Quelle: Blätter 1964 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       OFFENER BRIEF VON PROF. DR. HEINRICH VOGEL, BERLIN, AN DEN
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       BUNDESKANZLER PROF. DR. LUDWIG ERHARD ZUR PASSIERSCHEIN-FRAGE
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       Prof. D.  Heinrich Vogel,  der sowohl an der Humboldt-Universität
       ist Ost-Berlin  wie auch  an der  Kirchlichen Hochschule in West-
       Berlin Theologie  lehrt, hat  am 24.  Februar 1964  den folgenden
       "Offenen Brief"  an Bundeskanzler Prof. Dr. Ludwig Erhard gerich-
       tet:
       
       Hochverehrter Herr Bundeskanzler!
       In der  Mitverantwortung für die Menschen unserer geteilten Stadt
       und aus  der tiefen Sorge um den politischen Weg unseres getrenn-
       ten Volkes  weiß ich  mich als einer der wenigen Grenzgänger, die
       noch von  Berufs wegen  die Mauer  fast täglich passieren, in der
       Brückenfunktion, der  meine ganze  Existenz gehört, verpflichtet,
       Ihnen folgende Bitte ehrerbietigst nahezubringen:
       Tun Sie,  Herr Bundeskanzler, was in Ihren Kräften steht, daß der
       gute Weg, der mit dem Weihnachts-Passierschein-Abkommen beschrit-
       ten wurde,  wenn möglich  doch noch  zu Ostern  seine Fortsetzung
       findet!
       Das Befreiende  an den Berliner Weihnachten 1963 war, daß endlich
       einmal dem  Menschlichen vor  dem Politischen der Vorrang gegeben
       wurde -  von beiden  Seiten! Diese  Prävalenz des Menschlichen zu
       praktizieren, dürfte  die einzige  uns  noch  verbliebene  Chance
       sein, den  durch unser Volk gehenden Riß auch politisch zu heilen
       und damit  dem Frieden  der Welt zu dienen. Das Passierschein-Ab-
       kommen war  ein erster, Hoffnung gebender Schritt in dieser Rich-
       tung. Der  Strom von Freude, den es auslöste, war die Bestätigung
       seiner Richtigkeit.  Soll, was so gut begonnen wurde, nun doch im
       Kampf der  politischen Doktrinen,  Forderungen und  Ängste enden?
       Die Verfahrensfrage  und ihre  Problematik wiegt nicht schwer ge-
       nug, um das zu riskieren, was hier auf dem Spiele steht: die wäh-
       rende Zerreissung  der engsten menschlichen Bande und das Wieder-
       aufleben von  Mißtrauen, Haß,  Angst und gegenseitiger Verhärtung
       an der  Berliner Mauer. Wenn für unser im letzten Krieg so schul-
       dig gewordenes  Volk der Weg der Machtpolitik wirklich keine Ver-
       heißung hat, so gibt es nur die Friedens-Alternative von Verhand-
       lungen, die  ohne gegenseitige  Konzessionen zu  keinem positiven
       Ergebnis kommen können.
       Ich glaube  nicht als  einzelner, sondern als Mund von Unzähligen
       an der  Lösung der  Passierschein-Krise zutiefst  Beteiligten  zu
       sprechen, wenn  ich Sie,  Herr  Bundeskanzler  bitte,  auch  Ihre
       letzte Erklärung, wie sie durch die Presse ging, nicht das letzte
       Wort in  der Sache  sein zu  lassen. Die  Passierschein-Gespräche
       dürfen nicht  in einer  Ergebnislosigkeit enden, deren wahres Er-
       gebnis nur der Kalte Krieg mit allen seinen unabsehbaren Gefahren
       sein würde. Helfen Sie zu einer guten Lösung!
       Mit dem Ausdruck der vorzüglichen Hochachtung
       Ihr sehr ergebener
       gez.: D. Heinrich Vogel
       

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