Quelle: Blätter 1963 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DER TESTSTOP-VERTRAG UND DIE NÄCHSTEN SCHRITTE -
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       VON DER KOEXISTENZ ZUR ZUSAMMENARBEIT
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       Das Zentralkomitee  des Weltkirchenrates  billigte am  31. August
       1963 in  Rochester (USA)  verschiedene Berichte und Entschließun-
       gen, darunter eine Stellungnahme seines Exekutivkomitees zum Mos-
       kauer Vertrag  über die  Einstellung der  Kernwaffenversuche. Die
       Erklärung trägt  den Titel "Der Teststop-Vertrag und die nächsten
       Schritte" und hat folgenden Wortlaut:
       
       Das Zentralkomitee  des Weltkirchenrates begrüßt den Vertrag über
       die Einstellung  der Kernwaffenversuche  in  der  Atmosphäre,  im
       Weltraum und  unter Wasser  als eine erste konstruktive Vereinba-
       rung in  dem gegenwärtigen nuklearen Dilemma. Der Vertrag ist ein
       erster Schritt. Er beendet weder die Produktion noch reduziert er
       bestehende Vorräte  nuklearer Waffen,  aber er könnte das atomare
       Wettrüsten verlangsamen  und die  Einflüsse radioaktiver  Nieder-
       schläge auf die Gesundheit dieser und künftiger Generationen ver-
       mindern. Er  verhindert nicht  automatisch  die  Ausbreitung  von
       Atomwaffen auf  Nationen, die diese bisher nicht besitzen, er un-
       tersagt aber  anderen Nationen die Mitwirkung an Versuchen in den
       jetzt geächteten  Bereichen. Der Vertrag beendet die Gefahr eines
       Atomkrieges nicht und verbietet auch nicht den Gebrauch nuklearer
       Waffen, aber  er öffnet  den Weg  zu weiteren  Vereinbarungen und
       vermindert damit die Gefahr eines Krieges.
       Aus diesem Grunde müssen die Nationen jede Gelegenheit ergreifen,
       um die  Gunst des Augenblicks zu nutzen und die Möglichkeiten ei-
       ner Fortentwicklung  der Koexistenz  zu einer  beginnenden Zusam-
       menarbeit herauszufinden.  Allgemeine und  vollständige Abrüstung
       ist das  erklärte Ziel.  Auf welchem  Wege immer  dieses Ziel er-
       reicht werden  soll, die  nächstfolgenden Schritte zur Begründung
       des Weltfriedens  verdienen ernsthafte  Überlegung und  jede  An-
       strengung zu ihrer Verwirklichung. Es ist unbedingt erforderlich,
       daß die  öffentliche Meinung voll und wirksam die Regierungen un-
       terstützt, die Fortschritte in dieser Richtung gemacht haben. Der
       Vertrag sollte  nicht nur  durch förmliche  Unterschrift, sondern
       auch mit dem Willen aller Völker ratifiziert werden.
       Der wahre  Wert des  Vertrages hängt  von seiner  Beachtung durch
       alle Staaten  der Welt  ab. Die  Zustimmung auf  Grund nationaler
       Überlegungen oder  doktrinärer Ideologien  zu verweigern,  ist im
       atomaren Zeitalter  unverantwortlich. Es müssen Möglichkeiten ge-
       funden werden,  die Frankreich und China gestatten, sich dem Ver-
       trag anzuschließen.
       Der Teststop-Vertrag  unterstreicht die Tendenz zur Konzentration
       der entscheidenden militärischen Macht in nur wenigen Händen. Das
       erfordert, die  Beteiligung an internationalen Entscheidungen neu
       zu ordnen und Erwägungen darüber anzustellen, wie die Verantwort-
       lichkeit für  die nukleare  Verteidigung innerhalb  einer Allianz
       verteilt werden  kann. In  keinem Falle  kann die Lösung in einer
       eigenen Nuklearverteidigung jeder Nation liegen.
       Der Teststop-Vertrag  muß nicht nur nach seinem Wortlaut, sondern
       auch nach  dem Geist  seiner Bestimmungen interpretiert und ange-
       wandt werden.  Die ernste  Verpflichtung  aller  Partner  besteht
       darin, von außerordentlichen Umständen abgesehen, keinen Fall ei-
       nes Vertragsrücktritts herbeizuführen. Die Zusammenarbeit bei der
       Erkundung von  Methoden  zur  Feststellung  unterirdischer  Tests
       sollte tatkräftige  Unterstützung finden,  so daß  auch in diesem
       Bereich die Versuche mit Nuklearwaffen eingestellt werden können.
       Testexplosionen für  friedliche einschließlich  wissenschaftliche
       Zwecke sollten  nur auf  der Grundlage einer internationalen Ver-
       einbarung und Kontrolle erfolgen.
       Das Eindringen in den Weltraum eröffnet ein neues Feld von großer
       militärischer Bedeutung,  und wenn die Menschheit sich hier nicht
       den gleichen  Gefahren gegenübersehen will, die sie jetzt zu ban-
       nen sucht,  so ist eine Zusammenarbeit der Partner des vorliegen-
       den Vertrages dringend nötig. Überdies sollten sie unvoreingenom-
       men weitere gemeinsame Schritte prüfen, wie den Einsatz gegensei-
       tiger Inspektionsgruppen  zum Schutz  gegen Überraschungsangriffe
       und die  Errichtung kernwaffenfreier Zonen. Ein Nichtangriffspakt
       wäre ein  gutes Zeichen neuer Beziehungen. Seine politischen Aus-
       wirkungen sollten gründlich erwogen werden. Falls die gegenwärti-
       gen Vorschläge nicht annehmbar erscheinen, sollte sorgfältig nach
       vernünftigen Alternativen  gesucht werden, die dem gleichen Zweck
       dienen.
       Um einen  dauerhaften Frieden  zu begründen, zu dem der Teststop-
       Vertrag den  Weg ebnen möge, muß eine zuverlässige Lösung für die
       großen politischen  Probleme und  Konflikte gefunden  werden, die
       die Weltgemeinschaft  noch immer  entzweien und  die Ursachen von
       Unsicherheit und Unruhe sind. Alle Maßnahmen zur Herabsetzung der
       Rüstungen sollten  deshalb von  der ernsthaften  Suche nach einer
       Regelung des deutschen Problems als Ganzes, wie auch anderer noch
       offener Fragen begleitet sein.
       Die letzten  Entwicklungen, die  zum Abschluß des Teststop-Abkom-
       mens geführt  haben, isolieren  unvermeidlich China  mehr denn je
       vom übrigen  Teil der  Welt. Diese Selbstisolierung kann, wie die
       jüngsten Ereignisse  zeigten, für  die Nachbarn Chinas die Quelle
       neuer Gefahren  sein. Es  sollte deshalb jede Gelegenheit benutzt
       werden, die  Wege für  den Kontakt  mit China offen zu halten, um
       das Land  an die Gemeinschaft der Völker heranzuführen, so daß es
       die Verantwortlichkeiten  und Verpflichtungen ihrer Institutionen
       anerkennt.
       Neue Friedenshoffnungen  haben sich in diesen Tagen in den Herzen
       der Menschen geregt. Es ist oberste Aufgabe der Kirchen, dafür zu
       sorgen, daß  diese Hoffnungen  nicht enttäuscht werden. Sie haben
       die Pflicht, die Aufmerksamkeit der Regierungen auf die hier dar-
       gelegten Überlegungen  zu lenken,  die die  Gefühle von Millionen
       unserer Mitmenschen  in konkreter  Form wiedergeben.  Die Kirchen
       können die  Nationen anhalten, etwaige Risiken in Kauf zu nehmen,
       um jede  sich mit dem Teststop-Vertrag bietende Chance zu nutzen,
       vorsichtig und  wachsam auf  jede feindselige Bedrohung zu achten
       und gleichzeitig  empfänglich zu sein für die Möglichkeiten einer
       Zusammenarbeit im Geiste guten Willens.
       
