Quelle: Blätter 1965 Heft 01 (Januar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       EINFÜHRUNGSVORTRAG DES VORSITZENDEN DER DEUTSCH-SOWJETISCHEN
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       GESELLSCHAFT E.V., WILHELM ROTTER, FRANKFURT/MAIN,
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       AM 1. DEZEMBER 1964 IN FRANKFURT/M.
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       Die Deutsch-Sowjetische  Gesellschaft ist im März ds. Js. gegrün-
       det und im April beim Amtsgericht Frankfurt/M in das Vereinsregi-
       ster eingetragen  worden. Sie ging aus einem seit Anfang 1963 be-
       stehenden "Arbeitskreis  zum Zwecke  der Gründung  einer Deutsch-
       Russischen Gesellschaft" hervor.
       Die Mitglieder  dieses Arbeitskreises und als solche die späteren
       Gründer der Deutsch-Sowjetischen Gesellschaft haben ihren politi-
       schen Standort  in verschiedenen  Lagern, sind aber über das ele-
       mentare Erfordernis  einer deutsch-sowjetischen Aussöhnung unter-
       schiedslos gleicher Meinung.
       Die Zahl der Mitglieder war zum Zeitpunkt der Gründung klein, ist
       inzwischen aber  so weit  gestiegen, daß die Finanzierung der Ge-
       sellschaft und  ihrer Veranstaltungen aus eigenen Mitteln gewähr-
       leistet ist.
       Dem Vorstand  gehören  außer  mir  Herr  Hans  Kohl  aus  Heppen-
       heim/Bergstr. und  Herr Carl Vogt aus Frankfurt/Main an. Die Auf-
       gaben des  Beirates werden  von fünf Mitgliedern der Gesellschaft
       wahrgenommen.
       In einem  Schreiben vom 12. Juni ds. Js. hat der Vorstand der Ge-
       sellschaft dem  Herrn Bundesminister des Auswärtigen Kenntnis von
       der Gründung der Gesellschaft gegeben und dabei folgendes hervor-
       gehoben:
       1. Die Gesellschaft  hält sich  in ihrem Wirken korrekt innerhalb
       des im  Paragr. 2  der Satzung und im Untertitel ihres Namens um-
       rissenen Aufgabenbereiches.
       Sie ist  sich bewußt,  daß die Wahrnehmung aller außenpolitischen
       Angelegenheiten eindeutig  und ausschließlich Sache der Regierung
       ist.
       2. Die Gesellschaft  ist ein  rein deutsches Unternehmen. Angehö-
       rige der Sowjetunion sind grundsätzlich Gäste.
       3. Im Rahmen ihrer Veranstaltungen begrüßt die Gesellschaft jeden
       positiven Beitrag  im Sinne  des Vereinszweckes, würdigt auch ge-
       gensätzliche Auffassungen, schließt aber ideologische Streit- und
       Propagandagespräche als undienlich aus.
       In diesem Zusammenhang wird die Gesellschaft bei der Aufnahme von
       Mitgliedern besonders wachsam sein.
       4. Der Vorstand  der Gesellschaft wird seine Geschäfte so führen,
       daß u.a.  allen Fragen und besonders Fehldeutungen gegenüber, mit
       denen ein  Unternehmen wie  die Deutsch-Sowjetische  Gesellschaft
       e.V. mehr als andere rechnen muß, jederzeit mit der vollen Offen-
       legung der Tatsachen begegnet werden kann.
       Wie aus  Paragr. 2  der Satzung  und dem  Untertitel ihres Namens
       hervorgeht, ist  es das  alleinige Ziel  der Gesellschaft,  durch
       Förderung und Pflege der kulturellen und menschlichen Beziehungen
       zwischen dem  deutschen Volk  und den Völkern der Sowjetunion zur
       Völkerverständigung beizutragen.
