Quelle: Blätter 1964 Heft 06 (Juni)


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       BRASILIEN - "REINE MILITÄRDIKTATUR"
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       Den Militärs  ist bewußt,  daß sie in den Unternehmern einen Ver-
       bündeten von  unschätzbarem Wert  haben -  und daß  man in diesen
       Kreisen nicht  gerade nach  Wahlen und  einer  zivilen  Regierung
       lechzt. Bei allem Respekt vor dem rhetorischen Demokratisierungs-
       willen der  neuen Regierung sei festgestellt, daß unter der Herr-
       schaft der  Militärs der Gedanke an Boden gewinnt, Wahlen könnten
       Brasilien in  den nächsten  Jahren nur schaden - oder daß man sie
       zumindest so  vorbereiten wird,  daß niemand  an die Macht kommt,
       der der gegenwärtigen Regierung nicht gefällt.
       Anders läßt  sich auch nicht erklären, warum in Brasilien so viel
       verhaftet wird. Man spricht von über 3000 politischen Gefangenen,
       die in  mehreren Schiffen vor Rio, auf einer Insel und in gewöhn-
       lichen Haftanstalten  untergebracht sind.  Echte Kommunisten, an-
       gebliche Kommunisten, korrupte Beamte, angeblich korrupte Beamte;
       andere warten in ausländischen Botschaften auf den Passierschein,
       der freies  Geleit bis zum nächsten Flughafen garantiert. Einigen
       der prominentesten  Intellektuellen Brasiliens wurden die politi-
       schen Rechte  für die  Dauer von zehn Jahren aberkannt, und Abge-
       ordnete wurden  dutzendweise aus  den Parlamenten  verbannt.  Man
       braucht nicht  unbedingt von  den Musterdemokratien Skandinaviens
       zu träumen,  um das brasilianische Spiel eine reine Militärdikta-
       tur zu nennen.
       Süddeutsche Zeitung v. 2.VI.64
       

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