Quelle: Blätter 1963 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG DES ÖKUMENISCHEN RATES ZUR RASSENFRAGE
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       Auf seiner  jüngsten Tagung  in Rochester hat der Zentralausschuß
       des Ökumenischen  Rates der  Kirchen die folgende "Erklärung über
       rassische und ethnische Spannungen" angenommen:
       
       "Wenn uns  christliche Erkenntnis geschenkt wird, so sehen wir in
       aller Rassenverachtung  eine unaussprechliche Beleidigung Gottes,
       die nicht  länger zu  dulden ist,  also  daß  die  Steine  selbst
       schreien. In  solchen Stunden verstehen wir auf einmal tiefer den
       Sinn des  Evangeliums und  die Pflicht  der Kirchen und des Chri-
       sten."
       Mit diesen Worten hat die Zweite Vollversammlung des Ökumenischen
       Rates der  Kirchen in Amerika 1954 ihre Überzeugung zu einer Zeit
       ausgesprochen, da  der Kampf gegen Diskriminierungen wegen rassi-
       scher und  ethnischer Unterschiede  sich bereits  über die  ganze
       Welt erstreckte.  Bei unserem  jetzigen Treffen  erreicht  dieser
       Kampf seinen Höhepunkt. Ganze Völker haben sich entschlossen, die
       Segregation nicht  länger zu erdulden, welche ihnen die Menschen-
       würde raubt  und der  Menschheit selbst ihre Würde nimmt, solange
       sie irgendwo auf der Erde dabei verharrt.
       In den  Vereinigten Staaten,  wo wir  uns gerade treffen, in Süd-
       afrika und  in anderen Kontinenten und Ländern steigert sich die-
       ser Kampf  zur Leidenschaft.  Männer, Frauen und Kinder, Christen
       und Nichtchristen  ohne Unterschied  achten nicht mehr ihrer per-
       sönlichen Sicherheit, wandern ins Gefängnis, riskieren ihr Leben,
       leiden die  Qualen des Verlassenseins, erdulden die Verwirrung im
       Familienleben, beweisen Todesmut inmitten menschlicher Furcht und
       denken doch  nicht an Vergeltung, das brutale Mittel ihrer Unter-
       drücker. Das  alles unterstützen  wir von Herzensgrund und beten,
       daß sie  darin gestärkt  und ihr  Ziel bald erreicht werden möge.
       Wir danken Gott, daß er viele Christen dazu berufen hat, bei die-
       sem Kampf  für rassische  Gleichberechtigung die Führung zu über-
       nehmen. Wir  bitten alle  Christen und  Kirchen, sich ihnen anzu-
       schließen und ihnen zu helfen.
       Es erfüllt  uns mit  tiefer Scham, daß viele Christen noch zögern
       und untätig  zusehen und  sich nicht an diesem Kampf beteiligen -
       oder sogar  auf der  falschen Seite stehen. Voll Überzeugung wie-
       derholen wir  deswegen den Satz der Vollversammlung von 1954, daß
       "jede Diskriminierung  aus Gründen  der Rasse,  Farbe oder ethni-
       schen Herkunft  im Gegensatz zum Evangelium steht und daß sie un-
       vereinbar ist mit der christlichen Lehre vom Menschen und mit dem
       Wesen der  Kirche Christi". Wenn und wo immer einer von uns Chri-
       sten dieses verneint, sei es durch Tun oder Lassen, dann verleug-
       nen wir Christus und die Gemeinschaft, die seinen Namen trägt.
       Wir fordern  jede Kirche an allen Orten auf, ihre eigene Einstel-
       lung und  Handlungsweise zu  untersuchen und sicherzustellen, daß
       ihre Gemeinschaft  alle Glaubenden  ohne Diskriminierung  und mit
       ganzer Liebe umschließt, und jeden Schritt zu unternehmen, um all
       die, welche  ein schwaches  Zeugnis geben,  für ein offenes Reden
       und ein mutiges Handeln auszurüsten. Die Rassenspannungen fordern
       von allen  Kirchen, zu  allererst einmal  mit den Rassenschranken
       innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft aufzuräumen. Nur so kann ihr
       Anspruch, für  Gerechtigkeit, Menschenwürde und Bruderschaft ein-
       zutreten, auch  glaubhaft wirken.  Nur so  können sie  für Unter-
       drückte und  Unterdrücker beten und lieben, wie die Liebe Christi
       sie zu  tun zwingt. Nur so können sie in diesen Tagen das Evange-
       lium wahrhaftig verkünden.
       