       Die Pflege  der kulturellen  und menschlichen sowie sonstigen Be-
       ziehungen zwischen  den Völkern zu dem Zwecke, sich besser kennen
       und damit besser verstehen zu lernen, ist seit den Anfängen einer
       auch unter  psychologischen Aspekten  betriebenen Politik als ein
       nützliches und  damit lobenswertes  Bemühen anerkannt. Es lag al-
       lerdings im Ermessen ausschließlich der Regierung, von diesem mo-
       dernen Mittel  der Politik Gebrauch zu machen. Eine Vernachlässi-
       gung dieser  Aufgabe konnte zu Erschwerungen, Mißerfolgen und so-
       gar erheblichen  Verlusten führen.  Die nachteiligen Auswirkungen
       eines solchen  unpolitischen Verhaltens  schlugen  sich  bis  zur
       Jahrhundertwende in den gewohnten Verlusten an Territorialbesitz,
       Menschen und  Sachwerten nieder,  ließen jedoch  die Substanz der
       Nationen im großen ganzen unberührt.
       Diese Zeit  ist unwiderbringlich vorbei. Spätestens seit dem Ein-
       tritt der  Waffentechnik in die atomare und nukleare Phase müssen
       die Nationen sich dazu verstehen, der Vermeidung von Kriegen grö-
       ßere Anstrengungen  zu widmen als zu deren Vorbereitung. Auch lo-
       kal begrenzte militärische Auseinandersetzungen passen nicht mehr
       in die Zeit. Die mit ihnen verbundene Gefahr einer Ausweitung be-
       schwört in  jedem Fall das Gespenst eines Nuklear-Krieges herauf,
       der einen  großen Teil,  wenn nicht  die Gesamtheit  der Menschen
       vernichten kann.  Es gehört  deshalb zu den lebensnotwendigen Be-
       dürfnissen und  Aufgaben der Völker und ihrer Regierungen, zu ei-
       nem von  Verständnis getragenen Verhältnis mit den übrigen Natio-
       nen zu kommen. Dies gilt um so mehr, wenn es sich um solche Staa-
       ten handelt,  die durch  ihre Größe  und Macht sowie sonstige Um-
       stände von  lebenswichtiger Bedeutung für die eigenen Bedürfnisse
       und Absichten sind.
       Die Regierung  der Bundesrepublik  Deutschland hat  von Anfang an
       die Bedeutung  dieser Aufgabe  erkannt und in dieser Hinsicht zu-
       mindest nach  einer Richtung  hin gute Arbeit geleistet und wert-
       volle Anregungen  gegeben. Wir  haben heute eine Reihe verdienst-
       voller Gesellschaften und Einrichtungen, deren Aktivität groß und
       deren Erfolge  nachhaltig sind.  Als Frankfurter  Bürger darf man
       mit Genugtuung  vermerken, daß  gerade in  unserer, der  Kontakt-
       pflege so  aufgeschlossenen Stadt solche Gesellschaften zahlreich
       vertreten sind  und sich großer Wertschätzung erfreuen. Ich nenne
       hier beispielsweise  die  Steuben-Schurz-Gesellschaft,  die  sich
       seit Jahren  mit großem Bemühen der Pflege des deutsch-amerikani-
       schen Verhältnisses widmet.
       Für die Besserung des deutsch-französischen Verhältnisses leisten
       die verschiedenen  Deutsch-Französischen Gesellschaften  und wei-
       tere Einrichtungen  gute und  erfolgreiche Arbeit.  Dasselbe gilt
       für unser  Verhältnis zu  Großbritannien, Spanien, Lateinamerika,
       Italien u.a.m.
       Um so  bedauerlicher ist  es, daß für eine Aussöhnung mit unseren
       östlichen Nachbarn und besonders mit dem größten unter ihnen, der
       Sowjetunion, bisher  gleiche Anstrengungen unterblieben sind. Wir
       halten diese unverständliche Unterlassung für einen schwerwiegen-
       den Fehler.
       Gewiß ist es leichter und angenehmer, ein bereits freundschaftli-
       ches, zumindest nicht belastetes Verhältnis zum Ausgangspunkt ei-
       nes beiderseitigen  Bemühens um  weitere Verbesserung  zu nehmen.
