Quelle: Blätter 1963 Heft 10 (Oktober)


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       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Oberkirchenrat D.D. Heinz Kloppenburg
       
       DER 28. AUGUST 1963 IN WASHINGTON
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       Die große Demonstration für die
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       Gleichberechtigung der Farbigen *)
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       "Ich wünschte von Herzen, daß ich für alle Protestanten, Anglika-
       ner und  orthodoxen Christen  sprechen könnte, so wie ich spreche
       im Namen  der vollen Gerechtigkeit und der Freiheit für alle, die
       unter der  amerikanischen Flagge  geboren wurden oder leben. Aber
       genau darum  geht es.  Wenn alle  Mitglieder und alle Pfarrer der
       Kirche, die  ich heute  hier vertrete,  bereit wären, aufzustehen
       und mit  euch für  sichere Arbeitsplätze und Freiheit für die Ge-
       meinschaft der Neger zu marschieren, gemeinsam mit der ganzen ka-
       tholischen Kirche  und allen  Synagogen in Amerika, dann wäre der
       Kampf um Bürgerrechte und Würde schon gewonnen.
       Ich bin hier als offizieller Vertreter der Kommission für Religi-
       ons- und  Rassenfragen des  National Council  of  Churches.  Seit
       vielen Jahren  haben dieser  Rat der Kirchen und viele Mitglieds-
       kirchen alles gesagt, was über die Bürgerrechte zu sagen war. Un-
       sere offiziellen  Verlautbarungen haben ganz eindeutig 'eine Kir-
       che mit  voller  Gleichberechtigung  in  einer  Gesellschaft  der
       Gleichberechtigung' gefordert.  Aber heute,  am 28.  August 1963,
       haben wir  weder eine Kirche mit Gleichberechtigung noch eine Ge-
       sellschaft mit Gleichberechtigung.
       Daß wir  100 Jahre  nach der Sklavenbefreiung, 175 Jahre nach An-
       nahme der  Verfassung, 173  Jahre nach  Annahme des Gesetzes über
       die Bürgerrechte  der Vereinigten  Staaten von Amerika immer noch
       in der  Rassenkrise leben,  liegt auch mit daran, daß die Kirchen
       in Amerika  es nicht  fertig gebracht  haben, ihr eigenes Haus in
       Ordnung zu bringen.
       Wir kommen  deshalb hierher  zum Lincoln-Denkmal  nicht mit einem
       arroganten Gefühl der moralischen oder geistlichen Überlegenheit,
       um die Nation zurechtzuweisen oder das amerikanische Volk im Gan-
       zen oder in einzelnen Teilen anzuklagen oder zu verurteilen. Aber
       wir kommen  - und  wir kommen  spät, sehr spät - in dem Geist der
       Versöhnung und  der Buße,  in dem  Abraham Lincoln  einst  sagte:
       'Sagt niemals,  Gott ist  auf unserer Seite, sondern betet darum,
       daß ihr an der Seite Gottes gefunden werden möget.'
       Wir kommen  in der Furcht Gottes, die Thomas Jefferson aus Virgi-
       nia, dessen  Standbild drüben  auf der  anderen Seite dieses Sees
       steht, bewegte  zu sagen:  'Wahrlich, ich  zittere für mein Land,
       wenn ich bedenke, daß Gott ein gerechter Gott ist.'
       Ja, wir  kommen, um  mit euch  unter jenen  erstaunlich tüchtigen
       Führern der  amerikanischen Neger  zu marschieren. Wir kommen, um
       heute zu bekennen: hier sind wir, um 'unsere Leiber und Seelen zu
       begeben zu  einem Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlge-
       fällig sei,  als zu  dem vernünftigen Gottesdienst', in einer Art
       sichtbarem und  fühlbarem Sakrament, das allein in diesen unseren
       Zeiten einer verwirrten Welt die Gnade bezeugen kann, die ihr be-
       reitet ist am Tisch des Herrn oder am hohen Altar."
       ...
       ...
       "...100 Jahre  lang hat sich der Neger um die vollen Bürgerrechte
       bemüht, und ich glaube, daß er weder warten kann noch warten darf
       auf irgendeine  ferne Zukunft, in der die Zusagen unserer Verfas-
       sung verwirklicht werden. Er muß seine Freiheit fordern, und zwar
       jetzt und  heute. Es  gehört zur  politischen Verantwortung jedes
       Amerikaners, die  Ungeduld der Neger zu seiner eigenen zu machen.
