Quelle: Blätter 1963 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       KENNEDY VOR DEN VEREINTEN NATIONEN
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       Die Rede  des amerikanischen Präsidenten Kennedy vor der General-
       versammlung der Vereinten Nationen am 20.9.1963 hat nach UPI fol-
       genden Wortlaut:
       
       "Herr Präsident,  Herr Generalsekretär,  Delegierte der Vereinten
       Nationen, meine  Damen und Herren: Wir treffen hier erneut in un-
       serem Bemühen  um den  Frieden zusammen.  Vor 24 Monaten, als ich
       zuletzt die  Ehre hatte,  vor diesem Gremium zu sprechen, lag der
       Schatten der  Furcht düster  über der Welt. Die Freiheit Westber-
       lins war in unmittelbarer Gefahr. Ein Abkommen über ein neutrales
       Laos schien weit entfernt. Das Mandat der UN im Kongo wurde ange-
       griffen. Die  finanzielle Zukunft  der  Weltorganisation  war  in
       Frage gestellt.  Dag Hammarskjöld  war tot,  zur Besetzung seines
       Postens wurde die Troika-Doktrin aufgestellt, und die Kernwaffen-
       versuche in  der Atmosphäre waren soeben von der Sowjetunion wie-
       der aufgenommen worden.
       Dies waren Tage der Angst für die Menschheit - und manche fragten
       sich laut,  ob diese Weltorganisation weiter fortbestehen könnte.
       Aber die 16. und die 17. Generalversammlung erreichten nicht nur,
       daß die  Weltorganisation weiter bestand, sondern auch, daß Fort-
       schritte erzielt  wurden. Die Vereinten Nationen zeigten sich ih-
       rer Verantwortung  gewachsen und  trugen dazu bei, die Spannungen
       zu verringern und die düstere Zukunft abzuwenden.
       Heute haben  sich die  Wolken etwas  gelichtet, so daß neue Hoff-
       nungsstrahlen  durchbrechen  können.  Der  Druck  auf  Westberlin
       scheint vorübergehend  nachgelassen zu haben. Die politische Ein-
       heit im  Kongo ist  weitgehend wiederhergestellt. In Laos besteht
       zumindest eine neutrale Koalition - auch wenn sie noch Schwierig-
       keiten hat. Die Integrität des UN-Sekretariats wurde erneut gefe-
       stigt. Die Vereinten Nationen haben ein Jahrzehnt der wirtschaft-
       lichen Entwicklung in Angriff genommen, und schließlich wurde zum
       erstenmal  nach  17  Jahre  langen  Bemühungen  ein  spezifischer
       Schritt unternommen, um das atomare Wettrüsten zu begrenzen.
       Ich meine  damit den Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversu-
       chen in  der Atmosphäre,  im Weltraum  und unter Wasser, der zwi-
       schen der Sowjetunion, Großbritannien und den Vereinigten Staaten
       abgeschlossen und inzwischen bereits von fast hundert Staaten un-
       terzeichnet wurde.  Dieser Vertrag  wurde von der Bevölkerung der
       gesamten Welt,  die dankbar  ist, von der Furcht vor radioaktiven
       Niederschlägen befreit  zu sein, aus tiefstem Herzen begrüßt, und
       ich bin fest davon überzeugt, daß er am kommenden Dienstagvormit-
       tag um  11 Uhr 30 die überwältigende Unterstützung des amerikani-
       schen Senats finden wird.
       Die Welt ist dem Dunkel noch nicht entronnen. Die langen Schatten
       der Auseinandersetzungen  und Krisen halten uns noch immer umfan-
       gen. Doch  kommen wir  heute in einer Atmosphäre wachsender Hoff-
       nung in  einem verhältnismäßig  ruhigen Augenblick  zusammen. Daß
       ich hier  zugegen bin,  ist nicht  ein Zeichen der Krise, sondern
       der Zuversicht. Ich bin nicht hier, um über eine neue Friedensbe-
       drohung oder  über neue  Kriegsanzeichen zu  berichten.  Ich  bin
       vielmehr gekommen,  um die Vereinten Nationen zu grüßen und Ihnen
       die Unterstützung  des amerikanischen  Volkes bei Ihren täglichen
       Beratungen zu demonstrieren.
