Quelle: Blätter 1964 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ADRESSE DES UN-GENERALSEKRETÄRS AN DIE WELTHANDELSKONFERENZ
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       Auf der  Eröffnungssitzung der  "Konferenz der Vereinten Nationen
       für Handel und Entwicklung", die vom 23. März bis zum 15. Juni im
       Genfer  Völkerbundspalast   tagt,   richtete   UN-Generalsekretär
       U Thant an  die Delegationen aus 123 Staaten die folgende Anspra-
       che:
       
       Die Präambel  der UN-Charta  bekräftigt die  Entschlossenheit der
       Völker der  Vereinten Nationen  "sozialen Fortschritt und bessere
       Lebensbedingungen bei  größerer Freiheit zu fördern und für diese
       Zwecke... internationale Einrichtungen für die Förderung des öko-
       nomischen und  sozialen Fortschritts  aller Völker in Anspruch zu
       nehmen".
       In Übereinstimmung mit diesen hohen Prinzipien wurde die Idee ge-
       boren, eine  Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Ent-
       wicklung einzuberufen.
       Tatsächlich besteht  über die  Notwendigkeit einer solchen Konfe-
       renz eine  einzigartige Atmosphäre  der  Übereinstimmung  in  der
       Welt. Nicht  eine einzige Stimme hat sich in der Gemeinschaft der
       Nationen, seien sie groß oder klein, mächtige Handelszentren oder
       kleinere Handelspartner, dagegen erhoben. Diese Konferenz ist ein
       bemerkenswertes Ereignis  in der  Geschichte der  internationalen
       Zusammenarbeit und  sie wird,  wie ich  hoffe, ein Wendepunkt der
       Arbeit der Vereinten Nationen auf wirtschaftlichem Gebiet sein.
       Warum wurde diese Konferenz einberufen? Was bewog Sie alle, hier-
       her zu  kommen und zwölf Wochen angestrengt und ununterbrochen zu
       arbeiten?
       Eine Kette  von Ereignissen  trug im Laufe der Jahre zu der wach-
       senden Erkenntnis  bei, daß  die Vereinten Nationen entscheidende
       Anstrengungen machen  müssen, sich  gemeinsam mit  Problemen  des
       Handels und  der Entwicklung  zu befassen oder das Risiko zu lau-
       fen, daß  die Bemühungen der Organisation zur Erhaltung des Welt-
       friedens enttäuscht  werden. Das  Problem der Erhaltung des Frie-
       dens ist so umfassend wie das Leben selbst und vielleicht hat un-
       sere Generation die beste Gelegenheit, zu zeigen, daß internatio-
       nale Beziehungen  nicht allein  durch diplomatischen  Verkehr und
       militärische Macht  geregelt, sondern  auch von  Menschen auf den
       Feldern und  in Fabriken,  wo immer menschliche Wesen ihr täglich
       Brot verdienen, beeinflußt werden.
       Es scheint allgemeines Einvernehmen über die dringenden Gründe zu
       geben, die  zur Einberufung dieser Konferenz führten. Tatsächlich
       könnte die Konferenz zu einer bloßen Übung politischer Nutzlosig-
       keit oder  zu einem abstrakten Seminar führender Wirtschaftsfach-
       leute aus  aller Welt  werden. Sie  ist, davon bin ich überzeugt,
       dazu bestimmt,  weder das  eine noch  das andere zu sein. Wie die
       Beschlüsse der  Vollversammlung und  des Wirtschafts- und Sozial-
       rates zeigen,  wie die Arbeiten des Vorbereitungskomitees zur Ge-
       nüge beweisen  und wie der Bericht des Generalsekretärs ausführt,
       ist der  Konferenz die  Rolle eines Aktionsinstruments zugedacht.
       Man erwartet  nun, daß sie einer neuen Handels- und Entwicklungs-
       politik Grundlage  geben und  Wege weisen  sowie die  notwendigen
       Mittel für  deren Verwirklichung  bestimmen wird. An diesem Punkt
       mag man  fragen, welches  sind die  wichtigsten Überlegungen, die
       unserer Konferenz zugrundeliegen?
