Quelle: Blätter 1964 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       13. PUGWASH-KONFERENZ ÜBER WISSENSCHAFT UND INTERNATIONALE FRAGEN
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       (Karlsbad: 13.-19. September 1964)
       
       Erklärung des Fortsetzungsausschusses der Pugwash-Konferenz
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       Die 13.  Pugwash-Konferenz ist beendet. An ihr haben sich 86 Wis-
       senschaftler und  Gelehrte aus  19 Ländern beteiligt. Unsere Dis-
       kussionen waren offen und vom Geiste der Zusammenarbeit getragen.
       Sie gingen hauptsächlich um Abrüstungsfragen und damit verbundene
       Probleme, aber auch um Themen wie z.B. die Verantwortung der Wis-
       senschaftler in  der modernen  Welt. Unser  Vertrauen in den Wert
       der Pugwash-Konferenzen ist weiter gestärkt worden.
       Im Verlauf  der Diskussionen  haben sich viele Wege abgezeichnet,
       auf welchen  sofortiges Handeln eine Verbesserung der internatio-
       nalen Lage, sowohl auf militärischem als auch auf politischem Ge-
       biet, erreichen  und festigen  könnte. Die Aussprachen haben auch
       klar einige  fernere Ziele  erkennen  lassen,  die  zu  erstreben
       durchaus vernünftig  wäre, sowie  einige Probleme,  die durch die
       Entwicklung von Wissenschaft und Technik hervorgerufen wurden.
       Diese Erklärung  wurde vom Fortsetzungsausschuß auf der Grundlage
       der Berichte,  welche die Arbeitsgruppen der Gesamtkonferenz vor-
       gelegt hatten, ausgearbeitet.
       
       Unmittelbare Schritte zur Abrüstung
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       Es wurden  einige Methoden  erkannt, wie  man  die  gegenwärtigen
       Spannungen vermindern,  die Kriegsgefahr  herabsetzen und den Weg
       zu dauernden Abkommen freimachen kann:
       1. Von großem  Wert wäre,  wenn die  durch die deutsche Frage be-
       troffenen Staaten,  insbesondere die  früheren  Besatzungsmächte,
       zusammen mit  der deutschen Bundesrepublik, die bestehenden Gren-
       zen Deutschlands mit seinen Nachbarstaaten anerkennten und garan-
       tierten.
       2. Ein Nichtangriffspakt  zwischen den Organisationen des Nordat-
       lantikpaktes und  des Warschauer Vertrages wäre äußerst wertvoll.
       Der Vertrag würde erfordern, daß die bewaffneten Streitmächte ei-
       nes Landes  unter keinen Umständen die Grenzen eines anderen Lan-
       des oder  Westberlins oder  die Zufahrtswege zu dieser Stadt ver-
       letzten. Der  freie Zugang nach Berlin sollte bis zur endgültigen
       Regelung des  Fragenkomplexes, Berlin  und Deutschland umfassend,
       nicht unterbrochen werden.
       3. Der Gedanke des Einfrierens der Kernwaffen in Mitteleuropa auf
       ihren derzeitigen  Stand, anzuwenden  auf ein  Gebiet auf  beiden
       Seiten der  Demarkationslinie in Mitteleuropa, verdient dringende
       Aufmerksamkeit. Diese  Maßnahme würde  zur Herabsetzung  und  Ab-
       schaffung der Kernwaffen in Europa beitragen.
       4. Regierungen, die  an der  Schaffung der multilateralen Streit-
       macht der  NATO teilnehmen,  sollten sie  sofort aufheben. Dieses
       Projekt trägt  nichts zur  militärischen Sicherheit  bei. Es ver-
       schärft politische  Spannungen und vergrößert die Gefahr der Ver-
       breitung von Kernwaffen.
       5. Um die  Ausbreitung von  Kernwaffen zu  vermeiden,  sind  eine
       Reihe von miteinander zusammenhängenden Maßnahmen notwendig:
       a) Internationale Abkommen,  welche  die  Kernwaffen  besitzenden
       Mächte verpflichten, keine Kernwaffen, Material zu deren Herstel-
       lung oder  Hilfe für  ihre Entwicklung  weiterzugeben, welche den
       anderen Staaten  deren Annahme  untersagen, wären ein wesentliche
       Beitrag zur Sicherheit der Welt.