       Der Wert  der Arbeit, die von dieser Körperschaft geleistet wird,
       hängt nicht  vom Vorhandensein  von Notstandssituationen  ab, und
       der Weg  zum Frieden  kann auch nicht nur aus dramatischen Siegen
       bestehen. Der  Friede ist ein täglicher, wochen- und monatelanger
       Prozeß der  allmählichen Meinungsänderung,  der langsamen Aushöh-
       lung alter  Widerstände, des stillen Aufbaus neuer Strukturen; so
       undramatisch solche Friedensbemühungen auch sind, sie müssen doch
       ständig fortgesetzt werden.
       Heute mögen  wir eine  Pause im Kalten Krieg erreicht haben, aber
       das ist  noch kein  dauerhafter Frieden. Ein Versuchsstoppvertrag
       ist ein  Meilenstein, aber damit ist noch kein goldenes Zeitalter
       angebrochen. Wir sind keineswegs aus unseren Verpflichtungen ent-
       lassen, sondern haben nur eine Chance erhalten. Und wenn wir die-
       sen Moment  und Schwung  nicht voll  zu nutzen verstehen, sondern
       unsere neugewonnenen Hoffnungen und Einsichten in neue Mauern und
       Waffen der  Feindschaft umwandeln  lassen -  wenn diese Pause des
       Kalten Krieges  lediglich zu  seiner Erneuerung  statt zu  seiner
       Beendigung führt  -, dann wird die Nachwelt zu Recht in vorwurfs-
       voller Anklage  mit Fingern  auf uns  alle zeigen.  Wenn wir aber
       diese Pause zu einer Periode fruchtbarer Zusammenarbeit auszudeh-
       nen vermögen,  wenn beide  Seiten jetzt neues Vertrauen und echte
       Erfahrung im  konkreten Zusammenwirken  für den Frieden gewinnen,
       wenn wir  jetzt imstande sind, die Kontrolle der tödlichen Waffen
       ebenso kühn  und weitblickend  zu betreiben  wie vorher ihre Her-
       stellung, dann  kann dieser  erste kleine  Schritt sicherlich zum
       Beginn einer langen und fruchtbringenden Reise werden.
       Die Aufgabe,  den Frieden  zu schaffen, ist den Führern aller Na-
       tionen, der großen wie der kleinen, gestellt, denn die Großmächte
       besitzen kein  Monopol auf  Konflikte und  Ambitionen. Der  Kalte
       Krieg ist  nicht die  einzige Ausdrucksform der Spannungen in der
       ganzen Welt,  und das  nukleare Wettrüsten  ist nicht der einzige
       Rüstungswettlauf. Auch kleine Kriege sind gefährlich in einer nu-
       klear bewaffneten  Welt. Die mühselige Arbeit für den Frieden ist
       eine Aufgabe  für alle  Nationen, und bei dieser Anstrengung kann
       sich keiner von uns abseits halten. Diesem Ziel darf sich niemand
       versagen.
