Quelle: Blätter 1963 Heft 11 (November)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       Carl Friedrich von Weizsäcker
       
       BEDINGUNGEN DES FRIEDENS
       ========================
       
       Dem Physiker  und Philosophen  Prof. Dr.  Carl Friedrich Freiherr
       von Weizsäcker, Hamburg, ist anläßlich der diesjährigen Frankfur-
       ter  Buchmesse  am  13.  Oktober  1963  in  der  Paulskirche  der
       "Friedenspreis des  deutschen Buchhandels"  überreicht worden. Im
       Anschluß an  die Preisverleihung  hielt Prof.  von Weizsäcker die
       folgende Rede:
       
       Als erstes  danke ich  dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels
       für die  Verleihung seines  Friedenspreises. Bei der ersten Nach-
       richt habe  ich einen  Augenblick gezaudert,  ob ich diesen Preis
       annehmen dürfe.  Hat jemand  von uns,  und gar ich, genug für den
       Frieden getan?  Ist der Friede so weit gesichert, daß man für ihn
       einen Preis verleihen kann?
       Aber man soll diesen Preis wohl nicht als Anerkennung einer voll-
       zogenen  Leistung  verstehen,  sondern  als  Unterstützung  einer
       fortdauernden Anstrengung.  Diese Anstrengung  ist freilich nicht
       die Arbeit eines einzelnen. Ich bin heute aufgefordert, als einer
       von vielen  und im  Namen dieser  vielen zu  sprechen. Man bittet
       mich wohl insbesondere zu sprechen im Namen des Kreises der Atom-
       physiker, weitergespannt der Naturforscher, überhaupt der Wissen-
       schaftler. Der Wissenschaft ist in den letzten beiden Jahrzehnten
       der Friede in einer vorher nicht geahnten Weise zu ihrem besonde-
       ren, unausweichlichen Problem geworden.
       In den  vergangenen Jahren habe ich mehrmals, teils gemeinsam mit
       Kollegen und  Freunden, teils allein, öffentlich gesagt, was mei-
       ner Überzeugung  nach heute  in unserem Lande politisch notwendig
       ist. Die  Bereitschaft zu  solchen Äußerungen  erscheint mir  als
       staatsbürgerliche Pflicht.  Ich habe nichts von dem damals Gesag-
       ten zurückzunehmen  und bin  bereit, mich, wenn es nötig scheint,
       wieder zu  konkreten Anliegen des Tages zu äußern. Heute habe ich
       aber ein  anderes Ziel. Ich will über die allgemeinen Bedingungen
       sprechen, unter  denen alle  konkreten Einzelentscheidungen beur-
       teilt werden  müssen. Die politischen Reaktionen, die man bei uns
       öffentlich zu  sehen bekommt, sind zu sehr von zwei Elementen be-
       stimmt: Lethargie  und blinder  Emotion. Beide  machen  denselben
       Fehler; sie  verzichten aufs  Denken. Jeder,  der mit  überlegten
       Vorschlägen an die Öffentlichkeit tritt, macht die bittere Erfah-
       rung, daß  die Kritik und oft auch die Zustimmung an Einzelheiten
       hängenbleibt, die  nur vor  dem Hintergrund  eines Bildes der ge-
       samten Weltlage beurteilt werden könnten. Diese Weltlage ist kom-
       pliziert; sie stellt unser Denken vor schwierige Probleme. In der
       vereinfachenden Weise,  die in  einer halbstündigen  Rede  allein
       möglich ist,  will ich  von diesen Problemen sprechen. Bitte ver-
       kennen Sie  hinter dem  kühlen Ton  der Analyse  nicht, daß diese
       Analyse auf  die Ermöglichung sicherer Tritte auf dem praktischen
       Weg zum Frieden zielt.
       Ich spreche also von den Bedingungen des Weltfriedens. Beim Nach-
       denken über  sie sind  verschiedene Aufgaben zu unterscheiden. Es
       gibt so  etwas wie  eine politische  Generalstabsarbeit, die eine
       "Strategie der Friedenssicherung" entwirft. Diese Arbeit muß sich
       aufs Detail  einlassen. Es ist eine der Stärken der heutigen ame-
       rikanischen Politik, daß sie sich auf solche Arbeit stützen kann.
       Wir werden  dieser Politik  weder gute Bundesgenossen, noch, wenn
       das einmal  nötig sein sollte, gute Kritiker sein, wenn wir nicht
       ebenso planen lernen. Es ist mein Anliegen, im Sinne solcher Pla-
       nung zu sprechen. Ich kann Ihnen jedoch nicht Ergebnisse derarti-
       ger Arbeit  vortragen. Sie ist in unserem Land erst in den Anfän-
       gen, und  in ihren  Einzelheiten ist  sie nicht  mein Beruf. Aber
       diese Planung vollzieht sich vor dem vorgegebenen Hintergrund der
       Struktur der  heutigen und  der Möglichkeiten  der morgigen Welt.
