Quelle: Blätter 1963 Heft 09 (September)


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       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Hans v. Uslar:
       
       FRANZ JOSEF STRAUSS - EIN TYPUS UNSERER ZEIT
       ============================================
       ...
       "Wer  oder   was  befugt   Herrn  Strauß"   (schreibt  dazu   die
       "Süddeutsche Zeitung"), in diesem Augenblick und mit diesem auto-
       ritären Pomp  eine Erklärung  abzugeben, die a) die heute zu lei-
       stende Unterschrift der Bundesregierung vor den Augen der Welt in
       ein zweifelhaftes  Licht setzt;  b) einen  heillosen  Widerspruch
       zwischen dem  Bundeskabinett und der "überwiegenden Mehrheit" von
       CDU und CSU unterstellt, und c) eine Kompetenzüberschreitung dar-
       stellt, nicht  geringer als  die  desselben  Mannes  vom  vorigen
       Herbst? Wird  sich die  solcherart bevormundete CDU gefallen las-
       sen, daß der Vorsitzende der Fraktionsgruppe die Parteigesamtheit
       so hemmungslos  für seine  persönlichen Ansichten einspannt? Denn
       dies ist es, was Straußens wiederbelebte politische Aktivität von
       neuem zum  Stein des Anstoßes werden läßt: daß er offenkundig nur
       an sich  denkt und  weder den  Zusammenhalt der  Regierungspartei
       noch die  Glaubhaftigkeit der  Regierungspolitik  berücksichtigt,
       wenn er  gegen einen  Gegner - Schröder - amoklaufend einen Punkt
       herausholen möchte!"
       ...
       ...
       "Der Bundeskanzler  muß ihn  (schrieb noch während der "Spiegel"-
       Krise die  FAZ) außerhalb  der Regierung  als motorische Kraft im
       parlamentarischen Regierungslager  möglicherweise  mehr  fürchten
       als in  den Schranken der Kabinettsdisziplin, wie sehr diese auch
       gelitten hat..."
       ...
       ...
       "Die parlamentarische  Demokratie muß  sich nachsagen lassen, sie
       sei eine  Art Treibhaus  für den Typus. Wäre Strauß Bundeskanzler
       geworden, niemand  hätte sagen  dürfen, er habe sich auf illegale
       Weise diese Position verschafft... Nicht ein künftiges, repoliti-
       siertes Volk,  sondern das  Volk, wie es Adenauer nach dem Kriege
       vorgefunden und im Kühlschrank seiner 'Kanzlerdemokratie' konser-
       viert hat,  ein politisch  weitgehend statisches  Volk ohne Ideen
       und nationale  Ambitionen, war bereits im Begriff, die politische
       Führung einem  Mann anzuvertrauen,  der, zerfressen  von Ehrgeiz,
       niemals zu  erkennen gegeben hat, um welchen fixen Punkt sein dy-
       namisches Denken  und Handeln  kreiste. War  es so schwer, hinter
       der aus  Millionen von Worten gebildeten 'demokratischen' Fassade
       den absoluten  Machtanspruch zu entdecken? Oder wurde er erkannt,
       mehr instinktiv  als intellektuell,  und wurde  Strauß vielleicht
       gerade deswegen für den fähigsten Politiker gehalten? (S. 19)...
       Die Amoralität  der Wirtschaftswunderwelt verhinderte, daß Strauß
       bereits über die Fibag-Affäre stürzte...
       ...Im ganzen  wird man aber sagen dürfen, daß die öffentliche Mo-
       ral Strauß  weniger zu  schaffen machte und ihn weniger an seiner
       vollen Entfaltung  hinderte, als die politische Statik. Die Beun-
       ruhigung, die  Strauß mit  seiner antikommunistischen  Panikmache
       ins Volk  tragen wollte,  ging nicht  tief genug,  als daß er mit
       wirklich durchschlagendem Erfolg die Rolle des Retters in der Not
       hätte spielen können, der ja nie einer anderen Rechtfertigung be-
       darf als eben der 'Not'.
