Quelle: Blätter 1964 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       PROF. DR. GOLO MANN: FÜR EINE ILLUSIONSLOSE
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       DEUTSCHE AUSSENPOLITIK
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       Prof. Dr.  Golo Mann, Ordinarius für Politische Wissenschaften an
       der Technischen  Hochschule Stuttgart,  hat am 9. Februar 1964 in
       der "Deutschen  Bibliothek" in  Rom einen  Vortrag über  die "Ära
       Adenauer" und  die Notwendigkeit einer Korrektur bestimmter ihrer
       außenpolitischen Vorstellungen  gehalten. Seine Ausführungen über
       eine illusionslose deutsche Ost-Politik, sowohl gegenüber der So-
       wjetunion wie  gegenüber Polen,  wurden vor  allem  von  gewissen
       Kreisen der  ostdeutschen Landsmannschaften  heftig  angegriffen.
       Außerdem richtete ein CDU-Abgeordneter im baden-württembergischen
       Landtag eine  Anfrage an die Landesregierung in Stuttgart, die am
       27.  Februar  von  Ministerpräsident  Dr.  Kiesinger  beantwortet
       wurde. Die  Studentenschaft der  Technischen Hochschule Stuttgart
       stellte sich  in einer öffentlichen Erklärung vor Prof. Golo Mann
       und trat,  ohne sich  mit seinen Ausführungen selbst zu identifi-
       zieren, für  das Recht  der freien  öffentlichen Meinungsäußerung
       ein. - Wir veröffentlichen im folgenden einige besonders wichtige
       Passagen des  Vortrages von  Prof. Golo Mann, nach dem am 27. Fe-
       bruar in der "Stuttgarter Zeitung" veröffentlichten Text. D. Red.
       
       Der Widerspruch der deutschen Außenpolitik m der Ära Adenauer lag
       also in  dem Nebeneinander  der europäischen  Integrationspolitik
       nach Westen  hin und  der starren Aufrechterhaltung des National-
       staatenprinzips, mehr  noch, des  Reichs-Phantoms nach Osten hin,
       so als ob die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges im Osten, wo er
       begann und  am schlimmsten  wütete, ohne  bleibende  Folgen  sein
       könnte. Im  Westen nahm man die radikalsten Veränderungen in Kauf
       und wirkte  selber tatkräftig  bei ihnen mit: im Osten kehrte man
       zu der  Politik des bloßen Nein zurück, das die deutsche Ostpoli-
       tik in den zwanziger Jahren bezeichnet hatte. Allerdings, ein ge-
       waltloses Nein  soll es  sein; aber das kann die Polen schwerlich
       überzeugen, die  den Übergang von einem gewaltlosen Revisionismus
       zu einem  gewalttätigen schon  einmal erlebt  haben. Dabei schien
       das Ziel  Adenauers nicht so sehr, wirkliche Veränderungen zu er-
       reichen, wie,  die Dinge dort zu belassen, wo sie 1950 angekommen
       waren: eine Verneinung des Status quo, um ihn, in dieser Form der
       Verneinung, unter der Bedingung des Kalten Krieges ad indefinitum
       zu erhalten. Nun bot der Kalte Krieg wohl diese Bequemlichkeiten,
       barg aber  größere Gefahren;  er war  nicht eine Sache, die immer
       dauern könnte,  ohne zu  explodieren. Ebensowenig  würde  die  in
       Deutschland gepflegte  Illusion, man könne die Dinge in Osteuropa
       wieder zum  Stande von 1937 zurückführen, immer wirkungslos blei-
       ben. Solche  Illusionen, solche  theoretischen  Verkennungen  der
       Wirklichkeit, seien sie auch heimlich mit Zweifeln versetzt, füh-
       ren zum Schluß zu Verirrungen in der Praxis, wie sie es gerade in
       der deutschen  Geschichte schon mehrfach getan haben. Denn es ist
       ja viel  Illusion, viel  Wegsehen von  der Wirklichkeit und unge-
       eignetes Ausharren bis zu einem schlimmen Ende in der neueren Ge-
       schichte dieses Landes.
