Quelle: Blätter 1963 Heft 07 (Juli)


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       Aus der Wirtschaft
       
       ABSCHLUSS DES WELTERNÄHRUNGSKONGRESSES
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       Vom 14.  bis 18.  Juni tagte in Washington der Welternährungskon-
       greß der  FAO (Ernährungs-  und Landwirtschafts-Organisation  der
       UN). Die  rund tausend Delegierten aus 104 Ländern nahmen zum Ab-
       schluß des Kongresses eine Resolution an, in der eine Intensivie-
       rung und unbefristete Ausdehnung des "Feldzuges gegen den Hunger"
       gefordert wird,  der von der FAO am 1. Januar 1963 begonnen wurde
       und 1965  auslaufen soll.  Es wird  in den Schlußresolutionen des
       Kongresses insbesondere  eine schnelle  und umwälzende Reform der
       wirtschaftlichen Struktur  der Entwicklungsländer  für  notwendig
       erklärt. Gleichzeitig  wird auf die Bedeutung der internationalen
       Solidarität im  Kampf gegen  den Hunger und auf die Verantwortung
       der Industrieländer  hingewiesen. Der  Kongreß gab  der  Hoffnung
       Ausdruck, die Bemühungen um allgemeine und totale Abrüstung möch-
       ten zum  Erfolge führen.  Die heute  für Aufrüstung  eingesetzten
       riesigen Beträge  sollten etappenweise dem Kampf gegen Hunger und
       Unterernährung nutzbar gemacht werden.
       Eine wichtige  Rolle in  den Diskussionen auf dem Kongreß spielte
       die Frage  der Geburtenkontrolle,  vor allem in den Entwicklungs-
       ländern. Der  britische Geschichtsphilosoph  Prof. Arnold Toynbee
       forderte mit  großem Nachdruck  entschiedene Maßnahmen zur Unter-
       bindung der  nach seiner Auffassung drohenden Überbevölkerung der
       Erde.
       Die deutsche  Delegation auf dem Kongreß wurde geleitet von Prof.
       Dr. Fritz  Baade, MdB,  dem früheren  Direktor des  Instituts für
       Weltwirtschaft in Kiel. Prof. Baade trat für eine verstärkte Ver-
       sorgung der Entwicklungsländer mit Düngemitteln (Stickstoff) ein,
       die wesentlich wichtiger und vielversprechender sei als eine Lie-
       ferung von Lebensmitteln.
       In seiner  Schlußrede erklärte  der Generaldirektor  der FAO, Dr.
       Sen (Indien),  die Welt werde in den nächsten 35 Jahren ihre Pro-
       duktion an  Lebensmittel verdreifachen,  ja  sogar  vervierfachen
       müssen, um  die sechs  Milliarden Menschen  zu ernähren,  die die
       Erde gegen  Ende des Jahrhunderts zählen werde. Er wies vor allem
       auf die  überragende Bedeutung der Entwicklung der Landwirtschaft
       und auf  die Notwendigkeit  einer Förderung  der Exporte der Ent-
       wicklungsländer hin.  Bei der  Eröffnung des Kongresses hatte UN-
       Generalsekretär U Thant  erklärt, es  sei unsinnig,  daß in einem
       Teil der  Welt die  landwirtschaftliche Überproduktion immer mehr
       zunehme, während  in anderen  Teilen der Welt mehr als die Hälfte
       der Weltbevölkerung Hunger leide.
       
