Quelle: Blätter 1964 Heft 03 (März)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG DES EXEKUTIV-AUSSCHUSSES DES ÖKUMENISCHEN RATES DER
       =============================================================
       KIRCHEN AUF SEINER TAGUNG IN ODESSA VOM 10. BIS 14. FEBRUAR 1964
       ================================================================
       
       Als Mitglieder des Exekutivausschusses des Ökumenischen Rates der
       Kirchen, der in Odessa tagt, haben wir die weite Verbreitung, die
       die im August vom Zentralausschuß des Ökumenischen Rates angenom-
       mene Erklärung  "Der Vertrag zum Kernwaffenversuchsverbot und die
       nächsten Schritte" in staatlichen und zwischenstaatlichen Kreisen
       gefunden hat,  und ebenso  ihre gute  Aufnahme bei vielen Kirchen
       zur Kenntnis  genommen. Nach einem vorliegenden Bericht haben die
       Amtsträger der "Kommission der Kirchen für Internationale Angele-
       genheiten" (CCIA)  diese Erklärung der wiederaufgenommenen Konfe-
       renz des  Achtzehn-Mächte-Ausschusses für  Abrüstungsfragen über-
       mittelt und auf Grund dieses Dokuments insbesondere mit den Dele-
       gationsleitern der Atommächte beraten.
       Wir begrüßen das Nachlassen der Spannungen zwischen den Großmäch-
       ten, das  dem Abschluß des Moskauer Vertrages über eine begrenzte
       Beendigung der  Versuche mit Kernwaffen im vergangenen Sommer ge-
       folgt ist.  Jede Gelegenheit  sollte genutzt  werden, um  vom Rü-
       stungswettstreit zur Zusammenarbeit in der Abrüstung zu gelangen.
       Wenn die prekäre Entspannung des Augenblicks festeren Bestand er-
       halten und  weitere Vereinbarungen  erzielt werden sollen, müssen
       ernsthafte Hindernisse überwunden werden.
       Regierungen neigen  dazu, einen Plan nur für annehmbar zu halten,
       wenn er  von ihrem  eigenen Vertreter  vorgeschlagen worden  ist.
       Diese Einstellung  muß der  Bereitschaft weichen,  jeden Plan auf
       Grund seiner  eigenen Verdienste  zu bewerten  und ein sinnvolles
       Verhandlungsverfahren anzunehmen, durch das gemeinsam erarbeitete
       Vorschläge vorgelegt  werden können.  Das  Bestreben,  aus  Abrü-
       stungsmaßnahmen militärischen  Nutzen zu ziehen, birgt die Gefahr
       eines Krieges  in sich. Die Mächte sollten sich über Maßnahmen zu
       einigen suchen, die ein vernünftiges Gleichgewicht erhalten; denn
       der Frieden  hängt noch  immer an  dem dünnen Faden des Gleichge-
       wichts der  Kräfte. Örtliche  Konflikte treten immer häufiger auf
       und führen mächtige Staaten in Versuchung, hier ideologische oder
       territoriale Gewinne  zu erzielen  - sei  es  durch  militärische
       Hilfe, wirtschaftliche  Ausbeutung oder Subversion. Gibt man die-
       ser Versuchung  nach, wird  die Gefahr  erweiterter Konflikte die
       Menschheit auch  in Zukunft  beunruhigen. Durch  den  erzwungenen
       Fortbestand fremder  Aufsicht, die die Völker daran hindert, ihre
       eigene Regierungsform  und Vertreter  frei zu  wählen, bleibt die
       internationale Situation weiterhin unruhig und unsicher.
       Ungeachtet des  mangelnden Vertrauens  und trotz  des Mißtrauens,
       das so lange dauern wird, wie derartige Hindernisse bestehen, muß
       eine allgemeine und umfassende Abrüstung das Ziel internationaler
       Bemühungen bleiben. Es wäre jedoch eine Selbsttäuschung, anzuneh-
       men, daß  ein leichter  Weg uns  schnell dorthin führt Wir würden
       nur versäumen,  vorhandene Gelegenheiten  zu  nutzen,  die  einen
       schnelleren Fortschritt  in Richtung  auf einen  menschenwürdigen
       Weltfrieden in Gerechtigkeit und Freiheit gestattet.