       Die Verminderung der weltweiten Spannungen darf nicht als Vorwand
       für die engstirnige Verfolgung selbstsüchtiger Interessen benutzt
       werden. Wenn  die Sowjetunion  und die  Vereinigten Staaten trotz
       all ihren  globalen Interessengegensätzen und ideologisch beding-
       ten Auseinandersetzungen mit immer noch gegeneinander gerichteten
       Kernwaffen imstande  sind, ein  Gebiet der gemeinsamen Interessen
       und des  Einvernehmens zu finden, dann sollten dies andere Natio-
       nen sicherlich  auch können  - Nationen,  die von regionalen Kon-
       flikten, Rassenkämpfen  oder von den Todeszuckungen des alten Ko-
       lonialismus in  Atem gehalten  werden. Chronische Streitigkeiten,
       die den  notwendigen Aufgaben  der Nationen wertvolle Kräfte ent-
       ziehen oder  die Energien  beider Seiten  verschleißen, sind  für
       niemanden von Nutzen; das Erkennungsmerkmal des Verantwortungsbe-
       wußtseins ist  in der modernen Welt die Bereitschaft, nach fried-
       lichen Lösungen zu suchen.
       Für einen Versuch ist es niemals zu früh, für eine Aussprache ist
       es niemals  zu spät,  und es ist höchste Zeit, daß viele Dispute,
       die auf  der Tagesordnung  dieser Generalversammlung  stehen, aus
       Streitgegenständen zu Verhandlungsgegenständen gemacht werden.
       Tatsache ist,  daß die  Vereinigten Staaten  als eine  der großen
       Atommächte eine  besondere Verantwortung  tragen. Es handelt sich
       faktisch um  eine dreifache Verantwortung: eine Verantwortung ge-
       genüber unseren  eigenen Mitbürgern, eine Verantwortung gegenüber
       Menschen in  aller Welt, die von unseren Entscheidungen betroffen
       werden, und eine Verantwortung gegenüber der kommenden Generation
       der Menschheit.  Wir glauben,  daß auch die Sowjetunion diese be-
       sondere, dreifache  Verantwortung trägt  und daß diese Verantwor-
       tung unsere  beiden Länder verpflichtet, das Hauptaugenmerk weni-
       ger auf  unsere Differenzen  und mehr  auf die  Mittel  zu  ihrer
       friedlichen Beilegung  zu richten.  Viel zu lange schon haben wir
       beide unsere  Militärhaushalte immer  weiter  erhöht  und  unsere
       Kernwaffenvorräte und  unsere Fähigkeit  zur Zerstörung allen Le-
       bens auf  diesem Planeten  - allen  menschlichen, tierischen  und
       pflanzlichen Lebens - immer weiter vermehrt, ohne damit eine ent-
       sprechende Erhöhung unserer Sicherheit zu erreichen.
       Unsere Konflikte  sind sicherlich  realer Natur. Unsere Idealvor-
       stellungen von  der Welt  sind verschieden.  Wir würden niemandem
       einen Dienst  erweisen, wenn  wir es versäumten, unsere Meinungs-
       verschiedenheiten klar  herauszustellen. Eine  der zentralen Mei-
       nungsverschiedenheiten erwächst  aus dem  Glauben des  amerikani-
       schen Volkes  an das  Selbstbestimmungsrecht für alle Völker. Wir
       glauben, daß  es den  Menschen in  Deutschland und Berlin freige-
       stellt sein  muß, ihre Hauptstadt und ihr Land wieder zu vereini-
       gen. Wir  glauben, daß  es den Menschen in Kuba freigestellt sein
       muß, die Früchte der Revolution einzubringen, die so betrügerisch
       von innen verraten und von außen ausgebeutet wurde.
       Um es kurz zu sagen, wir glauben, daß es den Menschen in der gan-
       zen Welt  - in  Osteuropa ebenso  wie in Westeuropa, in Südafrika
       ebenso wie  in Nordafrika, in den alten Staaten ebenso wie in den
       jungen - freigestellt werden muß, über ihre eigene Zukunft zu be-
       stimmen, ohne  Diskriminierung oder  Diktat und  ohne Zwang  oder
       Subversion.
