Quelle: Blätter 1965 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       PROF. MAURICE DUVERGER IN "LE MONDE":
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       "WIEDERVEREINIGUNG ODER MYSTIFIZIERUNG?"
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       Prof. Maurice  D u v e r g e r,  Professor d. politischen Wissen-
       schaften an  der Sorbonne,  einer der  namhaftesten französischen
       Politologen, ist regelmäßiger Mitarbeiter der angesehenen Pariser
       Tageszeitung Le  Monde, in  der er kürzlich zur Frage der Wieder-
       vereinigung Deutschlands Stellung genommen hat. Diesem vielbeach-
       teten Aufsatz sind die folgenden Passagen entnommen. Die Red.
       Die Propaganda, die sich gegenwärtig in der Bundesrepublik zugun-
       sten der  Wiedervereinigung entwickelt,  scheint auf  den  ersten
       Blick einer beständigen Haltung zu entsprechen. Die Bonner Regie-
       rung hat  immer den  gleichen Willen unterstrichen, dem deutschen
       Volk seine  Einheit wiederzugeben:  die Präambel  zum Grundgesetz
       erlegt ihr das übrigens als Pflicht auf. Nach ziemlich regelmäßi-
       gen Pausen unternehmen die Diplomaten bei den Westverbündeten im-
       mer Schritte,  um sie  zu günstigen, jede Verjährung verhindernde
       Erklärungen zu veranlassen. Die Presse schwieg niemals angesichts
       dieser Frage:  von Zeit  zu Zeit hat sie immer wieder das Problem
       aufgegriffen. Aber  seit einigen Monaten gewinnt dieses traditio-
       nelle Thema  in den  Zeitungen, in  den amtlichen Erklärungen und
       diplomatischen Noten  eine Bedeutung,  die es  vorher nie erlangt
       hatte und die die letzte Erklärung des Kanzlers noch unterstrich.
       Jenseits des  Rheines ist  man mit  ziemlicher Kraft  dabei, eine
       Frage aufzuwecken, der man bisher einen vorsichtigen Winterschlaf
       gegönnt hatte. Das ist zum Teil auf die Nähe der Wahlen zurückzu-
       führen ...
       Das braucht  nicht notwendig schlecht zu sein. Es ist besser, of-
       fen Probleme zu behandeln, statt sie ins Unbewußte zu verdrängen,
       wo sie sich in die Tiefe, auf schlimme Art, zu entwickeln drohen.
       "Immer daran  denken, niemals davon sprechen" ist weder für Indi-
       viduen noch  für Völker  eine gute  Formel. Das Beunruhigende ist
       nicht, daß  die Deutschen  immer mehr  von der  Wiedervereinigung
       sprechen, sondern daß sie im allgemeinen schlecht davon sprechen.
       Sie entwickeln  diesbezüglich eher  Mythen, als  daß sie sich der
       Wirklichkeit stellen. Nur wenige Leute besitzen den Mut, deutlich
       zwei wesentliche Dinge zu sagen: zunächst, daß die Wiedervereini-
       gung keine  Notwendigkeit ist, sondern eine Entscheidung; zum an-
       dern, daß diese Entscheidung nur bei Erfüllung schwieriger Bedin-
       gungen möglich wird, die der gegenwärtigen Diplomatie der Bundes-
       republik ziemlich  widersprechen. Jeder  oder fast  jeder besteht
       auf folgender These: eine Nation könne nicht endlos geteilt sein,
       eine solche  Lage sei  widernatürlich, sie  würde notwendig eines
       Tages zu  Ende gehen, und es sei notwendig, das Herbeikommen die-
       ses Tages  zu beschleunigen.  Diese These  ist sehr anfechtbar...
       Man vergißt  zu sehr,  daß Deutschland nur während des kurzen ge-
       schichtlichen Abschnitts  eine Nation bildete: von 1871 bis 1945,
       das heißt  nur während vierundsiebzig Jahren. Dabei blieben sogar
       die örtlichen Selbständigkeiten bis 1933 sehr stark, und die Son-
       derinteressen sind  noch immer  tief. Bevor die Wiedervereinigung
       möglich wird, erreicht die Existenz der Bundesrepublik wenigstens
       ein Drittel  der Dauer dieses Großdeutschlands. Unter der Berück-
       sichtigung der  vor sich  gehenden Beschleunigung  der Geschichte
       erhält das  kollektive Dasein  eine fast so große Festigkeit. Auf
       jeden  Fall   nimmt  der  Widerspruch  zwischen  dem  angeblichen
       "künstlichen"   Charakter   des   einen   und   dem   angeblichen
       "natürlichen" des anderen rasch ab. Es stimmt nicht, daß das Vor-
       handensein von  zwei verschiedenen  deutschen  Staaten  notwendig
       vorübergehend ist und nicht permanent werden kann ...