       Wir müssen  zusammenkommen, wir  müssen miteinander  marschieren,
       wir müssen  gemeinsam arbeiten,  bis wir die tiefe Kluft zwischen
       den edlen Zusagen der amerikanischen Demokratie und der häßlichen
       Praxis in der Frage der Bürgerrechte überbrückt haben... Für mich
       ist die  Frage nach  der Gleichberechtigung eine sittliche Frage,
       die über  alle parteipolitischen  Fragen hinausreicht,  und diese
       Versammlung heute  sollte der  erste Schritt in einer umfassenden
       Bemühung sein,  das sittliche  Gewissen Amerikas  wachzurufen und
       die Parlamentarier  der beiden  Parteien aufzufordern,  über ihre
       Differenzen hinweg  die Gesetzgebung für volle Bürgerrechte jetzt
       zu vollziehen. Präsident Kennedy hat ein umfassendes und gemäßig-
       tes Gesetz  vorgeschlagen. Das  ist der  erste sinnvolle Schritt.
       Aber er  muß verstärkt  werden... Die  Frage  nach  gleichen  Ar-
       beitsplätzen ist  schwierig und doch entscheidend. Wir werden we-
       der die Frage der Erziehung, der Wohnungen, noch die der Aufnahme
       in Hotels  und andere Plätze lösen können, solange Millionen ame-
       rikanischer Neger  von der  Wirtschaft als zweitklassig angesehen
       werden, und  solange ihnen  der Weg  in bestimmte Positionen ver-
       schlossen bleibt.  Ich trete  deshalb für  die Bürgerrechte  ein,
       weil es  sich menschlich so gehört, weil sie die sittliche Grund-
       lage unseres  öffentlichen Lebens  sind, und auch darum, weil ich
       glaube, daß  man die Freiheit nicht teilen kann. Niemand kann die
       Freiheit auf  seine Person  beschränken, und wenn ein staatlicher
       Sicherheitskommissar  mit  Polizeihunden  und  Wasserwerfern  die
       Freiheit in  Birmingham zerstört,  dann zerstört  er  auch  meine
       Freiheit in  Detroit. Diese  Versammlung ist nicht das Ende, son-
       dern ein  Anfang. Sie  ist der  Anfang eines  großen  moralischen
       Kreuzzugs, durch den Amerika zur Arbeit an dem noch nicht vollen-
       deten Werk  der Demokratie  aufgerufen wird. Der Kongreß muß han-
       deln, und  nachdem er seine Gesetze erlassen haben wird, wird uns
       noch viel zu tun bleiben."
       ...
       ...
       "Jetzt ist der Zeitpunkt da, an dem die Grundsätze der Demokratie
       zur lebendigen  Wirklichkeit werden.  Jetzt ist der Zeitpunkt da,
       an dem  es gilt,  herauszukommen aus  dem dunklen und verlassenen
       Tal der  Absonderung, und  den hellen  Weg der  Gerechtigkeit für
       alle Rassen zu beschreiten. Jetzt ist der Zeitpunkt da, an dem es
       gilt, unsere Nation aus dem Treibsand der rassischen Ungerechtig-
       keit herauszuführen,  um ihr  Leben auf den granitenen Felsen der
       Brüderlichkeit fest zu gründen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen,
       an dem  das Wort  von der  Gerechtigkeit für  alle Kinder  Gottes
       Wirklichkeit wird.
