Quelle: Blätter 1964 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       BRIEF DES MALERS, GRAFIKERS UND KUNSTKRITIKERS HENRYK BERLEWI
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       AN MINISTERPRÄSIDENT N.S. CHRUSTSCHOW
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       Der nachstehend  mit leichten Kürzungen abgedruckte, vor mehreren
       Wochen abgesandte Brief gewinnt durch die jüngst in Moskau statt-
       gefundene Ausstellung des nicht im Stile des "Sozialistischen Re-
       alismus" arbeitenden sowjetischen Malers Ilija Glasunow an Aktua-
       lität. D. Red.
       
       Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
       mit allergrößtem  Interesse habe ich die seit einiger Zeit in der
       Sowjetunion sich  entwickelnden Kontroversen  über zwei verschie-
       dene Kunstauffassungen  verfolgt: den  Sozialistischen  Realismus
       und das, was man bei Ihnen den Ästhetischen Formalismus nennt.
       Die Probleme der Kunst im allgemeinen und ganz besonders diejeni-
       gen, die  die Zukunft  der künstlerischen  Gestaltung in  der So-
       wjetunion betreffen,  sind mir  nicht gleichgültig. Abgesehen da-
       von, daß  diese Probleme  die große Krise der Kunst in der ganzen
       heutigen Welt  widerspiegeln und  mich daher  nicht  gleichgültig
       lassen, gestatte ich mir hiermit als Maler und Kunstkritiker, der
       eine besonders affektive Beziehung zur russischen Kunst und Lite-
       ratur besitzt,  einige Vorschläge  zu unterbreiten,  die, wie ich
       hoffe, zur  Lösung der  komplizierten Fragen,  die sich heute dem
       Künstler aufdrängen, etwas beitragen könnten.
       1. Der Kampf,  den sich  die beiden  Kunstrichtungen liefern, hat
       nicht nur  in der  Sowjetunion, sondern  auch in  der ganzen Welt
       jetzt seinen Höhepunkt erreicht. Es hat den Anschein, daß es sich
       hier um  einen Kampf auf Leben und Tod zweier diametral entgegen-
       gesetzter Konzeptionen  handelt, dessen  Ausgang für  eine dieser
       Richtungen fatal sein kann. Entweder der Realismus siegt: in die-
       sem Falle  würde jede  andere schöpferische  Tätigkeit für  immer
       vernichtet und  ausgelöscht sein, oder aber die absolute schöpfe-
       rische Freiheit  triumphiert. Persönlich  glaube ich  nicht,  daß
       dieser Kampf  einen so  dramatischen Charakter annehmen wird; ich
       bin vielmehr  der Ansicht, daß auf diesem Gebiet nur Mißverständ-
       nisse und  ein großes Durcheinander herrschen. Und gerade um, wie
       ich hoffe,  zur Klärung  und Beruhigung dieser Kontroverse beizu-
       tragen, habe ich mir erlaubt, einige Vorschläge zu unterbreiten.
       2. Ich wende  mich also  an die  Repräsentanten der  akademischen
       Richtungen, die  die traditionelle Kunstauffassung vertreten, und
       rufe ihnen  zu: "Gebt  weiter der auf akademischen Prinzipien ru-
       henden realistischen  Kunst eine  Stimme und würdigt die Institu-
       tionen, die  großen Männer  und die  Forschungsergebnisse der So-
       wjetunion! Propagiert - insofern stimmt dies ja mit Eurer politi-
       schen und  ästhetischen Überzeugung  überein -  die Wohltaten des
       kommunistischen Regimes,  den sozialen, wirtschaftlichen, techni-
       schen und industriellen Fortschritt - nach den Prinzipien der re-
       alistischen Kunst -, aber laßt dann auch denen, die neue künstle-
       rische Formen suchen und sich den feststehenden Regeln des akade-
       mischen Realismus entziehen, volle Freiheit bei ihrer Arbeit!"
       Die Forscher  nach neuen künstlerischen Formen sind ja nicht not-
       wendigerweise Gegner  des kommunistischen  Regimes. Im Gegenteil,
       die Erfahrungen der letzten fünfzig Jahre haben uns bewiesen, daß
       sehr häufig, in der Welt wie auch in Rußland, diese Erneuerer der
       Kunst sich  mit der  Oktober-Revolution und  den Aspirationen des
       Proletariats identifiziert haben.
