Quelle: Blätter 1964 Heft 05 (Mai)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       OFFENER BRIEF AN VERTEIDIGUNGSMINISTER V. HASSEL
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       Gerd Glimm, Pfarrer, Karlsbrunn/Saar
       Hansjürgen Höffken, Pfarrer, Schaffhausen/Saar
       Heinz König, Pfarrer, Saarlouis
                                                Saarlouis, den 27.3.1964
       An den Herrn Bundesminister für Verteidigung
       Kai Uwe von Hassel
       B o n n
       
       Betr.: Vereidigung von Rekruten in der Ausbildungskompanie 405 in
       Blieskastel/Saar am 19. März 1964.
       
       Sehr geehrter Herr Minister!
       Uns liegt  die von  der zuständigen  Bundeswehrstelle der  Presse
       übergebene Niederschrift  der Ansprache  von Herrn Oberstleutnant
       Leggewie, Kommandeur  des  Panzerartillerieaufklärungsbataillons,
       Idar-Oberstein, vor, die dieser aus Anlaß der Vereidigung von Re-
       kruten der Ausbildungskompanie 405, am 19. März 1964, in Blieska-
       stel/Saar gehalten hat.
       Neben der pflichtgemäßen Betonung des Verteidigungscharakters der
       Bundeswehr und  des westlichen  Bündnisses führte  Herr  Leggewie
       aus, daß  es wie zu den Zeiten unserer Väter heute unsere Aufgabe
       in Europa  sei, "dem Eroberungssturm aus dem Osten, der vor Jahr-
       hunderten von  Hunnen, Ungarn oder Türken vorgetragen wurde", mu-
       tig entgegenzutreten.  In diesem Zusammenhang spricht Herr Legge-
       wie von der Bereitschaft zum "Heiligen Krieg".
       Es heißt weiter: "Wir wollen nicht, daß die da drüben, wie in un-
       seren Ostgebieten  und vielen  anderen  Ländern  geschehen,  ihre
       schmutzigen Pfoten ungestraft weiter nach Westen ausstrecken kön-
       nen".
       Dem "goldenen,  freien Westen"  werden "rücksichtslose Brutalität
       gegenüber allem menschlichen Empfinden" und "teuflische Methoden"
       des Ostens gegenübergestellt.
       Wir stellen hierzu fest:
       1. Die Parallelisierung  oder, im  Sinne von  Herrn Leggewie, die
       Ineinssetzung von  Hunnen, Ungarn  und Türken mit der Kommunisti-
       schen Welt  ist eine  aus Unwissenheit  geborene oder bewußte Ge-
       schichtsklitterung.
       2. Nicht die Welteroberungsabsichten des Kommunismus, sondern die
       Tatsache, daß  unser Volk seine "schmutzigen Pfoten", um den Aus-
       druck von  Herrn Leggewie  zu gebrauchen, nach Osten ausgestreckt
       hat, ist  die primäre Ursache der bedrängten Lage unseres gespal-
       tenen Volkes. Diese Tatsache verschweigt Herr Leggewie bewußt.
       3. Beide historischen  Unwahrhaftigkeiten haben  den  Zweck,  den
       Osten zu  verteufeln, während  wir (Heiliger Krieg!) offenbar mit
       den Scharen Gottes gleichgesetzt werden sollen.
       Wir erinnern  daran, daß schon einmal junge Menschen unseres Vol-
       kes mit  der Predigt,  daß auf der anderen Seite "der Hunne", der
       Untermensch stünde,  psychologisch für den Kampf gerüstet wurden,
       mit dem  Ergebnis, daß  wir heute  in weiten  Teilen der Welt als
       "Hunnen" gelten. Wir legen schärfsten Protest dagegen ein, daß in
       der Bundeswehr, einer Institution unseres Staates, junge Menschen
       auf solch unredliche und unheilvolle Weise beeinflußt werden.
       Wir legen  schärfsten Protest  dagegen  ein,  daß  der  Name  des
       "Allerhöchsten" (so Herr Leggewie), und wir kennen nur den in Je-
       sus von  Nazareth  erschienenen  Allerhöchsten,  dazu  mißbraucht
       wird, in diesem Sinne wehrtüchtig zu machen.
       Videant consules...
       Oder besser:  Gebe Gott unserem Volke Buße, daß ER uns nicht noch
       einmal schlagen müsse!
       
       Mit freundlichem Gruß
       gez. Glimm, Höffken, König
       
       Durchschriften an:
       den Herrn Wehrbeauftragten des Bundestages
       den Herrn Ministerpräsidenten des Saarlandes
       die Leitung der Evangelischen Kirche im Rheinland
       die Presse
       

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