Quelle: Blätter 1965 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DIE KIRCHLICHE BRUDERSCHAFT IN WÜRTTEMBERG
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       ZUR FRAGE DER TODESSTRAFE
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       An die Abgeordneten des Deutschen Bundestages
       Wir sind  dankbar, daß wir in der Bundesrepublik in einem Rechts-
       staat leben, der auf den Menschenrechten aufgebaut ist und in dem
       die Allmacht  des Staates von da her verneint ist. In diesem Sinn
       schätzen wir  das Grundgesetz  aus dem  Jahre 1949  als ein hohes
       Gut, für  das wir dankbar sein können und das zu wahren wir Anlaß
       haben.
       Die neuerliche Diskussion um die Todesstrafe hat jedoch Tendenzen
       sichtbar werden  lassen, die  unsere Sorge  um diesen Rechtsstaat
       herausfordern. Wir gestatten uns, im folgenden dieser Sorge deut-
       lichen Ausdruck  zu geben,  insbesondere auch im Hinblick darauf,
       daß Sprecher  der Regierungspartei  die Forderung  auf Einführung
       der Todesstrafe "christlich" zu begründen suchen.
       I. a) Es  ist unwahr  und eine  Irreführung der Bevölkerung, wenn
       der Eindruck  erweckt wird,  als würden  durch die Einführung der
       Todesstrafe die  Taximorde, Sexualmorde,  Kindsentführungen  usw.
       verringert. Die  kriminologische Erfahrung  lehrt einhellig,  daß
       diese Verbrechen  auch nachher  in gleichem Umfang geschehen wür-
       den. Die Todesstrafe ist keine wirksame Abschreckung.
       Die Gründe  für diese  freilich merkwürdige  Tatsache sind in der
       juristischen, kriminal-psychologischen  und medizinischen Litera-
       tur ausführlich dargelegt. Auch die Erfahrung in den Ländern, die
       die Todesstrafe  abgeschafft haben,  wieder einführten und wieder
       abschafften, zeigen, daß die Todesstrafe keine abschreckende Wir-
       kung hat und daß in den Ländern ohne Todesstrafe nicht mehr Morde
       geschehen als in Staaten mit Todesstrafe.
       b) Will der  Staat im Blick auf die Verbrechen ernsthafte Abhilfe
       schaffen, dann  muß er vor allem bei den Dingen ansetzen, die die
       Voraussetzungen für  die Geringachtung  des Menschenlebens schaf-
       fen. Unser  Volk ist nicht nur von der Sexualisierung des öffent-
       lichen Lebens  bedroht, sondern  auch von  der Brutalisierung. In
       den letzten  zehn Jahren  sollen in  der Bundesrepublik  über 700
       Kriegsfilme gezeigt und 20 Millionen "Landserhefte" verkauft wor-
       den sein, von den vielen Wildwest- und Kriminalfilmen, von Comics
       und Groschenheften  gar nicht  zu reden.  Es ist nicht verwunder-
       lich, daß  in einer  Gesellschaft, deren  Seelenleben von solchen
       Bildern und  Darstellungen geprägt  wird, eine größere Anzahl von
       Morden geschehen.
       Es ist  auch eine  bedenkliche Tatsache, daß eine gewisse Art von
       Presse, die  jetzt am lautesten nach der Wiedereinführung der To-
       desstrafe ruft,  jahrelang jedes Verbrechen bis in die Einzelhei-
       ten dargestellt  und so  ein Klima und eine Vorstellungskraft er-
       zeugt hat,  in denen  verbrecherische Instinkte  geradezu geweckt
       wurden.
       In einer  Zeit, in  der alles darauf ankommt, daß die Achtung vor
       dem Menschenleben  bewahrt  und  neu  eingepflanzt  wird,  würden
       staatliche Hinrichtungen  die Mißachtung  des Lebens nur fördern.
       Es ist  geradezu ein Alarmzeichen, daß so viele Menschen in unse-
       rem Volk  - trotz allem, was wir Deutschen erlebt und in der Welt
       angerichtet haben  - in  den Ruf  nach dem  Henker einstimmen und
       meinen, mit  dem "Kopfabschlagen"  ernste Probleme unseres Zusam-
       menlebens lösen zu können.
       II. Es ist  ein heidnischer  Mythos, wenn  gesagt wird, es gehöre
       zum Wesen des Staates, seine göttliche Autorität durch die Todes-
       strafe zu  manifestieren. Diese Theorie entspringt einem falschen
       Verständnis des  "Schwertamtes der  Obrigkeit" und einer falschen
       Auslegung von  Römer 13,  3-4: "Die Gewaltigen sind nicht bei den
       guten Werken,  sondern bei  den bösen zu fürchten. Willst du dich
       aber nicht  fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du
       Lob von  ihr haben.  Denn sie ist Gottes Dienerin dir zugut. Tust
       du aber  Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht
       umsonst: sie  ist Gottes  Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über
       den, der Böses tut."
       Diese Bibelstelle wird überbewertet, wenn man aus ihr eine allge-
       meine Lehre vom "Wesen" des Staates oder gar die christliche Ver-
       pflichtung ableitet,  für die Todesstrafe einzutreten. Das Anlie-
       gen des Paulus ist darauf gerichtet, die Christen in Rom von Auf-
       ruhr, Staatsverachtung, Steuerverweigerung oder gar von kriminel-
       len Untaten  abzuhalten und ihnen das Tun des Guten im Rahmen der
       vorfindlichen politischen Verhältnisse ans Herz zu legen.