       Viel zwingender  aber legt  sich das Gebot einer Förderung gegen-
       seitigen Verständnisses  in solchen Fällen auf, wo das Verhältnis
       getrübt ist  und eine Besserung durch starke Voreingenommenheiten
       behindert wird.
       Solchen Ressentiments  liegen im  allgemeinen zwei  Haltungen zu-
       grunde. Einmal  ist es  die vermeintliche "unüberwindliche Abnei-
       gung" voreinander.  In Wirklichkeit  gibt es  sie so gut wie nie.
       Selbst dort,  wo Völker  unter dem  Trauma  einer  Erbfeindschaft
       viele Generationen  lang lebten, wie die Franzosen und Deutschen,
       haben Umstände  und Einsicht  zum Abbau einer so verhängnisvollen
       und verhärteten  Einstellung und zum echten Ansatz für eine wirk-
       liche Verständigung geführt.
       Zum anderen können es Geschehnisse besonders aus jüngerer Vergan-
       genheit sein,  die Abneigung und anhaltendes Mißtrauen geschaffen
       haben. Am Beispiel unseres Verhältnisses zu den Vereinigten Staa-
       ten, zu  Großbritannien u.a.  tritt klar  zutage, daß  in solchen
       Fällen noch  schneller als  aus  einer  vermeintlichen  Erbfeind-
       schafts-Situation heraus  die Atmosphäre weitgehend bereinigt und
       eine Besserung  der Beziehungen  erreicht werden kann. Es geht um
       so leichter,  wenn das  beiderseitige Verhältnis über lange Jahr-
       zehnte, ja  über Jahrhunderte  ein gutes gewesen ist und erst da-
       nach eine Trübung erfuhr.
       Gerade dies  trifft auf das Verhältnis zwischen den Deutschen und
       den Russen,  zwischen Deutschland und der Sowjetunion zu. Die für
       das gegenseitige  Verhalten dieser  beiden Völker  gewonnenen Er-
       kenntnisse sind eindeutig und geläufig in der oft zitierten Fest-
       stellung, daß  es beiden  Völkern jederzeit zum Nutzen gereichte,
       wenn ihr  Verhältnis zueinander  ein gutes war, und daß es so gut
       wie immer  ihr Schaden wurde, wenn sie schlecht miteinander stan-
       den. So  sehr solche  vereinfachenden Feststellungen vor dem Hin-
       tergrund jeweils verschiedener Verhältnisse beurteilt werden müs-
       sen und  so leicht  trotzdem sich Mißdeutungen einstellen können:
       im ganzen hat diese Feststellung unzweifelhaft ihre Richtigkeit.
       Wenn ich von Mißdeutungen spreche, so meine ich vor allem gewisse
       Überlegungen im  Stile einer  Politik auf Kosten der zwischen uns
       und der Sowjetunion liegenden und mit dieser mehr als uns verbun-
       denen Staaten.  Hier haben  sich m.E.  zumindest im  europäischen
       Raum die  Dinge entscheidend  und bleibend  gewandelt und  bieten
       Spekulationen alten Stils keine Chancen mehr.
       In diesem  Sinne bitte  ich mich  zu verstehen,  wenn ich auf den
       großen Nutzen  des guten  Einvernehmens zwischen  Deutschland und
       Rußland während der beiden letzten Jahrhunderte verweise.
       Man mag  einwenden: Nun  gut, aber die Pflege guten Einvernehmens
       ist Sache der Außenpolitik und damit Aufgabe der Regierungen. Wie
       aber sollen  die Völker sich damit befassen? Gewiß, von Regierun-
       gen sollte grundsätzlich eine nüchterne und von Ressentiments un-
       belastete Einstellung  zu erwarten  sein. Völker werden emotional
       bestimmt und  sind einer  sachlichen Betrachtung  nur schwer  und
       meist nicht  ohne Hilfe  fähig. Das  stimmt - und stimmt wiederum
       auch nicht.  Es ist  ohne Schwierigkeit  aufzuzeigen, daß  gerade
       zwischen dem  deutschen Volk und den Völkern der Sowjetunion, be-
       sonders den  Russen, über alle regierungsseitigen Belastungen der
       letzten fünfzig  Jahre hinweg  eine ausgesprochen  positive Atmo-
       sphäre erhalten geblieben ist.
