Quelle: Blätter 1964 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AMERIKANISCHE WARNUNG VOR DER MLF
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       Es ist  in der  Bundesrepublik bisher  kaum beachtet  worden, daß
       sich die Bedenken gegen das in den letzten Monaten von amerikani-
       scher und  insbesondere von  Bonner Seite forcierte Projekt einer
       Multilateralen Atomflotte  (MLF) keineswegs  nur auf  Frankreich,
       Großbritannien und  die kleineren  europäischen NATO-Staaten  be-
       schränken. Auch  in den  USA ist  die MLF keineswegs unumstritten
       und es  haben sich  dort in  den letzten  Monaten die Stimmen ge-
       mehrt, die vor einer Verwirklichung des militärisch ohnehin frag-
       würdigen Vorhabens  warnen. So  erklärte beispielsweise der demo-
       kratische Senator   M c G o v e r n   aus  South Dakota - der be-
       reits im September mit 27 anderen Senatoren Präsident Johnson er-
       sucht hatte, das MLF-Projekt zunächst noch einmal eingehend durch
       den Außenpolitischen  Ausschuß des  Senats prüfen  zu lassen - am
       22. November:  "Ich sehe darin ein Mittel, mit dem die Genfer Ab-
       rüstungsverhandlungen zum Scheitern gebracht, die Fortschritte zu
       verbesserten Beziehungen  mit der Sowjetunion rückgängig gemacht,
       der Militarismus  ermutigt  und  unser  historischer  Verbündeter
       Frankreich entfremdet  werden könnten." (Vgl. Die Tat, Zürich, v.
       23.11.64.)
       Zu den bemerkenswertesten, weil sachkundigsten amerikanischen Äu-
       ßerungen zur  MLF zählt  eine Stellungnahme  des bekannten  Abrü-
       stungsfachmannes Prof.  Seymour   M e l m a n   von der  Columbia
       University, New  York (vgl. auch Heft 2/64 der "Blätter"). In ei-
       nem Schreiben  an den  amerikanischen Verteidigungsminister McNa-
       mara hat  Prof. Melman  im Frühjahr  d.J. darauf hingewiesen, daß
       die USA  als Reaktion auf eine westliche MLF höchstwahrscheinlich
       ein entsprechendes  Projekt von  sowjetischer Seite zu gewärtigen
       hätten. Prof. Melman bezog sich dabei auf ein Memorandum amerika-
       nischer Wissenschaftler,  in dem  die Behauptung  widerlegt wird,
       die Sowjetunion sei vor allem aus finanziellen Gründen zum Aufbau
       einer östlichen  MLF nicht imstande. Im Auftrag McNamaras antwor-
       tete am 25. Juni der Unterstaatssekretär im Verteidigungsministe-
       rium Cyrus  Vance auf  seinen Brief. Im Anschluß daran nahm Prof.
       Melman noch  einmal, diesmal  in einem  Schreiben an  den  Unter-
       staatssekretär, eingehend zu dem Projekt MLF Stellung. Aus dem in
       der Bundesrepublik  bisher unbekannten  Brief des  amerikanischen
       Wissenschaftlers drucken  wir im folgenden die wichtigsten Passa-
       gen in deutscher Übersetzung ab.
       Es sei daran erinnert, daß der tschechoslowakische Außenminister,
       Dr. Vaclav  David, anläßlich seines Besuches in Paris Ende Novem-
       ber von  der Möglichkeit  einer östlichen MLF als Antwort auf die
       geplante westliche gesprochen hat. D. Red.
       
       Herrn
       Cyrus R. Vance
       Stellvertr. Verteidigungsminister
       Verteidigungsministerium                          17. Juli 1964
       Washington 25, D.C.
       
       Sehr geehrter Herr Vance!
       Ich danke  Ihnen für  Ihren im Auftrag des Verteidigungsministers
       McNamara übersandten  Brief vom  25. Juni 1964. Ich habe auf eine
       denkbare militärische  Gefahr, die durch eine von Amerika ins Le-
       ben gerufene  multilaterale Atomflotte  (MLF)  entstehen  könnte,
       aufmerksam gemacht.  In Beantwortung einer solchen amerikanischen
       Initiative könnten  die Sowjets  (wie Herrn  Dilloways technische
       Untersuchung aufzeigt) gegebenenfalls eine eigene 25-Schiff-Rake-
       tenflotte vor der Atlantik- und Golfküste der Vereinigten Staaten
       stationieren.