       II
       
       Die Bewegung  für volle  Menschen- und Bürgerrechte für die Neger
       in den  Vereinigten Staaten  ist zu einer Flut geworden, die sich
       nicht mehr  zurückdrängen läßt. Außerdem ist sie längst keine in-
       terne Angelegenheit mehr, sondern hat vielmehr einen wesentlichen
       Teil an  den weltweiten Rassenspannungen. Sie ist daher ein wich-
       tiges Anliegen  für die  Christen in  aller Welt. Der Zentralaus-
       schuß erweist  seine Achtung all denen in den Vereinigten Staaten
       - Negern,  Weißen und anderen -, die aus diesen Gründen zu leiden
       hatten. Er  begrüßt die  Arbeit all  der Gemeinden, einzelner und
       christlicher Organisationen, die sich dafür einsetzten, um diesen
       Schandfleck aus  dem Leben der Nation zu tilgen. Er bedauert, daß
       es immer  noch weiße  Bürger gibt,  die verzweifelt versuchen, an
       den alten Formen der Rassentrennung in Kirche und Schule, in Woh-
       nung und  Beruf sowie im öffentlichen Dienstgewerbe festzuhalten.
       Im hundertsten  Jahr nach der Verkündigung der Gleichberechtigung
       und in  der Woche  noch nie dagewesener Demonstration für Bürger-
       rechte in  Washington ruft  der Zentralausschuß  die Kirchen  der
       Vereinigten Staaten auf, sich mehr zu bemühen, in ihrem Vaterland
       alle Formen  von Rassendiskriminierung  aus allen  Lebensgebieten
       auszuschließen. Es  bleibt den Kirchen noch viel zu tun, um Theo-
       rie und  Praxis in der Rassenfrage in Einklang zu bringen. Es ist
       für sie  an der  Zeit, sich darum zu bemühen, Verständnis für die
       internationalen Auswirkungen  der Krise  zu wecken; jede Spur der
       Diskriminierung aus dem nationalen Leben zu tilgen; ihre Anstren-
       gungen zu  verdoppeln, echtes Verständnis zwischen den Negern und
       anderen Bürgern  zu schaffen  zur Erfüllung des Amtes der Versöh-
       nung.
       Die Forderung  nach rassischer  und ethnischer Gleichberechtigung
       wird an  vielen Orten  laut und  wird nicht eher verstummmen, als
       bis sie überall völlig in die Tat umgesetzt ist.
       Es wird  uns klar,  daß der Hinweis auf die Lage in Südafrika und
       den Vereinigten  Staaten unser  aller Gewissen  herausfordert, in
       unseren eigenen  Ländern, Städten  und Kirchen alles nur Mögliche
       für rassische  Gerechtigkeit und christliche Bruderschaft zu tun.
       Die geforderte Lösung verlangt einen radikalen Wandel der alther-
       gebrachten Vorstellungen  und Handlungsweisen.  Überall, wo Angst
       vor solch  einem Wandel  besteht, müssen wir uns klar machen, daß
       wir dort,  wo Gott ist, und er ist gewiß in dieser Frage am Werk,
       keine Angst  zu haben brauchen. Eine weitere schwerwiegende Folge
       des Kampfes  für die  Gleichheit der  Rassen  ist  dies,  daß  er
       Schranken für  die offene Kommunikation zwischen Individuen, Ras-
       sen, Regierungen,  Organisationen und  sogar Kirchen  aufrichtet.
       Aber Offenheit  und Verständigungen auf alle diesen Gebieten sind
       für die  Erreichung dieses Zieles unerläßlich. Die Verheißung des
       Heiligen Geistes  ist die Garantie dafür, daß diese Dinge möglich
       sind.
       

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