       Über diese  Struktur und diese Möglichkeiten nachzudenken, gehört
       zu meinem Beruf; über sie will ich sprechen. Die besonderen Ange-
       legenheiten Deutschlands  werde ich dabei nur in einzelnen Bemer-
       kungen streifen.
       Ich beginne mit drei Thesen:
       1. Der Weltfriede ist notwendig.
       2. Der Weltfriede ist nicht das goldene Zeitalter.
       3. Der Weltfriede  fordert von  uns eine außerordentliche morali-
       sche Anstrengung.
       Diese Thesen  scheinen mir  heute schon  fast selbstverständlich.
       Nehmen wir  sie ernst,  so folgt aber viel aus ihnen. Ich wieder-
       hole sie daher, zunächst mit wenigen erläuternden Sätzen:
       1. Der Weltfriede  ist notwendig.  Man darf fast sagen: Der Welt-
       friede ist  unvermeidlich. Er ist Lebensbedingung des technischen
       Zeitalters. Soweit  unsere menschliche Voraussicht reicht, werden
       wir sagen  müssen: Wir werden in einem Zustand leben, der den Na-
       men Weltfriede verdient, oder wir werden nicht leben.
       2. Der Weltfriede ist nicht das goldene Zeitalter. Nicht die Eli-
       mination der  Konflikte, sondern die Elimination einer bestimmten
       Art ihres  Austrags ist der unvermeidliche Friede der technischen
       Welt. Dieser Weltfriede könnte sehr wohl eine der düstersten Epo-
       chen der  Menschheitsgeschichte werden. Der Weg zu ihm könnte ein
       letzter Weltkrieg oder blutiger Umsturz, seine Gestalt könnte die
       einer unentrinnbaren Diktatur sein. Gleichwohl ist er notwendig.
       3. Eben darum  fordert der Weltfriede von uns eine außerordentli-
       che moralische  Anstrengung. Er  ist unsere Lebensbedingung, aber
       er kommt nicht von selbst, und er kommt nicht von selbst in einer
       guten Gestalt.  Seit die  Menschheit besteht,  hat es, soweit wir
       wissen, den  Weltfrieden nicht  gegeben; etwas Beispielloses wird
       von uns  verlangt. Die  Geschichte der  Menschheit lehrt, daß das
       bisher Beispiellose  oft eines  Tages verwirklicht wird. Dies ge-
       schieht nicht  ohne außerordentliche  Anstrengung; und  wenn  der
       Friede menschenwürdig  sein soll,  muß die  Anstrengung moralisch
       sein.
       Ich gehe  nun ins einzelne, und gleichsam als Überschrift wieder-
       hole ich die Thesen ein drittes Mal mit je einem begründenden Zu-
       satz:
       Der Weltfriede  ist notwendig,  denn die  Welt der vorhersehbaren
       Zukunft ist eine wissenschaftlich technische Welt.
       Der Weltfriede ist nicht das goldene Zeitalter, sondern sein Her-
       annahmen drückt sich in der allmählichen Verwandlung der bisheri-
       gen Außenpolitik in Welt-Innenpolitik aus.
       Der Weltfriede  fordert von  uns eine außerordentliche moralische
       Anstrengung, denn  wir müssen  überhaupt eine Ethik des Lebens in
       der technischen Welt entwickeln.
       Wie sehen diese Zusammenhänge im einzelnen aus?
                                    *
       1. Der Weltfriede ist notwendig, denn die Welt der vorhersehbaren
       Zukunft ist  eine wissenschaftlich-technische Welt. Inwiefern ist
       sie eine  wissenschaftlich-technische Welt? Wie tief greifen ihre
       Forderungen? Inwiefern macht sie den Frieden notwendig? Ich wähle
       die primitivsten  Beispiele, versuche sie aber weit genug zu ver-
       folgen.