       Es gibt zwei gleichlaufende Entwicklungsprozesse in der Welt, die
       seit dem  Kriege große  Bedeutung erlangt  haben. Der eine ist in
       erster Linie  politischer, der  andere ökonomischer  Natur. Beide
       erzeugen scharfe  soziale Spannungen,  die entweder  auf neue Le-
       bensformen und  die Verbesserung  des  Lebensstandards  gerichtet
       sein oder sich in einer Serie von Erschütterungen äußern können.
       Die Nachkriegsjahre  zeugen von der schnellen politischen Emanzi-
       pation der kolonialen und halbkolonialen Völker. Nach dem Zweiten
       Weltkrieg sind die meisten asiatischen Völker mit eigenen Rechten
       auf der  Weltbühne erschien.  In diesem  Jahrzehnt haben  wir das
       Aufstreben Afrikas  beobachtet. Weiter scheint es, daß jetzt auch
       in Lateinamerika  wichtige Entwicklungen  begonnen  haben.  Diese
       großen historischen  Erscheinungen widerspiegeln sich so deutlich
       in den  Vereinten Nationen der Gegenwart, daß es nicht nötig ist,
       in allen Einzelheiten darauf einzugehen.
       Die politischen  Tendenzen, von denen ich hier berichte, beobach-
       ten wir in jenen weiten Teilen der Welt, die in den Vereinten Na-
       tionen gewöhnlich  als sich  entwickelnde Gebiete bezeichnet wer-
       den. Aber  diese Gebiete  entwickeln sich  in Wirklichkeit  nicht
       oder nicht genug; sie leiden vielmehr in unterschiedlichem Ausmaß
       an akuter und dauernder Unterentwicklung. Sie sind nicht nur mehr
       und mehr hinter den Industriegesellschaften zurückgeblieben, son-
       dern in bestimmten Fällen und auf unabsehbare Zeit verschlechtert
       sich ihr  Lebensstandard noch,  besonders wenn man ihre wachsende
       Bevölkerung in  Betracht zieht. Hier werden wir Zeugen des Dilem-
       mas unserer  Tage, der Tatsache nämlich, daß die politische Eman-
       zipation nicht  mit einem gleichzeitigen und wünschenswerten Ver-
       hältnis des  ökonomischen Fortschritts  verbunden ist.  Trotz der
       Tatsache, daß  die Vereinten  Nationen die  sechziger  Jahre  zum
       Jahrzehnt der Entwicklung erklärt haben, an dessen Ende als Mini-
       malziel eine jährliche Zuwachsrate von fünf Prozent erreicht wer-
       den sollte, scheint es, daß dieses bescheidene Ziel ohne neue Me-
       thoden der Hilfe und des Handels nicht erreicht werden kann.
       Viele Jahrzehnte hindurch war der internationale Handel verbunden
       mit der  der dynamischen  Entwicklung der nun fortgeschrittensten
       Länder, darunter  Westeuropa und  Nordamerika. Gleichzeitig blieb
       das traditionelle  - gewöhnlich  vorkapitalistische -  System  in
       jenem großen  Teil der  Welt vorherrschend,  der  mit  der  Indu-
       striealisierung noch  nicht begonnen  oder nur  ungenügende Fort-
       schritte in  dieser Richtung  gemacht hatte.  Die althergebrachte
       Arbeitsteilung - der Austausch von Elementarprodukten gegen Indu-
       striewaren -  sicherte den bescheidenen Aufstieg vieler unterent-
       wickelter Gebiete,  ohne aber  die veraltete soziale und ökonomi-
       sche Ordnung  ihrer Gesellschaft  zu verändern.  Daß die Mehrzahl
       der Menschen unter Bedingungen der Stagnation lebte, mochte durch
       ihre traditionsgebundene  Lebensweise einigermaßen gerechtfertigt
       erscheinen und  konnte vielleicht  in jenen Tagen stillschweigend
       akzeptiert  werden.  Die  Nachkriegsperiode  bewirkte  aber  eine
       grundsätzliche Neuorientierung  der Völker in der unterentwickel-
       ten Welt. Heute gibt es kaum ein unterentwickeltes Gebiet auf der
       Erde, dessen  Bevölkerung sich nicht der Existenz reicher Gesell-
       schaften und  gewisser aufstrebender  Industrieländer,  die  erst
       kürzlich das vorindustrielle Stadium verlassen haben, bewußt wäre
       und so  sind die in den eigenen Ländern herrschenden Verhältnisse
       nicht länger  akzeptabel. Dieses  neue, im Wachsen begriffene so-
       ziale Bewußtsein  erfordert neuzeitliche Wege der internationalen
       Wirtschaft und  macht die schnelle ökonomische Entfaltung der we-
       niger entwickelten Gebiete, die Ausweitung der Landwirtschaft und
       die  Beschleunigung  des  Industrialisierungsprozesses  besonders
       dringend. Es wurde außerdem das Verlangen nach einer neuen inter-
       nationalen Arbeitsteilung  sichtbar. Weiter hat das Auftreten der
       sozialistischen Länder  als Nationen  mit sich fortschreitend er-
       weiterndem Handel  und zunehmende  Industrialisierung  gewichtige
       Gründe für  die vollständige  Eingliederung dieser  Länder in die
       Weltwirtschaft geschaffen.
