Quelle: Blätter 1965 Heft 04 (April)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       FÜNFZEHN FRANZÖSISCHE ARBEITERPRIESTER SCHREIBEN AN DAS KONZIL
       ==============================================================
       
       Nach einem  Bericht des Evangelischen Pressedienstes vom 15. März
       hat kürzlich  der Präses  der Evangelischen Kirche von Westfalen,
       Ernst Wilm  (Bielefeld), auf  die Notwendigkeit eines offenen Ge-
       spräches zwischen  Christen und Marxisten hingewiesen, das er als
       eine wichtige  Voraussetzung für  die Politik  der Verständigung,
       "die es  heute in der Welt - besonders aber auf deutschem Boden -
       zu verwirklichen  gilt" bezeichnete.  Wilm  stellte  gleichzeitig
       fest, "daß  durch das Verbot der KPD die Chance eines offenen Ge-
       sprächs zwischen  Christen und  Marxisten in  der  Bundesrepublik
       verwehrt" sei - im Gegensatz zu dem "fruchtbaren Dialog" zwischen
       beiden z.B. in Frankreich.
       In diesem Zusammenhange möchten wir unsere Leser auf ein Dokument
       aufmerksam machen,  das u.E. angesichts der geschichtlichen Trag-
       weite und politischen Bedeutung des Dialogs zwischen Katholischer
       Kirche und  Kommunismus besonderes  Interesse verdient.  Fünfzehn
       französische Arbeiterpriester, die trotz der Verurteilung der Ar-
       beiterpriesterbewegung durch die Kurie im Jahre 1954 auch weiter-
       hin in Betrieben wirken, haben sich im Juni 1964 mit dem nachste-
       hend  abgedruckten   Schreiben  an  etwa  vierzig  Kardinäle  und
       Bischöfe gewandt.  Ganz offensichtlich  war es  ihre Absicht, auf
       diesem Wege  das Vatikanische Konzil in Rom anzusprechen. Als das
       Konzil über  das Problem  "Beziehungen zwischen  Kirche und Welt"
       (das sog.  Schema XII) diskutierte, übergaben sie ihren Brief der
       Öffentlichkeit. Er  erschien zuerst  in der  Dezember-Nummer 1964
       von "lettre",  einer Zeitschrift  des sehr  aktiven französischen
       Linkskatholizismus, mit deren freundlicher Genehmigung wir ihn in
       einer ungekürzten deutschen Fassung abdrucken. Es verdient Erwäh-
       nung, daß  einige Kardinäle und Bischöfe den Schreibenden persön-
       lich geantwortet  und in  ihrer Antwort die Bedeutung des Briefes
       gewürdigt haben,  auch wenn  sie den  Inhalt nicht  voll billigen
       konnten.
       Schließlich sei  an dieser  Stelle auf  die vor kurzem im Stimme-
       Verlag, Frankfurt/Main,  erschienene Schrift von Horst Symanowski
       und Fritz Vilmar "Die Welt des Arbeiters. Junge Pfarrer berichten
       aus der  Fabrik" hingewiesen.  Die Autoren, die ein umfangreiches
       Material ausgewertet haben, kommen dort zu dem Schluß: "Der Klas-
       senkampf ist nicht überwunden. Die Kirche scheint ihm (dem Arbei-
       ter) nur  auf einer  Seite zu  stehen. Der Arbeiter ist heute wie
       vor 50  Jahren zum Klassenkampf gezwungen, auch wenn er sich des-
       sen nicht  bewußt ist. Es ist ein Kampf, der vom Kapitalismus der
       Arbeiterschaft aufgezwungen wird." (S. 116) D. Red.
       
       Väter! Die  Unterzeichner dieses  Briefes, fünfzehn  an der Zahl,
       stehen im Alter zwischen vierzig und sechsundfünfzig Jahren; seit
       zehn bis  siebzehn Jahren  üben sie  manuelle Berufe  als Fräser,
       Dreher, Schlosser,  Stanzer,  Elektriker,  Maurer,  Hilfsarbeiter
       aus.