       Die Technik ernährt uns. Was haben Sie heute zum Frühstück geges-
       sen oder  getrunken? Vom dänischen Ei über das Brötchen aus kana-
       dischem Weizen  zum Kaffee  aus Brasilien  sind diese Lebens- und
       Genußmittel auf  rationalisierte, technische  Weise erzeugt,  mit
       modernen technischen  Mitteln herbeigebracht, frischgehalten, ge-
       backen, gekocht. Eine Erinnerung zwanzig Jahre zurück genügt, uns
       klarzumachen, was  geschieht, wenn uns diese Apparatur nicht mehr
       zuverlässig bedient. Heute müssen die Entwicklungsländer sich in-
       dustrialisieren und  ihre Landwirtschaft  technisieren, wenn  sie
       dem nackten  Hunger entgehen wollen. Unsere eigene Landwirtschaft
       wird andererseits  in der  Weltkonkurrenz höchstens noch bestehen
       können, soweit  sie sich  entschlossen modernisiert; wo das nicht
       zureichend gelingt,  werden staatliche  Subventionen nur ihr Ende
       hinauszögern. Die  technische Welt  gewährt uns zwar ein Leben in
       bisher beispielloser  Fülle materieller  Güter. Aber  die Gesetze
       ihres Funktionierens  sind nicht minder erbarmungslos als die des
       Lebens in der Natur.
       Warum sind  denn viele  Völker der  Erde heute vom nackten Hunger
       verfolgt? Ich gehe hier nicht auf das große Problem der richtigen
       Güterverteilung ein,  das schon  zur Welt-Innenpolitik gehört. In
       den vortechnischen  Jahrtausenden gab es keinen großen Welthandel
       mit den elementaren Nahrungsmitteln, und diese Völker haben doch,
       wenngleich mit periodischen Hungersnöten, zu essen gehabt. Warum?
       Damals war  die Bevölkerungszahl  über lange  Zeit etwa konstant,
       oder die  Landnahme konnte  mit ihr  Schritt halten.  Die wissen-
       schaftliche Einsicht  und die technischen Mittel der modernen Me-
       dizin und  Hygiene haben  ein  vorerst  unaufhaltsam  scheinendes
       Wachstum der  Bevölkerungszahlen in  Gang gebracht.  Wissenschaft
       und Technik  scheinen uns  wohl mit Recht nirgends so segensreich
       wie in  der Medizin.  Eben dieser  Segen wird hier zur Quelle des
       vielleicht schwierigsten  Lebensproblems unserer Zeit. Welche Ab-
       hilfen gibt  es? Ich  sehe nur  zwei, die Aussicht bieten, in der
       Breite Erfolg  zu haben, und zwar indem sie zusammenwirken; beide
       gehören selbst  der Welt  der Technik  und der wissenschaftlichen
       Medizin an:  Vermehrung der  Lebensmittelproduktion und Beschrän-
       kung der Geburtenzahl.
       Der Vermehrung der Lebensmittelproduktion als vordringlichem Ziel
       dient die  Technisierung der Entwicklungsländer mit dem durch sie
       erzwungenen Umsturz  uralter Gesellschaftsordnungen.  Auf  diesem
       Wege ist  viel zu erhoffen. Aber eines Tages muß die Geburtenzahl
       zum Stehen  kommen, denn  die Erde  ist endlich, und der Weltraum
       ist der  Massenauswanderung verschlossen. Je später die Geburten-
       zahl zum  Stehen kommt,  desto schärfere  Anforderungen werden an
       das Gewebe der Produktion und Verteilung gestellt, desto verletz-
       licher wird also der Apparat, an dem die Ernährung der Menschheit
       hängt. Ungestörtes  Funktionieren der  Weltwirtschaft  setzt  den
       Weltfrieden voraus; schon aus diesem Grunde ist er notwendig. Die
       Geburtenzahl ihrerseits  wird nicht  aus biologischen Gründen zum
       Stehen kommen;  wenigstens bietet unsere Kenntnis der Gesetze des
       Lebens keinen Anlaß zu einer so bequemen Hoffnung. Ihre Beschrän-
       kung wird  also entweder  als eine  sich durchsetzende Sitte oder
       aus Anordnung  des Staates kommen. So tief wird der Mensch in der
       wissenschaftlich technischen Welt genötigt, in seine Natur und in
       die Ausübung  seiner Freiheit  einzugreifen.  Die  ethischen  und
       weltinnenpolitischen Folgen  dieser Tatsachen  versuche ich  hier
       nicht auszumalen.
       Heute schon  allen sichtbarer geht die Notwendigkeit des Friedens
       aus der  Entwicklung der  Waffentechnik  hervor.  Wissen  erzeugt
       Macht. Die Atomphysik, aus rein wissenschaftlichem Interesse ent-
       standen, hat uns die Möglichkeit der Atomwaffen eröffnet. Der po-
       litische und gesellschaftliche Zustand der Menschheit ist so, daß
       von einer  solchen Möglichkeit Gebrauch gemacht wird, einerlei ob
       einzelne sich  der Teilnahme  verweigern. Als  Erkenntnis ist die
       Möglichkeit der modernen Waffen nicht mehr auszurotten; in diesem
       Sinne müssen wir für alle vorhersehbare Zukunft mit der Bombe le-
       ben. Dennoch  kann ein  manifestierter Akt  der Verweigerung  der
       Teilnahme an ihr seinen Sinn haben. Er kann darauf hinweisen, daß
       der politische  und gesellschaftliche Zustand der Menschheit, der
       diese Gefahr mit sich bringt, geändert werden muß.
