Quelle: Blätter 1964 Heft 06 (Juni)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       "DIE TAT": LÜBKES "TRADITIONSBEWUSSTSEIN" - EINE ERSTARRUNG
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       Während Seebohm  die Rückgabe  der sudetendeutschen  Gebiete for-
       derte, insistierte  Lübke auffallenderweise  auf  dem  Stand  der
       deutschen Grenzen  vom 31.  Dezember 1937 und redete in öffentli-
       cher Geheimsprache  von der  nicht im Völkerrecht stehenden Oder-
       Neiße-Grenze. In  den Auffassungen  Lübkes steckt  offenbar etwas
       deutscher Revisionismus.  Bonn ist  soeben von Washington so klar
       wie nie  gefragt worden,  wie denn  die Ostgrenzen in einem Frie-
       densvertrag mit Gesamtdeutschland aussehen sollten. Jedes erneute
       Hervorheben und  Bekräftigen von deutschen "Rechtsansprüchen" auf
       die alte Grenze und die alte Heimat wirkt sich für Deutschland in
       Washington wie  in Moskau,  von Warschau zu schweigen, nachteilig
       aus...
       Das Wesen  Lübkes wurzelt in westfälischem Boden, seine Lebensan-
       schauung im  wilhelminischen, also  in  lange  vergangener  Zeit.
       Durchaus wilhelminisch sind ja auch Troß und Umtrieb auf den Aus-
       landsreisen Lübkes...
       Seine Weltanschauung  ist, wie  gesagt, vornehmlich  "Traditions-
       bewußtsein". Seine  Beziehung zum  Soldatisten ist stark; sie hat
       etwas rückwärts  Gewandtes. Der  jetzige Bundespräsident ist 1914
       als Neunzehnjähriger eilends zum Rekrutierungsbüro gefahren, weil
       er befürchtete, zum Krieg zu spät zu kommen.
       Der Geist  von Langemarck,  wo der  königlich-preußische Offizier
       Lübke Dienst  tat, schwebt  über allen  Lübke-Äußerungen, die mit
       der Bundeswehr  zu tun  haben.  Und  diese  Lübke-Äußerungen  und
       -Anweisungen, die  den Traditionalisten der Bundeswehr viel Gold-
       stickerei auf  der Uniform  bewilligen, weisen  in  die  Richtung
       "Schule der Nation"...
       Es wird  wohl so  sein, daß das "Traditionsbewußtsein" bei Präsi-
       dent Lübke  schon eher  eine Erstarrung ist, und zwar ist das mit
       Bezug auf  sein Kriegserleben  wie auf  sein  Ostdenken  gemeint.
       Washington ließ schon an der NATO-Konferenz im Haag keine Zweifel
       daran, daß  die Vereinigten  Staaten ihre  Entspannungsbemühungen
       auch ohne  Zustimmung von  Bonn fortsetzen werden, und daß dieses
       Bonn nur  dann eine rege Unterstützung seiner Wiedervereinigungs-
       politik durch Amerika erwarten könne, wenn es sich an dieser gan-
       zen Entspannungspolitik beteilige.
       Die Tat, Zürich, v. 28.V.64
       

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