       OSTASIEN
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       In einem  Expertenbericht über  die Ernährungsprobleme  der  ver-
       schiedenen Teile  der  Erde,  der  dem  Welternährungskongreß  in
       Washington als  Diskussionsgrundlage vorgelegt  worden ist,  wird
       auf die besonders großen Ernährungsprobleme der Länder des Fernen
       Ostens hingewiesen.  In diesem  Gebiet, in  dem heute bereits die
       Hälfte der  Erdbevölkerung lebt,  drohen für  die nächsten  Jahr-
       zehnte Hungerkatastrophen unabsehbaren Ausmaßes, wenn es den ost-
       asiatischen Ländern  nicht gelingt, ihre Nahrungsmittelproduktion
       bis zum  Jahre 2000  zu vervierfachen.  Es heißt  in dem  Bericht
       u.a.: "Die Möglichkeiten für eine Erhöhung des Ernährungspotenti-
       als der  Welt sind gegeben... Gerade in den Regionen der Erde, in
       denen mehr  und bessere  Ernährung schon  heute am  dringlichsten
       ist, nämlich  im Fernen  Osten,  nimmt  die  Bevölkerungszahl  am
       schnellsten zu.  Hier liegt  die größte Gefahr... Wenn die Regie-
       rungen sich  entschließen, die landwirtschaftliche Entwicklung zu
       planen, indem sie von einer richtigen und realistischen Einschät-
       zung der erreichbaren Ziele ausgehen, bestehen wesentlich größere
       Aussichten, ein  besseres Gleichgewicht  zwischen Bedarf und Pro-
       duktion zu erreichen, bevor es dazu zu spät ist..."
       (NZZ v.  6.6., 16.6.  und 21.6.,  Neue Rhein-Zeitung v. 9.6., Die
       Tat, Zürich v. 16.6., Süddeutsche Zeitung v. 20.6.63)
       
       DIE AMERIKANISCHE WEIZEN-ÜBERPRODUKTION
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       Die amerikanischen  Farmer haben  am 21.  Mai in einem Referendum
       den Vorschlag  der Regierung,  gegen eine Erhöhung des Stützungs-
       preises von  1,82 auf  2 Dollar pro Scheffel für den größten Teil
       der Weizenernte ihre Weizen-Anbaufläche um 10% zu reduzieren, ab-
       gelehnt. Der  Vorschlag der  Regierung sollte die Weizen-Überpro-
       duktion der  USA eindämmen.  Die Regierung  zahlt jährlich allein
       für die  Einlagerung der  von ihr  übernommenen Überschüsse  eine
       halbe Milliarde Dollar, für den Transport in die Lagerhäuser hun-
       dert Millionen  Dollar. Nach der Ablehnung des neuen Vorschlages,
       gegen den  sich vor allem das von den Großfarmern beherrschte und
       den  Republikanern  nahestehende  American  Farm  Bureau  gewandt
       hatte, sagte  Landwirtschaftsminister Freeman eine Weizenschwemme
       voraus. Die  Verwerfung des  Regierungsvorschlages ist um so ern-
       ster zu  nehmen, als  der US-Export landwirtschaftlicher Güter in
       den nächsten  Jahren durch  die Zollpolitik  der EWG-Länder stark
       gefährdet werden dürfte: "Im Jahre 1962 exportierte Amerika land-
       wirtschaftliche Güter  im Werte  von über fünf Milliarden Dollar,
       d.h. ungefähr  25% der  gesamten Ausfuhr  entfielen auf landwirt-
       schaftliche Produkte.  An die  Länder der  EWG gingen  im letzten
       Jahre Weizen,  Weizenmehl, Futter, Getreide und Geflügel im Werte
       von 450  Millionen Dollar. Die erhöhten Zölle der EWG dürften die
       Ausfuhr dieser Güter im nächsten Jahr erheblich einschränken.
       (Deutsche Zeitung v. 16./17.6.63.)
       