       Es gibt  ab und zu Phasen vorübergehender Selbststabilisierung im
       historischen Prozeß,  die wie  ein Begriff  einer gnädigen Vorse-
       hung, wie  eine uns zur Nutzung gewährte Frist erscheinen. So ist
       heute die  Gefahr des  großen Kriegs  gerade durch die Erkenntnis
       der vernichtenden  Wirkung dieser  Waffen gemindert. Aber das be-
       hutsame Verfahren  der führenden  Staatsmänner ist selbst ein Akt
       schwererrungener Einsicht. Diese Einsicht bedarf der Ausarbeitung
       im Detail.  Sie bedarf  der Expertenarbeit; sie bedarf einer Wis-
       senschaft und Technik oder, wie ich eingangs sagte, einer Strate-
       gie der  Friedenssicherung. Die technische Welt stabilisiert sich
       nicht von  selbst; sie  stabilisiert sich, soweit Menschen sie zu
       stabilisieren lernen.
       Deshalb ist  der bewußt  gewollte,  geplante  und  herbeigeführte
       Weltfriede Lebensbedingung  des technischen  Zeitalters. Verglei-
       chen wir  den Weg zu diesem Frieden mit der Besteigung eines noch
       nicht bezwungenen  Felsenbergs. In  früheren Jahrhunderten  stieg
       die Menschheit  durch Geröllhalden, in denen ein häufiges Zurück-
       gleiten unvermeidlich,  aber nicht  tödlich war. Heute nähern wir
       uns der  Gipfelregion. Sie bietet hartes Gestein; das Gestein hi-
       storischer Notwendigkeit.  In ihr  kann man  vielleicht  sicherer
       steigen als  früher. Aber  man muß steigen wollen, und man muß es
       technisch können; und ein Ausgleiten hier oben ist wahrscheinlich
       tödlich.
       Hierzu noch  eine letzte  klarstellende Bemerkung. Wie manche an-
       dere habe  ich in  den letzten Jahren gelegentlich öffentlich ge-
       sagt, ein  mit planmäßigem  Einsatz der  verfügbaren Waffen heute
       geführter Weltkrieg  würde vermutlich die Menschheit nicht völlig
       ausrotten. Ich  habe das gesagt, weil mir wichtig schien, daß wir
       in allen  Erwägungen das  Maß behalten. Ich bin dann gelegentlich
       so zitiert worden, als dürfe hieraus abgeleitet werden, ein Krieg
       sei unter  Umständen immerhin  noch zu verantworten. Ich kann mir
       keinen törichteren  und schrecklicheren Mißbrauch meiner Äußerun-
       gen denken.  Freilich wissen  wir alle,  daß die  Regierungen der
       Weltmächte heute  auf die  Drohung mit einer letzten Bereitschaft
       zum nuklearen Krieg noch nicht zu verzichten vermögen. Aber diese
       Staatsmänner wissen  selbst am besten, daß sie dabei zugleich mit
       dem Selbstmord alles dessen drohen, was sie selbst zu verteidigen
       wünschen. Wer diesen Krieg überleben würde - und in Europa würden
       es wenige  sein -, der würde nur bedauern, daß er nicht unter den
       Toten ist.  Von Freiheit  und Demokratie würde nachher schwerlich
       noch die  Rede sein,  sondern von  Hunger, Radioaktivität und der
       letzten Hoffnung auf eine starke Hand. Der billige Ausweg aus dem
       Nachdenken, der  lautet "Entweder es bleibe Friede, oder wir sind
       alle tot" - dieser Ausweg ist uns versperrt.
                                    *
       2. Wir haben  bereits den  Fragenkreis der  Weltpolitik betreten.
       Die zweite  These lautete:  Der Weltfriede  ist nicht das goldene
       Zeitalter, sondern  sein Herannahen  drückt sich in der allmähli-
       chen Verwandlung der bisherigen Außenpolitik in Welt-Innenpolitik
       aus. Unter  dem Titel  Welt-Innenpolitik werde ich hier zwei ver-
       schiedene, aber  beide aus  der Vereinheitlichung  der Welt  ent-
       springende Phänomene  beschreiben: die  Entstehung übernationaler
       Institutionen und  die Beurteilung  weltpolitischer Probleme  mit
       innenpolitischen Kategorien.
