Quelle: Blätter 1965 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       BRIEFWECHSEL ZWISCHEN BISCHOF KRUMMACHER UND PRÄSES SCHARF
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       Lieber Bruder Scharf!
       Sie wissen,  daß mich  und andere  kirchenleitende Brüder  in der
       Deutschen Demokratischen  Republik unablässig die Frage umtreibt:
       Was haben  nun wir als eine Kirche für die Menschen eines geteil-
       ten Volkes  zu tun?  Weil wir  voneinander getrennt  sind, ist es
       schwer, eine  sachkundige und wirklich hilfreiche Antwort zu fin-
       den. Ich  bitte Sie  als den Vorsitzenden des Rates der Evangeli-
       schen Kirche  in Deutschland deshalb herzlich, zu helfen, daß wir
       eine gemeinsame  kirchliche Antwort  auf einige  brennende Fragen
       geben können,  zumal Sie  bessere Einsichten  in die inneren Pro-
       bleme der Bundesrepublik haben als wir.
       Die erste unablässig seit dem grauenvollen Tage von Hiroshima die
       Menschheit beängstigende  Frage nach  der totalen Beseitigung der
       Atomwaffen kann  nur im  Weltmaßstab richtig  gesehen werden. Sie
       hat aber  doch noch  einen besonderen  Ernst für uns als Christen
       gerade im  deutschen Volk,  das durch sein Verschulden mit dem 2.
       Weltkrieg so  unendlich viel Unheil über die Völker gebracht hat.
       Darum scheint  mir die  klare Forderung  zwingend: Was auch immer
       die Politiker  für Verteidigungsmaßnahmen für nötig halten mögen,
       jedenfalls gehören Atomwaffen nicht in deutsche Hände! Jedes Mit-
       bestimmungsrecht der  Bundesrepublik aber an einer wie auch immer
       gearteten Atombewaffnung  muß unvermeidlicherweise  neues  tiefes
       Mißtrauen bei  unseren Nachbarvölkern hervorrufen. Eine neue Ver-
       härtung des  ohnehin tiefen Spaltes, der durch unser eigenes Volk
       geht, wäre  die Folge, erst recht bei dem Gedanken an einen Atom-
       minengürtel an der innerdeutschen Grenze. Muß hier nicht die Kir-
       che um der Menschen willen den Politikern rechtzeitig ihr warnen-
       des Wort sagen?
       Meine zweite Frage zielt auf die Erstarrung der politischen Fron-
       ten, wie  sie z.B.  in der  Hallstein-Doktrin zum Ausdruck kommt.
       Macht es sich die Bundesrepublik nicht auf diese Weise unmöglich,
       Vorschläge der  DDR auch  nur zu  prüfen? Sollten Doktrinen nicht
       darauf überprüft  werden, ob  sie geeignet  sind, den Menschen zu
       dienen oder  zu schaden? Wir sind im Rückblick auf 1964 alle tief
       dankbar gewesen  für  eine  Reihe  von  "kleinen  Schritten"  der
       Menschlichkeit. Müßten  nun nicht - wiederum um der Menschen wil-
       len -  größere Schritte  zu einer  wirklichen Kooperation folgen?
       Meine Frage ist, ob die eine Kirche in dem so unselig zerrissenen
       Volk hier  nicht die  Stimme erheben  und  die  Politiker  mahnen
       sollte, die  noch gegebenen Chancen nicht zu versäumen, ehe es zu
       spät ist.  Die Tatsache,  daß wir trotz der Zerrissenheit unseres
       Volkes eine  EKD haben, deren Ratsvorsitzender Sie sind, ist doch
       ein ständiges Angebot zur Befriedung nach beiden Seiten.
       Und endlich  die Frage,  die nun  mit dem 8.5.1965 gestellt wird.