       Als ehemaliger  Akademiker und  jetziger abstrakter  Maler appel-
       liere ich  an meine  russischen Kollegen, die auf ihren realisti-
       schen Anschauungen  beharren, tolerant  zu sein  gegenüber denen,
       die zu  neuen Ausdrucksformen in künstlerischer und literarischer
       Hinsicht streben.  Jedoch erwarte  ich von  meinen  Kollegen  der
       "Nouvelle Vague" natürlich die gleiche Toleranz gegenüber den An-
       hängern des Prinzips der traditionellen Darstellung der Umwelt.
       3. Ihre Reaktion,  sehr geehrter Herr Ministerpräsident, in bezug
       auf gegenstandslose  Kunst ist  völlig berechtigt.  Wenn ich mich
       nicht täusche,  ist die  Welle des "Tachismus" und der "Informel-
       len" Kunst auch bis in die Sowjetunion gelangt und hat eine Reihe
       von jungen  Künstlern angesteckt. Diese, die die "Nouvelle Vague"
       in Rußland  repräsentieren, haben  diese importierte, undiszipli-
       nierte Kunst,  die zum größten Teil aus dem Zufall und dem Unter-
       bewußtsein entsteht,  begeistert aufgenommen.  Obwohl selber  ab-
       strakter Maler,  betrachte ich  die zwei  Richtungen der Malerei,
       den "Tachismus"  und die  "Informelle" Kunst  (mit  wenigen  Aus-
       nahmen) als  Produkte  irregeleiteter  Instinkte,  hypersensiblen
       Raffinements, mentaler  Inkohärenz und  übersteigerten  Individu-
       alismus.
       Es bestehen  aber auch noch andere abstrakte Richtungen außer dem
       "Tachismus" und  der "Informellen" Kunst. Ich denke da an die ab-
       strakte    k o n s t r u k t i v i s t i s c h e    Kunst.  Diese
       Richtung wird  leider durch  den "Tachismus" und die "Informelle"
       Kunst verdrängt,  deren Erzeugnisse der Kunsthandel auf den Markt
       wirft und dadurch einer krankhaften Spekulation Vorschub leistet,
       die auf fiktiven, nicht auf tatsächlichen Werten beruht. Trotzdem
       setzen die Adepten des Konstruktivismus, darunter auch der Unter-
       zeichnete, der  Lawine von  tachistischen und informellen Erzeug-
       nissen einen starken Widerstand entgegen.
       Der Konstruktivismus ist in Rußland entstanden. Sein großer Prot-
       agonist war Wladimir Tatlin, Schöpfer des Projektes für ein Denk-
       mal zu  Ehren der 3. Internationale. Seine genialen Ideen sind in
       der ganzen  Welt verbreitet, und heute nimmt der Konstruktivismus
       einen sehr  bedeutenden Platz  in Kunst  und Architektur ein. Der
       geniale Maler  Casimir Malévitch, Schöpfer des Suprematismus, ge-
       hört auch  zur konstruktivistischen Richtung. Ferner muß ich hier
       noch die  Namen anderer  russischer Künstler  erwähnen, an erster
       Stelle den  hervorragenden Maler  und  Theoretiker  Vassily  Kan-
       dinsky, der  ein unschätzbares  Erbe an  Ideen, Formen und Farben
       hinterließ. Obwohl im strengen Sinne des Wortes nicht Konstrukti-
       vist, hat  er doch in geläuterten Formen dem geistigen Inhalt der
       Kunst einen  solchen Reichtum  an Farben, eingeschlossen in einem
       kristallenen Geometrismus,  verliehen, daß man ihn, wenigstens in
       einer gewissen  Schaffensperiode, der  konstruktivistischen Rich-
       tung zuordnen  kann. Neben  diesen drei Großen der modernen Kunst
       finden sich  noch andere  berühmte russische  Künstler, wie  Lis-
       sitzky, Rodtschenko, Gabo, Pevsner, Udaltzowa, Exter etc., die im
       konstruktivistischen Sinne  gearbeitet haben.  Hier soll auch der
       Name des  großen Bühnenregisseurs der Stücke von Maiakovski, Vsé-
       volod Meyerhold, nicht unerwähnt sein, dessen revolutionäre Ideen
       epochemachend waren.  Seine Dekorationen und Bühnenbilder im kon-
       struktivistischen Stil  gelten in  der Theatergeschichte als ein-
       zigartiges wagemutiges Beispiel.
