Quelle: Blätter 1964 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       Hermann Schwann
       
       DIE DEUTSCHEN UND DIE SOWJETUNION
       =================================
       
       Wir veröffentlichen  nachstehend die wichtigsten Passagen aus ei-
       nem Vortrag,  den der  frühere FDP-Bundestagsabgeordnete  Hermann
       Schwann am 2. Juli 2964 anläßlich der ersten Veranstaltung der in
       Frankfurt gegründeten  Deutsch-Sowjetischen Gesellschaft gehalten
       hat. D. Red.
       
       Der Vorsitzende  der Deutsch-Sowjetischen  Gesellschaft hat  mich
       durch die Wahl des Themas vor Exkursionen bewahrt, die sehr reiz-
       voll wären,  etwa vom  deutschen und russischen Menschen zu spre-
       chen oder  in die  Geschichte der  sehr wechselvollen Beziehungen
       zwischen dem  deutschen und  dem russischen Volk zurückzublicken.
       Man gerät  dabei leicht in die Gefahr, am Thema vorbeizusprechen;
       denn das  frühere Rußland  und die  jetzige Sowjetunion  sind nun
       einmal nicht dasselbe.
       Bei dieser  Beschränkung auf die Jetztzeit aber ist das Thema be-
       sonders vielschichtig  und schwierig.  Vielschichtig, weil  jeder
       Deutsche zur Sowjetunion anders steht und trotz meist einseitiger
       und konformistischer  Berieselung durch die Institutionen der öf-
       fentlichen Meinungsmache  bei sehr vielen schon so etwas wie eine
       eigene Meinungsbildung beginnt.
       Da ist  der Wirtschaftler, den Rohstoff und Absatz interessieren.
       Er sieht  das Verhältnis  zwischen  den  Deutschen  und  der  So-
       wjetunion in  erster Linie unter dem Blickwinkel des Güteraustau-
       sches.
       Da sind  die Politiker  mit und ohne Weltanschauung, die den Ver-
       such machen,  die Sowjetunion  je nach  ihrer Vorstellung in eine
       meist falsche  Formel zu pressen. Politiker, ganz besonders deut-
       sche, sehen vielfach die Dinge so, wie sie wünschten, daß sie wä-
       ren.
       Da sind die Literaten...
       Da sind  die Ideologen,  die von  begeisterter Zustimmung bis zur
       fanatischen Ablehnung  die ganze  breite Skala der Gefühle reprä-
       sentieren und beckmessern.
       Da sind  vor allem die Historiker, die sich in widersprechendster
       Weise mit  der Geschichte  des jüngsten  in Europa konsolidierten
       Volkes und  Staates auseinandersetzen.  Die einen  behaupten, daß
       alle kulturellen  und technischen  Großtaten, die in Rußland ent-
       standen und beheimatet sind, Importware seien. Sie weisen darauf-
       hin, daß  z.B. die Sophienkathedrale in Kiew um das Jahr 1000 von
       griechischen Architekten  gebaut, daß die Silbermünzen des Jaros-
       law des  Weisen von  byzantinischen Meistern  geprägt wurden, daß
       der Münzchef  Iwans III.  der Italiener della Volpe war, daß Iwan
       IV., den  wir den  "Schrecklichen" nennen,  der richtig übersetzt
       "der Drohende" heißen sollte, europäische Fachkräfte, vornehmlich
       Ingenieure und  Kanonengießer, ins  Land holte, daß der Hafen Ar-
       changelsk an  der Mündung der Dwina ins Weiße Meer von Holländern
       erbaut wurde.  So geht  das fort über Peter den Großen bis in die
       Jetztzeit, dieser unwahre und auch müßige Versuch, den slawischen
       Nachbarn jede  originelle und  schöpferische Fähigkeit  abzuspre-
       chen. Selbst  die heute  in Rußland geschaffene Gesellschaftsord-
       nung sei Importware aus dem Westen.
       Umgekehrt suchen  andere den  ebenso falschen  Nachweis, daß alle
       geistigen Impulse  und technischen  Errungenschaften nur  aus dem
       Osten Europas stammen.
       Die Wahrheit  liegt, wie  häufig im  Leben, in der Mitte: Aus der
       Berührung dieser  beiden Welten  in West-  und Osteuropa, aus dem
       Wettbewerb und  aus dem  Austausch ist der Fortschritt erwachsen.