       Vorschläge, die in jüngster Zeit von beiden Seiten gemacht worden
       sind, können  eine große Bedeutung für die internationale Sicher-
       heit haben.  Zu ihnen  gehören Verhandlungen über einen Nicht-An-
       griffspakt; Abschluß  eines internationalen  Abkommens, durch das
       sich alle  Staaten verpflichten,  territoriale Streitigkeiten und
       Grenzfragen ohne  Gewaltanwendung zu lösen; Abschluß eines inter-
       nationalen Abkommens,  durch das  sich alle Staaten verpflichten,
       auf jede direkte oder indirekte Form der Drohung oder jede Gewal-
       tanwendung zur  Verteidigung eigennütziger politischer oder wirt-
       schaftlicher Interessen,  auf jeden  Angriff, jede Subversion und
       auf geheime Waffenlieferungen zu verzichten; Produktionsstopp für
       spaltbares Material, das militärischen Zwecken dient, und Umstel-
       lung der  Kernenergieproduktion auf friedliche Zwecke; Errichtung
       von Kontrollposten  als Vorkehrung  gegen  Überraschungsangriffe;
       Begrenzung der  nuklearen Schlagkraft und nuklearer Trägerwaffen;
       Vorkehrungen gegen  die Erweiterung  des Kreises  der Atommächte;
       Errichtung  kernwaffenfreier  Zonen;  Einstellung  unterirdischer
       Tests für militärische Zwecke. In einer Reihe von Fällen gleichen
       sich die  einzelnen Vorschläge weit genug, so daß ein Übereinkom-
       men möglich ist und erreicht werden kann.
       Bei den  fortschreitenden Bemühungen, durch multilaterale Verein-
       barungen eine  progressive Abrüstung  zu  erzielen,  sollten  die
       Mächte nicht  vergessen, welche  Rolle sie  auch durch einseitige
       Maßnahmen spielen können. Die Herabsetzung der Ausgaben für mili-
       tärische Zwecke,  eine verantwortliche  militärische Haltung, die
       eindeutig den  Eindruck aggressiver Absichten vermeidet, die Ver-
       minderung der  Truppenstärke, Zurückhaltung bei politischen Span-
       nungen, zunehmende  Verwendung von spaltbarem Material für fried-
       liche Zwecke  - all dies sind Maßnahmen, die anderen als Beispiel
       und Vorbild  dienen können und damit einer internationalen Aktion
       den Weg ebnen sollten.
       Die mittleren und kleineren Mächte, mag man sie auf gewisse Weise
       mit den großen Mächteblöcken oder den anerkannt Blockfreien iden-
       tifizieren, haben  auch ihre  Rolle zu  spielen. Es ist ihre Auf-
       gabe, den  Großmächten die  Notwendigkeit von Konzessionen einzu-
       schärfen, die,  ohne die  internationale Sicherheit zu gefährden,
       ein Übereinkommen fordern. Dabei werden sie im Auge behalten müs-
       sen, daß  sie selbst  eine Verantwortung zur Abrüstung haben, und
       gewissenhaft vermeiden,  ihre eigene militärische Macht durch den
       Erwerb von Waffen, die andere aufgeben, zu erweitern. Ihr Beitrag
       kann in  gewissen Fällen ausschlaggebend, auf jeden Fall aber im-
       mer hochbedeutend sein.
       Die Zeit scheint uns reif zu sein für einen weiteren Schritt vor-
       wärts im  Kampf des Menschen gegen Krieg und Ungerechtigkeit. Der
       Fortschritt mag sich langsam und in kleinen Schritten vollziehen,
       aber er  muß stetig  und sicher sein. Wir appellieren an die Kir-
       chen, ihren Friedenseifer zu intensivieren und, gemeinsam mit an-
       deren Menschen  guten Willens,  die Regierungen zu Maßnahmen, wie
       wir sie  vorgeschlagen haben,  zu drängen. Laßt uns der Worte des
       Apostels Paulus  gedenken, laßt sie uns beachten: Ist es möglich,
       soviel an  euch ist,  so habt  mit allen  Menschen Frieden  (Röm.
       12/18).
       

       zurück