       Keiner kann  ja vergessen,  was vor  20 Jahren endete. Sie haben,
       lieber Bruder  Scharf, als  Seelsorger der Gemeinde Sachsenhausen
       das Grauen  des dortigen  KZ miterlebt. Ich meinerseits werde die
       Massengräber von  Kiew und  die grausigen Eindrücke von Auschwitz
       in meinem  Leben nicht  wieder vergessen können. Natürlich vermag
       ich die  rechtsstaatlichen Erwägungen,  die in der Bundesrepublik
       mit der Frage der Verjährung verbunden sind, nicht sachverständig
       zu beurteilen. Aber es ist doch unvorstellbar, wenn sich etwa der
       Eindruck im  deutschen Volk  und vor den anderen Völkern der Welt
       durchsetzen sollte,  nun seien die Akten geschlossen, nun brauche
       man sich  nicht mehr  an die  Vergangenheit zu erinnern, oder nun
       könnten sich  gar ungestraft  neue Giftzentren  bilden, aus denen
       eine Wiederkehr  dieser alle menschlichen Vorstellungen überstei-
       genden Geschehnisse  hervorbrechen könnten. Müßte nicht auch hier
       die Kirche aus tiefer Sorge um die Menschen ein wegweisendes Wort
       finden?
       Um dieser Menschen willen, deren Bruder Jesus Christus ist, haben
       alle großen Synoden der EKD und alle ökumenischen Weltkonferenzen
       seit 1945 ihre Stimme immer wieder für den in unserem Jahrhundert
       besonders gefährdeten  Menschen erhoben. So hat erst jetzt wieder
       der Ökumenische Rat der Kirchen auf seiner Jahressitzung in Nige-
       ria die Vorschläge der "Kommission der Kirchen für internationale
       Angelegenheiten" (CCIA)  aufgenommen. Darunter waren auch für uns
       sehr brennende Fragen, wie etwa die Schaffung atomfreier Zonen in
       bestimmten Teilen  der Erde,  die Erweiterung  des Moskauer Atom-
       teststop-Abkommens, die  Überwindung aller  Rassenvorurteile, die
       Hilfe für die Menschen und Völker Afrikas.
       Wenn wir  auch in ganz verschiedenen gesellschaftlichen und poli-
       tischen Verhältnissen  unseren kirchlichen Dienst tun, so ist uns
       doch in  unserer Kirche  eine gemeinsame unteilbare Verantwortung
       für die Menschen unseres Volkes auferlegt. So bitte ich Sie, lie-
       ber Bruder Scharf, meine Fragen brüderlich recht aufzunehmen.
       Greifswald, 28.II.1965
       
       Ihr getreuer
       gez. Krummacher
       
                                    *
       
       Lieber Bruder Krummacher!
       Ihr Brief  vom 28.II.1965  trifft auf  Erwägungen, die  auch mich
       sehr beschäftigen.  Die Evangelische  Kirche in  Deutschland kann
       sich gewiß  von keiner Seite für die Unterstützung eines bestimm-
       ten politischen Konzeptes in Anspruch nehmen lassen.
       Aber diese  Unabhängigkeit verstehe  ich nicht so, daß die Kirche
       nicht doch  in den  politischen Dingen  einen besonderen  Auftrag
       hätte. Wie  nötig politischer Dienst der Kirche ist, erfahren wir
       als eine  kirchliche  Gemeinschaft  an  einer  spannungsgeladenen
       Stelle der  Weltpolitik jeden  Tag von neuem. Wie Sie sehe ich in
       solchem Dienst eine kritische Unruhe im Interesse der Menschlich-
       keit in  der Politik. Unsere Kirche kann ihn um so wirksamer tun,
       je unbefangener  sie sich  ihr Urteil bilden und es auch ausspre-
       chen kann.