       Und ein  weiteres könnte  der Historiker wahrscheinlich feststel-
       len: Je  enger und  vielseitiger diese  Beziehungen  waren,  umso
       glücklicher die  Menschen, umso  größer der Fortschritt vor allem
       auf dem  Gebiet der Kultur, die das Maß aller Dinge ist oder doch
       sein sollte.
       Doch die  Vergangenheit gehört  nicht zu  meinem  Thema,  deshalb
       nicht, weil es diese Sowjetunion erst seit 1917 gibt. Der Vorsit-
       zende hat  mir die  Aufgabe gestellt, über "Die Deutschen und die
       Sowjetunion" zu  sprechen und  nicht über "Die Deutschen und Ruß-
       land"...
       Wir wissen  beiderseits zu  wenig voneinander,  auch zu wenig von
       unserer geschichtlichen  Entwicklung. Zu  diesem  Zu-Wenig-Wissen
       kommt heute  erschwerend die  ideologische  Verschiedenheit.  Das
       macht die  Behandlung des vielschichtigen Themas in der sogenann-
       ten freien  Welt so schwierig. Wer hier in der Bundesrepublik ob-
       jektiv gegenüber der Sowjetunion zu sein sich bemüht, wer nur den
       Versuch andeutet,  sich einmal  in die  Vorstellungen und  in die
       Denkweise des anderen hineinzuversetzen (was eigentlich für jeden
       Politiker  zumindest   selbstverständlich  sein   sollte),  gerät
       schnell in den Verdacht, kommunistenfreundlich oder gar sowjethö-
       rig zu  sein. Ich  beglückwünsche deshalb die Deutsch-Sowjetische
       Gesellschaft zu  dem Mut,  ihre Gesellschaft  Deutsch-Sowjetische
       und nicht  etwa Deutsch-Russische  Gesellschaft genannt zu haben,
       weil diese  Namensgebung ihre Ziele klärt, wie sie in der Satzung
       umschrieben sind. Ich bin nicht Kommunist und gerade deshalb darf
       ich vielleicht  ein Wort  zu den  beiden sich  gegenüberstehenden
       Vorstellungen sagen.  Der Kommunismus  will über den historischen
       und dialektischen  Materialismus das Paradies auf Erden schaffen.
       Die westlich  christliche Welt ist auf das Jenseits gerichtet und
       glaubt nicht  an ein  Paradies auf  dieser Welt.  Die Kommunisten
       sind also  hinsichtlich der  Entwicklung der menschlichen Gesell-
       schaft auf  dieser Erde  - Idealisten, die Anhänger der christli-
       chen Welt  aber in  meinen Augen  - Realisten.  Das ist  die eine
       Seite.
       In der Praxis dagegen sind folgerichtig Forschung, Kunst und Wis-
       senschaft im  kommunistischen Staat  ausschließlich ausgerichtet,
       das kommunistische  Ziel Paradies  auf   E r d e n  zu erreichen,
       während in  der christlich-westlichen  Welt Forschung,  Kunst und
       Wissenschaft frei  sind, auch frei von ideologischem Zweckdenken.
       (Diese Freiheit  geht bis  zum Minibikini und bis zum busenfreien
       Abendkleid.)
       Insoweit sind  die Kommunisten  -  Realisten,  die  Anhänger  der
       christlich-westlichen Welt  - Idealisten (wobei ich die modischen
       Neuheiten nicht  als Ausdrucksform idealistischer Denkweise beur-
       teilt sehen möchte). Entschuldigen Sie diesen Ausflug ins Ideolo-
       gische. Ich  wollte mit  dieser vereinfachenden  Formel versuchen
       darzutun, wie sich Extreme berühren und sich Begriffe überschnei-
       den. In der Praxis sieht das so aus, daß der Westen in der Ableh-
       nung einer  rein materialistischen Weltbetrachtung mit Blickrich-
       tung auf  das Jenseits den Materialismus bei dem Individuum gera-
       dezu gezüchtet  hat, während  in der sehr diesseitigen materiali-
       stischen kommunistischen  Ideologie die Zahl der für die Idee be-
       geisterten, d.h.  idealistischen Kämpfer,  eher zunimmt  als sich
       verringert.
       Wir wollen  die Gründe  nicht untersuchen, sondern vielleicht nur
       festhalten, daß trotz verschiedenster Ausgangspositionen zahlrei-
       che Berührungspunkte und sogar Überschneidungen vorkommen.
       Das erleichtert und ermöglicht das Verstehen.
