Quelle: Blätter 1963 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DAS NEUE SCHLESIEN UND DIE DEUTSCH-POLNISCHEN BEZIEHUNGEN
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       Die Auseinandersetzung  in der Bundesrepublik über die "Breslau"-
       Sendung des  NDR (vgl.  Heft 5/63) und die deutsch-polnischen Be-
       ziehungen ist  bis heute  weit mehr  ein Streit bloßer Meinungen,
       als eine sachliche Diskussion auf dem Boden der Tatsachen. Und es
       hat den Anschein, als seien gerade gewissen Funktionären der Ver-
       triebenen-Verbände diese Tatsachen selbst höchst unbequem, versu-
       chen jene  Funktionäre doch eine wirklichkeitsgerechte Erörterung
       des Problems  Oder-Neiße-Grenze auf  immer aggressivere  Weise zu
       verhindern. Um  so bemerkenswerter erscheint uns der umfangreiche
       Bericht über  eine Reise in das heute polnische Schlesien, der am
       8. und  13. Juni  in der  Neuen Zürcher  Zeitung unter  dem Titel
       "Polnische Einwanderung in Schlesien" erschienen ist. Der Verfas-
       ser dieses so inhaltsreichen wie abgewogenen Berichtes, der durch
       das nationalsozialistische  Regime zur  Emigration gezwungene be-
       deutende Soziologe  und politische  Publizist Prof. Dr. Walter Z.
       Laqueur, stammt  selbst aus Breslau und ist, auch als Herausgeber
       der in London erscheinenden Zeitschrift "Survey. A journal of So-
       viet and  East-European Studies", in einem besonderen Maße zu ei-
       nem Urteil  legitimiert. Sein  Aufsatz beruht  auf den Eindrücken
       einer Reise  nach Schlesien im Mai 1963. Frei von einem einseiti-
       gen pro-polnischen Vorurteil legt er doch den Deutschen entschie-
       den Realismus  und absolute  Illusionslosigkeit hinsichtlich  der
       polnischen Zukunft  Schlesiens nahe.  Wir drucken nachstehend ei-
       nige besonders aufschlußreiche Partien aus diesem Aufsatz ab, die
       nach unserer  Auffassung die längst fällige innerdeutsche Diskus-
       sion über  die deutsch-polnischen  Beziehungen wesentlich fördern
       können. D. Red.
       
       Augenschein in Breslau
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       Der Reisende,  den der  Expreßzug über Krotoschin und Oels in die
       Stadt bringt,  in der er geboren wurde, kann sich böser Vorahnun-
       gen nicht  erwehren. In  den Berichten, die er gelesen hatte, war
       ihm Schlesien  als verkommen und schmutzig geschildert worden, er
       hatte von  Zuständen gehört, die an den Wilden Westen des vorigen
       Jahrhunderts erinnerten;  das Hotel  "Monopol" in Breslau, damals
       wie heute - trotz dem etwas anstößigen Namen - der Treffpunkt der
       Fremden, war  ihm als  eine Art  neues Wirtshaus  im Spessart be-
       schrieben worden.  Die Eindrücke  bei der Einfahrt in die Stadt -
       die trostlosen  Hinterhöfe, die vielen zerstörten Häuser, die dü-
       stere Bahnhofshalle, der unverschämteste Chauffeur in den schmut-
       zigsten Taxi,  die ihm in vier Kontinenten begegnet sind - tragen
       dazu bei, ihn in seinen Befürchtungen zu bestärken.
       Eine nähere  Bekanntschaft mit  dem neuen Schlesien überzeugt ihn
       jedoch bald,  daß Berichte  über die Lage in diesem Land, die vor
       zehn oder  selbst fünf Jahren zutreffen mochten, heute korrigiert
       werden müssen.  Mit Formeln  wie  "deutsche  Kulturarbeit"  gegen
       "polnische Wirtschaft"  kann man die Wirklichkeit von heute nicht
       gerecht beurteilen.  Seit dem Oktober 1956 sind große Anstrengun-
       gen unternommen  worden, um  das Schicksal  der  neuen  Einwohner
       Schlesiens erträglich zu gestalten, und diese Bemühungen haben in
       den letzten  Jahren allmählich  Früchte getragen. In Breslau, dem
       heutigen Wroclaw,  sind neue  Wohnviertel entstanden,  verlassene
       Häuser und  unbestellte Acker  sieht der  Reisende  nirgendwo  in
       Schlesien und  die Kurorte  im Riesengebirge sind schon zu Beginn
       der Saison gut besucht.
       