       DAS ZAHLUNGSBILANZ-DEFIZIT DER USA
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       Das Defizit der amerikanischen Zahlungsbilanz ist nach der provi-
       sorischen Statistik im ersten Quartal 1963 auf 820 Millionen Dol-
       lar gegen  495 Millionen Dollar im ersten Quartal 1962 gestiegen.
       Es erhöhte  sich damit  auf einen  Jahresstand von 3,3 Milliarden
       Dollar gegen 2,2 Milliarden Dollar im gesamten Jahre 1962.
       "Der Präsident  der Federal Reserve Bank von New York, Hayes, gab
       kürzlich im  Anschluß an  den Clay-Bericht der Hoffnung Ausdruck,
       daß der Ausgleich zwischen den militärischen Auslandsausgaben der
       Vereinigten Staaten  und den  vom Ausland  hierzulande getätigten
       Käufen für militärische Zwecke hergestellt werde. Er schloß daran
       den weiteren  dringlichen Wunsch,  daß gewisse Auslandsverpflich-
       tungen der  Vereinigten Staaten,  die nicht  direkt zur militäri-
       schen Sicherheit  beitragen, erheblich  vermindert werden. In der
       Tat belasten  die Devisenkosten  der Verteidigungs-  und Entwick-
       lungshilfe die amerikanische Zahlungsbilanz noch immer stark. Die
       von der  Regierung für das neue Budgetjahr beantragten jährlichen
       Hilfeausgaben erreichen wieder rund 4,5 Mrd. Dollar. Hinsichtlich
       der Militärhilfe  sucht die  Regierung durch  bilaterale Abkommen
       über Rüstungsbezüge europäischer Länder aus Amerika und durch De-
       viseneinsparungen amerikanischer Truppen im Ausland die Belastung
       der Zahlungsbilanz  zu vermindern. Bei der Entwicklungshilfe ver-
       folgt man das Ziel, 80% durch Aufträge an amerikanische Unterneh-
       mungen zu  binden, gegen  nur 63%  im laufenden  Jahr."  (NZZ  v.
       23.6.63)
       
       ARBEITSLOSIGKEIT
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       Der amerikanische  Arbeitsminister Wirtz erklärte am 20. Mai, die
       Arbeitslosigkeit sei  "das ernsteste Wirtschaftsproblem" der USA.
       Vor einem  Unterausschuß des  Repräsentantenhauses  teilte  Wirtz
       mit, in den letzten Monaten seien jeweils vier Millionen Amerika-
       ner ohne  Arbeit gewesen. Diese Zahlen allein zeigten jedoch noch
       nicht das ganze Ausmaß der Arbeitslosigkeit: "Zuverlässige Schät-
       zungen sprechen  von etwa 14 Millionen Männern und Frauen, die zu
       irgendeinem Zeitpunkt des Jahres 1962 unbeschäftigt waren." Mitte
       Mai betrug die Zahl der Arbeitslosen in USA 4 066 000 und war da-
       mit gegenüber dem Vormonat praktisch unverändert. "Da sie aber zu
       dieser Jahreszeit  normalerweise abnimmt,  stellte sich  der  auf
       saisonberichtigter Grundlage  vom  Arbeitsministerium  berechnete
       Prozentsatz der  Arbeitslosen auf 5,9% (5,7% im Vormonat); im Mai
       1962 betrug  die entsprechende Zahl 5,5%." Der Anteil der Jugend-
       lichen an  der Arbeitslosenzahl  betrug im  Mai  17,8%  gegenüber
       15,6% im April, und war damit der höchste seit 1949.
       (NZZ v. 22.5. u. 9.6.63.)
       
       DAS AMERIKANISCHE RÜSTUNGSBUDGET FÜR 1964
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       Das Repräsentantenhaus  hat am  26. Juni  das Rüstungsbudget  für
       1964 in  der Höhe  von 47,082  Milliarden Dollar  gebilligt. (Das
       Haushaltsjahr 1963  beginnt bereits am 1. Juli.) Das Budget liegt
       etwa zwei  Milliarden unter dem von Präsident Kennedy geforderten
       Betrag für Rüstungsausgaben. Es enthält u.a. die Ausgaben für den
       Unterhalt von 2,6 Millionen Soldaten, für 700 Düsenbomber vom Typ
       B 52 und  B 58 und  einige hundert  vom Typ 47, sowie für den Bau
       von etwa 1000 interkontinentalen Raketen und 41 Polaris-Untersee-
       booten.
       (NZZ v. 28.6.63.)
       
