Quelle: Blätter 1964 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DOKUMENTE DER II. ALLCHRISTLICHEN FRIEDENSVERSAMMLUNG IN PRAG,
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       28.VI. BIS 3.VII.1964
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       Aus dem Bericht der Deutschland-Kommission
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       Die Kommission  "Friede und  Deutschlandfrage" hat während zweier
       Tage getagt,  und zwar einen Tag als Plenum und einen Tag in zwei
       Unterkommissionen... Die  Diskussion, in welcher sich neben weit-
       gehender Übereinstimmung  auch tiefgehende  Differenzen  zeigten,
       bewegte sich in der Hauptsache in folgenden Gedankengängen:
       
       1) Theologische Voraussetzungen
       Es wurde allgemein angenommen, daß es richtig sein, den Gesichts-
       punkt der  Versöhnung in  den Mittelpunkt  zu stellen. Gleichwohl
       blieb die  Erkenntnis der Schuld und der Vollzug der Buße ein be-
       herrschendes Thema.  Wir haben  aber kein  Bedürfnis, das  Maß an
       Schuld der  verschiedenen Völker  und Parteien unterschiedlich zu
       betonen, sondern wir wollen uns gemeinsam mit aller Kraft in Ver-
       antwortung vor  unserem Herrn Jesus Christus für die Zukunft ein-
       setzen, wie  denn die  Versöhnung in  Christus uns frei macht von
       der Angst,  aber auch  frei von allen Ideologien in Ost und West,
       frei das Werk der Versöhnung zu tun.
       Gott verlangt von uns und gibt uns die Möglichkeit, Spannungen zu
       beseitigen und Brücken zu bauen.
       
       2) Die relative Wichtigkeit der deutschen Frage
       Wir sind  uns dessen bewußt, daß es uns bei der Beratung über die
       deutsche Frage  vor allen Dingen geht um den Frieden in der Welt.
       Die internen  deutschen Probleme  sind uns  zuerst einmal  in dem
       Maße wichtig,  in welchem  sie mit der Friedensfrage zusammenhän-
       gen.
       Weitgehende Einigkeit  bestand darüber,  daß wir gerade als Chri-
       sten darauf  aufmerksam zu  machen haben,  daß die deutsche Frage
       zwar als  eine sehr  wichtige, aber  nicht als  die alles beherr-
       schende Frage  der Weltpolitik  anzusehen sei.  Wohl ist aber die
       deutsche Frage so zentral, daß die anderen Völker von Deutschland
       erwarten dürfen,  daß es  auf seinem Gebiet innerhalb seiner Mög-
       lichkeiten und  seines Wirkungsbereiches  für die Entspannung der
       Welt einen entscheidenden Beitrag leistet.
       
       3) Die Sorgen der Nachbarvölker Deutschlands
       Die Vertreter  einer Reihe von Nachbarvölkern drücken die Besorg-
       nis ihrer  Völker aus  über gefährliche  Tendenzen, welche in der
       deutschen Bevölkerung  gelegentlich oder  wiederholt zum Ausdruck
       kommen. Es wurde die Notwendigkeit betont, daß ein Abbau des Gei-
       stes des  Kalten Krieges  in den  Herzen aller Deutschen zustande
       kommen soll  und daß  Kirchen und  Christen sich  dafür besonders
       einsetzen möchten.
       Seitens einiger  Nachbarvölker wurde  vorgeschlagen, die  Kirchen
       möchten aus  Anlaß des  25. Jahrestages  des Beginns  des Zweiten
       Weltkrieges ihre  Gemeinden aufrufen zu einer besonderen Fürbitte
       für das deutsche Volk nach dem Zweiten Weltkrieg.
       Endlich wurde auch zum Ausdruck gebracht, daß offensichtlich kaum
       irgendwo bei  den Nachbarvölkern  oder sonst  in  der  Welt  eine
       ernsthafte Neigung besteht, die Wiedervereinigung Deutschlands im
       politischen Sinne zu fördern.
       
       4) Die Verantwortung Deutschlands selbst und der Großmächte
       Es war  eine Meinungsverschiedenheit  darüber, inwieweit die Ver-
       antwortung zur  Lösung der  deutschen Frage  auf den  Großmächten
       oder auf  dem Volk  und den Regierungen in beiden Teilen Deutsch-
       lands liegt.
       Einige waren  geneigt zu sagen, daß die Deutschen, ohne ihre Mit-
       bestimmung auf  die Einflußsphären  der beiden  Großmächte aufge-
       teilt, kaum eine Bewegungsfreiheit hätten. Andere meinten gerade,
       daß den  Deutschen viele  Möglichkeiten für  die Auflockerung zur
       Verfügung stünden, die aber zu wenig ausgenützt würden.
       