       Das hat  seinen Grund in einem hohen Maß gegenseitiger Wertschät-
       zung und  in einer  Vielzahl gemeinsamer menschlicher Eigenschaf-
       ten. Hier  liegt deshalb  der fruchtbare  Boden für  das von  der
       Deutsch-Sowjetischen  Gesellschaft  angestrebte  menschliche  und
       kulturelle Näherkommen, richtiger gesagt: Wieder-Näherkommen.
       Ungeachtet aller  Unterschiedlichkeiten zwischen  den Menschen in
       der Sowjetunion  und in  Deutschland -  hier wie dort wollten und
       wollen diese Menschen nicht unter einer Despotie leben,
       wollten und wollen sie nicht unter Fremdherrschaft leben,
       wollen diese  Menschen nicht  unter dem  Druck einer Verketzerung
       leben,
       wollen sie  nicht unter steter und gefährlicher Kriegsdrohung le-
       ben,
       wollen sie nicht unter der Bedrohung einer Einkreisung oder einer
       bleibenden Teilung leben.
       Beide Völker - wie auch alle anderen Völker - wollen ganz einfach
       und vor  allem anderen  eines: sie wollen leben! Und das auf men-
       schenwürdige Weise,  in Freiheit, in geordneten Verhältnissen und
       in Sicherheit,  d.h. in  gutem Auskommen  miteinander. Dem  steht
       nichts entgegen,  es sei  denn Verantwortungslosigkeit  und böser
       Wille!
       Wenn ich  an dieser  Stelle kurz auf das beiderseitige Verhältnis
       in der  Vergangenheit hinweise,  so darf  ich versichern, daß die
       Deutsch-Sowjetische Gesellschaft ihr Betätigungsfeld nicht in der
       Darlegung der geschichtlichen Abläufe und ihrer Schlußfolgerungen
       sieht. Dazu sind einige hoch angesehene Gesellschaften und Insti-
       tute, die  schon seit  Jahren und  Jahrzehnten auf  diesem Gebiet
       hervorragende wissenschaftliche Arbeit leisten, entschieden beru-
       fener. Vielmehr  will sie ihr Entstehen und ihre Aufgaben aus den
       Gegebenheiten und  Erfordernissen der  politischen Gegenwart  und
       Zukunft verstanden wissen. Die Verhinderung einer die beteiligten
       Völker oder  gar die  Menschheit mit  Vernichtung bedrohenden ge-
       waltsamen Auseinandersetzung ist ihr primäres Anliegen. Der Blick
       der Mitglieder  der Deutsch-Sowjetischen Gesellschaft ist vor al-
       lem auf das Heute und das Morgen gerichtet.
       Das bedeutet  nicht, daß  die Vergangenheit mit ihren Erfahrungen
       im Zusammenleben  der beiden  Völker außer Betracht bleiben soll.
       Ihre Kenntnis  vermittelt wertvolle Ansatzpunkte für ein bleiben-
       des Verstehen.
       Deutschland und Rußland und damit die Sowjetunion können auf eine
       lange Zeitspanne  guten  Auskommens  miteinander  und  ungezählte
       schöpferische Berührungspunkte zurückblicken.