       Und ein  Zweites: Seit  der Rede  des früheren Reichskanzlers von
       Papen in Münster 1931 wehre ich mich gegen die primitive Art, den
       Kommunismus als  Schreckgespenst an  die Wand  zu malen und jedes
       Denken und  Tun nur  aus diesem primitiven und unfruchtbaren Anti
       erwachsen zu  lassen. Hitler  hat diese Verketzerung fortgesetzt,
       und das Nachkriegsdeutschland hat sich davon leider nicht freige-
       macht, soweit  es nicht in die direkte Einflußsphäre der kommuni-
       stischen Ideologie  geriet. Gerade dann, wenn man den Kommunismus
       als Gesellschaftsordnung  für das eigene Volk ablehnt, wie ich es
       ohne Vorbehalt  tue, kann  man seinen Standpunkt wirkungsvoll nur
       vertreten, wenn  diese Ablehnung  nicht auf Angst vor dem anderen
       basiert, sondern  wenn man  für sich überzeugt davon ist, daß zur
       Fort- und  Höherentwicklung der  eigenen Gesellschaftsordnung der
       Umweg über die kommunistische nicht notwendig ist.
       Ich höre  schon die  Überängstlichen zittern:  "Sie vergessen die
       kommunistischen Absichten einer Weltrevolution!"
       Es gibt keine Ideologie, die nicht nach der Weltherrschaft strebt
       oder streben  muß. Wer  die Welt  glaubt beglücken zu können, muß
       die Welt  zum Objekt  seiner Propaganda machen. Das haben der Is-
       lam, das  Christentum und viele andere ebenso getan oder versucht
       wie der Kommunismus.
       Weshalb ich das hier an- und ausspreche?
       Weil zwei  Angstkomplexe jede den Frieden und den Fortschritt zum
       Frieden hemmende  Unterhaltung zwischen den Deutschen und den So-
       wjets bisher  verhindert haben.  Der Komplex  auf der  Seite  der
       Deutschen ist  die Angst vor der Weltrevolution, die, wie uns von
       den Ängstlichen  versichert wird,  zu gegebener Zeit auch mit Ge-
       walt durchgeführt werden soll.
       Ich persönlich  halte diese Angst zwar für unbegründet, weil auch
       die Verfechter des Gedankens einer Weltrevolution gezwungen sind,
       die Kirche  im Dorf zu lassen und ihre ganzen Kräfte in den näch-
       sten Jahrzehnten  mit einsetzen  müssen und werden, um einen Aus-
       gleich zwischen  den ganz armen Völkern und den wenigen ganz rei-
       chen Völkern  herbeizuführen. Wenn man den sich abzeichnenden und
       heraufziehenden neuen  Gegensatz zwischen den farbigen (mit weni-
       gen Ausnahmen  die Armen)  und nichtfarbigen  (mit Ausnahmen  die
       Reichen) Völkern  nicht zu  einem gefährlichen, sehr gefährlichen
       Spannungsfeld werden lassen will, dann müssen die Nichtfarbigen -
       und die Sowjetunion wird von den Farbigen ohne jede Einschränkung
       zu den Nichtfarbigen gerechnet - alle Anstrengungen gemeinsam ma-
       chen, den  Habenichtsen und den Entwicklungsländern zunächst ohne
       irgendwelche ideologischen  Expansionsgelüste zu helfen. Der sehr
       schwierige und  nur gemeinsam zu gewinnende weltweite Kampf gegen
       den General  Hunger läßt  auf Zeit  zumindest keine ideologischen
       Streitereien zu.
       Da liegt der eine Grund, weshalb ich die Gefahr  d i e s e r  ge-
       waltsamen Weltrevolution  nicht hoch einschätze. Und ein anderer:
       Auch noch  so revolutionäre  Ideologien sind  bestimmten Entwick-
       lungsgesetzen unterworfen wie alles im Leben. Das beginnt mit der
       Humanisierung der  Methoden und endet mit einer Weiterentwicklung
       der Ideologie  selbst. Man nennt das aus Bequemlichkeit im Westen
       unzutreffend - Liberalisierung.
       Und drittens:  Wenn die UdSSR wirklich die Absicht einer weiteren
       gewaltsamen Expansion  nach Westen gehabt haben sollte, so glaube
       ich, daß  sie das trotz NATO in der vergangenen Zeit hätte errei-
       chen können  bei ihrer  militärischen Überlegenheit, zumindest in
       konventionellen Truppen, und bei der nie vorhandenen inneren Ein-
       heit und Geschlossenheit des sogenannten Westens.