       Ich sagte,  der Kalte  Krieg böte viele Bequemlichkeiten. Für die
       Bundesrepublik tat er es offenbar; ihm verdankte sie ihre Entste-
       hung, ihm  die Hilfe der Vereinigten Staaten und einen guten Teil
       ihrer außenpolitischen  Erfolge, ohne  daß man  die  persönlichen
       Verdienste, die  mit solchen Erfolgen belohnt wurden, verkleinern
       müßte. Darum  auch ist  Adenauer dem  Begriff der  west-östlichen
       Entspannung abgeneigt  gewesen; wirkliche  Entspannung mußte  den
       negativen Aspekt  seiner Politik, der ihr mitkonstitutionierender
       Bestandteil war,  in Frage  stellen und sie in unsicheres Neuland
       führen. Aber  Neuland kann Politik nie vermeiden, selbst wenn die
       alte besser  wäre, als  das vom  Kalten Krieg Geordnete war. Eben
       dies meinte  Präsident Kennedy,  als er  in seiner  Rede  in  der
       Frankfurter Paulskirche  die Deutschen vor Fausts "Verweile doch,
       du bist  so schön"  warnte. Der  Augenblick von 1950 konnte nicht
       immer verweilen und war so schön auch nicht.
       Die gleiche  Verbindung von Bequemlichkeit und Gefährlichkeit be-
       zeichnet auch  die ideelle Seite des Kalten Krieges, die Haltung,
       die man  verkürzend Antikommunismus  nennt. Er war nicht willkür-
       lich von  den Deutschen erfunden. Er war eine Reaktion auf Dinge,
       die nun  ohne ihr  Zutun geschahen; es scheint mir ein Fehler der
       an sich sehr schwachen radikalen Opposition in Deutschland, so zu
       argumentieren, als  ob es den nuancenreichen, immer anpassungsbe-
       reiten, aber nie abdankungsbereiten kommunistischen Imperialismus
       nicht gäbe. Nicht minder falsch war es, die tiefen Veränderungen,
       die in der Politik und in der Gesellschaft Osteuropas während der
       Ära Adenauer vor sich gingen, nahezu zu ignorieren und so zu tun,
       als ob  sich dort  seit 1953 nichts Wesentliches verändert hätte.
       Bedenklich war  die von vielen genährte Illusion, es könnte alles
       das, was  man unter dem vagen Sammelnamen "Kommunismus" zusammen-
       faßt, zum  Schluß doch  wieder aus der Welt geschafft werden. Der
       Antikommunismus ersparte  den Deutschen das ernsthafte Nachdenken
       über ihre  eigene Vergangenheit, das nach 1945 ihre Sache gewesen
       wäre. Schon  war man  wieder im  Recht und Unrecht leidend; schon
       stand man  wieder in der vordersten Front gegen einen absolut bö-
       sen Feind,  und zwar, was nicht das am wenigsten Verwirrende war,
       gegen den  gleichen Feind, gegen den auch Hitler gestanden hatte.
       Es ist  kein Wunder,  daß die Geistesrichtung, die ich vorhin als
       Revisionismus beschrieb, sich dieser Tatsache reichlich bedient.
       Aus der  Kritik ergeben  sich gewisse  Ausblicke auf die Zukunft.
       Deutschland wird  seine Illusionen aufgeben und sich selber iden-
       tifizieren müssen.  Es wird  die Veränderungen  in  Europa,  ein-
       schließlich seiner eigenen neuen Grenzen, als das anerkennen müs-
       sen, was sie sind. Es wird nicht seine berechtigte und notwendige
       Defensive gegenüber  dem Kommunismus  aufgeben müssen,  wohl aber
       den prätendierten Ehrgeiz, in diesem Konflikt endlich doch Sieger
       zu sein;  in diesem  Konflikt, wie  Raymond Aron es einmal ausge-
       drückt hat,  ist sich  selber zu  behaupten der einzige Sieg, der
       erstrebt werden  kann. Es  wird dann zu dem anderen Teil Deutsch-
       lands, mit  dem es  sich in absehbarer Zeit nicht verbinden kann,
       ein freieres  Verhältnis suchen  und so  dort dringend wünschbare
       Veränderungen möglich machen müssen.
       

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