       Viele Jahre  sind vergangen,  seit wir  zum erstenmal  in die Be-
       triebe und  Werkstätten kamen. Hier haben wir uns jenen Millionen
       Menschen angeschlossen, die die Arbeiterklasse bilden, deren Ent-
       fremdung von der Kirche Pius XII. und seine Nachfolger so oft be-
       dauert haben.  Wir teilen  ihr Leben,  ihre Leiden,  ihre Kämpfe,
       ihre Hoffnungen, ihre Enttäuschungen. Wir sind uns dessen bewußt,
       daß wir zu ihnen gehören.
       Wir haben  uns entschlossen,  heute darüber  zu sprechen,  da wir
       wissen, daß  die Kirche in dieser Konzilsperiode über ihre Bezie-
       hungen zur  Welt berät.  Alle Christen, all jene, die daran glau-
       ben, daß  die Kirche  die Aufgabe erhalten hat, der Welt die Bot-
       schaft Jesu  Christi zu  vermitteln, sind daran interessiert. Und
       wir sind  daran interessiert, wir, die wir glauben, daß unser Le-
       ben -  obwohl zutiefst verändert durch diese Jahre der Arbeit und
       des Arbeiterkampfes  - der  Kirche gehört,  daß es ein Teil ihrer
       Verwurzelung in der Welt und ihrer Mission ist.
       Wir wollen  keine soziologische oder ökonomische Studie verfassen
       oder Probleme  über persönliche  Fragen stellen,  sondern  einige
       Seiten einer  Wirklichkeit schildern, die wir täglich erleben und
       von der wir glauben, daß die Kirche sie so, wie sie wirklich ist,
       nicht kennt.
       In einer Welt, in der das Geld Hauptquelle des Rechts und der Au-
       torität ist,  tritt der  Mensch, der "eine Arbeit suchen" muß, um
       zu leben, der um eine Arbeit bei dem betteln muß, der sie ihm ge-
       ben oder verweigern kann, da er die Produktionsmittel besitzt, in
       ein wirtschaftliches  System, in  dem sein ganzes Leben, sein Ge-
       wissen, seine  Persönlichkeit entsetzlichen Bedingungen unterwor-
       fen sind;  das gleiche trifft, folgerichtig, für das Leben seiner
       Familie zu. Von Anfang an wird er erniedrigt, an eine tiefgehende
       und ständige Abhängigkeit gebunden.
       Nach der  erniedrigenden Aufnahme  beginnen die Unterwerfungen in
       der Arbeit: Versklavung am Fließband, bei der Serienerzeugung, an
       der Maschine,  beschleunigtes Arbeitstempo,  nicht erfüllte Lohn-
       versprechen, körperliche  Gefahren, vorzeitige  Abnutzung,  Unsi-
       cherheit des  Arbeitsplatzes, beschränkte Koalitions- und Organi-
       sationsfreiheit, Atmospäre  der Angst.  So empfindet ein bewußter
       Arbeiter nach  einigen Monaten  im Betrieb  ein tiefes Gefühl der
       U n g e r e c h t i g k e i t:
       - ein Gefühl  der Ungerechtigkeit  auf Grund der offensichtlichen
       Ungleichheit der Entlohnung und der Lebensbedingungen;
       - ein Gefühl  der Ungerechtigkeit, wenn er sieht, daß sein Leben,
       das Leben  seiner Kinder,  ihr Recht auf Kultur, auf all das, was
       ein wirklich menschliches Leben ausmacht, sogar das Recht auf Ar-
       beit und  das Recht  auf Essen,  daß alles dem Profit der anderen
       unterworfen ist.  Er fühlt, daß er ein Objekt in den Händen jener
       geworden ist,  die das Geld besitzen. Es handelt sich wahrlich um
       eine Ausbeutung  des Menschen  durch den  Menschen, einer  Klasse
       durch eine andere.