       b) Die Regierungen  sollten Wege  suchen,  um  ihre  Staatsbürger
       daran zu hindern, andere Staaten bei der Entwicklung von Kernwaf-
       fen und anderen Massenvernichtungsmitteln zu unterstützen.
       c) Es sollten  in der ganzen Welt Bestimmungen angenommen werden,
       welche die  inter nationale  Kontrolle der Beförderung spaltbaren
       Materials zu friedlichen Zwecken von einem Land ins andere zu re-
       geln hätten.
       d) Der Vertrag  über ein  teilweises Testverbot sollte sofort er-
       weitert werden,  um unterirdische  Versuche  einzuschließen,  und
       zwar wenn  notwendig durch  ein Moratorium bis zum Abschluß eines
       endgültigen Abkommens.  Technische Fragen  der Kontrolle  sollten
       heute kein Hindernis bilden. Es ist sehr wichtig, Mittel und Wege
       zu finden,  um die  betroffenen Regierungen  und Völker  davon zu
       überzeugen, daß von weiteren Versuchen in der Atmosphäre dringend
       abzuraten ist.
       e) Die Einstellung  weiterer Erzeugung  spaltbaren Materials  zur
       Herstellung von  Waffen, zusammen mit einem Vertrag, welcher Kon-
       trollmaßnahmen zur  Aufdeckung festlegte,  wäre gleichfalls  sehr
       wünschenswert.
       
       Weitere Schritte zur Abrüstung
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       Die im  obenstehenden Abschnitt  angeführten Schritte  könnten in
       naher Zukunft  durchgeführt werden.  Andere Maßnahmen,  die  mehr
       Zeit erfordern, sind u.a.:
       1. Es gibt  eine Reihe  von Gebieten, in welchen es möglich wäre,
       das Vorhandensein  von Kernwaffen zu verbieten. Skandinavien, der
       Balkan, Afrika,  Lateinamerika, der Mittlere Osten sowie Süd- und
       Ostasien zusammen  mit Australasien  sind alles potentielle kern-
       waffenfreie Zonen.
       2. In Mitteleuropa  spricht vieles  für das Bestreben, die Gefahr
       eines Überraschungsangriffes zu vermindern, indem auf beiden Sei-
       ten entlang  der Linie,  welche die  bewaffneten Streitkräfte der
       NATO  und   des  Warschauer-Vertrages  trennt,  entmilitarisierte
       Streifen geschaffen  werden. Zusatzabkommen über Mittel und Wege,
       Verletzungen der  Festlegungen aufzudecken, sowie über die Stärke
       und den Charakter der Grenzpolizei wären erforderlich.
       3. Die gegenwärtigen Vorschläge zur Abschaffung bzw. weitgehenden
       Einschränkung der  strategischen Bomberflotten  sind vielverspre-
       chend und  sollten weiter  untersucht werden.  Es wurde  dringend
       darauf gedrängt,  daß Mittel, die durch derartige Maßnahmen frei-
       gemacht werden,  durch entsprechende  Zuwendungen für festgelegte
       friedliche Zwecke ausgeglichen werden sollten.
       4. Es soll  eine Studiengruppe gebildet werden, welche die Erfor-
       dernisse eines Inspektionsplanes für biologische Waffen zu unter-
       suchen hätte.  Für Versuchszwecke  wird der  Inspektionsplan sich
       auf eine kleine Gruppe mitteleuropäischer Staaten beschränken, in
       welcher östliche,  westliche und blockfreie Staaten vertreten wä-
       ren.
       
       Kollektive Sicherheit
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       Es ist  offensichtlich, daß Maßnahmen getroffen werden müssen, um
       die Wirksamkeit  der bestehenden  UNO-Einrichtungen zur Erhaltung
       des Friedens zu erhöhen. In der Diskussion über militärische Maß-
       nahmen der  UNO wurde  betont, daß diese eine Methode des letzten
       Ausweges seien.  Die UNO  hat bisher  noch nicht  von dem  in Ab-
       schnitt 7  der Charta  vorgesehenen Zwangsmaßnahmen  Gebrauch ge-
       macht, die Übereinkommen mit Mitgliedstaaten über die Bereitstel-
       lung von  Militärkontingenten erfordert  und der  Zustimmung  der
       Großmächte bedürfen. In dieser Hinsicht begrüßen wir das Memoran-
       dum der  Regierung der  UdSSR vom  10. Juli d.J., das den Einsatz
       einer derartigen Einrichtung zur Erhaltung des Friedens befürwor-
       tet.
