Quelle: Blätter 1965 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUFRUF ZUM OSTERMARSCH 1965
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       Die Vereinten  Nationen haben die Völker der Welt aufgerufen, das
       Jahr 1965  zum Jahr der internationalen Zusammenarbeit zu machen.
       1965 sind zwanzig Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und
       zwanzig Jahre  seit der  Gründung der  UN vergangen.  Am Ende des
       Zweiten Weltkrieges  stand die  Zahl von  60 Millionen Toten - am
       Beginn der  UN stand die Hoffnung: Verständigung und Einigung al-
       ler Völker in einer Welt ohne Krieg.
       Seit 1945  ist in allen Nationen viel geleistet worden. Aber noch
       leben die  Menschen in  Furcht vor  einem dritten  Weltkrieg, der
       ganze Völker auslöschen würde. Neue Staaten streben nach Kernwaf-
       fenbesitz und erhöhen so die Unsicherheit. Fast alle Politiker in
       Ost und West beteuern ihre Bereitschaft zur Abrüstung, bewilligen
       aber trotzdem  ungeheure Summen  für weiteres Wettrüsten. Gleich-
       zeitig herrscht in weiten Teilen der Welt Hunger, und soziale und
       kulturelle Aufgaben werden vernachlässigt.
       Die Forderung  der Vereinten  Nationen nach  Vereinbarungen  über
       Friedenssicherung stimmt überein mit der Einsicht der Völker: Nur
       auf dem  Wege der Entspannung und Abrüstung kann die Kriegsgefahr
       ausgeschaltet, Sicherheit  und menschenwürdige  Existenz für alle
       Bürger der  Erde erreicht werden. Es gibt heute erste Erfolge bei
       dem Versuch,  Kriegsrisiko abzubauen,  Verständigung herzustellen
       und eine  stabile Friedensordnung  zu schaffen.  In der Kubakrise
       siegte Vernunft über Prestigedenken und Politik der Stärke. Durch
       das Moskauer Teststoppabkommen wurde der radioaktiven Verseuchung
       der Atmosphäre Einhalt geboten. Der "heiße Draht" zwischen Moskau
       und Washington,  die Einschränkung  der Uranproduktion in den USA
       und der  UdSSR und  die Vereinbarung, den Weltraum von Kernwaffen
       freizuhalten, sind Schritte, die hoffen lassen.
       Der Druck  der Öffentlichkeit  kann die  Politiker ermutigen oder
       zwingen, diese Strategie des Friedens fortzusetzen. Deshalb rufen
       wir zum Ostermarsch 1965 auf und fordern:
       - Beendigung aller Atomwaffentests, auch unter der Erde
       - Verbot der Weitergabe von Atomwaffen
       - Beteiligung Chinas und Frankreichs an den Abrüstungsverhandlun-
       gen
       - erste konkrete  Schritte zu  einer allgemeinen,  kontrollierten
       Abrüstung
       Als Bürger der Bundesrepublik Deutschland richten wir unsere For-
       derungen nach einer Politik der Abrüstung insbesondere an die Re-
       gierung und  das Parlament unseres Landes. Die Regierung der Bun-
       desrepublik ist offensichtlich bestrebt, durch Beteiligung an ei-
       ner multilateralen Atomstreitmacht oder auf andere Weise der Ver-
       fügungsgewalt über Atomwaffen näherzukommen.
       In Ost  und West  wächst neues  Mißtrauen gegenüber unserem Land,
       wächst die  Furcht vor  einer von Atomwaffen gestützten deutschen
       Machtpolitik. Der  atomare  Rüstungsehrgeiz  der  Bundesregierung
       stört die  internationalen Abrüstungsbemühungen,  vergrößert  das
       Risiko eines  nuklearen Konfliktes,  versperrt jeden Weg zur Ent-
       spannung, Verständigung und Wiedervereinigung in Deutschland. Die
       Rüstungspolitik führt  zur Militarisierung  des öffentlichen  Le-
       bens, zu  der Tendenz, Bürgerrechte durch administrative oder ge-
       setzliche Maßnahmen  - wie die Notstandsgesetze - einzuschränken.
       Der Plan  eines Gürtels  von Atomminen quer durch Deutschland hat
       den selbstmörderischen Charakter jeder Atomrüstung in Deutschland
       offenbar gemacht.
       Ziel einer  deutschen Politik muß es sein, die Demokratie und den
       Frieden zu  sichern. Deshalb  fordern der Deutsche Gewerkschafts-
       bund, kirchliche  und andere gesellschaftliche Gruppen eigene Ab-
       rüstungsinitiativen der  Bundesregierung. Wir  stimmen mit diesen
       Forderungen überein. Nur eine Politik der Sicherheit durch inter-
       nationale Abrüstungsvereinbarungen entspricht den wahren Interes-
       sen unseres Landes. Nur eine Politik der Entspannung gibt uns die
       Möglichkeit, die  materiellen und geistigen Kräfte unseres Volkes
       für kulturelle und soziale Ziele einzusetzen.
       Deshalb schlagen wir vor:
       - Verzicht der  Bundesrepublik auf  jede Art  der Beteiligung  an
       atomaren Waffensystemen
       - Verzicht auf  jede Ausrüstung  der Bundeswehr  mit Kernwaffen -
       keine Atomwaffen auf deutschem Boden!
       - Einbeziehung ganz  Deutschlands in  eine europäische  Zone  der
       Entspannung und  kontrollierten Rüstungsbeschränkung-Mitteleuropa
       atomwaffenfrei!
       Wir bitten alle Mitbürger:
       - Unterstützen Sie öffentlich unsere Vorschläge.
       - Arbeiten Sie in der Kampagne mit, die unabhängig von jeder par-
       teipolitischen Bindung  ist und keine einseitige Stellungnahme im
       Kalten Krieg kennt.
       - Übernehmen Sie  Verantwortung in  den Ausschlüssen der Kampagne
       für Abrüstung.
       - Helfen Sie  mit, den  Ostermarsch 1965  zu einem  Höhepunkt der
       Kampagne werden zu lassen.
       Unser Nein zur Bombe ist ein Ja zur Demokratie, ein Ja zur Forde-
       rung des  Grundgesetzes: dem Frieden der Welt zu dienen. Wir kön-
       nen weitere  Schritte zur Entspannung, zur Abrüstung und zu einer
       internationalen Friedensordnung erreichen, wenn alle, die der Sa-
       che der  Abrüstung zustimmen, die Kampagne für Abrüstung zu ihrer
       Sache machen.
       Unterzeichnet u.a. von:
       Prof. Dr.  Wolfgang Abendroth - Prof. Dr. Fritz Baade, MdB - Wal-
       ter Dirks  - Günter  Eidl - Prof. Dr. Ossip K. Flechtheim - Prof.
       D. Dietrich  Goldschmidt -  Prof. D.  Helmut Gollwitzer - Max von
       der Grün - Rolf Hochhuth - Robert Jungk - Kirchenpräsident Martin
       Niemöller -  Wolfgang Neuss  - Martin  Walser - Prof. D. Heinrich
       Vogel.
       

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