       DIE WIRTSCHAFTLICHE DISKRIMINIERUNG DER AMERIKANISCHEN NEGER
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       "Die Arbeitslosigkeit  unter der  Negerjugend  hat  erschreckende
       Ausmaße angenommen,  die automatisierte  Industrie braucht  keine
       ungelernten Kräfte  mehr, und  der Aufstieg  zu gelernten Berufen
       bleibt dem Neger im Süden fast völlig und im Norden in einem wei-
       ten Maße  versperrt. Die  Tatsache, daß sich die Rassenrevolution
       mit einer industriellen Revolution paart, macht die jetzige Krise
       so gefährlich,  und gibt  den Negern das Gefühl der Dringlichkeit
       ihrer Sache. Jetzt scheint auch Washington - hoffentlich nicht zu
       spät -  diese Dringlichkeit  erkannt zu haben." (Die Tat, Zürich,
       v. 17.6.63)
       "Die rücksichtslose Diskriminierung durch die Gewerkschaften, die
       chronische Arbeitslosigkeit in vielen Gebieten, in die die Neuan-
       kömmlinge gelangten, die Tatsache, daß beim Abbau der Arbeiterbe-
       stände im Zuge der Automatisierung der Industrie zuerst die unge-
       lernten  und  zuletzt  gekommenen  Neger  entlassen  werden,  die
       Schwierigkeit, anständige  Behausungen zu  finden, hat  unter den
       Negern in  den Großstädten  des Nordens  eine  eigentliche  wirt-
       schaftliche Notlage entstehen lassen."
       (NZZ v. 14.6.63)
       
       BESCHLEUNIGTER AUFBAU DER CHEMISCHEN INDUSTRIE IN DER SOWJETZONE
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       Nach einem  Eigenbericht des "Handelsblattes" aus Moskau vom 4.6.
       drängt Ministerpräsident  Chrustschow auf eine Intensivierung des
       von ihm  bereits 1958  angekündigten Aufbaues einer Groß- und Pe-
       trochemie. Er  soll in Zukunft absolute Priorität in der sowjeti-
       schen Wirtschaftsplanung  haben. Das  bedeutet  insbesondere  den
       Vorrang der chemischen Industrie vor der Montan-Industrie.
       1964/65 sollen  "planmäßig alle  Voraussetzungen geschaffen sein,
       um die  Produktion von  Kunststoffen und synthetischem Kautschuk,
       von Düngemitteln sowie von Biopräparaten und Medikamenten in aus-
       reichender Menge  bewerkstelligen zu  können. Schon in seiner Ab-
       schiedsrede für  Castro hat der sowjetische Ministerpräsident un-
       zweideutig festgestellt,  daß die  Wirtschaft in  der Sowjetunion
       jetzt vor  der Politik  rangieren müsse.  Grund und  Ziel  dieser
       neuen vom  Chrustschow befürworteten  Investitionspolitik ist die
       Befriedigung der  enorm gewachsenen  Bedürfnisse der sowjetischen
       Bevölkerung an  Nahrungsmitteln, Kleidungsstücken und allen übri-
       gen Gütern des Massenbedarfs". (Handelsblatt v. 5.6.63)
       
       SOWJETISCHES INTERESSE FÜR EINE BRITISCHE ERDÖL-RAFFINERIE
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       Der Führer der Labour-Party, Harold Wilson, teilte nach einer Un-
       terredung mit  dem sowjetischen Handelsminister Patolitschew mit,
       die  Sowjetunion   wünsche  von   Großbritannien  eine  komplette
       Erdöl-Raffinerie im  Wert von  über hundert Millionen Pfund Ster-
       ling zu  beziehen. Mit  dieser Lieferung sollten keine britischen
       Verpflichtungen  zum   Bezug  sowjetischen  Öls  verbunden  sein.
       (Basler Nachrichten v. 15.6. und NZZ v. 18.6.63)
       
