Quelle: Blätter 1965 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WESTLICHE PRESSESTIMMEN ZUR FRAGE DER ODER-NEISSE-GRENZE
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       Wenn man nach dem gegenwärtigen Gezänk zwischen den beiden großen
       politischen Parteien  Westdeutschlands über die Oder-Neiße-Grenze
       urteilt, dann  finden es  die Politiker  in Bonn  genauso schwer,
       aufrichtig zu  ihren Wählern  zu sein,  wie ihre  Gegenspieler in
       vielen anderen  Ländern. Nur  wenige informierte  Westdeutsche  -
       falls überhaupt  welche -  haben irgendwelche Illusionen über die
       Möglichkeit, jenes Gebiet östlich der Oder-Neiße-Grenze wiederzu-
       erlangen, das  1945 Polen einverleibt wurde. Dennoch, als ein so-
       zialdemokratischer Führer es wagte vorzuschlagen, daß sondierende
       Gespräche mit  Polen über  die Grenzfrage  nützlich sein könnten,
       beschuldigten ihn  Sprecher der CDU unmittelbar darauf, 'die Auf-
       gabe der  deutschen Rechtsposition' zu befürworten. Die Sozialde-
       mokraten erwiderten  mit Versicherungen, sie träten dafür ein, um
       jeden Quadratfuß früheren deutschen Territoriums in allen künfti-
       gen Friedensverhandlungen  hart zu kämpfen. Dem unachtsamen Beob-
       achter möge  man vergeben,  falls er schließt, daß beide Parteien
       wirklich an  die Möglichkeit eines wiedervereinigten Deutschlands
       mit Grenzen  glauben, die  sich auf  das erstrecken, was jetzt de
       facto polnisches Gebiet ist.
       Der Schaden,  den dieses  Nebenspiel verursacht,  ist offensicht-
       lich.   I n n e r h a l b   W e s t d e u t s c h l a n d s  e r-
       m u t i g t   e s   d i e   I l l u s i o n e n   e x t r e m e r
       N a t i o n a l i s t e n   u n d   N e o n a z i s ... Außerhalb
       Westdeutschlands ist  dieser Widerstreit  Futter für die sowjeti-
       schen und osteuropäischen Propagandisten ... Und in Polen stärken
       die Nachrichten  über solches Gezänk jene, die daran glauben, daß
       ihr Land auf die Sowjetunion angewiesen ist, falls es die Teilun-
       gen und Gebietsverluste vermeiden will, die so ein düsteres Merk-
       mal in der polnischen Geschichte waren.
       New York Times v. 19. I. 65.
       
       Die deutsche  Frage ist  in den  Vordergrund getreten  Einer  der
       Gründe ist, daß die Bundesrepublik in diesem Jahre Bundestagswah-
       len hat.  Folgerrichtig ist Erhard daran interessiert, Reklame in
       der Frage  der Wiedervereinigung  zu machen. Der parlamentarische
       Führer der  Sozialdemokraten, Fritz Erler, hat jedoch zweiseitige
       Diskussionen über  die Oder-Neiße-Grenze  vorgeschlagen. In  CDU-
       Kreisen hat  man auf  diesen Vorschlag  heftig reagiert,  aber es
       scheint, daß  der Gedanke  den Westdeutschen  nicht so fremd ist,
       wie führende Politiker angeblich geglaubt haben. Die Regierung in
       Bonn könnte einen durchaus wichtigen Beitrag zum Entspannungspro-
       zeß in  Europa leisten, indem sie eine realistischere Haltung zur
       Grenzfrage einnimmt.  Die Anerkennung  der Oder-Neiße-Linie durch
       die Bonner  Regierung und  eine unmißverständliche Erklärung, daß
       sie keinen  Anspruch auf  frühere deutsche  Gebiete erheben wird,
       würden die Luft reinigen.
       Arbeiterbladet, Oslo, v. 19.I.65
       

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