       Andererseits steht  er einer  Unternehmerorganisation  gegenüber,
       die fest darauf ausgerichtet ist, diesen Zustand zu verewigen un-
       ter Benützung  des Staates,  der Polizei, der Kirche, der Presse,
       des Radios, des Fernsehens, mit dem Einsatz von Funktionären, die
       privilegierte Lebensbedingungen erhalten, und mit Hilfe der orga-
       nisierten Verfolgung  von Arbeiteraktivisten.   D e r    K l a s-
       s e n k a m p f  i s t  n i c h t  e i n e  T h e o r i e,  d i e
       W i r k l i c h k e i t  s e l b s t  d r ä n g t  i h n  a u f.
       Oft wird  der Arbeiter  durch die  Lebens- und Arbeitsbedingungen
       veranlaßt, einen Ausweg für sich allein zu suchen, sich auf einen
       persönlichen oder  familiären Individualismus zurückzuziehen, was
       von der  bürgerlichen Gesellschaft  und von  der Kirche  ermutigt
       wird. Zum  Beispiel wird  er viele Überstunden zum Schaden seiner
       Gesundheit und  der Ruhe  seiner Familie  machen, um die in einer
       modernen Gesellschaft  selbstverständlichen Wünsche  zu befriedi-
       gen. Diese  zusätzliche Arbeit schwächt seine physische und mora-
       lische Widerstandskraft,  erschwert das Nachdenken, die Teilnahme
       an der  Kultur und macht ihn zur leichten Beute der großen Infor-
       mationspresse und der Unterhaltungsliteratur.
       Oder aber  er erhebt  das Haupt,  dank seinem Zusammentreffen mit
       gewerkschaftlichen, politischen  oder kulturellen Organisationen,
       gewinnt Vertrauen,  wird klüger  und lehnt sich im Namen der men-
       schlichen Würde  auf. Dann  entdeckt er,  daß er sich solidarisch
       mit all  jenen fühlt,  die in der Welt unterdrückt oder schon be-
       freit sind,  und nimmt seinen Platz im gemeinsamen Kampf ein. Und
       da es  darum geht,  der Arbeiterklasse  ihre Würde wiederzugeben,
       versteht er,  daß diese  Klasse sich befreien muß, unabhängig von
       jedem von  außen kommenden  Einfluß. Er  wird jedoch vor allem zu
       jenen Organisationen  stoßen, die  sich die Arbeiterklasse selbst
       gegeben hat  und die  reich an Erfahrungen sind. Er nimmt auch an
       politischen Kämpfen teil, in dem Ausmaß, als er versteht, daß die
       Mittel der  gewerkschaftlichen Bewegung  begrenzt und daß die Lö-
       sungen auf  einer anderen Ebene der Aktionen und der Organisatio-
       nen zu  finden sind. In den täglichen Erfahrungen des organisier-
       ten Kampfes entdeckt er, der isoliert und in seinem Leben als Ar-
       beiter unterdrückt  war, plötzlich  neue Beziehungen zwischen den
       Menschen, das  Ideal eines  neuen Menschentyps,  die Hoffnung auf
       eine bessere  Zukunft für  alle: alles  Dinge, die  seinem  Leben
       einen neuen Sinn geben.
       Sehr oft  ist dieser  Kampf, von außen gesehen, auch in den Doku-
       menten der  Bischöfe, als haßerfüllte Bewegung bezeichnet worden,
       die der Barmherzigkeit widerspricht; und die Christen wurden auf-
       gefordert, sich vom Kampf fernzuhalten oder nur mit Zurückhaltung
       daran teilzunehmen, in der Bemühung, ihn zu läutern.
