Quelle: Blätter 1964 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DIE WAHRHEIT ÜBER TREBLINKA
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       Mitte 1941 beschlossen die Machthaber des Dritten Reiches, an die
       "Endlösung der  Judenfrage in  Europa" heranzugehen. Im Zusammen-
       hang mit dem geplanten Völkermord mußte zu dieser Zeit eine Reihe
       "technischer Probleme"  gelöst werden.  Als eine der Ortschaften,
       wo man  Massenvernichtungslager errichten  wollte, wurde  die Ge-
       meinde Treblinka  (am Bug,  ca. 100 km  nordöstlich von Warschau)
       gewählt. Sie  bot allerhand Vorteile. Die Entfernung von Warschau
       mit seinem  Ghetto- der  größten Anhäufung  von Juden  in den ge-
       samten seit 1939 besetzten Gebieten - war verhältnismäßig gering.
       Nicht ohne Bedeutung war auch die Tatsache, daß das für das Lager
       ausersehene Gelände  abseits von menschlichen Siedlungen inmitten
       von Wäldern lag.
       Auf Grund  einer Verordnung  des Gouverneurs  des Distrikts  War-
       schau, Fischer,  wurde im  November 1941  ein Straflager in Treb-
       linka errichtet.  Polen und  Juden, die  beschuldigt waren, gegen
       Anordnungen von Verwaltungsbehörden verstoßen zu haben, wurden in
       dieses Lager verschickt. Es erhielt später den Namen Treblinka I.
       Mitte 1942  wurde in  einer Entfernung  von ca.  3 km mit dem Bau
       eines  neuen   Lagers  -   des  eigentlichen   Vernichtungslagers
       Treblinka II - begonnen.
       Der Bau  dieses Lagers  war im  Juli 1942  beendet. Es erstreckte
       sich über eine Fläche von 13,5 ha, die von einem Stacheldrahtzaun
       umgeben war. Entlang der ganzen Einzäunung standen mit Maschinen-
       gewehren gespickte  Wachtürme. Das Lager bestand aus zwei Teilen.
       Im ersten,  der beinahe  5/6 des  umzäumten Gebietes einnahm, be-
       fanden sich  die Wohnbaracken  der Wachmannschaften,  Lagerhäuser
       zur Aufbewahrung  der den  Häftlingen  abgenommenen  Gegenstände,
       Werkstätten, Garagen,  Räume, in  denen sich die Opfer entkleiden
       mußten usw.  Im zweiten Teil des Lagers befanden sich hinter Sta-
       cheldraht und  einer Hecke  die Gaskammern.  Im Herbst 1942 waren
       schon zwei  Kammern fertiggestellt, groß genug, um die gleichzei-
       tige Tötung von über 2000 Menschen zu ermöglichen. Die Opfer wur-
       den mit  Verbrennungsgasen getötet, die von in einem Nebengebäude
       untergebrachten Motoren  erzeugt wurden. Die Gaskammern waren als
       Waschräume mit  Duschen und mit weißen Kacheln ausgelegten Wänden
       getarnt. An  den Wänden befanden sich große luftdichte Verschluß-
       vorrichtungen, die  nur von  außen geöffnet  werden konnten. Nach
       der Vergasung  der Opfer  wurden diese  Klappen geöffnet  und die
       Leichen beseitigt.
       Im Lager  von Treblinka  hat die  Tücke der Nazis ihren Höhepunkt
       erreicht. Die  Lagermannschaft  tat  alles,  um  die  ankommenden
       Transporte zu täuschen, irrezuführen und vor ihnen das wahre Ziel
       ihrer Ankunft - die Vernichtung - zu verbergen.
       Auf einer  Bahnrampe innerhalb  des Lagers  war als  Attrappe ein
       ganzer Bahnhof  eingerichtet. Pfeile markierten auf einer Fiktion
       beruhende Übergänge  zu anderen  Bahnsteigen, zu Fahrkartenschal-
       tern, Warteräumen  usw. Es  gab auch  fingierte Schalter,  Erfri-
       schungsräume und andere Bahnhofseinrichtungen. Diese Inszenierung
       erleichterte eine  reibungslose und  ungestörte Durchführung  der
       Vernichtungsaktion. Viele  Transporte, besonders  aus dem  Westen
       Europas, die  in Treblinka in normal ausgestatteten Personenzügen
       ankamen, wurden  erst, nachdem hinter ihnen die Türen der Gaskam-
       mern ins Schloß fielen, gewahr, welches Los ihnen beschieden war.
       Am häufigsten  waren  die  Transporte  in  das  Vernichtungslager
       Treblinka in  der Zeit  von Ende Juli bis Mitte Dezember 1942 und
       von Mitte Januar bis Mitte Mai 1943.
