Quelle: Blätter 1964 Heft 09 (September)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       "STOCKHOLMS TIDNINGEN" ÜBER DIE DEUTSCHEN OSTGRENZEN
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       De Gaulle  hat im  Laufe der Jahre mehrmals festgestellt, daß die
       deutsche Grenze  gegen Polen längs der Oder-Neiße-Linie verlaufen
       soll. Da  sich Westdeutschland  weigert, dies anzuerkennen, bela-
       stet die  Auffassung des  Generals vor  allem die "Gaullisten" in
       Westdeutschland, die in einer Union mit de Gaulles Frankreich den
       Leitstern für Europa sehen...
       Das  sind   begreiflicherweise  bittere  Pillen  für  die  Herren
       Adenauer, Strauß,  Guttenberg usw.  Es ist  auch bedauerlich, daß
       die jetzige Regierung in Bonn nicht einsehen will oder einzusehen
       wagt, daß eine westdeutsche Anerkennung der Oder-Neiße-Linie ver-
       schiedene jener  Befürchtungen verscheuchen  würde, die vor allem
       in Polen und der Tschechoslowakei vor einem zukünftigen deutschen
       Revisionismus bestehen.  Diese Befürchtungen  als  kommunistische
       Greuelpropaganda abzuweisen,  ist ebenso  gefährlich wie  unsach-
       lich.
       In gewissen  Kreisen in  Westeuropa ist man vielleicht auch allzu
       sehr geneigt, die großdeutsche Geschichtsschreibung anzuerkennen,
       die diese Gebiete als "urdeutsch" darstellt.
       Aber vor  allem müßte  sich die heutige Bundesrepublik - das gilt
       für die  Regierung, alle Parteien und die breite Öffentlichkeit -
       im klaren sein, daß kein Staat für irgendwelche deutschen Revisi-
       onsforderungen eintreten will, auch wenn diese Forderungen hinter
       einer demokratischen  Fassade mit  dem Hinweis  auf das Selbstbe-
       stimmungsrecht verborgen werden.
       Je eher die deutsche Bundesrepublik die jetzigen Grenzen "in West
       und Ost,  in Nord  und Süd",  wie sich  General de Gaulle auf der
       obenerwähnten Pressekonferenz  ausdrückte, anerkennt,  um so bes-
       ser.
       Die westdeutsche Auffassung muß revidiert werden, nicht die deut-
       schen Grenzen.  Eine westdeutsche  Erklärung, welche die jetzigen
       Grenzlinien anerkennt,  würde zweifellos  zu einer Entspannung in
       Mitteleuropa beitragen.
       Stockholms Tidningen v. 12.VIII.64.
       

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