       Die beiden  Vorgänge, von  denen ich sprach, fallen in eine Zeit,
       da die  zunehmende Ungleichheit  zwischen den  sich entwickelnden
       und den  entwickelten Ländern  in bezug  auf Einkommen und Handel
       ein akutes und kritisches Stadium erreichte. Gleichzeitig hat die
       in den Industrieländern um sich greifende geistige und technische
       Revolution ein beispielloses Wachstum an Produktivität und Natio-
       naleinkommen zustandegebracht.
       Der Gegensatz zwischen den entwickelten und den unterentwickelten
       Gebieten der Welt und das Bewußtsein dieses Gegensatzes bei einem
       Teil der  Völker Asiens,  Afrikas und Lateinamerikas; das gleich-
       zeitige politische  Erwachen und  die andauernde Knechtschaft und
       Armut - das sind die Voraussetzungen, die nach meiner Meinung den
       realen Hintergrund dieser Konferenz bilden.
       Die Menschheit  scheint sich  heute zum erstenmal bewußt zu sein,
       daß die materiellen Ressourcen der Welt zur Ausrottung von Armut,
       Unwissenheit und  Krankheit ausreichen,  wenn Technik und Wissen-
       schaft völlig für diese Aufgabe eingesetzt und alle nur möglichen
       Wege weltweiter Zusammenarbeit beschritten werden.
       Tatsächlich sind  seit der  Gründung der Vereinten Nationen große
       Fortschritte in  dieser Richtung zu verzeichnen. Es wurden multi-
       laterale und  bilaterale Hilfsprogramme in bisher unvorstellbarer
       Größenordnung erarbeitet,  Kapitalien in  großem Umfang bereitge-
       stellt, sowie  technische Kenntnisse und Fertigkeiten an die Ent-
       wicklungsländer vermittelt.  Alle diese  beachtenswerten  Zeichen
       des Verantwortungsgefühls  gegenüber der  internationalen Gemein-
       schaft sind  jedoch, wie sich zeigte, bis zu einem gewissen Grade
       durch entgegengesetzte  Tendenzen in  den Handelsbeziehungen  zu-
       nichte gemacht  worden. Diese  enttäuschende Erkenntnis erfordert
       eine Kontrolle  all der  Mächte auf  dem Weltmarkt,  denen bisher
       diese entgegengesetzte  Regierungspolitik  ermöglicht  wurde.  Es
       dürfte in der Tat keinen Grund geben, weshalb wir in der interna-
       tionalen Wirtschaft nicht nach den gleichen Grundsätzen verfahren
       sollten, wie  in den  nationalen Wirtschaftssystemen. Nach Jahren
       der Diskussion  haben die Vereinten Nationen in verschiedenen Re-
       solutionen die Regierungen aufgefordert, der ökonomischen und so-
       zialen Planung  große Bedeutung  beizumessen und  tatsächlich hat
       die Technik  der Entwicklungsplanung  seit dem Kriege große Fort-
       schritte gemacht. Folgerichtig schließt die nationale Planung das
       Gebiet des  Handels ein.  Weshalb sollte das Problem des Welthan-
       dels nicht  gleichermaßen durch  die internationale  Gemeinschaft
       behandelt werden? Jede Wirtschaftspolitik auf nationaler oder in-
       ternationaler Ebene  muß fehlerhaft sein, wenn sie die anhaltende
       Tendenz zur  wachsenden Ungleichheit  zwischen reichen  und armen
       Nationen zuläßt.
