Quelle: Blätter 1964 Heft 06 (Juni)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DER GESTÜRZTE BRASILIANISCHE PRÄSIDENT GOULART
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       ÜBER DIE GRÜNDE SEINER ENTMACHTUNG
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       Seine Maßnahmen  zur sozialen Reform seien als Ursache seiner ge-
       waltsamen Entfernung  aus dem Amt eines Präsidenten der Vereinig-
       ten Staaten  von Brasilien  anzusehen, erklärte  Joao Goulart dem
       Handelsblatt-Korrespondenten im  Verlauf  eines  längeren  Inter-
       views. Goulart  betonte, kein  anderes politisches Ziel zu haben,
       als durch  Milderung des  unsäglichen Elends der Arbeitslosigkeit
       und der damit verbundenen unzureichenden Ernährung eine Katastro-
       phe zu  verhindern. Goulart  fühlt sich  zur Aktivität auch jetzt
       noch, im Exil, legitimiert, zumal er nicht wie andere ins Ausland
       gegangene Präsidenten  lateinamerikanischer Staaten Millionen un-
       rechtmäßig erworbener  öffentlicher Mittel  ins Ausland transpor-
       tierte...
       Wie der  gestürzte brasilianische  Präsident ausführte, liegt der
       geistige Ursprung  seiner Sozialmaßnahmen  in der Enzyklika Papst
       Johannes' XXIII.  "Mater et  Magistra". Darin wurde erstmals eine
       Gesamtdarstellung der  von Rom ausgehenden Reformvorschläge gege-
       ben, die auch das "sehr schwierige Problem des Eigentums" anpackt
       und seine  Lösung mehr  funktionell-dynamisch als juristisch-sta-
       tisch sehen  will. Die exektutive Fortsetzung erblickt Goulart in
       der Charta  von Punta  del Este, mit welcher die "Allianz für den
       Fortschritt" ins Leben gerufen wurde. Und in Wirklichkeit, so er-
       klärt er,  sind seine  Maßnahmen nichts anderes als die Erfüllung
       der Vorschläge,  die von  dem früheren amerikanischen Präsidenten
       Kennedy als  Voraussetzung für eine fruchtbare Zusammenarbeit in-
       nerhalb der "Allianz" genannt worden sind...
       Es muß aber etwas Grundlegendes für die Agrarreform geschehen, da
       es unter  den fast  80 Millionen  Einwohnern Brasiliens  nur rund
       drei Millionen  Landbesitzer gibt;  ein im  Vergleich zu  anderen
       Ländern ungemein niedriger Prozentsatz, wie der Präsident mit ei-
       niger Berechtigung  feststellt. Und es sei keine Übertreibung, zu
       behaupten, daß  von den 40 Millionen Analphabeten Brasiliens fast
       alle Hunger  litten. Im  Norden des  Landes mit  seiner besonders
       kritischen Situation  konnte er einen Hungeraufstand durch Verle-
       gung und  Gründung von  neuen Industriebetrieben,  darunter einer
       Fabrik für  synthetischen Kautschuk, durch zahlreiche öffentliche
       Bauten und  andere Maßnahmen verhindern, wobei den Industriegrün-
       dungen langfristige Steuerbefreiungen bewilligt wurden. Die land-
       wirtschaftliche Bevölkerung kann, wie Goulart hervorhebt, nur mit
       Hilfe einer Agrarreform seßhaft gemacht werden...
       Goulart ist davon überzeugt, daß der Hunger weit gefährlicher als
       Castro ist.  Und alle Maßnahmen, die von den Gegnern als kommuni-
       stenfreundlich bekämpft  wurden, hatten  lediglich das eine Ziel,
       dem Hunger in Brasilien zu steuern...
       In seinem  Abschiedswort bedauerte  Joao Goulart außerordentlich,
       daß nun auch in Brasilien eine Militärdiktatur, verbunden mit ei-
       ner Geheimpolizei,  am Ruder  sei, die  seine politischen Freunde
       ebenso wie  linksgerichtete Politiker ohne richterliche Anordnung
       unter dem unwahren Vorwand verhafteten, sie seien Kommunisten...
       Handelsblatt v. 17./18.IV.64
       

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