       Viertens widerspricht  zur Zeit  die Ausdehnung  der sowjetischen
       Interessensphäre nach Worten den Weltrevolutionsplänen von Lenin,
       der die Reihenfolge der Durchführung der Weltrevolution ganz ein-
       deutig festgelegt  hat: Zuerst  China, dann  Asien, dann  Afrika,
       dann Südamerika,  dann Nordamerika und zuletzt von Nordafrika aus
       über Spanien, Italien und Frankreich Europa...
       Ich persönlich  jedenfalls glaube nicht an die Absicht und an die
       akute Gefahr  einer gewaltsamen  Expansion der  Sowjets nach Mit-
       teleuropa, selbst  dann nicht, wenn wir überhaupt keine militäri-
       schen Abwehrmöglichkeiten hätten. Aber die Angst weitester Kreise
       in der  Bundesrepublik -  seit Jahrzehnten  künstlich gezüchtet -
       besteht und ist eine politische Realität.
       Auch auf  der Seite  der Sowjetunion  gibt es einen Angstkomplex.
       Wenn Chrustschow  in Norwegen  wieder von den deutschen Revanchi-
       sten und  Militaristen spricht,  ist das  kein propagandistisches
       Gerede. Er  meint es ernst, nicht als ob er Furcht hätte, sondern
       die Besorgnis,  daß zu  irgendeinem Zeitpunkt,  an  dem  die  So-
       wjetunion anderweitig engagiert ist, die Bundesrepublik es fertig
       bringen könnte,  ihre Verbündeten durch konkrete Maßnahmen zu ei-
       ner "Vorwärtsverteidigung"  zu zwingen.  Es ist  ein Trauma, eine
       Zwangsvorstellung der  Sowjets bis ins letzte Dorf, daß die Deut-
       schen wieder  marschieren. Diese Sorge ist zwar, wenn man von ei-
       nigen Wirr- und Hitzköpfen absieht, völlig unbegründet; aber die-
       ses sowjetische Trauma und diese Zwangsvorstellung sind ebenfalls
       eine politische Realität.
       Diese beiden  Komplexe müssen  ausgeräumt werden,  wenn eine  für
       alle Völker  dieser Erde  nützliche Zusammenarbeit möglich werden
       soll. Auf  Seiten der Deutschen muß sich die Erkenntnis durchset-
       zen, daß  es Sache  jedes einzelnen Volkes ist zu bestimmen, wel-
       ches System  es in seinem Gebiet zur Grundlage seiner staatlichen
       Ordnung machen  will. Wir sollten zudem nüchtern feststellen, daß
       der Kommunismus  werbewirksam darauf  hinweisen kann,  daß es der
       Sowjetunion gelungen  ist, in einer einzigen Generation von einer
       Großmacht zu einer der beiden zur Zeit bestimmenden Weltmächte zu
       werden. Wir  sollten feststellen, daß China unter dem Kommunismus
       auf dem Wege ist, die dritte Weltmacht zu werden. Um nur ein Bei-
       spiel anzuführen:  China hat die Zahl der Kinder, die täglich zur
       Schule gehen, von 8,2 Millionen am Jahre 1948 auf 92 Millionen im
       Jahre 1959 mit den dazu notwendigen Schulbauten, Lehrerausbildung
       usw. erhöht,  während das  sogenannte "freie" Indien in der glei-
       chen Zeit  auf diesem  entscheidenden, die    z u k ü n f t i g e
       Entwicklung entscheidenden  Gebiet nicht annähernd ähnliche Fort-
       schritte gemacht hat.
       Wir müssen ferner lernen, daß der Kampf gegen ein System in einem
       anderen Volk  eine unerlaubte  Einmischung in  dessen innere Ver-
       hältnisse bedeutet.  Wenn wir diesen Standpunkt einnehmen und von
       jedem Gesprächspartner  den gleichen  Standpunkt verlangen,  dann
       ist eine  brauchbare Ausgangsbasis für eine positive weitere Ent-
       wicklung gegeben.  Der bekannte Jesuitenpater Prof. Dr. Brockmöl-
       ler drückt  das in seinem viel zu wenig beachteten und sehr wich-
       tigen Buch  "Christentum im Atomzeitalter" u.a. so aus: "Die Tat-
       sache eines  kämpferischen Gegensatzes  zwischen Christentum  und
       modernen Ideologien  berechtigt noch  nicht das  Urteil, daß eine
       verstehende Begegnung  nicht möglich  ist."  Leider  haben  viele
       christliche Politiker dieses Buch noch nicht gelesen.