       Zur Zeit  der Abfassung dieses Schreibens sieht es so aus, als ob
       die Regierung  der Vereinigten Staaten mit einem Versuchsschiff -
       dem US-Zerstörer Biddle - begonnen hat, den MLF-Plan auszuführen.
       Hat Ihr  Ministerium vom  Kongreß einen Auftrag bekommen, mit dem
       Aufbau dieser Streitmacht fortzufahren?
       Ihr Brief vom 25. Juni läßt viele der wesentlichen Gesichtspunkte
       der politischen  und militärischen Sicherheit, die durch das MLF-
       Projekt aufgeworfen wurden, unbeantwortet...
       Da wir hinsichtlich der möglichen militärischen Gegenzüge der So-
       wjets kein  Vorauswissen besitzen, gebietet es die Vorsicht, eine
       Reihe von  Möglichkeiten einzukalkulieren:  eine sowjetische MLF;
       eine die  Erde in Satelliten umkreisende Bombe; Raketen auf Kuba;
       Sprengköpfe in  Unterwasserminen vor unserer Küste; oder den Ein-
       satz irgendeiner  anderen Technik aus der Reihe der Trägerwaffen,
       die von der Militärtechnologie entwickelt worden sind.
       Eine sowjetische  MLF-Flotte könnte  legal bis zu drei Meilen vor
       der Küste  der Vereinigten Staaten operieren. Das läßt alle Arten
       von Möglichkeiten  offen: z.B.,  es heißt, daß die Sowjets angeb-
       lich Sprengköpfe  von 100  Megatonnen haben, deren Einsatz aller-
       dings durch  ihr beträchtliches  Gewicht begrenzt sein soll. Nun,
       ein Frachtschiff  ist  der  richtige  Träger  für  einen  solchen
       Sprengkopf, der  ja nur  einen kleinen  Teil seiner  Tonnage aus-
       macht. Ein 100-Megatonnen-Sprengkopf braucht nicht näher als drei
       Meilen vom  Ufer gezündet  zu werden, um ungeheure Gebiete verwü-
       sten zu können.
       Eine MLF  des Sowjetblockes würde sich, wie Herr Dilloway berech-
       net, möglicherweise  auf Kuba  als Versorgungs-  und  Instandset-
       zungsbasis stützen.  Dies könne  zu einer Ausdehnung des sowjeti-
       schen militärischen Engagements und der sowjetischen Kontrolle in
       Kuba führen.  Keine dieser Auswirkungen ist für die amerikanische
       Sicherheit wünschenswert.
       Wenn die  Sowjets in gleicher Weise gegenziehen, dann würden, wie
       Sie sagen,  die sowjetischen  MLF-Schiffe vor  der amerikanischen
       Küste  Gegenstand  schärfster  amerikanischer  Marine-Überwachung
       werden. Diese  Überwachung würde  aber, wie  Herr  Dilloway  auf-
       zeigte, leicht zur Quelle gefährlicher Irrtümer und militärischer
       Zu- und  Unfälle werden: z.B. in der Fehlinterpretation von Rake-
       tenübungen oder Übungsschießen.
       Sicherlich haben Sie damit recht, daß eine sowjetische MLF-Flotte
       vor den  amerikanischen Küsten  sehr verletzbar  wäre. Es  bleibt
       aber ungeklärt,  warum im Wesentlichen das gleiche Argument nicht
       auch auf  eine westliche Flotte nahe dem sowjetischen Territorium
       zutreffen sollte.  Alle Schiffe  der MLF-Art sind verhältnismäßig
       langsam, groß und damit ein leichtes Ziel für U-Boote oder balli-
       stische Raketen,  die, ausgerüstet  mit Atomsprengköpfen,  solche
       Ziele, ohne sie direkt treffen zu müssen, zerstören können.
       Die westliche  MLF-Initiative und der sowjetische Gegenzug würden
       im Ergebnis  zwar zu der bereits fürchterlichen nuklearen Schlag-
       kraft neue  hinzufügen, diese  aber getragen von Mitteln, die be-
       kanntermaßen verletzlich  sind. Darf  ich Sie daran erinnern, daß
       die gegenwärtige  Theorie verhältnismäßig  verletzbare  Waffensy-
       steme als  äußerst destabilisierend  und unfallträchtig  ansieht,
       als eine  Gefahrenquelle von Fehleinschätzung und Escalation wäh-
       rend einer militärischen Konfrontation.