       Ungleichmäßige Entwicklung
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       Freilich geht  es nicht an zu verallgemeinern. Schlesien hat sich
       in den  letzten Jahren  ungleichmäßig entwickelt;  die Spuren der
       Zerstörungen der  letzten Kriegsmonate  sind in  manchen  Städten
       noch unverkennbar,  so etwa in Breslau, in Liegnitz (Legnica), im
       oberschlesischen Neiße  (Nysa)  oder  in  der  Kleinstadt  Lauban
       (Luban). Die Zahl der Einwohner dieser und mancher anderer Städte
       hat heute  erst wieder  etwa zwei  Drittel oder  drei Viertel des
       Standes von  1938 erreicht,  und die  industrielle und kulturelle
       Entwicklung ist  dementsprechend zurück. Zahlreiche andere Städte
       hingegen haben  den Stand von 1938 weit hinter sich gelassen; das
       trifft zum  Beispiel zu  für Beuthen  (Bytom) im oberschlesischen
       Industriegebiet  oder   Waldenburg   (Walbrzych)   und   Freiburg
       (Swiebodzice) im  Waldenburger Bergland. Dabei spielte die Tatsa-
       che eine  wichtige Rolle, daß diese beiden wichtigen Industriege-
       biete unzerstört in die Hände der Polen fielen.
       Aber auch  jene Bezirke Schlesiens - flächenmäßig der größte Teil
       des Landes -, die von den deutschen Truppen kampflos geräumt wur-
       den, haben sich ungleichmäßig entwickelt. Der "Ring" von Schweid-
       nitz (Swidnica)  ist sorgfältig  renoviert worden und macht einen
       vorzüglichen Eindruck,  jener von Reichenbach (Dzierzoniow) wirkt
       vernachlässigt, und  jener von  Hirschberg (Jelenia  Gora)  liegt
       auch heute  noch halb in Trümmern. In Bad Schreiberhau (Szklarska
       Poreba) im Riesengebirge, wo jährlich mehr als hunderttausend Po-
       len ihren  Urlaub verbringen, hat man sich um die Entwicklung des
       Ortes bedeutend  weniger Mühe gegeben als in dem nicht weit gele-
       genen Bad Flinsberg (Swieradów Zdrój), das Vergleiche mit westeu-
       ropäischen Luftkurorten nicht zu scheuen braucht. Die Textilindu-
       strie um  Reichenbach, Langenbielau  (Bielawa) und Peterswaldau -
       wo bekanntlich  Hauptmanns "Weber" spielen - hat anscheinend noch
       nicht den  Vorkriegsstand erreicht,  wahrscheinlich, weil  es  an
       Fachleuten fehlte  und weil die Textilindustrie in anderen Teilen
       Polens für  die Bedürfnisse des Landes genügte. Die Dörfer in der
       Nähe von  Breslau hinterlassen einen bedeutend weniger guten Ein-
       druck als  jene südlich des Zobten; manche Kleinstädte stagnieren
       und wirken  unsauber, in  anderen erkennt  man  bedeutende  Fort-
       schritte.
       
       Der Verfasser  kommt nach  einer eingehenden Darstellung der Ver-
       hältnisse im  heutigen Schlesien  auf die  energischen Polonisie-
       rungsbestrebungen der  Polen und  auf die Auseinandersetzung zwi-
       schen polnischen  und westdeutschen Historikern über die deutsche
       oder polnische  Geschichte Schlesiens  zu sprechen. Er bezeichnet
       solche rein  historischen Diskussionen als relativ bedeutungslos,
       weist dann  aber auch  auf die  ebenfalls "historische"  Tatsache
       hin, "daß  gerade in  den ostdeutschen Bezirken Pommern, Ostpreu-
       ßen, Grenzmark,  Niederschlesien eine  Majorität deutscher Wähler
       in den  letzten freien  Wahlen ihre Stimme Hitler gegeben hat und
       damit für  alle die Dinge, die später im Namen des deutschen Vol-
       kes geschahen, mindestens einen Teil der Verantwortung trägt."
       Der Bericht schließt mit den folgenden Passagen:
       
       In Deutschland  hat man  seit der  Mitte des vergangenen Jahrhun-
       derts, als es auf der demokratischen Linken eine Welle der Polen-
       begeisterung gab,  nicht mehr  viel Interesse und Verständnis für
       dieses Land  gezeigt. Nach  1918 gab es wohl starke Strömungen in
       Deutschland, selbst auf der Rechten, die sich für eine pro-russi-
       sche Orientierung einsetzten; eine Verständigung mit Polen befür-
       wortete keiner.  Auch heute  wieder fühlt man sich häufig unange-
       nehm berührt von deutlichen Spuren des "alten Geistes" in den an-
       tipolnischen Polemiken  gewisser Kreise  in der  Bundesrepublik -
       abgesehen davon,  daß sich  manche Ideologen  dieser Richtung und
       bestimmte Vertreter  der Landsmannschaften  und  Vertriebenenver-
       bände durch  ihre Vergangenheit  disqualifiziert haben,  sich öf-
       fentlich zu exponieren.
       Wie ungeschickt  aber auch diese Argumentation dieser Kreise, wie
       provokatorisch oft  die Wahl ihrer Sprecher ist, so darf man doch
       nicht vergessen,  daß es  neben ihnen  Millionen von  Männern und
       Frauen gibt,  die ohne  jedes persönliche  Verschulden vertrieben
       wurden, die  Besitz und Heimat verloren. Für sie bedeuten die Er-
       eignisse des Jahres 1945 eine große persönliche Tragödie. Ob sich
       diese Menschen  mit dem  Verlust der  Heimat abfinden,  weiß  man
       nicht; es  ist zu hoffen, daß sie es getan haben oder tun werden,
       denn Illusionen  in der Politik sind schädlich. Es ist aber ande-
       rerseits unrealistisch,  wenn die Polen erwarten, daß ein solcher
       Verzicht freudigen  Herzens und  in feierlicher Weise vorgenommen
       wird.
       