       Zur Ausräumung der Zwangsvorstellung der Sowjets hinsichtlich der
       Gefahr einer Invasion werden nach der politischen Entwicklung der
       letzten 12  Jahre und weil verantwortliche bundesdeutsche Politi-
       ker die  obigen Voraussetzungen nicht beachtet haben, einige Vor-
       leistungen der Bundesrepublik notwendig sein.
       Diese Vorleistungen  haben auszugehen von dem berechtigten sowje-
       tischen  Sicherheitsbedürfnis   an  seiner  offenen  europäischen
       Grenze. Es gab in der politischen Entwicklung offensichtlich eine
       Zeit, da man in Moskau bereit war, die Deutsche Frage mit der so-
       wjetischen Sicherheitsfrage  zu verbinden. Diese Zeit ist vorbei,
       nachdem die Bundesrepublik die Pariser Verträge abschloß. Die so-
       wjetische Haltung  in der  deutschen Frage hat sich seitdem immer
       mehr versteift,  zumal die Bundesrepublik unübersehbar ein Mitbe-
       stimmungs-, Kontroll-  oder gar  Verfügungsrecht beim Einsatz von
       Atomwaffen anstrebt. Sie ist fast unbeugsam geworden, nachdem die
       USA bereit  sind, dem sowjetischen Sicherheitsbedürfnis im vollen
       Umfang Rechnung  zu tragen,  ohne jede  Gegenleistung.  Ich  sage
       "fast" unbeugsam  geworden, weil  man erstens im politischen Raum
       niemals "niemals"  sagen soll, weil zweitens auch die Haltung der
       USA nicht  immer die  gleiche zu  sein braucht  und weil drittens
       auch heute  noch den  Sowjets eine direkte freundschaftliche Ver-
       ständigung mit der Bundesrepublik interessant sein kann. Es würde
       den Rahmen  eines ersten  Vortrages sprengen,  wenn ich  hier die
       Möglichkeiten politischer Vorleistungen der Bundesrepublik behan-
       deln würde. Einige wenige grundsätzliche Bemerkungen dazu:
       1. Jede Gewaltanwendung  bei  territorialen,  politischen,  wirt-
       schaftlichen und  ideologischen Gegensätzen  ist unter  allen Um-
       ständen in Europa auszuschließen.
       2. Die Bundesrepublik  verzichtet nochmals  ausdrücklich auf jede
       atomare Bewaffnung  der Bundeswehr,  auf jede Ausrüstung mit Mas-
       senvernichtungsmitteln (atomare,  biologische, chemische) und auf
       Lagerung derartiger Massenvernichtungsmittel auf deutschem Boden.
       3. Die Bundesrepublik  lehnt jede Beteiligung an einem Kontroll-,
       Verfügungs- und  Mitbestimmungsrecht beim  Einsatz von Massenver-
       nichtungsmitteln, also  auch eine Beteiligung an der multilatera-
       len Atomüberwasserflotte ab.
       4. Die Bundesrepublik  wirkt daran  mit, daß  alle  europäischen,
       bisher nicht atomar gerüsteten Völker Europas den gleichen Stand-
       punkt einnehmen.
       5. Die  Bundesrepublik wird bei Aufnahme diplomatischer oder Han-
       delsbeziehungen in  der Welt diese Beziehungen ausschließlich un-
       ter Berücksichtigung  der Interessen der jeweiligen Vertragspart-
       ner aufnehmen, unter Ablehnung jeden Versuches, den Vertragspart-
       ner in  einer Oppositionsstellung  zu dritten Mächten zu bringen,
       sowie unter Verzicht auf jede Einflußnahme auf die innere Ordnung
       dieser Vertragspartner.  (Das gilt  insbesondere für  die Staaten
       mit einer  kommunistischen  Ordnung  einschl.  der  Volksrepublik
       China).