       Wenn aber  Strauß nicht trotz, sondern wegen seiner Prinzipienlo-
       sigkeit, nicht  trotz, sondern wegen seiner Panikmache... Chancen
       hatte und hat, dann heißt das, der individuelle Befund gehört es-
       sentiell auch  zum Bild  des Typus,  nicht nur zu dem von Strauß.
       Des Typus,  in dem wir den möglichen künftigen Überwinder unserer
       Demokratie sehen.  Es handelt sich hier nicht um zufällige Schwä-
       chen, sondern um geistige Merkmale, ohne die der Typus in unserer
       Gesellschaft gar nicht 'ankäme'.
       Der nicht  nur im  Rückschlag auf  Hitler, sondern auch als Folge
       unserer antikommunistischen  Position entstandene  anti-ideologi-
       sche Affekt bringt Bewunderung, unkritische Bewunderung für einen
       Typus hervor, dessen politische Potenz in einem voraussetzungslo-
       sen Machtzynismus besteht. (S. 35/36)...
       ...Die Veränderungen,  die sich  anscheinend mit  unserem Volk in
       Reaktion auf  die Erfahrung  Hitler mit  allen ihren Konsequenzen
       vollzogen haben,  sind heute  bereits nahezu integriert in Struk-
       turveränderungen der  Welt überhaupt ... In den vergangenen zwan-
       zig Jahren  hat sich die 'verwaltete' gegen die 'politische' Welt
       mehr und  mehr durchgesetzt und alle Bereiche menschlichen Zusam-
       menlebens überzogen...
       So paradox  es zunächst  klingt: die nationalsozialistische Herr-
       schaft, die  dem Anschein  nach eine totale Politisierung der Ge-
       sellschaft bewerkstelligte,  ihre Umformung  in eine  streng  ge-
       schlossene Gemeinschaft,  spielte hinsichtlich  des Fortschrittes
       der a-politischen 'verwalteten' Welt eine avantgardistische Rolle
       in Europa.  Auf massenhafte  Ballung der Menschen und auf massen-
       hafte Bündelung  von Energien zum Zwecke der Anwendung nach außen
       angelegt,  leistete   das  totalitäre   Regime  dem   Aufbau  von
       'Apparaten' Vorschub.  Unter dem  Deckmantel der  Ideologie hatte
       sich eine  politisch und  moralisch wertfreie, rein auf Nützlich-
       keit und  Leistung  ausgerichtete  Technokratie  hypertroph  ent-
       wickelt, die 1945 nur insoweit zerstört war, als sie buchstäblich
       aus Maschinen  und Fabriken  bestanden hatte. Es blieb jedoch ein
       bestimmter Menschentyp  in seinem  Bestand erhalten, ohne den ein
       'Apparat' nicht  vorstellbar ist...  Nach dem  Zusammenbruch  der
       ideologisch-politischen Positionen  unseres Staates  fand  er  in
       Deutschland geradezu  ideale Voraussetzungen.  Er war  unerschüt-
       tert. Er  hatte Hitler gedient, aber er war weder guter National-
       sozialist noch  aktiver Feind gewesen. Auflehnung ist nicht seine
       Sache. Die  würde geplante Abläufe stören... Es war nicht so, daß
       der Typus  nach 1943 noch sonderlich an Hitler gehangen hätte. Im
       Gegenteil, dessen  offensichtliche Unvernunft  machte sich  immer
       störender bemerkbar,  und als  er weg war, lag die politische und
       soziologische Landschaft  viel überschaubarer und leichter zu er-
       obern unter  den Blicken  der Technokraten,  die wir  später eine
       Zeitlang Wirtschaftswunderkinder genannt haben.
       Für sie  hat es ein Jahr Null höchstens im materiellen Sinn gege-
       ben. Anfang  und Ende  politischer und geistiger Ordnungen bedeu-
       tete ihnen  so wenig  wie die Ordnungen selbst. Dank Hitler waren
       sie zahlreicher  und besser geschult in Deutschland vorhanden als
       im übrigen  Europa. Infolgedessen  genossen wir  zehn Jahre  lang
       einen klaren  Vorsprung an efficiency. Infolgedessen - aber auch,
       weil das  enttäuschte, von  der Politik  angewiderte, seiner Mit-
       schuld sich  entziehen wollende Volk genau nach diesem Typus ver-
       langte... Im Vordergrund sehen wir die Figur und den Aufstieg von
       Franz Josef  Strauß..., der potentiell, wie wir heute wissen, den
       technokratischen Typ  in einer  bestimmten politischen Ausprägung
       repräsentiert, den wir den Funktionär nennen...