       Was das  politische Verhältnis  zueinander betrifft,  so habe ich
       bereits summarisch  auf das durchweg gute Einvernehmen im 18. und
       19. Jahrhundert verwiesen. Aber auch die Erfahrungen nach 1917/18
       haben gezeigt,  daß trotz  unterschiedlicher  Gesellschafts-  und
       Wirtschaftssysteme ein  gutes Verhältnis  ohne  weiteres  möglich
       ist. Es  war Friedrich  Ebert, der  mit der  Berufung des  Grafen
       Brockdorff-Rantzau zum  Außenminister und  später zum Botschafter
       in Moskau der deutschen Ostpolitik unverzüglich den ihr gebühren-
       den Rang zuerkannte. Hervorragende Diplomaten wie Ago v. Maltzan,
       v. Dirksen,  Hauschild und v. Wipert leisteten hier hervorragende
       Arbeit. An  der gegen  Sowjet-Rußland  verhängten  Blockade  nahm
       Deutschland nicht  teil. Schon  anfangs 1920  sprachen sich  alle
       Parteien des  Reichstages für  eine alsbaldige Aufnahme von Wirt-
       schaftsbeziehungen mit der Sowjetunion aus. Ein Jahr später wurde
       das erste  deutsch-sowjetische Handelsabkommen unterzeichnet. Von
       da ab  standen die  deutsch-sowjetischen  Beziehungen  nicht  nur
       wirtschaftlich, sondern auch politisch unter einem guten Stern.
       Der wirtschaftliche  Austausch mit  Rußland war schon vor dem Er-
       sten Weltkrieg  von großer Bedeutung für Deutschland. Rußland be-
       zog 47%  seiner gesamten Einfuhr von Deutschland. Nach dem Ersten
       Weltkrieg gewann  der russische  Markt um  so mehr  Bedeutung für
       Deutschland, als  der westeuropäische  und überseeische Markt für
       den Absatz  deutscher Erzeugnisse  nur in  sehr beschränktem Maße
       offenstand. Vor  allem die  deutsche Schwerindustrie  setzte sich
       damals für  einen starken  Ausbau der  deutsch-sowjetischen Wirt-
       schaftsbeziehungen ein.  Die Feststellung  ist nicht übertrieben,
       daß der Osthandel während der zwanziger Jahre Deutschland vor dem
       wirtschaftlichen Ruin gerettet hat.
       Marksteine dieser  wirtschaftlichen und  politischen  Entwicklung
       waren das  deutsch-sowjetische Handelsabkommen  von 1921, der Ra-
       pallo-Vertrag von 1922 und der Berliner-Vertrag von 1926.
       Aber auch die kulturellen Wechselbeziehungen zwischen Deutschland
       und seinem  großen Nachbarn  im Osten waren vielseitig und inten-
       siv. Dies  gilt in  besonderem Maße für die Literatur und die Mu-
       sik. Wohl  in keinem  Land außerhalb ihrer Heimat sind die großen
       russischen Erzähler  des 19.  und 20. Jahrhunderts, wie Puschkin,
       Gogol und  Lermontow, Dostojewskij, Turgenjew, Leo Tolstoi, Anton
       Tschechow und  Maxim Gorki,  interessierter gelesen worden als in
       Deutschland.
       Unter den  Musikern  sind  Mussorgski,  Rimski-Korsakow,  Tschai-
       kowski, Rachmaninow  und die  modernen Komponisten Prokofieff und
       Schostakowitsch allen  musikinteressierten Deutschen  ein Begriff
       für hohes Können und große Aussagekraft.
       Auch in  der russischen  Philosophie sind  zahlreiche Berührungs-
       punkte mit  deutschen Denkern zu verzeichnen. Der Einfluß von He-
       gel, Marx  und Engels  auf die  russische Revolution und die neue
       Gesellschaftsordnung ist  so bekannt,  daß sie  keiner besonderen
       Darlegung bedarf.
       Man kann mir sagen: das alles liegt weit, sogar sehr weit zurück.
       Und haben  Sie selbst  nicht betont,  daß die Deutsch-Sowjetische
       Gesellschaft vor  allem den  Blick auf  das Heute und Morgen, auf
       die Gegenwart  und Zukunft und nicht so sehr in die Vergangenheit
       richtet?
