Quelle: Blätter 1964 Heft 06 (Juni)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUSCHWITZ-PROZESS, ZECH-NENNTWICH UND HOGGAN
       ============================================
       IN AMERIKANISCHER SICHT
       =======================
       
       In einem Bericht des Amerika-Korrespondenten der Zürcher TAT über
       die amerikanischen  Reaktionen auf  den Auschwitz-Prozeß heißt es
       u.a.:
       
       Es wird  anerkannt, das die westdeutsche Regierung nach jahrelan-
       ger Sammlung  von Beweisen ehrlich bemüht ist, die Verbrechen der
       Vergangenheit restlos  aufzuklären. Das große Interesse der deut-
       schen Jugend  an diesen  Prozessen wird hervorgehoben, die Korre-
       spondenten melden  übereinstimend, daß  viele junge Menschen end-
       lich wissen  wollen, was ihnen ihre Eltern so oft zu verschweigen
       suchen.  Gleichzeitig   wird  aber  die  Gleichgültigkeit  weiter
       Schichten bedauert. Es scheint dem Amerikaner, als ob viele Deut-
       sche, die durch die Hitlerzeit gegangen sind, nicht zurückblicken
       wollen, und  es als  höchste Weisheit betrachten, wenn diese Ver-
       gangenheit so weit wie möglich vertuscht wird...
       Doch die  nützliche Wirkung  der Prozesse  wird mit einem Schlage
       durch die  Flucht des verurteilten Naziverbrechers Zech-Nenntwich
       nach Kairo  erschüttert. Die  Amerikaner nehmen  mit Achselzucken
       das Bestehen  unwichtiger, wenn auch manchmal lauter Ex-Naziorga-
       nisationen zur Kenntnis, schließlich gibt es auch in der USA eine
       faschistisch aufgemachte  Birch Society.  Doch ernste  Sorge löst
       das zweifellose  Vorhandensein eines  mächtigen  Naziuntergrundes
       aus, der  seine Fänge bis in hohe Regierungsstellen, in die Armee
       und in den Strafvollzug strecken kann.
       Die Flucht des Naziverbrechers aus dem wohlgehüteten Gefängnis in
       Braunschweig scheint nach amerikanischer Ansicht zu beweisen, daß
       die Untergrundbewegung  über unbeschränkte Gelder und internatio-
       nalen Einfluß  verfügt. Man  fürchtet zuweilen, daß die westdeut-
       schen Behörden diesem Untergrund gegenüber recht machtlos sind.
       Mit Befremden  wird auch der laute Rummel um das Buch des in Ame-
       rika selber weitaus unbekannten amerikanischen Professor Dr. Hog-
       gan "Der  erzwungene Krieg"  betrachtet, das  bisher nur in deut-
       scher Sprache  erschienen ist. In dieser Ehrung einer plumpen Ge-
       schichtsverfälschung sieht  Amerika wiederum  einen  Beweis,  daß
       vielen Bundesbürgern  eine Vertuschung  der Vergangenheit  lieber
       ist als die nackte grausame Wahrheit, die in den jetzigen Prozes-
       sen zu Tage kommt.
       Die Tat v. 12.V.64
       

       zurück