       DER TREND SÜDAMERIKAS ZUM "WIRTSCHAFTLICHEN NEUTRALISMUS"
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       Eine chilenische Delegation unter der Führung des Staatsministers
       Philippi hat im Juni Europa bereist, um wirtschaftliche Vereinba-
       rungen mit verschiedenen europäischen Ländern zu treffen. Die De-
       legation besuchte  u.a. London  und Bonn und beabsichtigt auch in
       mehrere Ostblock-Länder, u.a. in die Sowjetunion, zu reisen. Über
       die handelspolitischen  Bestrebungen Chiles, die dieser Reise zu-
       grunde liegen,  berichtete das  "Handelsblatt" am 6.6.63 aus Lon-
       don: "Im  übrigen sind den Engländern auch die politischen Beweg-
       gründe der  chilenischen Reorientierung auf Europa nicht uninter-
       essant. Santiago suche sich gewissermaßen aus der einseitigen Ab-
       hängigkeit von  der US-Hilfe zu lösen und auf jenen wirtschaftli-
       chen 'Neutralismus'  einzuspielen, der in Süd-Amerika ganz allge-
       mein zum Trend führt."
       
       AUFRÜSTUNGS-LASTEN STEIGEN WEITER
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       "Jetzt scheint  es sich  zu rächen,  daß das  amtliche Bonn lange
       Zeit darauf  verzichtet hat, die Kosten der Wiederaufrüstung, wie
       sie deutscherseits in verbindlichen NATO-Dokumenten zugesagt wur-
       den, möglichst  exakt zu  ermitteln. Jahrlang wurde ein deutscher
       Verteidigungsbeitrag von  13 bis  höchstens 15  Milliarden DM als
       ausreichend angesehen,  um die deutschen Verpflichtungen erfüllen
       zu können. Eine Milchmädchenrechnung, wie es sich jetzt herauszu-
       stellen beginnt.  Und das allgemeine Wehklagen ist groß. Von 12,4
       Milliarden DM im Jahre 1960 mußten bis 1963 die Verteidigungsaus-
       gaben auf  18,4 Milliarden  aufgestockt werden.  Ein Ende  dieser
       "schrecklichen Treppe"  steigender Verteidigungsausgaben ist noch
       nicht abzusehen.
       Die verhängnisvolle Praxis, international Zusagen zu machen, ohne
       sich ernsthaft  die Möglichkeit  deren finanzieller  Einlösung zu
       überlegen, hat sich leider bis in die jüngste Zeit hinein fortge-
       setzt. In  den ersten  Noten, in denen sich Bonn bereit erklärte,
       am Aufbau einer multilateralen Atommacht mitzuwirken, war von Fi-
       nanzen und  Kosten auch nicht einmal am Rande die Rede. Erst nach
       der grundsätzlichen  Zusage begann das Finanzierungsgespräch, das
       übrigens auch  bei dem Kennedy-Besuch auf der Bonner Tagesordnung
       stand. Nach  zuverlässigen Informationen  soll die Bundesrepublik
       45 Prozent  der mit  5 Milliarden Dollar veranschlagten Gesamtko-
       sten, unter  anderem für die 25 Raketenüberwasserschiffe, tragen.
       Rechnet man  mit einem  Aufbauzeitraum von  zehn Jahren, muß also
       die Bundesrepublik  ab 1964  mit einer zusätzlichen Belastung von
       jährlich fast  1 Milliarde  DM rechnen. Wahrscheinlich werden die
       jetzt veranschlagten  5 Milliarden  Dollar aber nicht ausreichen,
       so daß  der im  Bundesverteidigungsministerium genannte Jahresbe-
       trag von  rund  1,5  Milliarden  DM  alles  andere  als  utopisch
       scheint...
       Zum Jahresende  1962 hatte  die Bundesrepublik  erst 415 000 Mann