       "Nicht so  sehr" soll  in diesem  Zusammenhang bedeuten:  nur  so
       weit, als es für das Verständnis der Probleme und Aufgaben in der
       Gegenwart und Zukunft erforderlich ist. Diese Probleme und Aufga-
       ben stellen sich wie folgt:
       1. Unser eigentlicher  Nachbar im Osten ist mehr als je zuvor die
       Sowjetunion. Sie  ist nicht nur eine Großmacht, sondern neben den
       Vereinigten Staaten die stärkste Weltmacht. Ohne oder gegen ihren
       Willen ist in dem entscheidenden deutschen Anliegen keine befrie-
       digende Regelung möglich.
       Als selbstverständliche  Schlußfolgerung hieraus ergibt sich, daß
       jede deutsche  Regierung alle  Anstrengungen zu  unternehmen hat,
       die Beziehungen  zur Sowjetunion so gut wie nur irgendwie möglich
       werden zu  lassen. Keinesfalls  kann es in unserem Interesse lie-
       gen, wenn stattdessen so gut wie ausschließlich eine antibolsche-
       wistische und  antiöstliche Kreuzzugsideologie  gehegt und propa-
       giert wird.
       2. Dem aus den Erfahrungen der letzten fünfzig Jahre resultieren-
       den übersteigerten  Mißtrauen und  Sicherheitsbedürfnis  der  So-
       wjetunion ist  Verständnis entgegenzubringen und Rechnung zu tra-
       gen. Gelegenheiten  und Möglichkeiten  hierzu bieten sich laufend
       an, viele in weitgehender Übereinstimmung mit unseren eigenen In-
       teressen. Restaurative Tendenzen und taktisches Finassieren haben
       allerdings keine Chancen.
       3. Was den  wirtschaftlichen Austausch  anlangt, so hält sich der
       sog. Osthandel  der Bundesrepublik bis jetzt im Vergleich mit un-
       serem gesamten  Export und  Import in  engstem Rahmen. Angesichts
       des im  Comecon betriebenen  inneren Zusammenschlusses  ist  eine
       schnelle und weitgehende Ausweitung unseres wirtschaftlichen Aus-
       tauschs mit  der Sowjetunion  vorerst noch  nicht in naher Sicht.
       Aber auch hier zeigen sich Tendenzen, die eine Intensivierung der
       wirtschaftlichen Beziehungen  erwarten  lassen.  Besonders  dann,
       wenn wir uns gewisser Embargo- und auch anderer Praktiken enthal-
       ten und  stattdessen uns  Wünschen aufgeschlossen zeigen, auf die
       andere Partner im sog. Westbündnis ohne Gewissensbisse und in al-
       ler Offenheit eingehen.
       4. Auf dem  Gebiet der  kulturellen und  menschlichen Beziehungen
       zwischen uns  und der Sowjetunion - dem eigentlichen Betätigungs-
       feld der Deutsch-Sowjetischen Gesellschaft - sind ungezählte Mög-
       lichkeiten für  eine beiderseits  nützliche Initiative und Tätig-
       keit gegeben.  Das  deutsch-sowjetische  Kulturabkommen  aus  dem
       Jahre 1959  hat damit  zwar begonnen,  ist jedoch  über einen be-
       scheidenen Anfang  nicht hinausgekommen.  Hier können  zahlreiche
       Fäden wieder aufgenommen und in Richtung einer echten und reichen
       Wechselseitigkeit von  neuem geknüpft  werden. Die  Stagnation in
       den deutsch-sowjetischen Kulturbeziehungen der letzten Jahrzehnte
       muß überwunden  werden. An ihrer Wiederbelebung nach Kräften mit-
       zuwirken, sieht die Deutsch-Sowjetische Gesellschaft analog ihrer
       Zweckbestimmung als  ihre vornehmste  Aufgabe an.  Sie hat  dabei
       nicht nur den eminenten Nutzen vor Augen, den Deutschland und die
       Sowjetunion daraus  ziehen können. Sie wird auch bestimmt von der
       Erkenntnis und der Überzeugung, daß hier wie dort gute Vorausset-
       zungen und  Möglichkeiten gegeben  sind. Vor  allem aber  glauben
       wir, daß eine in der Einstellung den großen Fragen des Lebens ge-
       genüber nicht  zu verkennende  Übereinstimmung die  Deutschen und
       die Menschen der Sowjetunion zueinanderführen kann und wird.