       Hinsichtlich der  psychologischen Struktur  und der Erfolgserwar-
       tung, die an das Wirken beider geknüpft ist, kann kaum ein Unter-
       schied zwischen  Manager und Funktionär festgestellt werden. Auch
       die Mittel,  mit denen  der Funktionär  das  institutionalisierte
       Gruppeninteresse in  Macht verwandelt  und mit  seiner Person  zu
       verbinden weiß,  unterscheiden sich  nicht mehr von denen, welche
       der Manager  anwendet, um  das Interesse der Eigentümer am Gewinn
       zum Fundament  seiner Herrscherstellung zu machen. Ihre Machtaus-
       übung vollzieht sich in parallelen Abläufen. Damit aber nicht ge-
       nug, werden  sie in  der Regel  versuchen, von ihrer Position aus
       Einfluß auf  die gesamtgesellschaftlichen  Verhältnisse zu erlan-
       gen. Daß  der Funktionär  als Verwalter  politischer Macht diesen
       Ehrgeiz entwickelt,  ist nicht  weiter verwunderlich. Daß ihn der
       Manager gerade in seinen hervorragendsten Exemplaren nicht minder
       zeigt, ist  nachdrücklicher Hinweis  darauf, daß  die Entwicklung
       die  Grenzlinien   zwischen  einer   institutionalisierten  Herr-
       schaftsausübung im  politischen und  im ökonomischen Bereich ver-
       wischt. Hier  wie dort  führt sie  zum Management. Der Funktionär
       ist kein  'Führer'. Er erhebt keinen charismatischen Anspruch. Er
       will nicht,  daß die  Menschen an ihn glauben oder ihm vertrauen.
       Er will  nur, daß  sie nach seinen Vorstellungen 'funktionieren'.
       Der Begriff  'manipulieren' kann  vielerlei bedeuten: Bestechung,
       Überredung, Täuschung,  Gewaltanwendung,  Bedrohung,  Korruption,
       Verlockung, Verführung.  Manipulation ist... Mißbrauch der Macht.
       Wir haben  ihn erlebt.  Ein Jahrzehnt  lang hat  ein ganzes  Volk
       Strauß bei  seinem Mißbrauch  der Macht, bei seinen fortwährenden
       Versuchen, sich die Umwelt durch Manipulation zu unterwerfen, zu-
       geschaut, und die meisten haben Beifall geklatscht..."
       ...
       ...
       "Nein.
       Für diesen  Pessimismus gibt es triftige Gründe. Pauschal gesagt:
       Wir sehen  eine unseres  Erachtens irreparable,  konstitutionelle
       Schwäche der  parlamentarischen Demokratie  vor uns, die zwar ein
       Hitler nicht mehr für sich ausnützen kann, wohl aber der Funktio-
       när. (S. 69)...
       Die politische  Macht gleicht sich mit alldem nur dem wirtschaft-
       lichen Management  an, um  von ihm  nicht gänzlich 'überrollt' zu
       werden. Aber  es wird ihr, soweit sie parlamentarisch legitimiert
       ist, nicht  viel helfen,  die Methoden des Managements nachzunah-
       men... In diese Entwicklung, die auf zwangsläufige Fakten zurück-
       zuführen ist,  und durch  nichts rückläufig  gemacht werden kann,
       müssen wir  den politischen  Funktionär und  seine  Machtapparate
       stellen, um zu verstehen, warum wir seine Chancen gegen die Demo-
       kratie so  hoch einschätzen  und warum  wir es im Grunde für eine
       Personal-, nicht mehr für eine Prinzipienentscheidung halten, was
       ein legal zur Spitze aufgestiegener Funktionär aus seiner Legiti-
       mation machen wird. Will er die absolute Macht, so wird der Zeit-
       wind sie ihm ins Haus wehen. (S. 71)...