       Das Präsidium  des Weltkirchenrates  richtete -  ebenfalls am 31.
       August 1963 - einen Brief an die Regierungschefs Großbritanniens,
       der Vereinigten  Staaten und  der Sowjetunion.  Das Schreiben ist
       von Präsident  Franklin Clark  Fry, Vizepräsident Ernest A. Payne
       und Generalsekretär Visser't Hooft unterzeichnet und lautet:
       
       Das Zentralkomitee  des Weltkirchenrates,  das mit Vertretern der
       Kirchen aus  aller Welt  gegenwärtig seine  Zusammenkunft abhält,
       hat die  möglichen Fortschritte  im Hinblick auf Frieden und Ord-
       nung geprüft.  Wir waren uns dabei der Hoffnungen bewußt, die die
       kürzliche Unterzeichnung  des Vertrages  über die Einstellung der
       Kernwaffenversuche in  der Atmosphäre, im Weltraum und unter Was-
       ser geweckt  hat. Das  Zentralkomitee hat uns einstimmig ersucht,
       Sie von  seiner tiefen  Dankbarkeit für diesen ersten Schritt aus
       dem nuklearen  Dilemma zu unterrichten. Indem wir dies tun, glau-
       ben wir,  die Empfindungen  von Millionen Christen in den Kirchen
       aller Kontinente wiederzugeben.
       Die Vertreter der Kirchenkommission für Internationale Angelegen-
       heiten haben  am gleichen  Tag, an  dem der Vertrag zustande kam,
       eine Erklärung  herausgegeben, deren Kopie wir beifügen. Das Exe-
       kutivkomitee der  Kommission bereitete  ferner eine  detaillierte
       Erklärung "Der  Teststop-Vertrag und  die nächsten Schritte" vor,
       die vom  Zentralkomitee gebilligt  wurde und die wir nun zu Ihrer
       Information übersenden.
       Wenn wir  Ihnen diese  Botschaft der  Wertschätzung  übermitteln,
       erübrigt es  sich, zu betonen, daß vieles zu tun verbleibt, bevor
       eine solche Weltordnung errichtet ist, für die unsere Kirchen ar-
       beiten und  beten. Wir  vertrauen weiterhin  darauf, daß es Ihnen
       und allen  Staatsmännern, auf  deren Schultern  die Verantwortung
       lastet, gelingen möge, in dieser neuen Atmosphäre nach einer Zeit
       der Koexistenz  eine  Zeit  der  Zusammenarbeit  zum  Nutzen  der
       Menschheit einzuleiten.
       

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