       Das tiefreichende  Bedürfnis, dem  Leben einen Sinn zuzuerkennen,
       menschliches Streben  und Handeln  als eine  über das  eigene Ich
       hinausgehende Aufgabe und Verpflichtung anzusehen, der bereitwil-
       lige, von Einsicht getragene und nicht aufgezwungene Verzicht auf
       letzte individuelle  Freiheiten und  Rechte in  Rücksicht auf den
       Mitmenschen, kurz gesagt: das Bedürfnis nach einem Leben in nicht
       nur finanziell  geordneten Verhältnissen,  dazu die Verbundenheit
       zur Musik,  zur Dichtung und die Abneigung inhaltslosen Formalis-
       men gegenüber,  das alles  sind Eigenschaften,  die kennzeichnend
       für die Besten auch des deutschen Volkes sind.
       Für die  Pflege dieser  menschlichen und  kulturellen Beziehungen
       zwischen den  Völkern haben sich die sog. Zwischenstaatlichen Ge-
       sellschaften in ihrem speziellen Zuschnitt für diese Aufgaben als
       besonders geeignet  erwiesen. Ungeachtet  aller  tagespolitischen
       Aspekte widmen  sie ihr Bemühen nur dem einen Ziel: das Trennende
       zu vermindern und das Verbindende zu mehren. Die Deutsch-Sowjeti-
       sche Gesellschaft ist eine solche Zwischenstaatliche Gesellschaft
       und will ihrer Arbeit in der dort bewährten Art und Weise nachge-
       hen. Sie  wird den  Rahmen ihrer Aufgaben und Veranstaltungen mit
       Vorträgen, Ausstellungen,  künstlerischen Darbietungen  möglichst
       weit stecken  und dabei  besonders die  persönliche Begegnung und
       das Gespräch fördern.
       Hier wird oft die Frage laut: sind echte kulturelle und menschli-
       che Beziehungen unter dem in der Sowjetunion gegebenen Primat der
       Politik überhaupt möglich; und kann es bei der fast ausschließli-
       chen Institutionalisierung des öffentlichen kulturellen Lebens zu
       einer persönlichen, menschlichen Begegnung überhaupt noch kommen?
       Wir wissen es: beides ist möglich.
       In diesem  Zusammenhang darf  ich noch  einmal auf das 1959 abge-
       schlossene deutsch-sowjetische Kulturabkommen zu sprechen kommen.
       Während in  anderen Ländern  sich unsere  kulturellen Beziehungen
       weniger mit  den staatlichen Stellen als zwischen privaten Verei-
       nen, Organisationen und einzelnen Personen abwickeln, hat die So-
       wjetunion ihre kulturellen Beziehungen zu anderen Staaten auf die
       Grundlage bilateraler  Kulturabkommen gestellt. Es wird sozusagen
       ein Katalog  der geplanten Austausch-Maßnahmen erstellt, dazu un-
       ter Beachtung korrekter Gegenseitigkeit. Dieses Verfahren mag uns
       ungewohnt sein.  Wichtiger als das Verfahren ist es, daß ein kul-
       tureller, auch  wissenschaftlicher und menschlicher Austausch zu-
       stande kommt  und ausgebaut wird. Das Auftreten von Gründgens mit
       seinem Ensemble  in Moskau  und Leningrad  und die  Konzerte  des
       Stuttgarter Kammerorchesters  unter Münchinger  haben in  der So-
       wjetunion ebenso begeistert wie das Moskauer Kammerorchester, der
       Virtuose David  Oistrach und schließlich der Moskauer Staats-Zir-
       kus hier  bei uns  in der Bundesrepublik. Zweck und Ziel des kul-
       turellen Austauschs  aber ist  schließlich die menschliche Begeg-
       nung, das Gespräch zwischen Gruppen und Einzelnen. Zu diesen men-
       schlichen Kontakten  schlägt der kulturelle Austausch eine breite
       Brücke.