       In Anbetracht all dessen finde ich wenig Trost in Ihrem Vertrauen
       darauf, daß  die Streitkräfte unseres Landes leicht eine sowjeti-
       sche MLF  zerstören könnten.  Ein  solcher  militärischer  Erfolg
       könnte einen  Weltatomkrieg auslösen,  der nicht nur der sowjeti-
       schen MLF, sondern auch uns allen das Ende setzt.
       Das Ergebnis des westlichen Zugs und sowjetischen Gegenzugs würde
       sicherlich eine Reihe neuer und gefährlicherer militärischer Kon-
       frontationen sein  und somit eine schwierigere Lage für die Abrü-
       stungsverhandlungen schaffen.
       Sowohl wir, als auch die Sowjets haben ein gemeinsames Interesse,
       gerade diese Art militärischer Wechselwirkung zu verhindern. Des-
       halb sind  die amerikanische und sowjetische Regierung übereinge-
       kommen, keine  Sprengköpfe in den Erdumlauf zu bringen. Beide Re-
       gierungen sind sich stillschweigend darin einig, keine Anti-Rake-
       ten-Programme zu  starten und  keine allumfassende Zivilverteidi-
       gung zu  organisieren. Die Weisheit und der praktische Nutzen ei-
       ner solchen  Enthaltung -  ob nun  in formaler  Vereinbarung oder
       stillschweigend -  ist offensichtlich:  Die Initiative  der einen
       Seite und die Gegenantwort der anderen in gleicher Weise auf die-
       sem Feld  würde offenbar die militärische Lage beider verschlech-
       tern. Die Regierungen der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
       setzten nicht einfach jeden militärischen Zug, der technisch mög-
       lich ist,  in die  Tat um.  Beide Regierungen waren im Umgang mit
       den Nuklearwaffen  vorsichtig. Unser  Ziel sollte es sein, solche
       Präzedenzfälle zu  verstärken, nicht  aber gegen  sie zu handeln,
       indem wir daran gehen, die MLF zu schaffen...
       Auf Grund  der faktischen  politischen Planung  der MLF liegt die
       Bedeutung der  vorgeschlagenen Streitmacht in der politischen und
       militärischen Wirklichkeit  darin, daß  sie zu  einem großen Teil
       eine deutsche Atomstreitmacht sein würde. Dagegen würden sich Ka-
       nada, England, Frankreich, Italien und die skandinavischen Länder
       wenden, wahrscheinlich  im Zusammenwirken  mit Nordafrika, Osteu-
       ropa und Rußland. Eine hauptsächliche amerikanisch-deutsche Teil-
       nahme an  der MLF  könnte das  Ende der NATO und aller Arten ver-
       nünftiger Zusammenarbeit der westlichen Länder bedeuten. Neue po-
       litische und  wirtschaftliche Gruppierungen  würden aufgrund  der
       Übereinstimmung entstehen,  daß eine deutsche Atomstreitmacht für
       viele Länder eine Bedrohung darstellt.
       Die neuen  politischen Gruppierungen würden einen der angeblichen
       militärischen Hauptvorteile der neuen Streitmacht zunichte machen
       daß diese  in vielen Meeren operieren und viele Häfen als Heimat-
       häfen benützen  könne. Welche  Häfen im Mittelmeer wären zum Bei-
       spiel zur Benützung durch eine deutsche Atomstreitmacht offen?
       Im Atomzeitalter  erfordert die  Sicherheit des  Menschen die Be-
       schränkung und  Verkleinerung der  Anzahl der  Atomwaffen und die
       Kontrolle über  diese, so  wie das von den Präsidenten der Verei-
       nigten Staaten des öfteren dargestellt wurde, nicht aber die Ver-
       mehrung der  Sprengköpfe und der Atommächte. Gegen den Vorschlag,
       den US-Militärbefehlshabern  vermehrte Verfügungsgewalt beim Ein-
       satz von  Kernwaffen im Felde zu geben, gab es eine beträchtliche
       Reaktion der amerikanischen Öffentlichkeit. Die gleiche Vorsicht,
       die Verfügung  über die  Kernwaffen zu  begrenzen, rät uns, diese
       nicht den deutschen Kommandeuren zu überlassen.