       Unter dem  Impuls des russischen Konstruktivismus habe ich selber
       die Theorie der Mechano-Faktur gegründet, die die manuelle Tätig-
       keit des Malers durch mechanische Mittel ersetzt und eine kollek-
       tivistische Ästhetik proklamiert.
       Der Konstruktivismus  und die  Mechano-Faktur entsprechen  völlig
       den sozialen  und wirtschaftlichen Gegebenheiten unserer Zeit und
       werden auch  von den  industriellen  Arbeitsmethoden  inspiriert.
       Durch diese  Tatsache dienen  Konstruktivismus und Mechano-Faktur
       der Kultur der Massen.
       4. Ich möchte  nun vorschlagen,  alle Werke der großen russischen
       Konstruktivisten aus  den Museen-Reserven herauszuholen und ihnen
       den ihnen  gebührenden Platz zu verleihen. Diese großen Vorläufer
       und geistigen Väter der Sputniks sollten rehabilitiert und in ein
       Pantheon der  russischen Kunst des 20. Jahrhunderts eingegliedert
       werden, denn ihre Werke und ihre Persönlichkeiten können als Bei-
       spiele heroischen  Schöpfertums der jungen Künstlergeneration der
       Sowjetunion dienen, die noch ihren Weg sucht.
       An dieser  Stelle möchte  ich sogar gewisse Werke des sozialisti-
       schen Realismus  nicht verurteilen,  trotzdem ihr  einziger Zweck
       der Kult der Persönlichkeit war, ein Kult, den Sie, sehr geehrter
       Herr Ministerpräsident, bereits verbannt haben; ich darf aber be-
       merken, daß die von den sozial-realistischen Künstlern gebrauchte
       F o r m   häufig nichts mehr mit revolutionärem Geist zu tun hat,
       sondern den  alten typischen Stil der bürgerlichen Kunst kopiert.
       Diese künstlerische  Form kann  also  als    k o n t r a r e v o-
       l u t i o n ä r   betrachtet werden;  dagegen  zielen  die  neuen
       Formen, die  die russischen Konstruktivisten schufen, darauf hin,
       die  Strebungen  des  Proletariats  auszudrücken,  dienen  seiner
       Sache, denn ihr Stil war proletarisch.
       Als Konstruktivist  und Gründer der Mechano-Faktur möchte ich Sie
       bitten, in Ihrem historischen Kontext die großen Errungenschaften
       der konstruktivistischen  russischen Kunst  der  Jahre  1913-1925
       wieder hervorzuheben.  Der Sozialistische Realismus kann, als In-
       strument der  Propaganda, seine  Arbeit, solange  es  nötig  sein
       wird, fortsetzen.  Aber vom  Standpunkt künstlerischer  Evolution
       aus, das heißt, von der Formgestaltung her gesehen - einer Evolu-
       tion, die  immer eine  conditio sine  qua non  des künstlerischen
       Fortschritts gewesen war - erscheint mir die Wiedereinsetzung des
       Konstruktivismus und  auch die ähnlichen avantgardistischen Expe-
       rimente eine dringende Notwendigkeit.
       Ich bin  gern bereit, an der Wiederherstellung der Errungenschaf-
       ten der  prominenten russischen  Künstler  mitzuwirken,  die  der
       großen Oktober-Revolution treu waren. Die Koexistenz des Soziali-
       stischen Realismus und des Abstrakten Sozialistischen Konstrukti-
       vismus scheinen  im Augenblick  das einzige Mittel, aus der Sack-
       gasse herauszukommen,  in der  sich die russische Kunst jetzt be-
       findet.
       Als Zeichen  des persönlichen Interesses, das ich an der sowjeti-
       schen Kunst  nehme, habe ich mir, sehr geehrter Herr Ministerprä-
       sident, erlaubt,  dieses Schreiben  an Sie  zu richten,  und  ich
       bitte höflich  um Ihre  Rückäußerung zu  den darin niedergelegten
       Vorschlägen.
       Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung
       ergebenst
       gez. Henryk Berlewi, Paris (z. Zt. Berlin)
       
       PS. Neben den  ästhetischen, kulturellen  und soziologischen  Be-
       trachtungen besteht  noch ein anderer Aspekt dieses Problems, dem
       ich einige  Worte nachschicken  möchte, nämlich  der  ökonomische
       Aspekt.
       Das Anathema,  das die  Vertreter des  Sozialistischen  Realismus
       über die  künstlerischen und  literarischen Werke  der  Vorläufer
       (oder "Formalisten") verhängt haben, ist die Ursache riesiger fi-
       nanzieller Verluste,  die nicht  nur die  Kunst, sondern auch den
       russischen nationalen Staatsschatz belasten.
       Einige bemerkenswerte Beispiele:
       1. Der große  Künstler und Theoretiker Casimir Malévitch, von dem
       ich oben schon sprach, der Schöpfer des Suprematismus, hinterließ
       nach seinem  Tod ein  großes  Erbe.  Nach  seiner  Rückreise  aus
       Deutschland 1927,  wo er  sich einige Zeit aufgehalten hatte, ist
       eine große  Anzahl seiner Bilder von unschätzbarem Wert bei einem
       seiner Freunde, Prof. Hering in Ulm, aufbewahrt worden.
       Da niemand  von der Familie Malévitch und auch kein Vertreter der
       russischen Regierung  sie reklamiert  hat, hat Herr Sandberg, Di-
       rektor des Stedelijk Museum in Amsterdam, der hier eine glänzende
       Gelegenheit witterte,  sie unter  Bedingungen, die man als spott-
       billig bezeichnen  kann, von ihm übernommen. Diese sensationellen
       Schätze, Erbe  eines großen  russischen Malers,  befinden sich im
       Stedelijk Museum und erregen dort den Neid aller Museen der Welt.
       So sind  diese großen  Kunstwerke, statt  in ihrem Heimatland das
       künstlerische Erbe  der Sowjetunion zu bereichern, Gegenstand ei-
       ner Transaktion  - die  übrigens ziemlich  mysteriös durchgeführt
       wurde - deren alleiniger Nutznießer heute Holland ist.
       2. Vierzig Jahre  lang lebte in Paris ein russisches Künstlerehe-
       paar: Nathalie Gontcharowa und Michel Larionow. Lange Jahre haben
       sie mit  Serge Diaghilew,  der die  russische Ballettkunst in der
       ganzen Welt  berühmt machte, zusammengearbeitet. Die Bühnenbilder
       der Gontcharowa sind wahrhafte Farben-Märchenbilder, in denen der
       russische Geist  in all  seiner Phantasmagorie  zum Ausdruck kam.
       Was Larionov  angeht, so sind seine Bilder weltberühmt, da er der
       Schöpfer des "Rayonnismus" (Loutchismus) ist. Gontcharowa ist vor
       einigen Monaten  gestorben, und  Larionow *)  ist heute  ein sehr
       kranker Mann. Ihrer beider Werke sind die Lockspeise für Spekula-
       teure und  Kunsthändler, die  beständig wie  Geier darauf lauern,
       sich gegenseitig  die Beute  abzujagen. Soll  man auch  hier  die
       grandiosen Werke  dieser zwei russischen Künstler der Vernichtung
       anheimfallen lassen?
       Ich könnte ähnliche Beispiele beliebig fortsetzen. Aber eines ist
       sicher: die  verantwortlichen sowjetischen Instanzen, die so hef-
       tigen Widerstand  gegen die moderne Kunst leisten und ausschließ-
       lich den  Sozialistischen Realismus  gelten lassen  wollen, haben
       den russischen Staatsschatz geschädigt. Ist eine solche diskrimi-
       nierende Kulturpolitik im Hinblick auf die authentischen Schöpfer
       der Kunst vertretbar? D.O.
       
       _____
       *) Michel Larionow  starb nach Fertigstellung des Manuskriptes am
       10. Mai 1964.
       

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