       Gemessen an  den Schwierigkeiten  der Aufgaben,  an der noch weit
       verbreiteten Zurückhaltung und sogar dem Mißtrauen, mit denen das
       Bestreben nach  einer Aussöhnung  mit der  Sowjetunion in unserem
       Lande noch häufig aufgenommen wird, mag das Vorhaben der Deutsch-
       Sowjetischen Gesellschaft  reichlich  wagemutig  erscheinen.  Wir
       selbst sind  keineswegs der  gegenteiligen Meinung. In der tiefen
       und verpflichtenden Überzeugung aber, daß eine Aussöhnung unserer
       beiden Völker  nicht weniger  zwingend erforderlich  ist als zwi-
       schen uns  und der  westlichen Welt,  hat die  Gesellschaft diese
       verantwortungsvolle  Aufgabe   angepackt.  Die  Frage,  inwieweit
       gleich zu  Anfang Zustimmung  und Mitwirkung aus beiden Lagern zu
       erwarten ist,  beschwert die  Mitglieder wenig  in der Gewißheit,
       daß alle  Beteiligten  sich  einmal  dazu  verstehen  müssen.  Es
       spricht heute  manches dafür,  daß wir mit dem Entschluß, die Ge-
       sellschaft gewissermaßen  von unten  her zu  gründen, mit Persön-
       lichkeiten, die  weitgehend ungebunden sind, trotz dieser und je-
       ner Nachteile  auf einem guten Weg sind. Wir haben keine Proporz-
       Sorgen und sind von außerhalb der Gesellschaft liegenden Gegeben-
       heiten weitgehend unabhängig.
       Natürlich wäre es das Schönste, wenn die Verfechter einer Aussöh-
       nung mit  dem großen Nachbarn im Osten sich von vornherein zusam-
       menfänden mit  den führenden Persönlichkeiten und Gremien des po-
       litischen, wirtschaftlichen  und kulturellen öffentlichen Lebens.
       Aber damit  hat es seine Schwierigkeiten. Diese Feststellung muß-
       ten manche, zum Teil in höchsten Führungspositionen stehende Per-
       sönlichkeiten machen,  die aus  dem gleichen Anliegen wie wir die
       Gründung einer  ähnlichen Gesellschaft  von oben her versucht ha-
       ben. Ich nenne hier besonders den früheren Botschafter und jetzi-
       gen Bundestagsabgeordneten  Prof. E.W. Meyer, der gerade vor kur-
       zem seine  Aufforderung zur  Gründung einer  Sowjetunion-Deutsch-
       land-Gesellschaft wiederholt hat.
       Wie schon  gesagt, ist  die Deutsch-Sowjetische Gesellschaft e.V.
       aus einem  urpolitischen Anliegen ihrer Gründer ins Leben gerufen
       worden. Es  geht ihren  Gründern und Mitgliedern um die Verbesse-
       rung unserer  Beziehungen zur Sowjetunion, und zwar auf allen Ge-
       bieten, d.h. im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Be-
       reich.
       In diesem  weiten Feld  hat die  Deutsch-Sowjetische Gesellschaft
       ihren klaren Standort mit der spezifischen Aufgabe, sich der För-
       derung und Pflege der kulturellen und menschlichen Beziehungen zu
       widmen. Gerade  weil sich die Gesellschaft diese Begrenzung ihres
       Tätigkeitsfeldes selbst  gesetzt hat,  hält sie  es für erforder-
       lich, ihren  Aufgaben stets  im Wissen um die Probleme der großen
       Politik nachzugehen.  Vorträge hierüber werden zum besten Bestand
       unserer Veranstaltungsprogramme gehören.
       

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