       Der wichtigste  Punkt ist, daß die Wiedervereinigung sich nur mit
       der Zustimmung von Ost und West vollziehen kann. Man kann die So-
       wjetunion nicht dazu zwingen, wie man es zur Zeit von John Foster
       Dulles und  des "Zurückdrängens"  glaubte. Aber man kann auch den
       Westen nicht dazu zwingen, wie es einige Amerikaner fürchten, die
       vom Bild einer Bundesrepublik verfolgt sind, die sich in den Kom-
       munismus stürzt, um sich mit der DDR zu vereinen. Selbst wenn man
       annimmt, daß  die Ruhrbarone  - und alle deutschen Kapitalisten -
       bereit wären,  einen solchen Selbstmord zu begehen, könnte dieser
       Gleichgewichtsbruch zwischen den Blöcken keinem von ihnen gewalt-
       sam auferlegt  werden. Der  Übergang der Bundesrepublik zum Osten
       ist genauso wenig möglich wie der Übergang der DDR zum Westen ge-
       gen den  Willen des  Ostens; wenn man von radikalen Veränderungen
       in der  Struktur und Macht der beiden Welten absieht, die absolut
       unvorhersehbar und  ganz unwahrscheinlich sind, es sei denn in so
       ferner Zukunft, daß dies nicht ins Gebiet der Politik gehört.
       Von dieser grundsätzlichen Gegebenheit ausgehend, lassen sich die
       Bedingungen für  die Wiedervereinigung ziemlich leicht bestimmen.
       Sie verlangt  zunächst die  Anerkennung der gegenwärtigen Grenzen
       Deutschlands, deren  Veränderung weder  der Osten noch der Westen
       dulden werden.  Die Forderung Bonns nach den Grenzen von 1937, um
       sie als  Tauschgeld während der Verhandlungen für die Herstellung
       der Einheit  zu benutzen,  ist unhaltbar.  Die  Wiedervereinigung
       wird aus Verhandlungen solcher Art nicht hervorgehen. Amtlich et-
       was fordern,  was man  nur durch  einen Krieg  erhalten kann (die
       Grenzen von  1937 schließen  die Hälfte  des jetzigen  Polen  und
       einen Teil  der Sowjetunion  ein), heißt,  sich in  den Augen der
       Weltmeinung, im Westen wie im Osten, diskreditieren. Die Anerken-
       nung der Oder-Neiße-Grenze ist eine vorherige Bedingung für jeden
       ernsthaften Versuch, die deutsche Einheit wiederherzustellen.
       Die zweite  Bedingung für die Wiedervereinigung ist, daß die Bun-
       desrepublik auf ihre totale Integration in den Westblock verzich-
       tet. Niemals  wird die  Sowjetunion dulden,  daß die  DDR  diesen
       Block verstärkt  und daß  ein Großdeutschland  sich in den Reihen
       ihrer Gegner  befindet. Der  Gedanke einer  atlantischen  Gemein-
       schaft, den  man in  den letzten Jahren mit soviel Gunst gepflegt
       hat, ist  der Wiederherstellung  der Einheit  direkt  entgegenge-
       setzt. Die  Verstärkung der Bindungen zwischen der Bundesrepublik
       und der NATO, insbesondere auf atomarem Gebiet, ist es noch mehr.
       Die dritte Bedingung für die Wiedervereinigung ist, daß die Wirt-
       schaft der Bundesrepublik hinreichend sich in Richtung einer Pla-
       nung entwickelt  und daß  die Wirtschaft der DDR hinreichend sich
       in Richtung  der Liberalisierung  entwickelt, damit eine Integra-
       tion der  beiden möglich  werde. Denn es ist unsinnig, zu hoffen,
       daß Ostdeutschland  total "entsozialisiert"  und  Westdeutschland
       total sozialisiert wird. Die langfristigen Wandlungen der kapita-
       listischen und  der kommunistischen Welt bewegen sich wahrschein-
       lich auf  einen gemeinsamen  Punkt zu.  Dieser Prozeß  geht  sehr
       langsam vor sich.
       Der Weg  zur Wiedervereinigung ist also lang, schwierig, ungewiß.
       Aber er  stimmt überein mit den Perspektiven einer gewissen euro-
       päischen Politik:  die den Versuch unternimmt, Westeuropa von den
       USA schrittweise  unabhängig zu  machen und  es zu engerer Zusam-
       menarbeit mit  einem "entsatellisierten" Osteuropa heranzuführen.
       Die Annäherung zwischen diesen beiden Teilen Europas ist das ein-
       zige Mittel, die beiden deutschen Teile anzunähern. Die Entschei-
       dung der  Bundesrepublik hinsichtlich der Wiedervereinigung hängt
       so von  ihrer Entscheidung  hinsichtlich Europas  ab. Die Politik
       eines nur  mit dem Westen verbündeten Klein-Europas ist der Rück-
       kehr zur  deutschen Einheit widersetzt. Die Wiedervereinigung ist
       mit der Politik eines Groß-Europa verbunden.
       Es gibt  aber nur wenige Leute in Deutschland, um dieser Wahrheit
       ins Gesicht  zu sehen. Die glühendsten Propagandisten der Wieder-
       vereinigung trifft  man bei  Parteien und Männern, welche die Be-
       dingungen für die Wiedervereinigung am vollständigsten verwerfen.
       So beginnt sich jenseits des Rheins eine wahrhafte politische My-
       stifizierung zu  entwickeln, die  gefährliche Giftstoffe  zu ver-
       breiten droht.
       Le Monde v. 29.I.65
       

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