       Dies sind grundlegende Meinungsverschiedenheiten zwischen uns und
       der Sowjetunion, und sie lassen sich nicht verheimlichen. Solange
       sie weiterbestehen,  setzen sie  einer Übereinkunft  Grenzen  und
       verbieten ein  Nachlassen der  Wachsamkeit. Unsere Verteidigungs-
       vorkehrungen rund  um den Erdball werden zum Schutze der Freiheit
       aufrechterhalten werden, und unsere Entschlossenheit, diese Frei-
       heit zu wahren, wird jeder Drohung oder Herausforderung gewachsen
       sein.
       Ich möchte  aber den  führenden Männern der Sowjetunion und ihrem
       Volke zurufen, daß wir, wenn unsere beiden Länder ihre Sicherheit
       restlos gewährleistet sehen wollen, einer weit besseren Waffe be-
       dürfen als der Wasserstoffbombe, einer besseren Waffe als Raketen
       oder Atom-U-Boote.  Jene bessere Waffe ist eine friedliche Zusam-
       menarbeit.
       Wir haben  uns in  den letzten  Jahren auf einen Vertrag über die
       beschränkte Einstellung der Kernwaffenversuche geeinigt, auf eine
       Nachrichtenverbindung  zwischen   unseren  Hauptstädten  für  den
       Dringlichkeitsfall, auf eine Grundsatzerklärung bezüglich der Ab-
       rüstung, auf eine Erweiterung des Kulturaustausches, auf eine Zu-
       sammenarbeit im Weltraum, auf die friedliche Erforschung der Ant-
       arktis und  auf eine  Entschärfung der  Kubakrise des vergangenen
       Jahres.
       Darum glaube ich, daß die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten
       zusammen mit  ihren Verbündeten weitere Abkommen erreichen können
       - Abkommen,  die unserem  gemeinsamen Interesse  entspringen, die
       gegenseitige Vernichtung zu verhindern.
       Über die  Reihenfolge weiterer Schritte kann es keinerlei Zweifel
       geben. Wir müssen weiterhin nach einem Übereinkommen über Maßnah-
       men zur Verhinderung eines Krieges durch Zufall und Fehleinschät-
       zung trachten.  Wir müssen  weiterhin ein Übereinkommen über Maß-
       nahmen zur  Sicherung gegen einen Überraschungsangriff anstreben,
       wozu die  Errichtung von  Beobachtungsposten an  Schlüsselpunkten
       gehört. Wir  müssen uns  weiterhin um  ein Abkommen über die Ein-
       schränkung des  nuklearen Wettrüstens  durch eine  Kontrolle  der
       Herstellung von  Kernwaffen, eine Umwandlung spaltbaren Materials
       für friedliche  Zwecke sowie  ein Verbot  unterirdischer Versuche
       mit angemessenen  Inspektionen und  Einhaltungsgarantien bemühen.
       Wir müssen uns weiterhin um ein Übereinkommen über einen freieren
       Informations- und  Personenaustausch von  Ost nach  West und  von
       West nach Ost bemühen.
       Wir müssen,  ermutigt durch die gestrige positive Antwort des so-
       wjetischen Außenministers  auf diesen  Vorschlag, weiterhin  eine
       Übereinkunft über  ein Abkommen  suchen, durch das Massenvernich-
       tungswaffen aus  dem Weltraum  verbannt werden. Sehen wir zu, daß
       wir unsere  Delegierten wieder  an den Verhandlungstisch bringen,
       damit sie  ein durchführbares  Abkommen in dieser Richtung ausar-
       beiten.
       Lassen Sie uns auf diese und andere Weise den steilen und schwie-
       rigen Pfad zu einer umfassenden Abrüstung beschreiten, das gegen-
       seitige Vertrauen  durch gegenseitige  Verifizierung festigen und
       die Institutionen des Friedens schaffen, während wir gleichzeitig
       unsere Kriegsmaschinen  demontieren. Wir  dürfen nicht  deswegen,
       weil etwa nicht in allen Punkten eine Übereinkunft erzielt werden
       kann, eine Übereinkunft dort hinausschieben, wo ein Übereinkommen
       möglich ist. Und wir dürfen Vorschläge nicht einfach nur aus pro-
       pagandistischen Gründen unterbreiten.