       Die Souveränität  wurde im  parlamentarischen System  deshalb dem
       Parlament institutionell  zugespielt, weil  es der  Ort des  Aus-
       gleichs der Gruppeninteressen sein sollte. Wenn es nun dazu nicht
       mehr in  der Lage  ist, weil  ihm die effektive Souveränität ent-
       gleitet, wenn  Technokraten die  gesellschaftsformenden Planungen
       bestimmen, dann  wird sich unvermeidlich die Planung im Interesse
       der stärksten Gruppe vollziehen.
       Das ist  unsere Situation.  Ein Adenauer, ein Strauß sind Syndizi
       der Eigentümer  und Verwalter  der Produktionsmittel,  und ein de
       Gaulle ist  nichts anderes. Sie haben mehr oder weniger die tech-
       nokratischen Planungen demokratisch segnen zu lassen, und das tun
       sie. (S. 73)...
       Indes, Strauß ist nicht nur ein Funktionär! (S. 76/77)...
       Er ist Demagoge im gleichen Maße wie er Funktionär ist... Wir ma-
       chen uns  Gedanken darüber, was ein im Besitz der Macht befindli-
       cher Typus  'Strauß' aus seinen unbestreitbaren demagogischen Fä-
       higkeiten machen  könnte... Obwohl  Strauß seine Demagogie bisher
       nicht sehr  viel eingebracht,  gewiß aber  auch manches  gekostet
       hat, benützte  er jede  Gelegenheit, Kontakt mit jener soziologi-
       schen Erscheinung  aufzunehmen, die  man in der Weimarer Republik
       so häufig als 'die Straße' zitierte, die wir aber doch heute bes-
       ser ganz  unpolemisch das Volk nennen... In dieser seltsam janus-
       köpfigen Erscheinung sehen wir einen neuen politischen Typus, der
       uns so  vollkommen ausgebildet  auf der  Bonner Bühne  sonst noch
       nicht begegnet  ist. Amerika  lehrt uns  jedoch, daß Strauß nicht
       der erste und einzige seiner Art ist... Es war notwendig, dem Ty-
       pus einen Namen zu geben, und wir haben uns einfach durch die Ad-
       dition der  Begriffe geholfen,  wir nennen  ihn: der demagogische
       Funktionär...
       Es ist  nämlich keineswegs  so, daß Strauß das eine Mal als Funk-
       tionär, das  andere Mal  als Demagoge  gehandelt hätte. Er war in
       vielen Situationen  sowohl das eine wie auch das andere... Dieses
       Wechselspiel in  der Anwendung der Methoden; die plötzliche Iden-
       tifikation mit  einem ideologischen  Überbau, die eines der Kenn-
       zeichen der Demagogen ist; die Verwerfung jeglicher ideologischer
       Fixierung im  nächsten Augenblick zugunsten der reinen Ratio, des
       kühlen Kalküls,  verwirrte die  Öffentlichkeit, machte  den  Mann
       ungreifbar, und trug zu seinem Erfolg viel bei. (S. 78/79/80)...
       Wir stehen unmittelbar am Beginn einer neuen Epoche...
       Aus vorgegebenen psychologischen, außenpolitischen und innenpoli-
       tischen  Faktoren,  aus  einem  ökonomischen  Automatismus  baute
       Adenauer eine Patt-Situation auf, in der er nahezu alle elementa-
       ren deutschen  Probleme ungelöst vor sich herschieben konnte. (S.
       84/85 86)...
       Jetzt endet  für ein der Politik systematisch entwöhntes Volk die
       Große Pause,  die er  Status quo  nannte und  an deren  Dauer  er
       glaubte... Es tritt in die Fortsetzung seiner Geschichte ein...
       Demokratie besitzt  eingeplante Mittel, ihre Feinde zu bekämpfen.