       Kleider, Schuhe und andere den Ermordeten abgenommene Gegenstände
       mußten von Häftlingen, die man vorläufig am Leben ließ und zu Ar-
       beitsgruppen zusammenfaßte,  sorgfältig sortiert werden. Sie muß-
       ten auch  die den  Opfern gehörenden  Wertgegenstände einsammeln,
       den Vergasten  die Goldzähne  ausreißen, die Leichen aus den Gas-
       kammern entfernen und sie auf Scheiterhaufen verbrennen.
       Auf Grund  vorhandener Dokumente  konnte festgestellt werden, daß
       aus dem Lager in Treblinka in der kurzen Zeit zwischen dem 2. und
       21. September  1942 über  200 Güterwagen mit Schuhen und Kleidern
       ins Reich  abgegangen sind.  Außer den Bahntransporten wurden aus
       Treblinka ungefähr  alle zwei Wochen Lastkraftwagen mit in Kisten
       verpackten Pretiosen, Devisen, Uhren und anderen Wertgegenständen
       ins Reich geschickt.
       Den aus  dem Ausland  nach Treblinka  transportierten Juden wurde
       versichert, daß  man sie nach Osteuropa umzusiedeln beabsichtige.
       Infolge dieser Täuschung führten die künftigen Opfer des Vernich-
       tungslagers die  wertvollsten Sachen,  die sie mitnehmen konnten,
       bei sich.  Alle diese  Sachen  fielen  später  den  Schergen  von
       Treblinka zur Beute.
       Die Vernichtung  verlief in  Treblinka auf  ähnliche Weise wie in
       anderen Lagern  dieser Art. Nach der Ankunft eines Transports und
       der Ausladung  der Waggons  wurden die  Männer von den Frauen ge-
       trennt. Kranke  und alte  Leute wurden in das sogenannte Lazarett
       gebracht, wo sie von SS-Männern mit Pistolenschüssen getötet wur-
       den.
       Den Angekommenen  wurden das Geld und alle Wertsachen abgenommen.
       Dann mußten  sie sich  entkleiden, um  - wie man ihnen sagte - im
       Badehaus ein  Bad zu  nehmen. Die  nackten Opfer wurden sofort in
       die Gaskammern  getrieben, immer noch unter dem Vorwand, sie gin-
       gen ins  Bad. Um  die Aktion in den Kammern zu beschleunigen, be-
       mühte man  sich, jedes  Mal eine  möglichst große Anzahl von Men-
       schen dort  zusammenzupferchen. Kleine Kinder wurden oft den Ste-
       henden auf  die Köpfe geworfen. Nachdem die Türen geschlossen wa-
       ren, ließ  man die  Motoren anlaufen,  deren Abgase die Opfer er-
       stickten. Die Vernichtung eines Transports, vom Moment seiner An-
       kunft im Lager bis zur Entfernung der Leichen aus den Gaskammern,
       dauerte beiläufig zwei Stunden.
       Das Lager  funktionierte bis  August 1943.  Bis dahin wurden dort
       ca. 800 000  Menschen umgebracht,  Juden aus  Polen,  Österreich,
       Frankreich, Griechenland, Jugoslawien, Deutschland und der UdSSR.
       Eine Zahl  von Menschen,  die der  Einwohnerzahl einer  Großstadt
       gleichkommt, fand in Treblinka den Märtyrertod.
       Am 2.  August 1943  brach im Vernichtungslager Treblinka eine be-
       waffnete Revolte der Häftlinge aus. Einige SS-Männer wurden getö-
       tet, ein  Teil der  Gebäude in  Brand gesteckt.  Ein paar hundert
       Häftlinge flohen  aus dem  Lager. Nur wenige von ihnen blieben am
       Leben.
       Nach der  Revolte der Häftlinge begann man das Lager in Treblinka
       aufzulösen. Im November 1943 bestand es praktisch nicht mehr. Die
       Gaskammern wurden zerstört, die Holzbaracken auseinandergenommen,
       der Stacheldrahtzaun  entfernt. Der Boden, den die Asche von Hun-
       derttausenden von  Menschen bedeckte, wurde teilweise eingepflügt
       und besät.
       Treblinka -  eine kleine,  in tiefen Wäldern verborgene Station -
       hat aufgehört  als Vernichtungslager  zu bestehen.  Treblinka be-
       steht aber  als Dokument  der Schande  und des  Völkermordes. Die
       Erde sieht  dort aus  wie anderswo,  trotzdem sie  mit Tränen und
       Blut durchtränkt  ist. Treblinka  ist einer der größten Friedhöfe
       aus der Hitler-Zeit.
       
       Die Schergen von Treblinka
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       Die Ermordung  von 800 000 Menschen - hauptsächlich Juden aus Po-
       len und anderen europäischen Ländern - in Treblinka gehört zu den
       grauenhaftesten Verbrechen  der Nazi-Zeit.  Dabei ist  die Tötung
       einer so großen Zahl von Menschen eines jener Verbrechen, die das
       Hitler-Regime am  besten zu  verschleiern verstand.  Es gibt sehr
       wenig lebende Zeugen jener Greueltaten, sehr wenig Dokumente sind
       erhalten geblieben.  Der schlagendste Beweis sind die großen Men-
       gen von Asche verbrannter menschlicher Leichen.