       Schließlich gibt  es auf  einem Gebiet,  auf dem  die Vereinigten
       Staaten und  die Sowjetunion  eine führende  Stellung einnehmen -
       dem Gebiet  der Raumfahrt  - Ansatzpunkte genug für eine neue Zu-
       sammenarbeit, für weitere gemeinsame Anstrengungen bei der Ausar-
       beitung eines  Weltraumrechts und der Erforschung des Weltraumes.
       Zu diesen  Möglichkeiten gehört  auch eine  gemeinsame Expedition
       zum Mond. Der Weltraum bietet keine Souveränitätsprobleme. In ei-
       ner Resolution  dieser Versammlung  haben die Mitglieder der Ver-
       einten Nationen  auf jegliche  territorialen  Rechtsansprüche  im
       Weltraum oder  an Himmelskörpern  verzichtet und erklärt, daß das
       Völkerrecht und  die Charta  der Vereinten  Nationen gültig  sein
       sollen. Warum  sollte daher  der erste Flug des Menschen zum Mond
       die Angelegenheit  eines nationalen Wettstreits sein? Warum soll-
       ten sich die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion bei der Vor-
       bereitung solcher  Expeditionen auf  immense Doppelarbeit auf dem
       Gebiet der  Forschung, der  Konstruktion und der Ausgaben einlas-
       sen?  Wir  sollten  lieber  prüfen,  ob  die  Wissenschafter  und
       Astronauten unserer  beiden Länder - ja der ganzen Welt - bei der
       Eroberung des  Weltraumes nicht zusammenarbeiten können, um eines
       Tages in  diesem Jahrzehnt  einen Vertreter  nicht einer einzigen
       Nation, sondern die Vertreter der gesamten Menschheit zum Mond zu
       schicken.
       All diese  und andere  neue Schritte  in dieser Richtung auf eine
       friedliche Zusammenarbeit  sind möglich. Die meisten davon setzen
       unsererseits eine umfassende Konsultation mit unseren Verbündeten
       voraus, denn  deren eigene  Interessen werden  davon genau so be-
       rührt wie  die unsrigen,  und wir werden niemals ein Abkommen auf
       ihre Kosten  abschließen. Die  meisten  solcher  Abkommen  werden
       lange und  sorgfältige Verhandlungen  erfordern. Und  die meisten
       von ihnen  werden eine neue Einstellung zum Kalten Krieg bedingen
       - nicht den Wunsch, seinen Gegner zu "beerdigen", sondern das An-
       liegen, sich  mit ihm  in einer großen Anzahl friedlicher Arenen,
       in Ideen,  in der  Produktion und  im  Dienste  an  der  gesamten
       Menschheit zu messen.
       Der Wettstreit  wird weitergehen  - der  Wettstreit zwischen Men-
       schen, denen  eine monolithische  Welt vorschwebt, und denen, die
       an die Mannigfaltigkeit glauben. Aber es sollte ein Wettstreit um
       die Führung und nicht um die Vernichtung, ein Wettstreit der Lei-
       stung und  nicht der Einschüchterung sein. Im Namen der Vereinig-
       ten Staaten  von Amerika  begrüße ich  einen solchen  Wettstreit;
       denn wir glauben, daß die Wahrheit stärker ist als der Irrtum und
       die Freiheit  dauerhafter als der Zwang. Und im Wettstreit um ein
       besseres Leben wird die gesamte Welt der Sieger sein.