       Gleichzeitig läßt  sich schwer eine wirksamere amerikanische Maß-
       nahme denken,  die geeigneter wäre, die stalinistischen Konserva-
       tiven innerhalb der Regierungen der UdSSR und Osteuropas zu stär-
       ken und  somit die  Chancen eines  Abkommens über die Detente und
       eine Abrüstung  mit den  Vereinigten Staaten  zu verringern. Eine
       deutsche Atomstreitmacht würde intensive Furcht und Haß unter der
       osteuropäischen und russischen Bevölkerung erzeugen. Sie würde zu
       einer Vermehrung der sowjetischen Truppen in Osteuropa führen und
       so die  osteuropäischen Hoffnungen auf größere Unabhängigkeit be-
       schneiden.
       Wenn einmal  die tiefe  Furcht und  der Argwohn infolge der deut-
       schen Verfügung über Kernwaffen innerhalb des sowjetischen Macht-
       bereichs erweckt  sein werden, könnte dies zu einem unglücklichen
       Rückschlag  hinsichtlich   der  Abrüstungsverhandlungen   führen.
       Glaubwürdigkeit ist eines der wichtigsten - wenn auch kaum meßba-
       ren -  Elemente, das  beide Seiten in den Abrüstungsverhandlungen
       brauchen. Die sichtbare Entwicklung einer deutschen Atommacht un-
       ter amerikanischem Patronat würde der amerikanischen Glaubwürdig-
       keit in  den Augen  der Sowjets - und in denen vieler anderer Na-
       tionen ebenso  - Schaden  zufügen. Der Prozeß der Abrüstung würde
       durch das  Entstehen neuer  Atommächte, besonders wenn diese Aus-
       dehnung der  atomaren Potenzen noch von einem der Hauptteilnehmer
       der internationalen  Abrüstungsverhandlungen gefördert  wird, er-
       schwert werden.
       Die vorgeschlagene  Atomstreitmacht würde  zu einem  verläßlichen
       politischen Störungsfaktor.  Man könnte  sie kaum ohne eine deut-
       sche Zustimmung  durch alleinige  amerikanische Entscheidung oder
       eine einer Staatengruppe wieder auflösen, sobald die deutsche Re-
       gierung einmal  den versprochenen  'besonderen Einfluß... auf die
       Verfügung' erhalten  hat. Es  ist als  ob uns die Befürworter der
       MLF auf  unabsehbare Zeit  auf die nukleare Konfrontation von Ost
       und West  festlegen wollen,  ohne Rücksicht  auf Veränderungen in
       Osteuropa oder  in Westeuropa oder in der UdSSR bzw. die mögliche
       Bereitschaft der Sowjets, annehmbaren Bedingungen einer Abrüstung
       zuzustimmen.
       In Beantwortung der jüngsten Sowjetnote über die MLF beanspruchte
       die deutsche  Regierung, daß  die Erwerbung  nuklearer Macht ihre
       innere Angelegenheit  sei. Man  beanspruchte  dieses  Eigenrecht,
       nachdem die  Vereinigten Staaten,  Großbritannien und  Frankreich
       anerkannt hatten, daß man sowohl Kern- als auch andere Waffen an-
       wenden könne.  Bis jetzt  hat der deutsche Staat noch keinen Hin-
       weis gegeben,  daß die  Abrüstung eines  seiner politischen Ziele
       ist.
       Eine deutsche Verfügungsgewalt über Atomwaffen würde die innenpo-
       litische Position der extremen deutschen Rechten (der Konservati-
       ven) stärken.  Die deutsche Wiederbewaffnung war lange ihr beson-
       deres Ziel.  Die Erlangung  einer deutschen  Atomrüstung würde in
       Deutschland als  die Erfüllung  des Programmes der Rechten aufge-
       faßt. Unausweichlich würde das politische Prestige der Faschisten
       innerhalb Deutschlands vergrößert.
       Deutschland ist heute die stärkste Industrienation und die stärk-
       ste Militärmacht  - was  die konventionelle Bewaffnung betrifft -
       auf dem  europäischen Kontinent.  Die Verfügung  über  Atomwaffen
       würde der deutschen Regierung einen beträchtlich erweiterten Raum
       für politische Manöver geben.