       In der  Sicht der Bibel ist der Staat eine vorläufige, vergängli-
       che und  veränderliche Größe.  Seine Autorität  ist begründet und
       begrenzt durch  die Autorität Gottes. Der Staat ist nicht Selbst-
       zweck. Er ist um des Menschen willen gemacht. Nicht die Macht ist
       das höchste  Kennzeichen des  rechten Staates, sondern das Recht,
       und dieses  Recht gründet im Lebensrecht des Menschen. Die Gewalt
       ist dem Staat nur dazu gegeben, dieses Recht durchzusetzen und zu
       erhalten. Das Töten ist dabei diejenige Form von Gewaltanwendung,
       die dem  Zweck der  Rechtswahrung am  wenigsten dient.  Tötet der
       Staat, um  seine Autorität  zu manifestieren,  dann untergräbt er
       seine wahre Autorität.
       III. a) Es  geht nicht  an, mit  alttestamentlichen  Zitaten  wie
       "Auge um Auge, Zahn um Zahn" (2. Mose 21, 24) oder "Wer Menschen-
       blut vergießt,  des Blut  soll auch durch Menschen vergassen wer-
       den" (1. Mose 9, 6) die Forderung nach Einführung der Todesstrafe
       zu begründen.  Das Alte Testament kennt die Todesstrafe nicht nur
       für vorsätzliche Tötung, sondern auch für Ehebruch, Unzucht, Ver-
       achtung der  elterlichen Autorität,  religiösen Abfall, Gotteslä-
       sterung, Zauberei  und Sabbatschändung. Die Frage der Todesstrafe
       muß vom  Gesamtsinn der  Offenbarung Gottes in Jesus Christus her
       bedacht werden.
       b) Es entspricht  vorchristlichen  Rechtsanschauungen  oder  men-
       schlichen Rachegefühlen,  aber keinesfalls  christlichem  Denken,
       wenn gesagt  wird, allein  der Tod  könne gerechte  Sühne für be-
       stimmte Taten  sein. Wenn  sich menschliche Rechtsprechung an der
       Offenbarung Gottes in Jesus Christus orientieren will, dann kommt
       ihr gerade  dort nicht  eine "abstrakte  Gerechtigkeit"  und  ein
       "göttliches Vergeltungsprinzip"  vor Augen,  das in der menschli-
       chen Rechtsprechung  nachzuahmen wäre.  In der  Heiligen  Schrift
       wird sichtbar,  daß Gott  darin Recht  schafft, daß er dem Sünder
       vergibt und  neue Gemeinschaft  stiftet. Gott  will nicht den Tod
       des Gottlosen,  sondern daß  er sich bekehre von seinem Wesen und
       lebe (vgl. Hesekiel 33).
       Daß der Mensch trotz seiner Sünde zum Leben bestimmt ist, ist das
       menschliche Grundrecht. - Auch ein Staat ist wohlberaten, wenn er
       sich mit seiner Gewalt - und Strafmacht in diesem Rahmen hält und
       auf seine Weise dieses Grundrecht zu Ehren bringt.
       IV. Wenn es eine "Entwicklung" gibt, welche die Todesstrafe heute
       angeblich nahe  legt, so  ist es offensichtlich weder die Notwen-
       digkeit der  Abschreckung, noch eine tiefere Erkenntnis vom Wesen
       des Staates.  Was sich  aber allerdings  von neuem entwickelt hat
       und vom  Staat aus  entwickelt worden  ist, das ist der Glaube an
       die Gewalt,  die Bereitschaft  selbst zu  einem totalen Krieg mit
       seiner Tötung ungezählter Menschen. Die neue Forderung der Todes-
       strafe ist  - vielleicht  unbewußt, aber  doch tatsächlich - Aus-
       druck dieser  Entwicklung und  soll sie ihrerseits rechtfertigen.
       Nimmt man hinzu, daß die Todesstrafe auch dem Landesverrat gelten
       soll, so  zeigt das  Verlangen nach ihr deutlich den in der Tiefe
       herrschenden Grundzug  zur Selbstvergötzung  des Staates,  als ob
       ihm alles  erlaubt sei. Wenn es einem Staat ernst ist mit der Be-
       hauptung, bewaffnete  Streitkräfte seien  nur dazu  da, die  Men-
       schenrechte zu  schützen, dann  stände es ihm wohl an, wenigstens
       im Strafrecht  deutlich zu  machen, daß  die menschliche  Person,
       ihre Würde  und ihr  Lebensrecht für  ihn der  Höchstwert ist und
       bleibt.
       Als Christen  sind wir  bereit, dem  Staat zu  geben, was ihm ge-
       bührt. Vor  der Entwicklung aber, welche zur Wiedereinführung der
       Todesstrafe führt, können wir nur warnen.
       Der Leiterkreis der Kirchlichen Bruderschaft in Württemberg
       Im Auftrag:
       (gez.) Pfarrer Rücker, Ebersbach
       (gez.) Pfarrer Schlenker, Nagold
       (gez.) Pfarrer Simpfendörfer, Belsenberg
       (gez.) Dekan Weber, Stuttgart-Bad Cannstatt
       

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