       Das bedeutet  einerseits, zu  verkennen, daß dieser Kampf für den
       Arbeiter eine harte Wirklichkeit ist und sich ihm als Gegebenheit
       aufdrängt: er entdeckt ihn zuerst bei den Unternehmern, deren Ak-
       tionen letzten Endes von der Sorge diktiert sind, die Profite und
       Klassenprivilegien zu  erhalten und  zu vergrößern.  Andererseits
       bedeutet es, zu übersehen, daß sich die Arbeiterklasse gerade das
       Ziel gesetzt hat, den Klassenkampf auf die einzig mögliche Art zu
       beseitigen, nämlich  indem durch  die Vergesellschaftung der Pro-
       duktionsmittel die  Existenz von  Lohnempfängern und Unternehmern
       abgeschafft wird.  Es bedeutet,  zu übersehen,  daß der  Kampf im
       Dienste der  Arbeiterklasse ein  furchtbar hartes  Leben mit sich
       bringt Das Leben eines Aktivisten besteht aus täglichen Aufgaben,
       die Mut  zum Verzicht  und Hartnäckigkeit erfordern und die gewiß
       nicht immer  dankbar sind. Er ist aller Art Schikanen ausgesetzt,
       und wenn  es gelingt,  ihn zu  entlassen, kann  er nur schwer an-
       derswo eine  Arbeit finden.  Er setzt nicht nur sich selbst, son-
       dern seine  ganze Familie aufs Spiel. Und im Falle von polizeili-
       chen Unterdrückungsmaßnahmen wird er am schwersten betroffen. Das
       ist, so  glauben wir,  wahrhafter Beweis  von Barmherzigkeit, die
       nicht mehr darin besteht, das Überflüssige herzuschenken, sondern
       sein eigenes Leben und das Leben seiner Lieben zu gefährden. Die-
       ses Opfer  für die  anderen zeigt  sich mit einer Aufrichtigkeit,
       wie wir sie selten in christlichen Kreisen gefunden haben.
       Wenn wir  einen geknechteten, isolierten, individualistischen Ar-
       beiter sehen,  der entweder seine wirkliche Lage nicht kennt oder
       resigniert hat,  wünschen wir ihm vor allem, daß er sein Klassen-
       bewußtsein entwickelt,  daß er  sich auflehnt  und am gemeinsamen
       Kampf teilnimmt, um ein Mensch zu werden.
       Und wenn  wir einen  bewußten Kämpfer sehen, der für sich und die
       anderen im  Kampf um  Gerechtigkeit und Würde steht, erhoffen wir
       für ihn  eine vollkommenere Offenbarung der Menschenwürde, wie er
       sie in Jesus Christus finden könnte.
                                    *
       Aber in der Praxis ist der Arbeiterfunktionär atheistisch. Er er-
       klärt es  und glaubt es auch. Und je aktiver er ist, desto athei-
       stischer ist  er. Das Ausmaß seines Klassenbewußtseins und seiner
       Verantwortung erfordert  in seinen  Augen diese  Bekräftigung des
       Atheismus. Wir werden häufig über den Atheismus des Arbeiterfunk-
       tionärs befragt.  Ist es  nicht erstaunlich,  daß dieser  bis zur
       Selbstaufopferung edle  Mensch,  der  sich  entschlossen  in  den
       Dienst der  anderen stellt,  den Glauben an Gott, der die höchste
       Erfüllung seines menschlichen Verhaltens sein könnte, ablehnt?
       Zweifellos sind  dafür viele Gründe vorhanden. Wir wollen vor al-
       lem zwei  hervorheben: eine bestimmte Auffassung von der Religion
       und die Art, wie sich die Kirche der Arbeiterschaft präsentiert.
       Der Arbeiterfunktionär  ist davon  überzeugt, daß  der Mensch, um
       Mensch zu sein, sein Schicksal in die eigene Hand nehmen muß, an-
       statt es  zu erdulden.  Der Glaube  an Gott  scheint ihm hingegen
       eine Moral  der Resignation  und der  Unterwerfung zu beinhalten.