       Vergleich mit der Vergangenheit
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       Wer heute  durch Schlesien reist, kann sich des Gefühls nicht er-
       wehren, daß  die Polemiken  um die  früheren deutschen Ostgebiete
       gegenstandslos geworden  sind und  bald nur  noch für  einen sehr
       kleinen Kreis  von Menschen  von Interesse  sein werden.  Für die
       Tausende von  Arbeitern, die  heute in der Breslauer Waggonfabrik
       arbeiten - früher Lincke-Hoffmann -, und für die Bergleute in den
       Waldenburger Kohlenschächten,  für die  vielen Gruppen  von Besu-
       chern, die  sich täglich  vor den  Sehenswürdigkeiten  Schlesiens
       drängen, vom Breslauer Rathaus bis zur Kirche Wang in Brückenberg
       (Bierutowice), für  sie alle ist Schlesien die neue Heimat gewor-
       den. In  ein paar Jahren wird es bereits mehr Polen geben, die in
       Schlesien geboren  sind und nie eine andere Heimat gekannt haben,
       als vertriebene  Schlesier in  der Bundesrepublik  und in der So-
       wjetzone.
       In Schlesien ist eine neue Wirklichkeit entstanden. In vielem ist
       sie unbefriedigend  und in  vielem fallen die Vergleiche mit dem,
       was Schlesien  einmal war,  zu ihren Ungunsten aus. Schlesien und
       die anliegenden  deutschsprachigen Gebiete waren einmal ein Land-
       strich, in dem nicht nur Kohle und Zuckerrüben produziert wurden.
       Diese Region  hat einen nicht unwichtigen kulturellen Beitrag zur
       europäischen Zivilisation  geleistet; es  wäre  reizvoll,  einmal
       festzustellen, wieviel  von dem,  was heute  an den Universitäten
       Westeuropas und  Amerikas gelehrt  wird, auf  Wissenschaftler und
       Künstler zurückgeht, die aus diesem Raum stammen. Eine solche Un-
       tersuchung würde  wahrscheinlich ergeben,  daß manche Kleinstädte
       an der  Grenze von  Posen und  Schlesien einen  unverhältnismäßig
       großen Beitrag geleistet haben und daß es nicht nur einzelne Men-
       schen waren, sondern eine ganze Schicht, eine intellektuelle Tra-
       dition und eine kulturelle Ambiance. Dieses Schlesien ist für im-
       mer verschwunden.  Es wurde  zerstört wie  die  deutsche-jüdische
       Symbiose, der dieses kulturelle Zentrum so viel verdankte.
       Was neu  entstanden ist, ist etwas gänzlich anderes: Ein Land, in
       dem Millionen  von neuen Siedlern Arbeit und eine neue Heimat ge-
       funden haben,  in dem  die Fabriken wieder arbeiten und die Acker
       bestellt werden.  Wenn man  bedenkt, mit  welchen Schwierigkeiten
       die polnischen  Behörden zu  kämpfen hatten, Schwierigkeiten, die
       teilweise durch  das kommunistische  System, teilweise durch eine
       Auswahl von  unqualifizierten Zuwanderern bedingt waren, wenn man
       diese und  viele andere  Hindernisse in  Betracht zieht, wird man
       sich davor  hüten, die  Leistung der Polen zu schmälern. Wenn man
       die Verhältnisse  in Schlesien  mit denen  in anderen osteuropäi-
       schen Provinzen  - nicht  mit den Hauptstädten - vergleicht, dann
       schneidet Dolny  Slask gar  nicht schlecht ab. Die Häuser am Ring
       von Breslau  sind genau so wiederhergestellt worden, wie sie ein-
       mal waren, es gibt eine Oper und sechs Theater, zwei Tageszeitun-
       gen, literarische  und historische  Monatsschriften. Doch  es ist
       leichter, Häuser  wiederaufzubauen und  Theater zu  spielen,  als
       eine neue  Zivilisation zu  schaffen.  Ein  eigenes  Gesicht  hat
       Schlesien heute  noch nicht,  eine eigene  Kultur ebensowenig wie
       Detroit im  Jahre 1905. Wenn die politischen und wirtschaftlichen
       Bedingungen günstig  sind, werden  die Enkel  der  Menschen,  die
       jetzt in  den Abendstunden  am Stadtgraben  spazieren gehen, eine
       neue Chance haben, einen eigenen Stil und einen eigenen kulturel-
       len Inhalt zu schaffen. Vielleicht wird dann eines Tages ein jun-
       ger polnischer  Adept Thomas  Manns  einen  Vortrag  halten  über
       "Wroclaw als  geistige Lebensform". Im Mai 1963 gehört viel Phan-
       tasie und guter Wille dazu, sich das überhaupt vorzustellen.
       

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