       Es sollte  zur Zeit keine stehende UNO-Streitmacht geben, sondern
       an ihrer  Stelle müßten in verschiedenen Ländern besonders ausge-
       bildete Kontingente bereitstehen. Zusätzlich dazu sollten Bereit-
       schaftspolizeieinheiten bestehen. Beide würden eine Sonderausbil-
       dung genießen,  die sie  dazu befähigt, in solchen Situationen zu
       wirken, in  denen sich die UNO häufig befunden hat. Es wurde auch
       die Ansicht  vertreten, daß  eine umfangreichere  Verwendung  von
       UNO-Beobachtern nützlich wäre.
       Die Möglichkeit  von Zwangsmaßnahmen durch die UNO ist von beson-
       derer Bedeutung  für die  blockfreien Staaten. Es könnte von Vor-
       teil für  sie sein,  die entsprechenden  Abkommen vor den anderen
       Staaten abzuschließen.  Auf diese Art können sie der UNO die Mit-
       tel geben, die blockfreien Staaten zu schützen - den guten Willen
       der Großmächte vorausgesetzt.
       Es wurde  die Möglichkeit in Betracht gezogen, daß die UNO, statt
       jede Operation  zur Aufrechterhaltung  des Friedens ad hoc zu fi-
       nanzieren, eine  ständige Einkommensquelle  zu diesem  Zweck  zur
       Verfügung haben  soll. Es  wurden verschiedene  Ideen, wie solche
       Mittel aufgebracht  werden könnten,  vorgeschlagen, wie z.B. eine
       Abgabe von den Mitgliedsstaaten entsprechend ihrer Militärbudgets
       zu erheben,  Gewinnanteile an den Bergwerksrechten unter dem Mee-
       resboden, eine  Steuer auf der Verwendung der Nachrichtensatelli-
       ten oder  selbst ein  geringer Tarif auf dem internationalen Han-
       del. Diese und andere Ideen müssen weiter untersucht werden.
       Neben den  Gedanken, die  Anwendung von  Gewalt bei  der Regelung
       territorialer Streitfragen  zu untersagen,  den Ministerpräsident
       Chrustschow in  seiner Botschaft  vom 31.  Dezember 1963 vortrug,
       und der  Antwort von  Präsident Johnson  vom 20. Januar 1964 sind
       wir der  Ansicht, daß der kollektiven Sicherheit durch ein umfas-
       senderes Abkommen oder Erklärung, welche die Anwendung von Gewalt
       durch irgendeinen  Staat bei der Verletzung der territorialen In-
       tegrität eines  anderen Staates  untersagen würde,  sehr  gedient
       wäre. Dieses Verbot schließt jedoch weder Selbstverteidigung noch
       kollektive Aktionen  im Rahmen  der UNO-Charta aus. Das Recht auf
       Selbstbestimmung bei inneren Angelegenheiten ist durch ein derar-
       tiges Verbot in keiner Weise beeinträchtigt.
       Im Zusammenhang mit der UNO-Resolution für die Beendigung des Ko-
       lonialismus ist  es nun  für die UNO angemessen, Maßnahmen zu er-
       greifen, um die Resolution anzuwenden.
       Ein Studium  der Sicherheitsprobleme  in einer  abgerüsteten Welt
       ist dringend,  dabei fehlendem  Vertrauen in die Stabilität einer
       solchen Welt und in die Sicherheit der in ihr befindlichen souve-
       ränen Staaten  - die  Angst vor der Zukunft ein Hindernis für die
       Abrüstung bleiben  würde. Auf  lange Sicht  wird eine  friedliche
       Welt eine  Lösung von  Problemen wie  die Rassenungleichheit  und
       wirtschaftliche Diskrepanz  zwischen Nationen  und Völkern erfor-
       dern.
       Unter den  veränderten Umständen einer abgerüsteten Welt werden -
       innerhalb des  Rahmens der UNO - neue oder veränderte Institutio-
       nen notwendig  sein, zum  Beispiel eine  ständige Einrichtung für
       die dauernde Kontrolle des Faktums der Abrüstung.