       Daß Außenpolitik  kleinerer in  Innenpolitik größerer politischer
       Einheiten übergeht,  ist ein  uns aus  der Geschichte  vertrauter
       Vorgang. Es  sind noch  keine hundert  Jahre verflossen, seit zum
       letztenmal deutsche  Staaten gegeneinander  Krieg führten. Damals
       kämpfte der  König von  Preußen gegen  die Könige von Bayern, von
       Württemberg, von Hannover und den Kaiser von Österreich. Der jun-
       gen Generation  von heute  ist das  schon fast unvorstellbar. Die
       Interessen- und  Temperamentsdifferenzen der deutschen Stämme ha-
       ben seitdem  nicht aufgehört, und moralischer ist die Politik in-
       zwischen gewiß  nicht geworden.  Aber innerhalb des Bismarckschen
       Reiches und  heute innerhalb  der Bundesrepublik  gab und gibt es
       verfassungsmäßige Wege  zum Austrag  der  Differenzen.  Wo  diese
       Wege, noch  nicht einmal durch Gewalt, sondern z.B. durch Unwahr-
       heit verlassen  werden, erhebt  sich berechtigte  und in  manchen
       Fällen erfolgreiche  Empörung. Wir  müssen hoffen, daß denen, die
       in hundert  Jahren jung  sein werden, die vergangenen Kriege zwi-
       schen  Deutschland  und  Frankreich,  ja  die  Möglichkeit  eines
       Krieges zwischen Amerika und Rußland so unbegreiflich sein werden
       wie unserer Jugend der politische Zustand Deutschlands, der durch
       die Kriege von 1866 und 1870 beendet wurde.
       Das ist heute nur eine Hoffnung; und was mag zwischen uns und ih-
       rer Verwirklichung noch liegen? Eine, freilich zweischneidige Re-
       alität hingegen  ist, daß sich die Menschen heute schon die Span-
       nungen zwischen  den Mächten  immer mehr  nur noch in der Sprache
       innenpolitischer Ideologien  begreiflich machen  können. Die mei-
       sten Menschen im Westen sind überzeugt, daß demokratische Staaten
       ihre Differenzen  stets friedlich regeln könnten und nur der Kom-
       munismus und allenfalls nationalistische Diktatoren uns mit Krieg
       bedrohten. Genau  analog scheint den Kommunisten chinesischer Ob-
       servanz der  Krieg durch das bloße Dasein des Kapitalismus unaus-
       weichlich, und auch die russische Observanz sieht im Kapitalismus
       die Quelle  des Unfriedens in der Welt. Auch die neu sich formie-
       renden asiatischen und afrikanischen Nationen sind überzeugt, ge-
       gen ein Prinzip, den Kolonialismus, zu kämpfen.
       Dieser Glaube  an die  Dominanz innenpolitischer  Prinzipien  ist
       zweischneidig, denn  er ist zum Teil eine Selbsttäuschung. Macht-
       körper wie  die Imperien  und wie nationalistische Nationen haben
       noch heute  die Tendenz  zum ungezügelten Ausgreifen und, gegebe-
       nenfalls, zum  Rückerwerb verlorener  Gebiete. Diese  Tendenz hat
       1914 die einander so ähnlich gewordenen europäischen Kulturnatio-
       nen in  den selbstmörderischen  Krieg gegeneinander  gehetzt. Wir
       dürfen daher  unsere Hoffnung  nicht allein  auf den Sieg der uns
       als richtig  erscheinenden Ideologie setzen. Wir müssen vielmehr,
       quer durch die Ideologien, langsam, behutsam und mit unbeirrbarer
       Zähigkeit diejenigen  Elemente staatlicher  Souveränität abbauen,
       die es  den Staaten möglich machen, Krieg aus freiem Entschluß zu
       beginnen.