       Man hat  rückblickend der  Weimarer Republik den Vorwurf gemacht,
       sie sei  in der  Anwendung dieser Mittel nicht entschlossen genug
       gewesen und  deshalb habe  Hitler zum  Erfolg kommen  können. Der
       Vorwurf ist  billig und  trifft den  Kern des Problems nicht, vor
       dem die  demokratischen Führer nach dem ersten Weltkrieg standen.
       Parlamentarische Demokratie setzt eine gewisse Vernünftigkeit des
       Staatsvolkes voraus,  eine grundsätzliche  Bereitschaft, 'ja' zum
       Staat zu  sagen. Nach  1918 weigerte sich eine überwiegende Mehr-
       heit des  Volkes, mitzuwirken,  weil es  nicht anerkennen wollte,
       daß es  den Krieg  verloren hatte,  verloren auf dem Schlachtfeld
       als der  effektiv Schwächere. Indem es sich zur Aufrechterhaltung
       der 'Dolchstoß'-Legende  in  abenteuerliche  Verdrängungsprozesse
       geradezu stürzte,  trennte es  sich von  der politischen Realität
       und war  zu vernünftigen Entscheidungen nicht mehr imstande. Hit-
       ler mußte  siegen, nicht  weil sich demokratische Regierungen der
       Lage nicht  gewachsen gezeigt  hätten, nicht  weil es Not und Ar-
       beitslose gab, sondern weil das Volk nicht bereit war, sein eige-
       nes Schicksal  anzunehmen. Hitler war nicht nur selbst ein Betrü-
       ger, er  war außerdem  der personifizierte, riesenhafte Selbstbe-
       trugsversuch eines ganzen Volkes.
       Wie anders  ist unsere  Situation jetzt!  Wirklich?... Wir hatten
       Pause... Wirtschaftswunderpause.  Deutsche Pause  mit einem Wort.
       Damit ist  Schluß! Wir haben am Aufbau eines neuen Staates mitge-
       arbeitet. Wir haben ihn aufgerüstet, aber man hat uns zwölf Jahre
       lang gesagt,  das ist  gar kein Staat, das ist ein Provisorium...
       Man hat  jenseits unserer  Grenzen einen  anderen deutschen Staat
       aufgebaut, aber  man hat  uns gesagt: Das ist gar kein Staat, das
       ist eine  ES-BE-ZET. Man  wird uns  vielleicht morgen aus Amerika
       mitteilen: Das ist ein Staat...
       Man hat uns gesagt: Laßt nur, die Russen, die ziehen schon wieder
       ab aus  Mitteleuropa. Sie sagen uns: Wir bleiben! Man hat uns ge-
       sagt: Die Oder-Neiße-Linie gibt es in Wirklichkeit gar nicht, die
       hat niemand anerkannt, niemand, der für uns wichtig ist. Man wird
       uns wahrscheinlich  morgen sagen:  Nur wenn  ihr sie als Realität
       nehmt, werden wir Berlin 'retten' können.
       Die Wirklichkeit  wird auf  uns zukommen. Nichts anderes. Nur die
       Wirklichkeit. Es wird eine Weile dauern, bis wir sie zur Kenntnis
       genommen haben.  Und dann?  Dann erst,  keinen Augenblick früher,
       werden wir Aussagen darüber machen können, ob Bonn wirklich nicht
       Weimar ist...
       Wir sind nach 1918 durch kein Wirtschaftswunder von dem unmittel-
       baren Zusammenstoß  mit der  neuen Realität  bewahrt gewesen.  Es
       hatte keine Deutsche Pause gegeben, wir hatten keine Zeit, irgend
       etwas zu  vergessen, die  Schlachtfelder lagen  noch dampfend da.
       Aber wir sagten: Nein! Nein! Das ist nicht wahr! Wir sind nur be-
       trogen worden...