       Die Religion,  wie er  sie kennt,  spricht von der Existenz eines
       schöpferischen Gottes,  der die  Ordnung der Dinge festgelegt hat
       und dessen  Wille in  den Ereignissen  zum Ausdruck kommt, so daß
       dem Menschen  nichts anderes  übrig bleibt,  als die  festgelegte
       Ordnung zu  akzeptieren und  zu gehorchen.  Diese Auffassung ent-
       spricht nicht den Lehren der großen Theologen. Aber hört das Volk
       auf die  Theologen? Das Volk sieht, daß die Kirche faktisch immer
       Unterwerfung gepredigt  und die  Revolte  verurteilt  hat;  damit
       trägt sie  dazu bei, die Ausbeutung einer Klasse durch die andere
       zu verlängern.
       Im übrigen  beurteilt der Arbeiter die Kirche mehr nach ihren Ta-
       ten als  nach ihren  Worten. Aber  die Kirche  darf ihm nicht als
       eine ihm  fremde Welt erscheinen, wo er seine wesentlichen Anlie-
       gen nicht  zu finden vermag. Sie erscheint ihm vor allem als eine
       w i r t s c h a f t l i c h e,     p o l i t i s c h e      u n d
       k u l t u r e l l e   M a c h t,   d i e   s i c h    i m    K a-
       p i t a l i s m u s  w o h l f ü h l t.  In den Ländern, in denen
       der Grundbesitz  den größten Reichtum darstellt, verfügt sie über
       ungeheure Güter.  Sie  unterhält  zahlreiches  Personal  und  of-
       fensichtlich kostspielige  Institutionen. Ihr  stehen  großartige
       Gebäude zur Verfügung. Ihre wirtschaftliche Zukunft ist durch gut
       verwaltete Bankkonten  und durch  Aktien gesichert, mit denen sie
       an den  Profiten beteiligt ist, die aus der Ausbeutung der Arbei-
       ter stammen.  Sie hält  gute Beziehungen mit den kapitalistischen
       und auch mit den faschistischen Staaten aufrecht, und ihre Führer
       dulden es, daß sie wie die Großen dieser Welt behandelt werden.
       Wird die  Kirche daher  das gesellschaftliche System, das sie er-
       hält und  das ihr eine so schöne Stellung einräumt, nicht vertei-
       digen? Tatsächlich  hat sie  sich nicht  auf die Seite der Unter-
       drückten in  dem Augenblick  gestellt, als Industrialisierung und
       Mechanisierung für  große Massen  unmenschliche Lebens-  und  Ar-
       beitsbedingungen mit  sich brachten. In der Geschichte der Arbei-
       terbewegung hat man zu oft feststellen können, daß die Kirche di-
       rekte Bindungen  zu den Besitzenden und Privilegierten hatte, und
       das vergißt  man nicht.  Wenn sie sich mit den Armen beschäftigt,
       dann geschieht  es auf der Grundlage der Wohltätigkeit. Aber wenn
       die Armen  sich organisieren  und sich ohne ihre Bevormundung be-
       freien wollen, ist sie bestürzt, sie bekommt Angst und sie verur-
       teilt. Dann  setzt sie  alle ihr  zur Verfügung  stehenden Mittel
       ein, um  eine christlich-demokratische  weltliche Ordnung  zu er-
       richten oder  aufrechtzuerhalten, in  der sie  letzten Endes ihre
       Macht und ihre Privilegien bewahren kann.