       Diese erweiterte  Militärmacht zusammen  mit der  deutschen indu-
       striellen Kraft  würde den Deutschen die Möglichkeit geben, poli-
       tische Ziele  unabhängig von  den Wünschen unseres Landes zu ver-
       folgen. Offensichtlich  würde ein  so  ausgerüstetes  Deutschland
       alle anderen europäischen Staaten im wirtschaftlichen und militä-
       rischen Wettlauf überschatten.
       Verständlicherweise kann man erwarten, daß die deutsche Regierung
       ihre militärische  Kapazität für  einseitig  deutsche  politische
       Zwecke benützt. Der deutsche Irredentismus ist in Bonn auf Regie-
       rungsebene vertreten.  Es wäre unklug für die amerikanische Poli-
       tik, die  Möglichkeit nicht in Betracht zu ziehen, daß man in mi-
       litärische Konfrontationen  mit den  Sowjets verwickelt wird, die
       von politischen  Abenteuern der  westdeutschen  Rechten  und  der
       Flüchtlingsgruppen ihren Ausgang nehmen.
       Ein atomar  bewaffnetes Deutschland bedeutet, daß die Vereinigten
       Staaten von  Europa praktisch  nicht mehr in Frage kommen, es sei
       denn auf Grund deutscher Bedingungen.
       Ich bin  mir der  westdeutschen  Verhandlungsstärke  bewußt,  die
       darin besteht, daß sie ungefähr 30% der Ansprüche auf die Goldre-
       serven der Vereinigten Staaten in ihrem Besitz weiß. Diese Anhäu-
       fung von Rechten auf das Gold der Vereinigten Staaten wurde durch
       die massiven  Militärausgaben der  Vereinigten Staaten  in  West-
       deutschland verursacht, die nur zu einem Bruchteil durch deutsche
       Waffenkäufe ausgeglichen  wurden. Die Überlassung von Verfügungs-
       gewalt über  Atomwaffen ist  nicht der Weg, dieses Problem zu lö-
       sen. Tatsächlich  würde sie  Deutschland noch mehr Macht über die
       Entscheidungen der  Vereinigten Staaten  geben. Sie  würde es der
       deutschen Regierung ebenfalls ermöglichen, selbst als Unterzeich-
       ner des atomaren Teststopp-Vertrags, Kernwaffen zu erwerben.
       Ebensowenig würde  der Verkauf  von Kernwaffen an Deutschland ein
       richtiger Weg sein, das Problem unseres Zahlungsausgleichs zu lö-
       sen. Das fehlende Gleichgewicht der internationalen Zahlungen der
       Vereinigten Staaten ist in erster Linie durch unsere Dollarausga-
       ben für  militärische Zwecke im Ausland entstanden. (Wirtschafts-
       bericht des Präsidenten, 1962, S. 158.) Die grundsätzliche Lösung
       dieses Problems  der Anhäufung  von ausländischen  Ansprüchen auf
       das Gold  der Vereinigten  Staaten liegt  daher in der Begrenzung
       und Reduzierung  der gesamten  militärischen Aktivität  und  Aus-
       gaben. Abrüstung  und nicht neue Atomstreitkräfte ist der Schlüs-
       sel zur  Frage, wie  man den  Dollar aus der gegenwärtigen Gefahr
       befreien kann.
       Eine deutsche  Verfügung über Atomwaffen würde den Kreis der Mög-
       lichkeiten der  amerikanischen Außenpolitik beschränken. Der Plan
       einer deutschen  Atomstreitmacht würde  unsere Fähigkeit  vermin-
       dern, Arrangements nach unserer Wahl und zu unserem Nutzen zu ma-
       chen. Er  würde die  amerikanische Politik an den Argwohn und den
       Haß fesseln,  der gegenüber der deutschen Staatsmaschine in einem
       großen Teil Europas herrscht.
       Sie bemerken  in Ihrem  Brief vom  25. Juni, daß wir den MLF-Plan
       weiterverfolgen sollten  "falls wir  und  unsere  NATO-Alliierten
       darin übereinstimmen,  daß dieser  unserer gemeinsamen Sicherheit
       zum Vorteil  gereichen würde".  Ein solcher  gemeinsamer  Vorteil
       läßt sich schwer feststellen.
       In diesem Zusammenhang kann man, angesichts der Tatsache, daß we-
       der dem  Kongreß  noch  der  Öffentlichkeit  Gelegenheit  gegeben
       wurde, die  Art und  möglichen Folgen  des vorgeschlagenen Planes
       kennenzulernen, nur Bestürzung empfinden...