       5) Wiedervereinigung
       Die Kommission  legte sich  darüber Rechenschaft ab, daß die Exi-
       stenz der  DDR und  der BRD ein politisches Faktum ist. Man hatte
       großes Verständnis  dafür, daß die Teilung eine bittere Sache für
       alle Deutschen  ist, es  wurde aber  auch davor  gewarnt, daß man
       sich keinen  Illusionen hingeben soll, als sei eine Nichtanerken-
       nung dieses Faktums ein gangbarer Weg.
       Eine Berücksichtigung der Tatsache, daß die beiden Teile Deutsch-
       lands und  Berlin in  verschiedene politische und wirtschaftliche
       Systeme eingefügt  sind, hat  zur Folge, daß der Weg zu einer von
       den Deutschen  erhofften Wiedervereinigung  nur in  kleinen, vor-
       sichtigen Schritten des gegenseitigen Sich-Entgegenkommens zu be-
       gehen ist.
       Der Abschluß eines Friedensvertrages wäre wohl eine erste Voraus-
       setzung der  Wiedervereinigung, welche allerdings von einigen als
       ganz aus dem Vokabular zu streichend bezeichnet worden ist.
       
       6) Menschlichkeit
       Wir halten  dafür, daß  die Politik  in erster  Linie die Aufgabe
       hat, den Menschen und der Menschlichkeit zu dienen. Darum sollten
       auch, ohne  abzuwarten, bis  die politischen Fragen eindeutig ge-
       löst sind,  Maßnahmen getroffen  werden, menschliches Leiden, das
       eine Folge politischer Gegensätze darstellt, zu lindern.
       Wir begrüßen  darum Verhandlungen über neue Passierscheinabkommen
       in Berlin  und über  Maßnahmen zur  Förderung des  innerdeutschen
       Reiseverkehrs. Wir  bitten die zuständigen Stellen in der DDR und
       in der  BRD, sich um eine Amnestie politischer Gefangener zu sor-
       gen und zu bemühen.
       
       7) Politische Vorschläge
       Es wurde eine ganze Reihe politischer Vorschläge unterbreitet. An
       erste Stelle  gehört einmütig das Verbot der Atomwaffen sowie ein
       Verzicht auf dieselben auf deutschem Gebiet, dann die Anerkennung
       der Oder-Neiße-Grenze  sowie der  Abzug aller fremden Truppen von
       deutschem Gebiet. Gegen letztere Forderung wurde von einigen ein-
       gewendet, daß die Situation in Deutschland dann erst recht explo-
       siv werden  könnte. Es  wurde von  etlichen Seiten gefragt, ob es
       nicht sinnvoll  wäre, wenn  statt der  beiden Großmächte  die UNO
       sich mit der deutschen Frage befaßte.
       
       8) Schlußwort
       In Erinnerung  an die  Losung der Konferenz: "Mein Bund ist Leben
       und Friede",  betonen wir  zum Schluß, daß wir als Christen durch
       alle konfessionellen  und politischen Gegensätze hindurch in Für-
       bitte und  Liebe miteinander verbunden bleiben dürfen. Unser öku-
       menisches Zusammensein  möge eine  exemplarische Übung  in Koexi-
       stenz sein,  die den  Politikern in  ihrer schweren Verantwortung
       und den  Völkern in all ihren Sorgen guten Mut machen könnte, ge-
       meinsam den  Weg in die Zukunft zu gehen. In unserer Christlichen
       Friedenskonferenz werden  wir sehr  darum ringen müssen, aber wir
       wollen im Glauben zusammenhalten.
       
       Der Wortlaut der Entschließung, die die deutschen Mitglieder der
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       II. Allchristlichen Friedensversammlung bei ihrer Zusammenkunft
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       am 1. Juli 1964 mit großer Mehrheit angenommen haben
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       Wir deutschen Mitglieder der II. Allchristlichen Prager Friedens-
       versammlung, denen  die Gemeinschaft im Raum dieser Konferenz ge-
       schenkt ist,  wenden uns  an die  Regierungen der Bundesrepublik,
       der Deutschen  Demokratischen Republik und an den Senat von West-
       berlin mit der dringenden Bitte, das Berliner Passierscheinabkom-
       men zu erneuern und damit an der Grenze zwischen Ost und West dem
       Frieden in  der Abwehr  des Kalten  Krieges zu dienen. In unserer
       christlichen Verantwortung  für den  Weltfrieden bitten  wir  die
       beiden deutschen  Regierungen, auf  jedes offensive  militärische
       Potential, insbesondere  in der  Gestalt der atomaren Bewaffnung,
       zu verzichten.
       

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