       Der Arbeiter  sieht,  wie  die  Kirche  den  Weg  der    H e r r-
       s c h a f t  u n d  A u t o r i t ä t  weiterbeschreitet, wie sie
       als Unternehmer  auf das  Gewissen ihrer  Gläubigen einwirkt, wie
       sie vorgibt,  im Namen  Gottes für alle zu bestimmen, was gut und
       was böse  ist, und  wie sie  vom Menschen  die  Unterwerfung  als
       Zeichen seines  Glaubens fordert.  Er stellt  auch fest,  daß die
       Kirche versucht,  ihre Mitglieder   a u s   d e r    m e n s c h-
       l i c h e n   G e m e i n s c h a f t   h e r a u s z u l ö s e n
       (Schulen,  Hochschulen,   Gewerkschaften,  christliche  Parteien,
       katholisches Hilfswerk, Pax Christi...). Für ihn, der die Einheit
       wünscht, ist die Kirche ein Element der Spaltung.
       Faktisch gibt es eine christliche und eine nichtchristliche Welt,
       zwei getrennte soziologische Wirklichkeiten, zwei Gesellschaften,
       gleichsam zwei  Vaterländer, das  Vaterland des  Glaubens und das
       des Atheismus.  Es scheint, als ob ein Bekenntnis zum Glauben be-
       deuten würde, eine Welt zu verlassen, um in eine andere einzutre-
       ten. Im  Falle der Arbeiter bedeutet es, diese neue Welt, die ihr
       Werk ist,  das Gebäude,  das sie  mit ihrem Willen und ihrer Ver-
       nunft errichtet haben, diese Welt der Zukunft zu verlassen, um in
       eine alte Welt einzutreten, wo alles in Ordnung, alles festgelegt
       ist, wo  alle menschlichen  Probleme bereits eine Lösung gefunden
       haben. Die  Tatsache, daß sie die Solidarität mit ihrer menschli-
       chen Gemeinschaft anstreben, führt sie dazu, die christliche Welt
       und auch die Kirche, die mit ihr identifiziert wird, abzulehnen.
                                    *
       Oft gehen  auch jene diesen Weg, die von ihrer Kindheit her einen
       traditionellen Glauben  erworben haben,  der  diese  Wirklichkeit
       niemals gekannt hatte. Dieser Glauben, dessen Wurzeln in der Ver-
       gangenheit liegen,  bringt sie  immer mehr  in Gegensatz zu ihrer
       Umgebung. Sie  selbst oder ihre Kinder landen in großer Zahl beim
       Atheismus.
       Jene, die  dann, trotz  den Schwierigkeiten,  in  gleicher  Weise
       beide Werte  im Leben  verwirklichen wollen,  den Glauben und die
       Solidarität der  Arbeiter, unterziehen ihren Glauben einer kriti-
       schen Überprüfung.  In dem  Augenblick, wo sie andere Dimensionen
       des Kampfes  gegen Ausbeutung,  Ungerechtigkeit, Elend und Unwis-
       senheit entdecken,  gewinnen die Tugenden, die sie die Kirche ge-
       lehrt hat,  wie die  Barmherzigkeit, die  Armut, die  Demut, eine
       völlig andere Bedeutung. Sie fühlen sich dazu berufen, auf andere
       und oft entgegengesetzte Weise zu leben, als es dem normalen Ver-
       halten der  Männer der  Kirche und  ihrer üblichen  Auslegung des
       Evangeliums entspricht.
       Die Kirche hat ihnen die  B a r m h e r z i g k e i t  als Sanft-
       mut, als  Verzeihung für Ungerechtigkeiten, als gleiche Liebe für
       alle dargestellt. Die erste Regel war, niemand wehzutun, und dar-
       aus entstand  die Gewaltlosigkeit.  Die zweite war die Wohltätig-
       keit: Man  mußte Almosen geben, die Armen besuchen und unterstüt-
       zen, dem  Nächsten helfen.  Kurz, man  hatte ihnen  vor allem ein
       Evangelium beigebracht,  das in den Beziehungen zwischen den Ein-
       zelmenschen gesehen  wurde, ohne  daß es  das wirtschaftliche und
       politische Regime, in dem die Menschen leben, in Frage zu stellen
       hatte. Das  ist so  wahr, daß Menschen, die als Ausbeuter der Ar-
       beiterklasse betrachtet werden, in die Kirche gehen, in guten Be-
       ziehungen zu ihrem Pfarrer und ihrem Bischof stehen und sogar als
       beispielhafte Katholiken gelten können, ohne daß sie von der Kir-
       che kritisiert werden.