       Ein Teil  dieses Bemühens sind die seit langem fortlaufenden Ver-
       handlungen über Abrüstung. Es ist gleich gefährlich, sie zu über-
       wie zu  unterschätzen. Man darf sie nicht überschätzen: Abrüstung
       ist technisch  und politisch gleich schwer durchzusetzen, und sie
       löst die  bestehenden Konflikte  nicht. Sie  muß ergänzt und wohl
       erst ermöglicht  werden durch  die Schaffung politischer Wege zum
       Austrag von  Konflikten. Ich  glaube, daß  sie eines Tages in die
       Übertragung des  Polizeimonopols an  eine internationale  Behörde
       einmünden muß.  Davon sind  wir noch sehr weit entfernt. Man darf
       die Abrüstung  aber auch  nicht unterschätzen.  Die Arbeit an ihr
       ist ein  ständiger Anreiz, eben diese notwendigen weiteren inter-
       nationalen Regelungen auszubilden. Zudem ist Verachtung des Abrü-
       stungswillens eine  der Brutstätten  jenes Zynismus,  aus dem die
       Katastrophen hervorgehen. Ich sehe mit Kummer, wie der politische
       Provinzialismus der  Bundesrepublik sich  z.B.  im  Fehlen  einer
       breiteren Schicht von Kennern der "Strategie der Abrüstung" doku-
       mentiert; ich  zitiere damit den deutschen Titel eines amerikani-
       schen Buches,  in dem  die Abrüstungsaspekte  der  Strategie  der
       Friedenssicherung dargestellt  sind. Verstünden wir mehr von die-
       sen Fragen,  so würden wir vielleicht weniger in Versuchung sein,
       uns auf  Grund spezieller  nationaler Interessen,  so wichtig sie
       für uns sind, notwendigen internationalen Schritten in den Weg zu
       stellen.
       Allgemein gilt:  Der Friede  muß nicht nur durch friedfertige Ab-
       sichten, sondern  durch feste  übernationale Institutionen  gesi-
       chert werden.  Absichten und  Gefühle wechseln  von Land zu Land,
       von Generation zu Generation; der Friede aber muß alle Länder um-
       fassen und  die Generationen überdauern. Diese Institutionen müs-
       sen so gut wie möglich den heranreifenden innenpolitischen Struk-
       turen einer  sich vereinheitlichenden Welt angepaßt sein. Welches
       sind diese  Strukturen? Welche  Ziele müssen  wir dem  Willen zum
       Fortschritt und zur Bewahrung setzen, der in jedem Land und jeder
       Generation immer von neuem erwacht?
       Wir im Westen halten mit vollem Recht die Freiheit für ein unauf-
       gebbares politisches  Gut. Wir  sind damit in unserem Jahrhundert
       zeitweilig in  die Defensive  gedrängt. Aber auch in der heutigen
       Welt ist  Freiheit,  richtig  durchdacht,  der  eigentlich  fort-
       schrittliche Gedanke. Für den größeren Teil der Welt ist innenpo-
       litische Freiheit  vor allem  deshalb schwer erreichbar, weil sie
       als konkretes  Ziel fast  noch zu  früh kommt. Diese Völker lösen
       sich erst  in unserem Jahrhundert aus der alten feudalen Ordnung.
       Sie müssen sich modernisieren, sie müssen einen angemessenen Grad
       sozialer Gleichheit  erreichen, und sie träumen oft einen - ange-
       sichts der  wahren Verflechtung  der modernen Welt - altmodischen
       Traum nationaler  Unabhängigkeit. All  dies ist  ohne eine starke
       Staatsgewalt nicht zu erreichen. Diese aber, meist Kind einer Re-
       volution, sichert  sich gegen  neuen Umsturz auf Kosten der Frei-
       heit der Staatsbürger.
       Wir werden  den in  die Modernität  eintretenden  Nationen  diese
       Phase oft  nicht ersparen  können. Vielleicht dürfen wir uns hier
       daran erinnern,  daß in  der  west-  und  mitteleuropäischen  Ge-
       schichte das  wichtigste Sprungbrett zur institutionell gesicher-
       ten Freiheit  die Rechtsgleichheit  und Rechtssicherheit war. Der
       Staat des Absolutismus aber hatte an der Schaffung dieser Rechts-
       ordnung, die  ihn schließlich  abzulösen gestattete, ein erhebli-
       ches Verdienst.  Daher ist  auch in  der Welt-Innepolitik, gerade
       auch in der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus, die Schaffung
       und Verteidigung zuverlässiger rechtsstaatlicher Formen im Innern
       der Staaten und durchsetzbarer rechtlicher Normen im Verkehr zwi-
       schen ihnen ein vordringliches Ziel; dies ist ein Ziel, das über-
       all auf  der Welt persönlichen Einsatz unter Gefahr rechtfertigt.
       Rechtsstaatlichkeit  ist  die  Grundlage  bürgerlicher  Freiheit;
       Freiheit ohne bindende Rechtsordnung vernichtet sich selbst.
       Zugleich aber  müssen wir die Freiheit dem heutigen und kommenden
       Gesellschaftszustand gemäß  neu denken und müssen dementsprechend
       handeln lernen. Terror ist ja eigentlich ein plumpes und altmodi-
       sches Mittel.  Das moderne  Problem heißt:  Freiheit und Planung.