       Das Bemühen  um die  Verbesserung des Loses der Menschen aber ist
       nicht die  Aufgabe einiger Weniger. Es ist die Aufgabe aller Völ-
       ker, ob  sie nun  für sich  allein, in Gruppen oder im Rahmen der
       Vereinten Nationen  handeln. Pest  und Seuchen, Naturkatastrophen
       und der  Hunger sind Feinde eines jeden Volkes. Land und Meer und
       Luftraum -  sie gehen heute alle Völker an. Wissenschaft, Technik
       und Bildung können Verbündete eines jeden Volkes sein.
       Nie zuvor  besaß der Mensch in so hohem Maße die Fähigkeit, seine
       Umwelt zu  ordnen, Hunger  und Durst zu beenden, Armut und Krank-
       heit zu besiegen, das Analphabetentum zu beseitigen und das große
       menschliche Leid  zu bannen. Es steht in unserer Macht, diese Ge-
       neration zur  tüchtigsten der  Menschheitsgeschichte zu  machen -
       oder zu ihrer letzten.
       Die Vereinigten  Staaten haben seit Kriegsende Hilfe im Werte von
       mehr als  100 Milliarden Dollar an Länder geleistet, die eine le-
       bensfähige Wirtschaft  aufzubauen suchten.  Und vor  zwei Jahren,
       auf die  Woche genau,  gründeten wir  das Friedenskorps, um allen
       interessierten Ländern  zu helfen, den Bedarf an entsprechend ge-
       schultem und  begeisterungsfähigem  Personal  zu  decken.  Andere
       hochindustrialisierte  Länder,  deren  Volkswirtschaft  vor  noch
       nicht allzu langer Zeit erst mit unserer Unterstützung wiederauf-
       gebaut worden ist, erkennen nun ihrerseits ihre Verantwortung ge-
       genüber den weniger entwickelten Völkern.
       Die Bereitstellung von Entwicklungshilfe durch die einzelnen Län-
       der muß fortgesetzt werden. Aber auch die Vereinten Nationen müs-
       sen eine  größere Rolle in den Bemühungen spielen, allen Menschen
       die Früchte  der Wissenschaft und Industrie unserer Zeit zukommen
       zu lassen.  Eine Konferenz  der Vereinten Nationen zu diesen Fra-
       gen, die  vor Monaten  in Genf  stattgefunden hat,  eröffnete den
       Entwicklungsländern neue  Ausblicke. Im  kommenden Jahr wird eine
       UN-Konferenz über  Handelsfragen die Notwendigkeit prüfen, diesen
       Ländern neue  Märkte zu eröffnen. Und über vier Fünftel der Orga-
       nisation der  Vereinten Nationen sind heute dabei, die Waffen der
       Wissenschaft und  der Technik  für das  Entwicklungsjahrzehnt der
       Vereinten Nationen zu mobilisieren.
       Es kann aber noch mehr, noch weit mehr geschehen. Es könnten bei-
       spielsweise eine  Weltzentrale für medizinische Nachrichten unter
       den Auspizien  der Weltgesundheitsorganisation  vor Epidemien und
       den nachteiligen  Folgen bestimmter  Drogen warnen und die Ergeb-
       nisse neuer  Versuche und Entdeckungen verbreiten; regionale For-
       schungszentren unser  gemeinsames medizinisches  Wissen erweitern
       und zusätzlich  Wissenschaftler und  Ärzte für die jungen Staaten
       heranbilden; ein  weltumspannendes System von Satelliten die Ver-
       breitung von  Nachrichten und Wettermeldungen in allen Teilen der
       Erde ermöglichen;  ein weltweites  Naturschutzprogramm die  Wald-
       und Wildbestände  erhalten helfen, die gegenwärtig von der Gefahr
       der Ausrottung  bedroht sind,  die Gewinnung  von Nahrungsmitteln
       aus den  Weltmeeren steigern und die Verseuchung der Luft und des
       Wassers durch  industrielle und nukleare Abfallstoffe verhindern;
       und schließlich ein weltweites Programm zur Ertragssteigerung der
       Landwirtschaft und  Verbesserung der  Nahrungsmittelverteilung  -
       ähnlich wie  das "Lebensmittel  für den  Frieden"-Programm meines
       Landes - jedem Kind die Nahrung geben, die es braucht.
