Quelle: Blätter 1964 Heft 12 (Dezember)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       OFFENER BRIEF ZUR FRAGE DER DEUTSCH-ISRAELISCHEN BEZIEHUNGEN
       ============================================================
       
       An den:  Herrn Bundestagspräsidenten  D. Dr.  Eugen Gerstenmaier,
       Herrn Bundeskanzler Prof. Dr. Ludwig Erhard, Herrn Bundesminister
       Dr. Gerhard  Schröder. - An die: Herrn Mitglieder des Bundestags-
       ausschusses für auswärtige Angelegenheiten.
       
       Sehr verehrter Herr Bundestagspräsident!
       Sehr verehrter Herr Bundeskanzler!
       Sehr verehrter Herr Bundesminister!
       Sehr geehrte Herren Abgeordnete!
       
       Die unterzeichneten  Hochschullehrer wenden  sich an Sie in einer
       Angelegenheit, die sie mehr und mehr mit großer Sorge erfüllt. Es
       handelt sich um die Beziehung zwischen der Bundesrepublik und dem
       Staate Israel,  damit also  auch um  das Verhältnis  zwischen dem
       deutschen Volke  und dem jüdischen Volk. Diese Beziehungen werden
       gegenwärtig, wie  allgemein bekannt,  durch zwei  Tatsachen bela-
       stet: die  immer noch  ausstehende Aufnahme diplomatischer Bezie-
       hungen zum  Staate Israel  und die  Mitwirkung deutscher  Wissen-
       schaftler und  Techniker, sowie deutscher Firmen bei der Herstel-
       lung von  modernen Angriffswaffen  für die Verwirklichung der von
       ägyptischer Seite  immer wieder  ausgesprochenen Vernichtungsdro-
       hungen gegen Israel. Alle bisherigen Bemühungen, nach den furcht-
       baren Verfolgungen des europäischen Judentums durch den National-
       sozialismus, die  im Namen  unseres Volkes  geschehen  sind,  ein
       neues positives  Verhältnis zwischen  den Deutschen und den Juden
       herzustellen, sind  damit aufs tiefste gefährdet. Daß das heutige
       Deutschland mit  dem Geiste  der Hitlerzeit  gebrochen hat,  wird
       dieser beiden  Tatsachen wegen für die israelische Bevölkerung in
       zunehmendem Maße  fragwürdig. Aber auch bei unserer deutschen Be-
       völkerung muß  sich die  Diskrepanz zwischen Worten und Taten als
       Hemmnis in  einer Umbesinnung gegenüber dem Judentum und als För-
       derung antisemitischer Einstellung auswirken.
       Weil im Jahre 1952 beim Abschluß des Vertrages über die Reparati-
       onslieferungen der  Bundesrepublik an  Israel, den wir als großes
       Verdienst der  Bundesregierung dankbar anerkennen, die diplomati-
       schen Beziehungen wegen der verständlichen Abneigung eines großen
       Teiles der israelischen Bevölkerung noch nicht aufgenommen werden
       konnten, hat  Bundeskanzler Adenauer  beim Abschluß des Vertrages
       erklärt, die  völlige Normalisierung  der Beziehungen  müsse  der
       heilsamen Kraft  der Zeit  überlassen werden, die Bundesregierung
       werde aber, sobald Israel die Zeit für gekommen halte, die entge-
       gengestreckte Hand ergreifen. Es ist bekannt, daß Israel heute zu
       dieser Normalisierung  bereit ist, ja sie wünscht. Daß ein Staat,
       dessen Menschen  von Menschen unseres Volkes so Entsetzliches er-
       fahren haben,  normale Beziehungen  zu uns  wünscht, daß wir aber
       diesen Wunsch  nicht erfüllen,  ist ein  Zustand, der jedem Deut-
       schen aus  Gründen der  Moral und der Ehre, aber auch aus politi-
       schen Gründen unerträglich sein muß.
       Die Bedenken  der Bundesregierung  gegen einen jetzigen Botschaf-