       
       Die Verantwortung der Wissenschaftler
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       Obgleich die  Abrüstung das Hauptanliegen der Pugwash-Konferenzen
       ist, hat  darüber stets  Klarheit geherrscht,  daß zwischen Abrü-
       stung und  internationaler Zusammenarbeit eine wechselseitige Be-
       einflussung besteht.  Die Abrüstung kann eine wesentliche Auswei-
       tung des  Bereiches der internationalen Zusammenarbeit gestatten,
       und die  internationale Zusammenarbeit  kann ihrerseits  das Ver-
       trauen zwischen  den Staaten steigern und auf die Weise die Abrü-
       stung erleichtern.  Daher sind  eine Reihe von Maßnahmen erörtert
       worden, welche  die internationalen  Beziehungen zwischen Wissen-
       schaftlern stärken  und konkrete Maßnahmen internationaler Zusam-
       menarbeit auf  verschiedenen Gebieten fördern würden. Dazu gehört
       u.a.:
       1. Schritte zur  Verstärkung des internationalen Austausches zwi-
       schen Wissenschaftlern.  Zur Zeit  wird die Teilnahme von Wissen-
       schaftlern an internationalen Konferenzen oft durch Paß- oder Vi-
       sumschwierigkeiten vereitelt,  die sie daran hindern, ihr eigenes
       Land zu  verlassen, bzw.  in ein anderes Land einzureisen. Beson-
       dere Schwierigkeiten entstehen durch die Tätigkeit des Alliierten
       Reiseamtes in  Berlin, welches  die von  Wissenschaftlern der DDR
       benötigten Reisedokumente  für Reisen  in NATO-Staaten ausstellt.
       Alle derartigen Beschränkungen sollten aufgehoben werden.
       2. Der Rahmen internationaler Austauschvereinbarungen, die Reisen
       von Wissenschaftlern zwischen den Ländern erlauben, um in auslän-
       dischen Forschungszentren  zu arbeiten,  sollte wesentlich erwei-
       tert werden.  Dies könnte sowohl durch die offiziellen Austausch-
       programme als  auch durch  eine Ausweitung der traditionellen Me-
       thode individueller Einladungen erfolgen.
       3. Das zur Zeit diskutierte Weltgesundheits-Forschungszentrum zum
       Studium wichtiger  medizinischer Probleme, die im Weltmaßstab an-
       getroffen werden,  sollte ohne weitere Verzögerung gegründet wer-
       den. Es  würde ermöglichen, daß das Studium dringender Probleme -
       wie die  toxischen Wirkungen  von Drogen  und verschiedener umge-
       bungsbedingter Verseuchungsfaktoren, das Auftreten und der Ablauf
       von Seuchen  sowie Methoden der Analyse wie Informationen und Da-
       ten der  Gesundheitsforschung - in adäquatem Umfange durchgeführt
       werden kann.
       4. Es sollten  Schritte unternommen  werden, um ein koordiniertes
       und einheitliches  System für  die Speicherung und Aktualisierung
       wissenschaftlicher Informationen  zu entwickeln.  Zur Zeit häufen
       sich in zahlreichen Disziplinen die neuen Veröffentlichungen der-
       artig rasch,  daß Wissenschaftler von einem Großteil der ihre Ar-
       beit betreffenden veröffentlichten Informationen nicht unterrich-
       tet sind,  wodurch es zu einer Parallelisierung von Forschungsbe-
       mühungen kommt.  Die Frage ist dringend, da in verschiedenen Dis-
       ziplinen und  Ländern verschiedene  Systeme etabliert werden, die
       nicht miteinander  in Einklang  gebracht werden  können, wie z.B.
       verschiedene Gewichts-  und Maßsysteme. Es muß hier unterstrichen
       werden, daß  ein derartiges koordiniertes weltumspannendes System
       die aktive  Teilnahme von  Wissenschaftlern in sehr großem Ausmaß
       erfordern würde.  Entsprechende Studien  sollten ohne Verzögerung
       unter den  Auspizien der UNESCO und des ICSU (Internationaler Rat
       der Vereinigungen von Wissenschaftlern) begonnen werden.
       5. Es wurde  ein Überblick gegeben über die bemerkenswerten Fort-
       schritte, die  bereits bei der internationalen Zusammenarbeit auf
       verschiedenen Forschungsgebieten, einschließlich der Weltraumfor-
       schung, erzielt  wurden. Eine derartige Zusammenarbeit wird wärm-
       stens empfohlen,  wie auch  die Teilnahme  an dem Internationalen
       Biologieprogramm, das  gerade unter der Leitung des ICSU begonnen
       wurde.
       6. Der Vorschlag der schwedischen Regierung, ein Forschungsinsti-
       tut für  Probleme des  Friedens zu gründen und zu erhalten, wurde
       wärmstens begrüßt.
       

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