       Der Mensch lebt jedoch nicht vom Brot allein - und die Mitglieder
       dieser Organisation  sind durch die Charta verpflichtet, die Men-
       schenrechte zu  fördern und  zu achten.  Diese Rechte aber werden
       nicht geachtet,  wenn ein  buddhistischer Mönch aus seiner Pagode
       vertrieben oder eine Synagoge geschlossen wird, wenn einer prote-
       stantischen Kirche die Errichtung einer Mission verwehrt oder ein
       Kardinal gezwungen wird, sich zu verbergen, oder aber wenn in ei-
       ner überfüllten  Kirche während  des Gottesdienstes Bomben explo-
       dieren.
       Die Vereinigten  Staaten sind gegen jede Diskriminierung aus ras-
       sischen und religiösen Gründen, wo immer sie auftreten mag, ob in
       unserem eigenen Lande oder sonstwo auf der Welt. Wir bemühen uns,
       in unserem eigenen Lande das Unrecht in Recht zu verwandeln.
       Die amerikanische  Regierung hat durch Gesetzes- und Verwaltungs-
       maßnahmen, durch  moralische und  rechtliche Verpflichtungen eine
       entschlossene Anstrengung  gemacht, um unsere Nation von der viel
       zu lange  schon bestehenden  Diskriminierung auf den Gebieten der
       Erziehung, des  Wohnungswesens, des Verkehrs, der Arbeitsbeschaf-
       fung, der  öffentlichen Dienste  sowie der  Erholung zu befreien.
       Daher zögern  wir nicht - weder hier noch vor irgendeinem anderen
       Forum -,  alles rassische  und religiöse  Unrecht, werde  es  von
       Freund oder Feind begangen, zu verdammen.
       Ich weiß,  daß einige von Ihnen Diskriminierungen in diesem Lande
       erfahren haben.  Ich bitte  Sie jedoch,  mir zu glauben, daß dies
       nicht dem Wunsch der meisten Amerikaner entspricht, daß wir Ihren
       Kummer und  Ihre Empörung teilen und daß wir gewillt sind, derar-
       tigen Praktiken  nicht nur  für die Besucher unseres Landes, son-
       dern genauso für seine Bürger ein Ende zu bereiten.
       Ich hoffe, daß nicht nur unsere Nation, sondern auch alle anderen
       Staaten mit  verschiedenen Rassen  diesen Normen  der Fairneß und
       der Gerechtigkeit entsprechen werden. Wir sind unverrückbar gegen
       die Apardheid und alle Formen der menschlichen Unterdrückung. Wir
       vertreten die  Rechte der Schwarzen in Afrika, aber nicht, um die
       Weißen aus Afrika herauszutreiben.
       Neue Anstrengungen  sind notwendig,  wenn die jetzt 15 Jahre alte
       Menschenrechtsdeklaration der  UN-Vollversammlung ihre  volle Be-
       deutung erlangen  soll. Es  sollten neue Mittel zur Förderung der
       Freiheit der  Rede und  des Ideenaustausches  gefunden  werden  -
       durch bessere  Reisemöglichkeiten und Nachrichtenverbindungen und
       durch einen vermehrten Austausch von Besuchergruppen, Büchern und
       Radiosendungen. Denn  jetzt, da  die Welt das Wettrüsten ablehnt,
       muß der  Wettstreit der  Ideen blühen - und dieser Wettstreit muß
       so umfassend und fair wie möglich sein.
       Die amerikanische  Delegation ist bereit, UN-Initiativen zur Ver-
       folgung aller  Ziele anzuregen,  die ich  erwähnt habe. Denn dies
       hier ist  eine Organisation für den Frieden - und der Friede kann
       nicht ohne Fortschritt kommen.