       unter Waffen.  Der Etat  1963 sieht  die Verstärkung  auf 443 000
       Soldaten vor,  und schon  1964/65 soll  eigentlich die NATO-Soll-
       Stärke von  500 000 Mann  erreicht sein. Allein für den Unterhalt
       der noch  fehlenden rund 60 000 Soldaten werden etwa 1,2 Milliar-
       den DM benötigt...
       Dazu kommen die Kosten der Ausrüstung mit den "bestmöglichen Waf-
       fen", die ebenfalls in die Milliarden gehen. Die Kosten der Umrü-
       stung auf den neuen deutschen Standardpanzer werden offiziell mit
       1,5 Milliarden DM angegeben. Im Etat 1963 ist der Beschaffungsti-
       tel für  Kampffahrzeuge mit  lediglich 262  Millionen DM  dotiert
       worden. Diese  Position muß schon im nächsten Jahr mit wesentlich
       höheren Mitteln bedacht werden, wenn diese Umrüstung bis 1968 ab-
       geschlossen werden  soll. Für  die gleichfalls vorgesehenen neuen
       Schützenpanzer der verschiedenen Versionen sind nämlich ebenfalls
       mindestens 1.5 Milliarden DM nötig...
       Unübersehbare Milliardenausgaben  sind schließlich  noch auf  dem
       Bevorratungssektor zu  erwarten... Alles  in allem  muß  erwartet
       werden, daß  sich die  Kosten der sogenannten Erstaufstellung der
       Bundeswehr (einschließlich  Ersatzteile und Bevorratung) auf ins-
       gesamt 60  Milliarden DM belaufen werden. Bis Ende vorigen Jahres
       waren zur  Ausrüstung und Bewaffnung der Bundeswehr erst Aufträge
       im Gesamtwert von 34 Milliarden DM erteilt, so daß also praktisch
       erst die  "Halbzeit" des  Bundeswehraufbaues erreicht ist. Völlig
       ausgeschlossen ist es also, die Phase der Erstaufstellung schon -
       wie ursprünglich geplant - 1964/65 abzuschließen.
       Gegenwärtig stellt  sich das  jährliche Beschaffungsvolumen auf 7
       bis 8  Milliarden DM. Es reicht bei weitem nicht aus, den im Aus-
       land und im Inland eingegangenen Verpflichtungen nachzukommen. So
       befindet sich die Bundesrepublik gegenüber Großbritannien im Ver-
       zug. Die zugesagten Käufe von Rüstungsgütern in Höhe von jährlich
       600 Millionen DM konnten bisher nur zu rund 60 Prozent realisiert
       werden. Gegenüber den USA beläuft sich die jährliche Auftragsver-
       pflichtung auf  2,8 Milliarden DM, die in dem Maße immer schwerer
       einzuhalten ist, als die deutsche Industrie in die Produktion von
       sogenanntem hartem Kriegsgerät eingeschaltet wird..." (Der Volks-
       wirt v. 7.6.63.)
       "Seit 1960  bis zum  laufenden Jahr sind die Aufwendungen für die
       Bundeswehr von  9,8 auf  netto 18  Mrd. DM gesteigert worden. Sie
       haben sich  damit im  Laufe von drei Jahren fast verdoppelt. Nach
       deutschen Vorstellungen  dürften sie  1964 abermals, und zwar auf
       mindestens 20,5  Mrd. DM klettern. Das allein würde bedeuten, daß
       der Bund  praktisch seine ganzen zu erwartenden Steuermehreinnah-
       men für die Verteidigung zur Verfügung stellt. Die amerikanischen
       Forderungen laufen  aber auf  eine zusätzliche Erhöhung des NATO-
       Beitrags um  etwa 1,5  Mrd. DM  hinaus. Die Grenzen des Möglichen
       würden auf  diese Weise zweifellos weit überschritten." (Deutsche
       Zeitung v. 24.6.63)
       

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