Quelle: Blätter 1965 Heft 01 (Januar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       James P. Warburg
       
       GESAMTTEUROPÄISCHER PAKT STATT NATO
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       Wir veröffentlichen  im folgenden  in deutscher  Übersetzung  den
       Wortlaut eines Leserbriefes des bekannten amerikanischen Publizi-
       sten James P. Warburg an die "New York Times". D. Red.
       
       Unter den  vielen dringenden Aufgaben des Präsidenten Johnson er-
       scheint dem  Schreiber dieser Zeilen keine drängender als die des
       Neuüberdenkens unserer  europäischen Politik.  Nirgendwo sonst in
       der Welt  besteht eine  größere Chance, die Weiterverbreitung der
       Kernwaffen aufzuhalten  und mit der Regelung der politischen Fra-
       gen, die das Wettrüsten hervorgerufen haben und es aufrechterhal-
       ten, zu beginnen als gerade dort.
       Die NATO,  der Eckstein  unserer gegenwärtigen europäischen Poli-
       tik, desintegriert sich, nicht allein auf Grund der die Bindungen
       sprengenden Politik des Generals de Gaulle, sondern deshalb, weil
       die NATO  zu den seit 1949 radikal veränderten Bedingungen keinen
       Bezug mehr hat.
       Damals zitterte  das militärisch  ohnmächtige und  wirtschaftlich
       total erschöpfte  Westeuropa in  Angst vor  einer kommunistischen
       Durchdringung oder  direkten sowjetischen Invasion. Die Vereinig-
       ten Staaten  waren die stärkste Macht der gesamten Welt und konn-
       ten es sich leisten, dem sich wiederaufraffenden Europa zu helfen
       und seine Ängste durch eine militärische Garantie zu mindern, die
       die Vereinigten Staaten selbst keinem Angriff aussetzte.
       Heute im  Zeitalter der  gegenseitigen Abschreckung  mittels  der
       Drohung gegenseitiger  Vernichtung zweifelt  man daran,  ob  eine
       amerikanische Regierung  um Europas willen tatsächlich ihre eige-
       nen Städte  der Einäscherung  überantworten wird. Die sowjetische
       Bedrohung gibt  es in  dieser Form nicht mehr; und ein vorandrän-
       gendes Westeuropa  wünscht zwar  noch den  amerikanischen Schutz,
       möchte aber  nicht weiterhin  unter amerikanischer  Vormundschaft
       stehen. In  der neuen Zeit universaler gegenseitiger Abhängigkeit
       droht paradoxer-  und gefährlicherweise  der Besitz  unabhängiger
       Kernwaffen zum Symbol einer illusorischen nationalen Souveränität
       zu werden.
       Eine gemeinsame Politik fehlt!
       Der Nordatlantikpakt  sollte ursprünglich  mehr als  ein Militär-
       bündnis sein.  Man dachte  an eine  Vereinigung  gleichgestimmter
       freier Nationen,  die sich  für die  Sache der Freiheit zusammen-
       schließen. Aber  die Nationen  der NATO  haben sich  nicht als so
       gleichgestimmt erwiesen;  sie haben  wenige gemeinsame politische
       und wirtschaftliche Zielsetzungen entwickelt; sie haben keine ge-
       meinsame Politik  gefunden, um  den Kolonialismus  zu liquidieren
       oder das drängende Problem, ihre eigenen großen Ressourcen zusam-
       menzufassen, um  der Not  der in  Armut dahinvegetierenden Völker
       der Welt zu steuern, zu lösen.
       Heute ist die NATO wenig mehr als ein mit halbem Herzen betriebe-
       nes Militärbündnis  gegen eine bereits überholte militärische Ge-
       fahr; als  solches gehört  sie nicht nur zum alten Eisen, sondern
       erscheint dem  Autor ein  tatsächliches Hindernis  für ein  Fort-
       schreiten zum Frieden zu sein.
       Eine Ost-West-Entspannung  in Europa  ist heute der Schlüssel zum
       Frieden. Solange die NATO der Eckpfeiler unserer europäischen Po-
       litik bleibt,  kann es  eine solche Détente nicht geben, weil die
       Existenz der  NATO an  die Aufrechterhaltung  der  west-östlichen
       Spannung gebunden  ist. Ebenso kann das unheilvolle deutsche Pro-
       blem so lange nicht gelöst werden, solange es unsere Politik ist,
       einen Teil des zerteilten Deutschland in der NATO zu halten.
       Aus diesen Gründen erlaubt sich der Schreiber dieser Zeilen, vor-
       zuschlagen, daß  die Vereinigten  Staaten danach streben sollten,
       die Konfrontation  zweier feindlicher  und schließlich überholter
       Allianzen in Europa zu beenden; daß wir anstatt die NATO zu flic-
       ken  und  politische  Probleme  durch  irgendwelche  militärische
       Kunstgriffe lösen zu wollen, danach trachten, eine gesamteuropäi-
       sche Sicherheitsvereinbarung  zu erreichen, in der sich im Rahmen
       der Vereinten  Nationen die  Atommächte und alle Nationen Europas
       verpflichten, die  weitere Verbreitung  der Kernwaffen zu verhin-
       dern und  jede militärische  Aggression, gleich  ob von  Ost oder
       West ausgehend, zu unterbinden.
       Eine solche  Vereinbarung wäre  gegen keinen  "feindlichen" Block
       oder Nation  gerichtet. Im Gegensatz zur Konfrontation der feind-
       lichen Allianzen  würde sie die Verminderung der Spannungen nicht
       behindern, sondern fördern, ebenso die Regelung der Streitfragen,
       einem Disengagement und der Abrüstung dienlich sein.
       Ganz Europa,  einschließlich der  Sowjetunion, hat das gemeinsame
       Interesse, einen  Krieg zu  verhindern. Das ist wichtiger als die
       ideologischen Differenzen  zwischen Ost  und West. Anstelle einer
       Partnerschaft mit  der Hälfte  eines gegen  sich selbst geteilten
       Europas sollten  wir die  Partnerschaft mit  dem ganzen Europa in
       dem Verlangen nach Frieden suchen; dies nicht nur in Europa, son-
       dern in Asien und überall in der Welt.
       
       New York Times v. 15.XI.64
       

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