       Moderne Industriegesellschaften  wie einerseits  die der atlanti-
       schen Nationen,  andererseits die der Sowjetunion werden einander
       unmerklich immer ähnlicher; dies geschieht unter der Decke wider-
       streitender Ideologien  und echter Gegensätze politischer Gewohn-
       heit und politischen Gefühls. Die technischen Notwendigkeiten er-
       zwingen ein  weitgehend geplantes Leben, und mit oft kaum erkenn-
       barem Zwang,  mit ökonomischem  Druck und  der Verlockung des Le-
       bensstandards werden  die Menschen dem Plan eingefügt. Wenn es in
       unserer Welt noch eigentliche menschliche Freiheit geben soll, so
       bleibt uns  nicht erspart,  auch den Raum dieser Freiheit zu pla-
       nen. Ein  Plan ohne  Freiheit wird sich in einer fortschreitenden
       technischen Welt  am Ende als unterlegen, ja als funktionsunfähig
       erweisen; er widerspricht der Natur des Menschen, der diese Tech-
       nik und ihren Fortschritt trägt.
       Ein konkretes  Beispiel für  die notwendige  Planung der Freiheit
       mag genügen:  das Bildungswesen.  In unserer  Welt ist  für jeden
       Menschen eine  angemessene Ausbildung Bedingung desjenigen sozia-
       len Status, in dem allein er das ihm mögliche Maß an Freiheit be-
       tätigen kann. Diese Ausbildung aber erfährt er als Folge staatli-
       cher Planung (oder Planlosigkeit) in einem jugendlichen Alter, in
       dem er  noch nicht für sich selbst entscheiden kann. So entschei-
       det die Planung des Bildungswesens mit darüber, ob wir Staatsbür-
       ger haben werden, die der Freiheit fähig sind.
                                    *
       3. Der Weltfriede  fordert von  uns eine außerordentliche morali-
       sche Anstrengung, denn wir müssen überhaupt eine Ethik des Lebens
       in der technischen Welt entwickeln.
       Was bedeutet Ethik in der technischen Welt?
       Ihre Grundlage  ist nicht  neu. Die  alte Ethik der Nächstenliebe
       reicht aus, wenn wir sie auf die Realitäten der neuen technischen
       Welt anwenden;  und wenn  wir sie  hier nicht anwenden, so ist es
       uns mit ihr nicht ernst. Das revolutionärste Buch, das wir besit-
       zen, das  Neue Testament,  ist nicht  erschöpft. Viele Strukturen
       der modernen  Welt stammen  aus ihm,  nur sind sie hier einseitig
       aufs Konkrete, Diesseitige angewandt; sie sind, wie man sagt, sä-
       kularisiert. Ich  nenne diesen  Hintergrund hier, aber ich analy-
       siere ihn  nicht. Ich will versuchen, das wenige, was ich noch zu
       sagen habe,  aus der inneren Gesetzmäßigkeit der technischen Welt
       selbst zu entwickeln. Damit versuche ich, nicht von ethischen Po-
       stulaten auszugehen,  sondern von  der Vernunft.  Wahre Vernunft,
       auf die  Praxis angewandt,  setzt sich  notwendigerweise auch  in
       ethische Postulate um. Was aber unserer Vernunft die Augen geöff-
       net hat  und, wo wir sie nicht zu gebrauchen wissen, immer wieder
       öffnet, ist  die Stimme  der Nächstenliebe, die wir einmal gehört
       haben.
       Es gibt  eine eigentümliche Faszination der Technik, eine Verzau-
       berung der  Gemüter, die  uns dazu  bringt, zu meinen, es sei ein
       fortschrittliches und  ein technisches  Verhalten daß  man alles,
       was technisch  möglich ist,  auch ausführt. Mir scheint das nicht
       fortschrittlich, sondern  kindisch. Es ist das typische Verhalten
       einer ersten  Generation, die alle Möglichkeiten ausprobiert, nur
       weil sie  neu sind, wie ein spielendes Kind oder ein junger Affe.
       Wahrscheinlich ist  diese Haltung  vorübergehend notwendig, damit
       Technik überhaupt  entsteht. Reifes  technisches Handeln aber ist
       anders. Es  benützt technische Geräte als Mittel zu seinem Zweck.
       Den Raum  der Freiheit  planen kann  nur der Mensch, der Herr der
       Technik bleibt.
       Mir liegt  daran, klarzumachen, daß diese reife Haltung nicht der
       Technik fremd,  sondern erst  die eigentlich  technische  Haltung
       ist. Jedes  einzelne technische  Gerät ist  von einem  Zweck  be-
       stimmt; es  ist so konstruiert, daß das Zusammenwirken aller sei-
       ner Teile  eben diesem  Zweck dient.  Kein Gerät ist Selbstzweck.