       Der Vorsitzende  des Wirtschafts- und Finanzausschusses der letz-
       ten UN-Vollversammlung  stellte in  seiner  Schlußansprache  eine
       Frage, die nach meiner Ansicht die Gefühle der Völker in den Ent-
       wicklungsländern widerspiegelt. Er sagte:
       "Zu der  Zeit, als  die entwickelten Länder sich industrialisier-
       ten, begünstigte  das Handelssystem  ihren Fortschritt und so ist
       es bis heute geblieben. Warum kann es nicht diejenigen Länder be-
       günstigen, die  seit dem  Zweiten Weltkrieg  ihrer kolonialen und
       halbkolonialen Fesseln  ledig wurden?  Warum begünstigt  das Han-
       delssystem immer  die gleiche  Gruppe von  Ländern?" Und  er fuhr
       fort: "Der  Handel bildete  von jeher  das Wesen  internationaler
       wirtschaftlicher Zusammenarbeit  und er sollte daher das wichtig-
       ste und  bewußt eingesetzte  Instrument zur wirtschaftlichen Ent-
       wicklung unterentwickelter  Länder werden,  statt wie  bisher ein
       Instrument zu sein, das die Reichen noch reicher macht."
       Die brennende  Aktualität dieser  Fragen und die dringende Forde-
       rung nach  einer Änderung der Tendenzen des Handels macht sich in
       diesem Konferenzsaal  bemerkbar. Diese  Fragen müssen  Ihr Denken
       und Ihre Arbeit tagaus, tagein beschäftigen. Es handelt sich hier
       um das  Problem unserer  Zeit und die Gründe, die zur Einberufung
       dieser Konferenz  führten. Wir sind entschlossen, das zu erobern,
       was wir die geheimen Kräfte der Natur nennen. Wie lange noch sol-
       len wir  zulassen, daß anonyme ökonomische Mächte die Beziehungen
       der Menschen  zueinander beherrschen  mit der unhaltbaren Begrün-
       dung die  Sozialwissenschaften seien  zu einer  progressiven Ent-
       wicklung ähnlich den Naturwissenschaften nicht fähig?
       Wie ich  schon gesagt  habe, ist diese Konferenz zur Tat aufgeru-
       fen. In  diesem Konferenzsaal sind die führenden Staatsmänner und
       Wirtschaftsfachleute aus  kleinen und  großen, reichen  und armen
       Ländern versammelt.  Politischer guter  Wille und ökonomische Er-
       fahrung sind  reichlich vertreten.  Beides anzuwenden,  erfordert
       Zuneigung, Opferbereitschaft,  Weisheit und Voraussicht. Ihre Be-
       mühungen können  Erfolg haben nur durch gemeinsame Anstrengungen,
       die im Bewußtsein Ihrer gemeinsamen Verpflichtungen gegenüber der
       Menschheit unternommen  werden. Sie  können kaum weniger tun, als
       die Menschheit,  sowohl in den unterentwickelten als auch in ent-
       wickelten Ländern  mit einem System von Grundsätzen und einer ak-
       tiven Politik  auszurüsten, mit  deren Hilfe  der Handel zu einem
       wirksamen Instrument für Fortschritt und wirtschaftliche Entwick-
       lung werden  könnte und  auf diese Weise helfen würde, allgemeine
       Prosperität und  Frieden für  diese und  kommende Generationen zu
       sichern.
       
       United Nations Conferenz on Trade and Development, Press Release.
       Deutsche Übersetzung "Blätter für deutsche und internationale Po-
       litik"
       

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