       teraustausch mit  Israel sind  uns ebenso bekannt wie die Schwie-
       rigkeiten eines wirksamen Vorgehens gegen die Tätigkeit deutscher
       Wissenschaftler, Techniker und Firmen in der ägyptischen Rüstung.
       Wir sind  aber der  Meinung, daß  die Bundesregierung  sich nicht
       länger mit  diesen Hindernissen  abfinden darf.  Es muß  und kann
       versucht werden,  der befürchteten  Anerkennung der  Ost-Berliner
       Regierung durch  die arabischen Staaten als Reaktion auf diploma-
       tische Beziehungen  der Bundesrepublik  zu Israel  durch  Einsatz
       wirtschaftlicher und  politischer Argumente  bei  den  arabischen
       Staaten vorzubauen.  Jedenfalls muß  die Bundesregierung deutlich
       zu erkennen  geben, daß  sie den gegenwärtigen Zustand für so un-
       würdig und unerträglich hält, wie er ist, und daß sie deshalb al-
       les daran setzt, ihn in möglichst kurzer Zeit zu beendigen.
       Wer einem  Staate normale  diplomatische Beziehungen  verweigert,
       stellt damit  dessen Existenzrecht  und  Bestand  in  Frage  oder
       schließt sich  denen an, die dies tun. Außer den arabischen Staa-
       ten  ist   die  Bundesrepublik   (abgesehen  von  Ost-Berlin  und
       Rotchina) der  einzige Staat auf der Erde, der Israel normale An-
       erkennung verweigert.  Umgekehrt berücksichtigt aber die israeli-
       sche Regierung  die Interessen  der Politik  der Bundesregierung,
       indem sie  eine Anerkennung  seitens der  Ost-Berliner  Regierung
       nicht anstrebt.  Wenn nun  zu dieser  Situation  hinzukommt,  daß
       deutsche Firmen  und Einzelpersonen zur Verwirklichung der arabi-
       schen Vernichtungsdrohungen  gegen Israel beitragen, ohne daß dem
       eine wirksame  Mißbilligung und  Hinderung von  offizieller deut-
       scher Seite  entgegen steht,  so kann  das in Israel und sonst in
       der Welt  nur den Eindruck hervorrufen, daß die Bundesrepublik im
       Widerspruch zu allen Beteuerungen für die Araber und gegen Israel
       Partei ergreift,  daß also wiederum die Vernichtung von Juden mit
       deutscher Unterstützung  geplant und  betrieben wird.  Wir dürfen
       aber der  Schande, mit  der Hitler  und die Seinen unser Volk be-
       deckt haben,  nicht  durch  unsere  eigenen  Entscheidungen  neue
       Schande hinzufügen.
       Mit einer  Beendigung dieses unmöglichen Zustandes würde die Bun-
       desregierung keineswegs  einseitig gegen  die arabischen  Staaten
       Partei ergreifen; sie würde vielmehr durch die Normalisierung ih-
       rer Beziehungen  zu Israel  einen Beitrag  zur Normalisierung der
       Verhältnisse im Nahen Osten leisten.
       Wir bitten  Sie, sehr verehrte Herren, diese unsere Sorge in Ihre
       Erwägungen aufzunehmen  und den jetzigen Zustand baldmöglichst zu
       beenden.
       Mit vorzüglicher Hochachtung!
       Prof. Dr. Helmut Arndt- Berlin - Prof. Dr. Max Born - Bad Pyrmont
       - Prof.  Dr. Hans  Braun - Bonn - Prof. Dr. Martin Drath - Karls-
       ruhe -  Prof. Dr. Karl Freudenberg - Heidelberg - Prof. D. Helmut
       Gollwitzer -  Berlin -  Prof. Dr.  Gustav Heckmann  - Hannover  -
       Prof. Dr. Hermann Heimpel - Göttingen - Prof. Dr. Uvo Hoelscher -
       Heidelberg -  Prof. Dr.  Werner Kliefoth - Kiel - Prof. Dr Alfred
       Marchionini -  München -  Prof. Dr. Rolf Rendtorff - Heidelberg -
       Prof. Dr. Kurt Sontheimer - Berlin - Prof. Dr. Wilhelm Weischedel
       - Berlin.
       

       zurück