Quelle: Blätter 1965 Heft 03 (März)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WIDER DIE NATIONALE EGOZENTRIK
       ==============================
       
       Fünfzehn Jahre lang ist unsere politische Egozentrik einigermaßen
       befriedigt worden durch die (freilich liebelose) Bewunderung, die
       unserem Wiederaufbau  gezollt wurde, und durch die steten Berlin-
       Krisen mit  ihren internationalen  Ausstrahlungen. Inzwischen hat
       die Welt  sich an  unseren Wiederaufbau gewöhnt, und Berlinkrisen
       finden  (zweifellos   zum  Bedauern  mancher  Leute)  ebenso  wie
       Deutschland-Konferenzen, die  deutsche Politik  ersetzen sollten,
       seit längerem nicht mehr statt. Und jetzt? Geht die Welt über uns
       zu anderen  Tagesordnungen über?  Aber Deutschland  ist doch eine
       Macht, die  etwas darstellt  in der Welt, Achtung, Unterstützung,
       Liebe verdient hätte!
       Jetzt schlägt  die jahrelang  nur überdeckte nationale Egozentrik
       unserer politischen Führungsschicht andere Töne an. Nimmt man uns
       im Guten  oder aus  Liebe nicht  zur Kenntnis,  so werden wir uns
       erst recht  zu behaupten  wissen. Die Welt ist böse. Gibt sie uns
       die Wiedervereinigung  nicht, sagt  Herr Mende, kann es leicht zu
       einem deutschen  Bürgerkrieg kommen.  Jawohl. Und Adenauer hat es
       in der  'New York  Times' auch  gesagt: Amerika ist böse. Jawohl.
       Auch Nasser  ist böse,  und Israel eigentlich auch; die Engländer
       sind nicht  besonders gut  und die Franzosen nicht gut genug; daß
       die Polen böse sind, wußten wir schon, und die Russen ja sowieso.
       Nicht lange,  und die  Liste wird  noch viel  länger werden:  Die
       ganze Welt ist böse.
       Böse zur  Bundesrepublik. Wenn  die Welt  voll Teufel ist, so er-
       scheint Deutschland  als die  gequälte Nation, der man allerseits
       übel will  - alle sind böse, diese Nation aber gut. Und die Guten
       müssen die  Welt auf den rechten Pfad bringen; da muß Deutschland
       stark sein,  muß die  Welt zum  Guten zwingen;  da haben wir eine
       Mission. Am  deutschen Wesen  soll die Welt genesen - darauf wird
       es wohl hinauslaufen...
       Diese neue  Politik, die  keine ist,  ist nicht  Sache einer  der
       großen Parteien  allein. Da  treffen sich Gerstenmaier und Mende,
       der alte  Adenauer und  der junge  Barzel, Wehner und Strauß, der
       Bundespräsident  und  der  SPD-Vorstand,  Guttenberg  und  Wenzel
       Jaksch, und  Herr von Hassel übt, was Herr Seebohm und die Solda-
       tenzeitung schon immer gekonnt haben.
       Wenn wir auf diese Töne hereinfallen - ja, dann werden wir wieder
       einmal hereingefallen sein. Und uns sehr darüber wundern, wie das
       zugehen konnte.  Sollte sich  aber nach  den Bundestagswahlen die
       Drei-Parteien-Herrschaft endgültig  als eine gemeinsame Verkaufs-
       organisation für neudeutschen Nationalismus herausstellen und als
       solche etablieren wollen, dann wäre wohl der Tag gekommen, an dem
       Vernunft und  Nüchternheit versuchen müßten, mit einer neuen Par-
       tei politisch wirksam zu werden.
       Felix Rexhausen im "Kölner Stadtanzeiger" v. 18.II.65
       

       zurück