       Lassen Sie  mich von  daher zunächst einiges zu der von Ihnen er-
       wähnten Sorge um die Erhaltung des Friedens sagen! Ich kann Ihrer
       Auffassung zu  der Frage  der Atomwaffen  in deutschen Händen nur
       zustimmen, aber ich meine, wir müssen hinzusetzen:
       Auch der  konventionelle Krieg  stellt heute,  zumal  in  Europa,
       nicht mehr  eine ethisch zu vertretende Verhaltensweise dar. Auch
       die konventionellen Waffen führen heute zur Massenvernichtung Un-
       schuldiger. Ich brauche zum Beweis dieser Behauptung nur das Bei-
       spiel Dresden  zu nennen,  die Stadt  in der Deutschen Demokrati-
       schen Republik,  der wir in diesen Wochen besonders gedacht haben
       - aus  Anlaß der Bombenangriffe auf seine Zivilbevölkerung vor 20
       Jahren und  aus Anlaß unserer gesamtkirchlichen Wiederaufbausamm-
       lung.
       Trotz aller Unterschiede im Urteil über das Recht und die Pflicht
       der bewaffneten  Verteidigung des  eigenen Landes ist sich unsere
       Kirche wohl  darin einig,  daß ein  atomarer Krieg eine sittliche
       Ungeheuerlichkeit und eine politische Katastrophe wäre. Aber auch
       das ist  für uns  gemeinsame Erkenntnis,  die uns  mit der ganzen
       Christenheit verbindet.  Auch ein  mit konventionellen Waffen ge-
       führter Krieg kann prinzipiell nicht mehr sittlich gerechtfertigt
       werden, zumal  in der gegenwärtigen Weltlage jeder Krieg - gar in
       Europa - unversehens in einen atomaren Vernichtungskrieg umschla-
       gen kann. Daraus ergibt sich:
       Die Kirche  hat die  Aufgabe, der breiten Öffentlichkeit die ent-
       setzlichen Folgen  kriegerischer Handlungen  im eigenen  Lande so
       vor die Augen zu malen, daß das öffentliche Bewußtsein sich gegen
       die Möglichkeit auch nur eines Krieges mit konventionellen Waffen
       wendet. In  dem Bewußtsein, daß jede Spekulation auf eine kriege-
       rische Auseinandersetzung  von vornherein ausgeschlossen ist, muß
       die deutsche Bevölkerung einig sein.
       Sie erinnern  an die Auseinandersetzung über die Atomminen an der
       innerdeutschen  Grenze.  Gerade  diese  Auseinandersetzung  macht
       deutlich, was ich meine: Was es mit den "Minen" wirklich auf sich
       hat, wiesen  wohl nur  einige Sachverständige. Nach meinem Dafür-
       halten hat  das Erschrecken  über die Atomminen deutlich gemacht,
       wie wenig sich unser Volk dessen bewußt ist, daß wir uns ständig,
       also auch ohne Atomminen, am Abgrund weltpolitischer Katastrophen
       entlang bewegen.  Gegenüber der  deutschen Öffentlichkeit  werden
       offenbar Grundfragen  der militärischen Lage und der Militärpoli-
       tik nicht  offen und  glaubwürdig genug  behandelt. Der Mangel an
       Informationen täuscht  über den Ernst der Lage hinweg und verhin-
       dert ein  verantwortliches politisches  Mitdenken in  der breiten
       Öffentlichkeit. Eben  deswegen meine  ich, hier  eine  politische
       Aufgabe der Kirche proklamieren zu sollen.
       In einem zweiten Gedankengang beklagen Sie die Auslieferung poli-
       tischen Handelns  an starre  Doktrinen, von  denen Sie  die soge-
       nannte Hallstein-Doktrin  ausdrücklich  anführen.  Hier  wäre  ja
       überhaupt der ganze Fragenbereich einer weltanschaulich und ideo-
       logisch bestimmten Politik von heute zu nennen. Unsere kirchliche
       Erfahrung geht  dahin, daß  eine sich als Dienst am Menschen ver-
       stehende Politik einen solchen Doktrinarismus nicht verträgt.