       Eine technische Zivilisation, deren Glieder sich gegenseitig hin-
       dern, gefährden  und zerstören,  ist technisch unreif. Eine Tech-
       nik, die  sich als  Selbstzweck gebärdet, ist als ganze auf einer
       niedrigeren Entwicklungsstufe  als ihre  einzelnen Apparate;  sie
       ist als ganze noch untechnisch.
       Wir müssen also ein Bewußtsein für den richtigen, den technischen
       Gebrauch der  Technik gewinnen,  wenn wir in der technischen Welt
       menschenwürdig überleben wollen. Das verlangt eine moralische An-
       strengung, die  sich in  einer positiven Moral, einer gefestigten
       Sitte niederschlagen  muß. Wir sollen, nach Kant, so handeln, daß
       wir die  Menschheit -  wir würden heute sagen das Menschsein - in
       jedem Menschen nicht nur als Mittel, sondern als Zweck verstehen.
       Als leitende Regel muß gelten: Kein Mensch ist ein Gerät, und Ge-
       räte dürfen  nur zum  Nutzen, nicht  zum Schaden der Menschen ge-
       braucht werden.  Das wachsende  Bewußtsein von  dieser Regel wird
       sich manifestieren in der Herausbildung fester verbindlicher For-
       men des  Umgangs mit  der Technik. Die Medizin, die seit Jahrtau-
       senden eine  auf Wissen  beruhende Technik  und die aus ihr flie-
       ßende Macht  kennt, kennt auch diese bindende Regel seit Jahrtau-
       senden. In  der Technik  des Alltags, wie etwa im Straßenverkehr,
       lernen wir  alle sie  heute nach und nach respektieren. Im großen
       wirtschaftlichen Zusammenhang  ist sie  gegen das scheinbare Ein-
       zelinteresse durchgesetzt  worden oder muß doch durchgesetzt wer-
       den wie  in Fragen des Slums und der Abholzung oder heute der Ab-
       gase und  Abwässer. Die technischen Waffen schließlich haben eine
       Perfektion erreicht,  die die  Ausschaltung des  Kriegs zu  einer
       vordringlichen Forderung der technischen Ethik macht.
       Diese Forderung  ist dem heutigen Menschen bewußt; er verzagt nur
       oft gegenüber  ihrer Realisierbarkeit.  Wir befinden uns in einer
       Übergangszeit, in  der der große Krieg schon schlechthin verwerf-
       lich, aber  doch noch  möglich ist.  So ist  auch unser ethisches
       Verhalten zur Möglichkeit des Kriegs ein unsicheres Verhalten des
       Übergangs. Einige  versuchen heute  schon streng  nach derjenigen
       Ethik zu  leben, die eines Tages wird die beherrschende sein müs-
       sen, und  verweigern jede Beteiligung an der Vorbereitung auf den
       möglichen Krieg.  Andere, die die Forderung nicht minder deutlich
       verstehen, versuchen inmitten der heute noch geltenden Normen für
       die Festigung  einer rechtlichen  und freiheitlichen Friedensord-
       nung zu  wirken. Beide  tun etwas  Notwendiges; etwas, das zu tun
       sich jemand bereit finden muß.
       Am klarsten sollte das Bewußtsein von der Notwendigkeit den Frie-
       den zu sichern, bei den Menschen entwickelt sein, die den techni-
       schen Waffen am nächsten stehen: den Wissenschaftlern, deren For-
       schung sie ermöglicht; den Soldaten, die sie anwenden müßten; und
       den Politikern,  die noch am ehesten Mittel haben, ihre Anwendung
       zu vermeiden.  Aber jeder dieser Stände bleibt noch hinter seiner
       Aufgabe zurück.  Der Wissenschaftler zieht sich oft in den elfen-
       beinernen Turm  der reinen  Forschung zurück;  und wo er sich den
       politischen Folgen  seiner eigenen  Forschung stellt, muß er erst
       lernen, die  verwickelte politische Realität gedanklich zu durch-
       dringen. Dem  Soldaten fällt  es heute  noch schwer,  an eine  so
       tiefgreifende Verwandlung  der Welt  zu  glauben.  Der  Politiker
       schließlich ist  gezwungen, mehrere  Eisen im  Feuer zu haben; er
       vertritt, so  ernst es  ihm  mit  dem  Frieden  sein  mag,  stets
       zugleich das  Interesse seiner  Partei, seiner Nation. Alle brau-
       chen den  Antrieb und den Rückhalt oder Widerstand eines Bewußts-
       eins aller  Menschen, auch derer, die unter ihrem Kommando stehen
       oder ihnen  ihre politische Stimme geben; des klar herausgearbei-
       teten und  zu Opfern  bereiten Bewußtseins,  daß Krieg nicht mehr
       sein darf.
       

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