       Lassen Sie  mich eine Bemerkung machen an die Adresse derjenigen,
       die aus  guten, sogar freundschaftlichen Beziehungen zwischen der
       Sowjetunion und  der Bundesrepublik Deutschland zwangsläufig eine
       Gegnerschaft der  Bundesrepubik zu  den westlichen Staaten ablei-
       ten. Diese  Auffassung ist  eine genau  so  naive  und  primitive
       Schwarz-Weiß-Malerei, wie  sie die  bekannte Vorstellung enthält:
       "Wer gegen  eine Politik der Stärke ist, ist für eine Politik der
       Schwäche." Sie  kennen den Hauptlehrer dieser Theorie, Für uns in
       Deutschland -  und dafür  werden die  Sowjets Verständnis haben -
       gibt es  kein Entweder-Oder,  sondern sollte es geben ein Sowohl-
       als-auch.
       Weder die Bundesrepublik noch die Sowjetunion sind daran interes-
       siert, daß aus einer engen Kooperation auf wirtschaftlichem, kul-
       turellem und  politischem Gebiet  Differenzen mit anderen entste-
       hen. Die  Bundesrepublik wird  bei einer  derartigen Kursänderung
       auch keine Verträge brechen, dann würde sie allseitig unglaubwür-
       dig. Alle  eingegangenen vertraglichen  Verpflichtungen haben je-
       doch Revisionsklauseln,  sie treten unter Umständen (z.B. im Fall
       der Wiederherstellung  der deutschen  Einheit) sogar außer Kraft.
       Zudem würden  freundschaftliche Beziehungen  auch zur Sowjetunion
       die Frage des Abschlusses eines Friedensvertrages in größere Nähe
       rücken. In  diesem Fall könnten in absoluter Übereinstimmung zwi-
       schen allen  Beteiligten eine  neue Übereinkunft über den politi-
       schen und  militärischen Status  Mitteleuropas getroffen  werden,
       der allen berechtigten Wünschen Rechnung trägt.
       Es gibt  kein Argument, das schwer wiegt, das gegen eine Verstän-
       digung zwischen Moskau und Bonn spräche. Im Gegenteil! Alle spre-
       chen dafür.  Die Engländer möchten und werden ihre Truppenkontin-
       gente in  Europa verringern,  die USA  ebenso, und Frankreich hat
       sich bereits  seit längerem seinen NATO-Verpflichtungen entzogen.
       Der amerikanische  Präsident fordert  den Kanzler der Bundesrepu-
       blik energisch und öffentlich auf, die Entspannungspolitik zu un-
       terstützen. Wir  sollten umdenken lernen und aus der Zeit vor dem
       Ersten Weltkrieg und ihren Methoden allmählich herauskommen. Wenn
       uns in  Mitteleuropa der  zweite verlorene Krieg eine Aufgabe ge-
       stellt hat,  dann ist  es die des Ausgleichs von Gegensätzen, des
       unermüdlichen Kampfes  für den  Frieden und für die Verständigung
       und des  Einsatzes für  eine über alle Ideologien hinausreichende
       Freundschaft unter den Völkern.
       Soweit die  Vorleistungen seitens der Bundesrepublik Deutschland,
       an deren  Ende dann  der Abzug der westlichen Verbündeten aus dem
       Bereich der  Bundesrepublik stehen  könnte,  wenn  auch  die  So-
       wjetunion zu  gleichen Maßnahmen  innerhalb der in ihrem Interes-
       sengebiet liegenden Staaten bereit ist.
       Inwieweit die  Sowjetunion ihrerseits in der Lage ist, daran mit-
       zuwirken, den bundesdeutschen Angstkomplex hinsichtlich gewaltsa-
       mer weltrevolutionärer  Absichten  in  Mitteleuropa  auszuräumen,
       sollte man  in Moskau  ernsthaft überprüfen. Wenn z.B. die Regie-
       rung der UdSSR auf die ihr befreundete Regierung der DDR beratend
       einwirken würde, in einer großzügigen Aktion eine Generalamnestie
       für alle die politischen Vergehen - vielfach von Jugendlichen be-
       gangen -,  die aus der Teilung Deutschlands entstanden sind, aus-
       zusprechen, würde  das nicht nur eine gleiche Aktion in Bonn aus-
       lösen, sondern  es würde  als eine  große humane Tat gewertet und
       den Angstkomplex  abbauen helfen.  Dabei ist  es nicht notwendig,
       den sowjetischen  Standpunkt zu ändern, daß die Wiederherstellung
       der deutschen Einheit Sache der Deutschen sei. Tausende, Hundert-
       tausende von  Familien würden  entgegen  jedem  Propagandaversuch
       ihre heutige,  aus jahrzehntelanger  Beeinflussung  resultierende
       Meinung ändern.
       

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