       Auf Ihre konkrete Frage will ich aber auch konkret antworten: Wir
       haben uns  als Kirche  von der  "Hallstein-Doktrin" nie betroffen
       gefühlt und  haben uns  nie an  sie gebunden. Da die Evangelische
       Kirche in  Deutschland als  kirchliche Gesamtorganisation von An-
       fang bis  heute in beiden deutschen Teilgebieten präsent ist, ha-
       ben wir beispielsweise auch bei der Regierung der Deutschen Demo-
       kratischen Republik,  so lange sie es wünschte, einen Bevollmäch-
       tigten unterhalten.  Wir haben, so lange dies möglich war, unsere
       Synodaltagungen und sonstigen Konferenzen abwechselnd in den bei-
       den Teilen  Deutschlands durchgeführt. Wir vertreten auf ökumeni-
       schen Tagungen  die Evangelische  Kirche  in  Deutschland  unter-
       schiedslos gemeinsam.  Schon damit  meinen wir  einen Dienst  der
       Vermittlung und des Friedens zu tun.
       Aber es ist sicherlich richtig, daß wir darüber hinaus diesen be-
       sonderen Vorzug,  in beiden politisch und gesellschaftlich so un-
       terschiedlichen Teilgebieten arbeiten zu können, auch tatsächlich
       noch stärker unmittelbar auszunützen haben.
       Sie und  ich sind  dafür eingetreten,  daß Regelungen für den Be-
       suchsverkehr zwischen Ost und West in Deutschland zustande kämen.
       Als die Abkommen kritisiert wurden und eingeschränkt werden soll-
       ten, haben  wir in internen Verhandlungen und öffentlichen Appel-
       len ihre  Verlängerung und Ausweitung gefordert. Auch ich bin der
       Meinung, daß um der Menschen willen den kleinen Schritten größere
       folgen müssen. Wir sind ständig bemüht, bei den zuständigen Stel-
       len darauf  hinzuwirken, daß  nicht politische Doktrinen, sondern
       der Wille  zum Frieden  und zur Versöhnung unter den Menschen un-
       seres Volkes die entscheidenden Motive werden.
       Zu Ihrer  letzten Frage  nach der Verjährungsfrist für die straf-
       rechtliche Verfolgung  von NS-Verbrechern ist mein bestimmtes Ur-
       teil Kirche  ist nicht  Anwalt der  Rache, aber  Kirche muß dafür
       eintreten, daß Schuld aufgedeckt und eingestanden wird, damit sie
       zwischen Menschen und von Gott vergeben werden kann. Deshalb hal-
       ten wir  nicht für recht, daß die Verfahren wegen so ungeheuerli-
       cher Verbrechen,  wie die nationalsozialistische Zeit sie zu ver-
       antworten hat,  durch das  Eintreten einer  Verjährung verhindert
       werden. Gründe,  die stichhaltig  wären, die  Untersuchung dieser
       Verbrechen aufzuhalten, gibt es nicht.
       Allerdings hat  mich die Art, wie gegen das Eintreten der Verjäh-
       rung vielfach  argumentiert worden ist, tief bedrückt. Man sollte
       nicht ernsthafte, rechtliche Erwägungen von vornherein verdächti-
       gen und  jede Prüfung der komplexen Frage als ein böswilliges Ma-
       növer anprangern.  Tut man dies, so wird man das Gegenteil errei-
       chen von  dem, was  man anstrebt. Man wird das deutsche Volk, wie
       es heute ist, in der Gemeinschaft der Nationen der Erde isolieren
       und diffamieren,  weil man jedes Verständnis für die innere deut-
       sche Lage  vermissen läßt,  die sich 20 Jahre nach dem Kriegsende
       ergeben hat. Dadurch wird den Deutschen nicht zu Einsicht und Um-
       kehr geholfen,  sie werden  vielmehr in  neue, tiefere Verhärtung
       hineingetrieben. Ich  zweifle nicht  daran, daß die bevorstehende
       Entscheidung des Bundestages die Situation klären wird.
       Könnten wir  doch, lieber  Bruder Krummacher, gemeinsam noch mehr
       dafür tun,  daß die Botschaft des Evangeliums auch im politischen
       Alltag unseres  geteilten Volkes wirksam wird! In diesem dringen-
       den Wunsch weiß ich mich mit Ihnen verbunden als
       
       Ihr getreuer
       gez. Scharf
       
       Berlin, 7. III. 1965
       

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