Gebiete zum Stillstand bringen. Durch ihn würden die
       Atommächte in  die Lage versetzt, wirksamer mit einer der größten
       Gefahren fertig  zu werden,  die die Menschheit bedrohen: nämlich
       der weiteren Ausbreitung der Kernwaffen.
       Ein solcher Vertrag würde unsere Sicherheit erhöhen, er würde die
       Gefahr eines  Krieges vermindern.  Dieses Ziel ist wichtig genug,
       daß es  von uns  ständig verfolgt werden muß, wobei wir weder der
       Versuchung erliegen  dürfen, die  ganzen  Bemühungen  aufzugeben,
       noch der  Versuchung, von  unserem Beharren  auf den entscheidend
       wichtigen Sicherheitsgarantien abzugehen.
       
       Einstellung der Atomversuche
       ----------------------------
       
       Ich benutze  daher diese  Gelegenheit, um zwei wichtige Entschei-
       dungen in dieser Hinsicht bekanntzugeben.
       1. Ministerpräsident Chrustschow,  Premierminister Macmillan  und
       ich sind  übereingekommen, daß  in Kürze  Erörterungen auf  hoher
       Ebene in  Moskau beginnen  werden mit dem Ziel eines baldigen Ab-
       kommens über  einen umfassenden  Vertrag über die Einstellung der
       Kernwaffenversuche. Die  Erfahrungen der  Geschichte lehren  uns,
       daß wir  unsere Hoffnungen  im Zaume  halten müssen,  aber unsere
       Hoffnungen werden  von den Hoffnungen der gesamten Menschheit be-
       gleitet.
       2. Um unseren  guten Willen  und unsere feierliche Überzeugung in
       dieser Angelegenheit  zu demonstrieren,  erkläre ich hiermit, daß
       die Vereinigten  Staaten nicht  beabsichtigen, Kernwaffenversuche
       in der  Atmosphäre durchzuführen,  solange  andere  Staaten  dies
       nicht tun.  Wir werden  nicht die ersten sein, die diese Versuche
       wiederaufnehmen. Eine  solche Deklaration ist kein Ersatz für die
       Abrüstung, aber  ich hoffe, sie wird uns helfen, die Abrüstung zu
       erreichen.
       Lassen Sie  uns, meine  amerikanischen Mitbürger, schließlich un-
       sere Haltung gegenüber dem Frieden und der Freiheit hier im eige-
       nen Lande  überprüfen. Der Wert und der Geist unserer eigenen Ge-
       sellschaft müssen  unsere Anstrengungen  im Ausland rechtfertigen
       und sie  unterstützen. Wir  müssen sie im Einsatz unseres eigenen
       Lebens zeigen,  wozu viele  von Ihnen,  die heute ihr Studium ab-
       schließen, eine  einzigartige Gelegenheit haben werden, indem sie
       ohne Bezahlung  im Friedenskorps im Ausland oder in dem geplanten
       Dienstkorps hier im eigenen Land dienen.
       Aber wo  immer wir sind, müssen wir alle in unserem täglichen Le-
       ben dem jahrhundertealten Glauben gerecht werden, daß Frieden und
       Freiheit Hand  in Hand gehen. In zu vielen unserer Städte ist der
       Friede heutzutage nicht gesichert, weil die Freiheit unvollkommen
       ist.
       Die Exekutive  hat auf  allen Regierungsebenen - kommunalen, ein-
       zelstaatlichen und nationalen - die Verantwortung, mit allen Mit-
       teln im  Rahmen ihrer  Autorität für die Freiheit aller Bürger zu
       sorgen und  sie zu  schützen. Die  Legislative hat die Verantwor-
       tung, daß  diese Autorität,  wo sie  heute noch unzureichend ist,
       zureichend gestaltet wird. Und alle Bürger in allen Bereichen ha-
       ben die  Verantwortung, die  Rechte aller  anderen und das Gesetz
       des Landes zu respektieren.
       All dies  steht im Zusammenhang mit dem Weltfrieden. "Wenn jeman-
       des Wege  dem Herrn  wohlgefallen", so  heißt es  in der Heiligen
       Schrift, "so macht er auch seine Feinde mit ihm zufrieden".
       Und ist  der Friede nicht letztlich doch im Grunde eine Sache der
       Menschenrechte - des Rechts, unser Leben ohne Furcht vor Vernich-
       tung ganz  zu leben  -, des Rechts, die Luft zu atmen, so wie sie
       die Natur  uns schenkt, des Rechts künftiger Generationen auf ein
       gesundes Dasein?
       
       Ohne Furcht
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       So wie  wir uns um den Schutz unserer nationalen Interessen bemü-
       hen, so wollen wir auch die menschlichen Interessen schützen. Und
       die Beseitigung des Krieges und der Waffen liegt eindeutig im In-
       teresse des  einen wie des anderen. Kein Vertrag, so sehr er auch
       zum Vorteil aller sein mag, so genau er auch formuliert sein mag,
       kann eine  absolute Sicherheit  gegen die  Gefahren der Täuschung
       und der  Umgehung bieten. Aber er kann - wenn er in seiner Durch-
       führung nur  wirksam genug ist und er nur weitgehend genug im In-
       teresse seiner Unterzeichner liegt - weitaus mehr Sicherheit bie-
       ten und weniger Risiken bergen als ein unvermindertes, unkontrol-
       liertes und unberechenbares Wettrüsten.
       Wie die  Welt weiß,  werden die Vereinigten Staaten niemals einen
       Krieg beginnen.  Wir wollen keinen Krieg. Wir rechnen jetzt nicht
       mit einem  Krieg. Die gegenwärtige Generation von Amerikanern hat
       bereits genug,  mehr als  genug, von Krieg, Haß und Unterdrückung
       erlebt. Wir  werden auf  den Krieg  vorbereitet sein, wenn andere
       ihn wünschen.  Wir werden wachsam sein, um zu versuchen, ihm Ein-
       halt zu gebieten.
       Aber wir werden ebenfalls unser Teil dazu beitragen, um eine Welt
       des Friedens  aufzubauen, in  der die  Schwachen sicher  und  die
       Starken gerecht sind. Wir stehen nicht hilflos vor dieser Aufgabe
       und sind  nicht hoffnungslos im Hinblick auf ihren Erfolg. Voller
       Vertrauen und  ohne Furcht  werden wir  weiterarbeiten, nicht  in
       Richtung auf  eine Strategie der Vernichtung, sondern in Richtung
       auf eine Strategie des Friedens.
       
       (Nach Amerika-Dienst.)
       

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