       Jetzt trennen  uns achtzehn  Jahre von  der Wirklichkeit, die wir
       anerkennen müssen,  wenn wir wieder Anschluß an unsere eigene Ge-
       schichte bekommen  wollen. Wir  sind reich, sorgenlos - und ober-
       flächlich geworden...  Von unheilvoller  Vorbedeutung scheint es,
       daß die Nicht-Politiker der Pause die wenigen Ja-Sager zur Reali-
       tät als  Verräter bezeichnet  haben, oder,  in ihrem  Jargon, als
       Kommunisten. Und:  Wo das  stabilisierte Bonner Herrschaftssystem
       zu einer  klaren politischen Äußerung über die elementaren, unge-
       lösten Probleme  provoziert werden konnte, reagierte es nicht an-
       ders als  jene deutsche  Mehrheit von 1918, die später Hitler zur
       Macht verhalf. Es flüchtete in Selbstbetrug.
       Wer Strauß  und seinen Typ nicht in diese Perspektive stellt, und
       sich dabei  überlegt,  welchen  Inhalt  und  welches  Ziel  seine
       Demagogie in  Zukunft gewinnen könnte, der handelt als Staatsbür-
       ger grobfahrlässig...  Denn der  Selbstbetrug schließt die Gewal-
       tanwendung zur Durchsetzung schuldhaft verspielter Ansprüche ein.
       Wer dabei  nicht in Rechnung stellt, daß diesem Typus die plebis-
       zitär legitimierte, absolute Macht schließlich doch noch mehr Be-
       friedigung gewährt  als die  institutionell legitimierte, der hat
       Franz Josef Strauß, den Demagogen, nie erlebt." (S. 87 ff.)
       ...
       ...
       "...wollen keinem  Staatsmann unterstellen, daß er bewußt Verfas-
       sung und Recht brechen will..."
       ...
       ...
       "Die positive  Entwicklung der  Demokratie auf allen Gebieten, in
       kühnen wie  alltäglichen Verwirklichungen, ist selbstverständlich
       die beste Abwehr der Demagogie..."
       ...
       ...
       "...die, denen  die Bedingungen  unserer politischen Selbständig-
       keit, also  unserer Freiheit  und also  unserer Würde, Gegenstand
       der täglichen  Beachtung und  Beobachtung sind,  müßten solidari-
       scher, systematischer,  umfassender und  genauer tätig  sein  als
       bisher. Das ist alles."
       ...
       ...
       "Wenn wir  urteilsbildende Meinungen  und kontrollierende  Kritik
       brauchen, dann brauchen wir freie Journalisten an den Fronten des
       öffentlichen Lebens,  nicht weisungsgebundene  Beamte im  Hinter-
       grund der öffentlichen Meinungsbildung..."
       ...
       ...
       "Das Schwierigste  ist  -  aber  es  kann  doch  nicht  unmöglich
       sein...!"
       ...
       ...
       "Man wird ferner eifersüchtig ... die Rolle zu verteidigen haben,
       die den  Intellektuellen in  der pluralistischen Gesellschaft zu-
       kommt. Sie  sind das Salz des Fortschritts." - Ist gewiß sehr ka-
       meradschaftlich von  ihm -  und ungeheuer  ehrenvoll für  uns und
       ihn. Dennoch  kann ich  uns kein X für ein U vormachen: Kogon ist
       das Urbild des Vogel Strauß. Der das Straußen-Ei ausbrütet. Seine
       Analyse aber  sollte nicht  "Verteidigung unserer  Möglichkeiten"
       heißen, sondern "Die unbefleckte Empfängnis der Demokratie".
       ...
       ...
       "Wir beabsichtigen  nichts weniger,  als einen demokratischen De-
       faitismus zu  verbreiten. Zwar  halten wir  es für  ausgesprochen
       schädlich, an  demokratischen Illusionen  festzuhalten, aber  was
       wir uns  von einer  realistischen Klärung  versprechen, ist nicht
       Resignation, sondern im Gegenteil: Verschärfung des Widerstandes.
       ... Gerade  weil wir uns mit einer geschwächten parlamentarischen
       Souveränität abzufinden  haben; gerade weil weder politische noch
       soziologische Analysen wirksame Waffen gegen den Typus des macht-
       gierigen Funktionärs  liefern und wir uns nicht in einer institu-
       tionalisierten Sicherheit  fühlen dürfen, müssen wir Personen be-
       kämpfen..."
       ...
       

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