Quelle: Blätter 1965 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       GÜNTER GRASS: OFFENER BRIEF AN DEN BUNDESKANZLER
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       Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
       Treten Sie bitte zurück. Die Bürger der Bundesrepublik haben, so-
       lange ihr  Staat, unsicher genug, besteht, noch nie solchen Anlaß
       gehabt, Scham  zu zeigen,  zu verbergen  oder zu  leugnen, wie in
       diesen Tagen,  da Sie, Herr Erhard, womöglich ohne es zu wollen -
       denn was  wollen Sie schon? -, die Welt lehren, sich abermals von
       uns abzuwenden:
       Ein Diktator  namens Nasser,  der seine  politische  Macht,  ver-
       gleichbar seinem  deutschen Besucher  Walter Ulbricht, der Gewalt
       und permanenter  Mißachtung demokratischer  Rechte verdankt,  er-
       preßt Sie  und unsere Regierung, den Staat Israel schwer zu demü-
       tigen.
       Wie taktlos,  befangen und  hilflos, aus Gründen bewiesener Unfä-
       higkeit, muß  ein Bundeskanzler  sein, der  die Ungeheuerlichkeit
       begeht, heute, da uns die heranrückende Verjährungsfrist ungesüh-
       nter Verbrechen Prüfstein genug ist, nochmals die Toten und Über-
       lebenden der Konzentrationslager Auschwitz und Treblinka, Sobibór
       und Chelmo,  Theresienstadt und Buchenwald zu beleidigen, ja, ih-
       ren Mördern und Peinigern Genugtuung zu verschaffen?
       Ein Minister, ein Bundeskanzler kann und darf sich irren, solange
       die Ausmaße  seines Irrtums  übersichtlich und korrigierbar blei-
       ben. Doch  diesmal geht es nicht um Kohle, Fernsprechgebühren und
       Getreidepreise, vielmehr  weitet hier ein offensichtlich überfor-
       derter Mann seinen politischen Bankrott zu einer Katastrophe aus,
       deren Folgen  eine Generation  zu tragen haben wird, die schon an
       den Folgen  der letzten  Katastrophe -  vor zweinnddreißig Jahren
       begann sie - mehr als genug zu tragen hat.
       Sie, Herr  Bundeskanzler, haben  sich oft  genug berufen gefühlt,
       als "Volkskanzler"  eine anonyme  und irreale Masse anzusprechen.
       Wer so  selbstherrlich spricht, muß mit direkter Antwort rechnen.
       Ich antworte  Ihnen als Bürger und Schriftsteller, der 1927 gebo-
       ren wurde,  ein mehrmals  gebranntes Kind ist und Kinder hat, die
       er vor  den Folgen  Ihres Unvermögens schützen möchte: Treten Sie
       zurück, Herr Erhard. Sie gefährden uns alle. Unser Volk hat Anlaß
       zur Scham  genug. Jemand,  der das  Maßhalten zur  Phrase erhoben
       hat, ist dabei, die Schamlosigkeit maßlos zu betreiben.
       Spandauer Volksblatt v. 14.II.65.
       

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