       Die Vereinten  Nationen können stolz sein auf die Verdienste, die
       sie bei  der Bewahrung  des Friedens erworben haben, obwohl ihnen
       immer noch  gewaltige Aufgaben  zu bewältigen bleiben. Wir dürfen
       uns glücklich  schätzen, daß  wir auf das Geschick unseres ausge-
       zeichneten Generalsekretärs  und auf  den tapferen  Einsatz jener
       zählen dürfen,  die sich  in den Dienst der Sache des Friedens im
       Kongo und im Mittleren Osten, in Korea und Kaschmir, in West-Neu-
       guinea und  Malaysia gestellt  haben - aber was die Vereinten Na-
       tionen in der Vergangenheit vollbrachten, ist weniger wichtig als
       ihre künftige Aufgabe. Wir können ihren friedensbewahrenden Appa-
       rat nicht  als selbstverständliche Einrichtung betrachten. Dieser
       Apparat bedarf  einer soliden  Finanzierung, und  diese ist nicht
       gegeben, wenn  man zuläßt, daß einige Mitglieder die Organisation
       dadurch an  der Erfüllung  ihrer Pflichten hindern, daß sie ihren
       eigenen Verpflichtungen nicht nachkommen.
       Es ist zum Beispiel sehr wichtig, nicht die außerordentlichen Er-
       folge der Vereinten Nationen im Kongo in Frage zu stellen. Dieses
       Land, das  erst vor drei Jahren um die Hilfe der Weltorganisation
       nachsuchte, hat  jetzt darum  gebeten, daß die Vereinten Nationen
       noch etwas länger dort bleiben. Meines Erachtens sollte die Gene-
       ralversammlung alle  notwendigen Schritte  zur Konsolidierung der
       bereits erzielten  Erfolge unternehmen und das junge Land in sei-
       nem Kampf  um den Fortschritt schützen. Lassen Sie uns vollenden,
       was wir  begonnen haben,  denn 'wer  seine Hand an den Pflug legt
       und sieht  zurück', so  sagt uns  die Heilige  Schrift, 'ist  ge-
       schickt zum Reich Gottes'.
       Die Vereinten Nationen könnten als starre, unbewegliche Organisa-
       tion nicht Bestand haben. Ihre Aufgaben und Verpflichtungen wach-
       sen genauso wie ihre Größe. Ihre Charta muß genauso wie ihre Ver-
       fahren geändert  werden. Die Verfasser der Charta hatten nicht im
       Sinn, dieser  ein für allemal eine starre Form zu geben. Die Waf-
       fen- und  Kriegstechnik hat  uns alle - in weitaus stärkerem Maße
       als vor achtzehn Jahren - in einer Welt und zu einer Menschheits-
       rasse mit einem gemeinsamen Geschick vereint.
       In einer  derartigen Welt  gibt uns  eine  absolute  Souveränität
       nicht mehr die Gewähr für eine absolute Sicherheit. Die Werkzeuge
       des Friedens müssen die neuen Geräte des Krieges aufholen und sie
       schließlich überholen.
       Vor zwei Jahren habe ich vor diesem Gremium erklärt, daß die Ver-
       einigten Staaten  einen begrenzten Atomstoppvertrag vorgeschlagen
       hätten und  bereit seien,  einen solchen  zu unterzeichnen. Heute
       ist dieser Vertrag bereits unterzeichnet. Er wird den Krieg nicht
       beseitigen. Er  wird die  grundlegenden Konflikte  nicht aus  der
       Welt schaffen. Er wird nicht die Freiheit für alle gewährleisten.
       Aber er  kann als Hebel wirken. Archimedes soll, als er das Prin-
       zip der Hebelwirkung erläuterte, zu seinen Freunden gesagt haben:
       'Gebt mir  einen Standpunkt,  und ich  hebe die  Welt aus den An-
       geln'."
       

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