       Die Schergen  von Treblinka  werden von  der Tatsache begünstigt,
       daß dieses Verbrechen besser als andere verschleiert werden konn-
       ten. Bisher  wurde in  der Bundesrepublik  gegen keinen von ihnen
       ein Strafverfahren eingeleitet - mit Ausnahme des Prozesses gegen
       den SS-Untersturmführer  K. Franz, der seit 1961 in Düsseldorf im
       Gange ist -. Sind sie denn wirklich alle unbekannt? Nicht ganz.
       Aus erhalten  gebliebenen Dokumenten  und aus Zeugenaussagen sind
       die Namen  einiger der  Schergen von Treblinka und ihr SS-Dienst-
       grad bekannt,  meistens konnte  ebenfalls ihre Funktion im Lager,
       in einigen  Fällen auch  ihr  Herkunftsort  festgestellt  werden.
       Nachstehend veröffentlichen  wir eine  Liste von  dreißig solchen
       Namen.
       Was ist  mit allen diesen Leuten geschehen? Wo bleiben sie heute,
       wenn sie  noch am  Leben sind?  Wir wissen  es nicht. Höchstwahr-
       scheinlich leben  viele von ihnen in der Bundesrepublik als wohl-
       habende und angesehene Kaufleute, gesuchte Zahnärzte, freundliche
       Krankenpfleger - wie vor kurzem ihre Kameraden aus Auschwitz, die
       heute im Frankfurter Prozeß auf der Anklagebank sitzen.
       Vielleicht wird  die Veröffentlichung  dieser Namen den westdeut-
       schen Staatsanwälten  und Gerichten  zu Hilfe  kommen. Werden sie
       diese Hilfe in Anspruch nehmen?
       Hier die  uns bekannten  Namen: SS-Hauptsturmführer  Stengel  aus
       Wien, Lagerkommandant.  - SS-Untersturmführer Kurt Franz aus Thü-
       ringen, stellvertretender  Lagerkommandant -  SS-Hauptscharführer
       Fritz Küttner aus Leipzig, Arbeiteraufseher. - SS-Oberscharführer
       Emil Ludwig,  Leiter jenes  Teiles des Lagers, in dem die Leichen
       der Ermordeten  verbrannt wurden. - SS-Oberscharführer Lindenmül-
       ler. - SS-Unterscharführer Franz Miete aus Bayern, Lazarettaufse-
       her. -  SS-Unterscharführer Paul  Bredow aus Schlesien, Arbeiter-
       aufseher. -  SS-Unterscharführer Karl  Seidel aus  Berlin, Leiter
       des Straßenbaus.  - SS-Unterscharführer  Josef  Hirtreider  (oder
       Hirtreiter) aus Frankfurt a.M. - SS-Unterscharführer Josef Sucho-
       mil aus  dem sogenannten  Sudetenland (Ceska  Trebova), von Beruf
       Juwelier, beaufsichtigte  die Einsammlung von Gold und Devisen. -
       SS-Unterscharführer Karl (oder Kurt) Schiffner aus Teplice, Werk-
       stättenaufseher. -  SS-Unterscharführer Hiller aus Teplice im so-
       genannten Sudetenland.  - SS-Unterscharführer  Scharpa. -  SS-Un-
       terscharführer Lehmann.  - SS-Unterscharführer Sidov. - SS-Unter-
       scharführer Miller. - SS-Unterscharführer Müller aus Hamburg, von
       Beruf Agronom,  befaßte sich  mit der  Landwirtschaft im Lager. -
       SS-Unterscharführer Franz Klan aus Dresden. - SS-Unterscharführer
       Booz. -  SS-Unterscharführer Erwin  Gense aus  Wien. -  SS-Unter-
       scharführer Julisch  Metz aus  der Gegend von Bydgoszcz. - SS-Un-
       terscharführer Willi  Post aus Frankfurt a.M. - oder Wien -, Kom-
       mandant der  ukrainischen  Wachmannschaft.  -SS-Scharführer  Karl
       Poetzinger aus  Leipzig, in dem Teil des Lagers, wo sich die Gas-
       kammern befanden. - SS-Scharführer Boelitz. - SS-Unterscharführer
       Josef  Herman   aus  Köln,   Bauaufseher.  -  SS-Unterscharführer
       Schmidt, Bauaufseher.  - SS-Unterscharführer  Minzberger,  Leiter
       der Lebensmittelmagazine. - SS-Oberscharführer Floss aus München,
       Leiter der Leichenverbrennung. - SS-Unterscharführer Mathias Lef-
       ler, angeblich  amerikanischer Staatsbürger deutscher Abstammung.
       - SS-Unterscharführer Otto Hern.
       Presse-Agentur West, Warschau, Nr. 5/64.
       

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