       Es wird  weder Ruhe noch Rast in Amerika geben, bis dem Neger die
       vollen bürgerlichen  Rechte zugebilligt  werden. Die  Stürme  des
       Aufruhrs werden  die Grundfesten  unseres Volkes erschüttern, bis
       der helle  Tag der Gerechtigkeit anbricht. Und das muß ich meinem
       Volk sagen,  das an  der Schwelle  der Tür steht, die in das Haus
       der Gerechtigkeit  führt: In  allem, was wir tun, um den Platz zu
       gewinnen, der uns zusteht, dürfen wir uns keiner Handlung des Un-
       rechts schuldig machen. Immer wieder müssen wir die majestätische
       Höhe erreichen,  auf der  wir äußerer  Gewalt mit  der Kraft  der
       Seele begegnen. Der wunderbare, neue, kämpferische Geist, der die
       Gemeinschaft der Neger ergriffen hat, darf uns nicht dazu führen,
       daß wir allen Weißen mißtrauen. Viele unserer weißen Brüder - und
       das beweist ihre Anwesenheit heute in unserer Mitte - sind zu der
       Einsicht gekommen,  daß ihre  Zukunft mit  der unseren untrennbar
       verbunden ist. Es gibt Leute, die uns, die wir der Sache der Bür-
       gerrechte verpflichtet sind, fragen: 'Wann werdet ihr endlich zu-
       friedengestellt sein?' Wir können niemals zufriedengestellt sein,
       ehe  nicht  der  Neger  aufgehört  hat,  Opfer  unaussprechlicher
       Schrecken und  polizeilicher Brutalität zu sein. Wir können nicht
       zufriedengestellt sein, solange man nicht bereit ist, unsere nach
       langer Reise  müden Leiber  in den Motels der Landstraßen und den
       Hotels der  großen Städte aufzunehmen. Wir können niemals zufrie-
       dengestellt sein, solange man unseren Kindern durch die Sperrver-
       merke 'Nur  für Weiße'  ihre Freiheit und Würde raubt. Wir können
       nicht zufriedengestellt  sein, solange  der Neger  in Mississippi
       nicht das  Stimmrecht hat, und solange der Neger in New York nie-
       manden hat, den er wirklich wählen möchte. Nein, wir können nicht
       aufhören, und  wir werden  nicht müde werden, ehe nicht das Recht
       wie ein  Wasserfall hereinbricht  und die  Gerechtigkeit über uns
       kommt wie ein mächtiger Strom.
       Ich weiß  wohl, daß  manche unter  euch hierhergekommen  sind aus
       großer Bedrängnis  und Trübsal. Einige von euch kommen geradewegs
       aus den  engen Wänden  eines Gefängnisses.  Arbeitet  weiter  und
       wißt, daß die Ehre des Leidens Versöhnung heißt. Geht zurück nach
       Mississippi, geht  zurück nach Alabama, geht zurück nach Südkaro-
       lina, zurück  nach Georgia  und Louisiana,  geht  zurück  in  die
       Elendsviertel und  Gettos unserer  großen Städte  im  Norden  und
       wißt, daß  alles dort  anders werden kann und anders werden wird.
       Laßt uns nicht verzagen im Tal der Verzweiflung!
       Und jetzt  sage ich  euch, meine  Freunde, im  Angesicht all  der
       Schwierigkeiten von  heute und  von morgen,  daß ich  trotz allem
       einen Traum  in mir  trage. Es ist ein Traum, der tief verwurzelt
       ist im  Traum ganz  Amerikas. Ich habe einen Traum, der mir sagt,
       daß eines  Tages diese Nation aufwachen und ihr Bekenntnis leben-
       dig erfüllen  wird, das da sagt: 'Wir glauben, daß diese Wahrhei-
       ten für sich selber sprechen: daß alle Menschen gleich geschaffen
       sind.'
       Ich habe  einen Traum, daß eines Tages auf den roten Hügeln Geor-
       gias die  Söhne der  früheren Sklaven  und die Söhne der früheren
       Sklavenhalter zusammensitzen  können am Tisch der Brüderlichkeit.
       Ich habe  einen Traum,  daß eines  Tages selbst der Staat Missis-
       sippi, in  dem Ungerechtigkeit  schwelt und mit dem Feuer der Un-
       terdrückung ihr  Wesen treibt, sich in eine Oase der Freiheit und
       Gerechtigkeit verwandeln  wird. Ich  habe einen  Traum, daß meine
       vier kleinen  Kinder eines  Tages in  einem Volk leben werden, in
       dem man  sie nicht  nach ihrer  Hautfarbe behandeln wird, sondern
       nach dem, was ihr Charakter aus ihnen macht.
       Das ist  unsere Hoffnung.  Das ist  mein Glaube. Und ich werde in
       den Süden  zurückkehren mit,  ja mit  diesem Glauben, daß wir den
       Berg der Verzweiflung verwandeln können in einen Felsen der Hoff-
       nung."
       ...
       

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