       Die amerikanische  Öffentlichkeit wird  mit State Department- und
       Marine-Verlautbarungen und  formalen Berichten  beruhigt, die die
       MLF als einen Weg zur Verhinderung der Verbreitung von Kernwaffen
       hinstellen. Indessen  verfolgt die  deutsche Regierung diese Pla-
       nung als  genau den  Weg um "besonderen Einfluß... auf die Verfü-
       gung" zu  erlangen, was das State Department verspricht, und also
       als deutsche Atomstreitmacht innerhalb des Rahmens einer deutsch-
       amerikanischen Allianz.
       Ziemlich bestürzt  bin ich  über die Ermahnung, daß wir uns nicht
       gestatten sollten, von der Furcht oder einer Fehleinschätzung der
       Lage beherrscht  zu werden.  Äußerste Furcht  verursacht oft eine
       Lähmung oder einen unvernünftigen Haß. Aber Vorsicht, die zu Ent-
       scheidungen führt,  nachdem umsichtig  und gründlich die Alterna-
       tivmöglichkeiten und ihre Auswirkungen erforscht wurden - das ist
       es, was sehr wünschenswert ist.
       Wir müssen  diese Entscheidung  im Lichte einer öffentlichen Dis-
       kussion und der Abschätzung der darin enthaltenen Risiken und Ge-
       winne treffen. Das ist bis jetzt nicht geschehen. Weder übertrie-
       bene Furchtsamkeit noch äußerste Rücksichtslosigkeit sind hier am
       Platze. Auf  Grund der  vorhandenen Fakten  und ihrer Beurteilung
       können wir  die Entscheidung  mit der  Vorsicht herbeiführen, die
       dem, was auf dem Spiel steht, angemessen ist.
       Welchen Profit  haben die  Vereinigten Staaten  beim MLF-Projekt?
       Die Befürworter  der MLF  haben die  militärische Seite als nicht
       ins Gewicht  fallend oder nur von bescheidenem Vorteil beurteilt,
       während sie gleichzeitig behaupten, daß politische Gewinne zu er-
       zielen seien. Eine genaue Untersuchung der wahrscheinlichen poli-
       tischen Antworten  auf den  MLF-Plan zeigt, daß das Nachgeben ge-
       genüber den deutschen nuklearen Ambitionen automatisch eine weit-
       greifende politische  Feindschaft in  West und  Ost erzeugt.  Zur
       selben Zeit vermehrt das MLF-Projekt das militärische Risiko, was
       außerordentlich schädlich sein kann. Wie würde das Verteidigungs-
       ministerium reagieren, wenn es unter dem Druck stünde, sagen wir,
       25 Raketenträger  des Sowjetblocks  von unserer  atlantischen und
       Golfküste zu  vertreiben? Und  wie würden  Sie dann auf die Frage
       antworten: Wer begann damit zuerst und warum?
       Zusammengefaßt: Der  MLF-Plan verspricht  eine  sich  verschlech-
       ternde militärische  Situation, erzeugt  das Aufbrechen  von dem,
       was als  westliche Allianz übriggeblieben ist, und vernichtet die
       Möglichkeiten einer sich entwickelnden Detente mit den Sowjets.
       In meinem Brief vom 10. Juni schlug ich vor, daß man den MLF-Plan
       auf Eis  legen möge, bis eine entsprechende Untersuchung stattge-
       funden hat.
       Wir können  das dornige  Problem deutscher Atomwaffen nicht igno-
       rieren, aber  es gibt  bessere Alternativen zur MLF. Es kann dies
       ein Punkt  sein, wo wir und die Sowjets ein gemeinsames Interesse
       haben: nämlich  darauf zu  sehen, daß Deutschland keine Atommacht
       wird -  auch nicht indirekterweise. Ist dies die Zeit, unsere Be-
       ziehungen mit den Sowjets dadurch zu verschlechtern, daß wir ihre
       tiefsten Befürchtungen  hervorrufen oder  ist dies  eine  Chance,
       Wege ausfindig  zu machen, gemeinsam mit den Sowjets im gemeinsa-
       men Interesse  zu handeln, um die Verfügungsgewalt über die Kern-
       waffen auf unserem kleinen Planet zu beschränken?
       
       Hochachtungsvoll
       Seymour Melman
       
       (Aus dem  Amerikanischen "Blätter für deutsche und internationale
       Politik").
       

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