       Der Christ, der im Betrieb oder in einer Werkstatt arbeitet, kann
       die Dinge  nicht mehr  auf diese  Weise sehen, da die Beziehungen
       zwischen den  Menschen in der Produktion wahrhafter und entschei-
       dender sind  als jene,  die auf  der Straße, in einem Wohnviertel
       oder in einer Pfarrei hergestellt werden. Und wenn der Christ mit
       jenen lebt,  aus denen  man "Befürsorgte"  oder  "soziale  Fälle"
       macht, ist er in der Lage, zu beurteilen, wie sehr diese Form der
       Nächstenliebe ein Hohn ist. Sie ist im allgemeinen nicht mehr als
       ein warmer  Umschlag auf einer tiefen Wunde, eine nutzlose Geste,
       um das  gute Gewissen  des Wohltäters in Frieden ruhen zu lassen.
       Noch schlimmer,  sie ist ein wirkliches Alibi, eine heuchlerische
       Form, das  Elend zu  rechtfertigen, das erhalten wird, um zu ver-
       hindern, daß  die alten  Ungerechtigkeiten bekämpft  werden.  Das
       Volk weiß  sehr wohl, daß die großartigen Einrichtungen der Barm-
       herzigkeit auf  der Grundlage der großen sozialen Ungerechtigkei-
       ten entstehen und existieren, und auch, daß diese letzteren durch
       die großen  Revolutionen beseitigt  werden. Die Erfahrung hat dem
       Volk seit langem gezeigt, daß sich Ausbeuter und Wohltäter gegen-
       seitig ergänzen.
       Aber für  jenen, der im Geiste Christi leben will, wird alles von
       dem Augenblick anders, da er selbst in die Welt der Ausgebeuteten
       tritt.
       Seine Barmherzigkeit  äußert sich  zuerst in  einer völligen  und
       rückhaltlosen Teilnahme  an ihrem Leben, ohne anderen ursprüngli-
       chen Impuls  als den  der Liebe:  Man ist  mit ihnen und wie sie,
       weil man sie liebt.
       Und dann,  auf Grund  dieser Liebe  und einer  Achtung, die immer
       größer wird gegenüber jenen edlen und erniedrigten Wesen, verwan-
       delt sich  die Barmherzigkeit  in Zorn,  aber auch  in Aktivität.
       Zorn gegen  jene, die unterdrücken und erniedrigen. Aber auch Ak-
       tivität für  das Proletariat.  damit es  diese Situation ablehnt,
       seine Gegner  haßt, gegen den Fatalismus kämpft und den Kampf, zu
       dem man es zwingt, aufnimmt. Denn lieben heißt auch, von dem, den
       man liebt, viel erwarten: Zuviel Nachsicht ist Verachtung.
       Und auf  diese völlig natürliche Weise sind diese Christen in den
       Klassenkampf getreten  und haben  die anderen  aufgefordert, sich
       ebenfalls anzuschließen. Der Klassenkampf ist ihnen als die wahre
       und tragische  Form der Liebe erschienen, die die Menschen einan-
       der schuldig sind:
       Er ist  Bewährung und  Förderung für  das Proletariat, das er zur
       Einheit, zur  Organisierung, zum  Suchen nach  einer Analyse, Me-
       thode und  Originalität zwingt,  da der  Kampf öfter mit dem Kopf
       als mit  den Fäusten  ausgetragen wird.  So verstanden,  kann der
       Kampf dazu  führen, den  Haß zu  bezwingen, da er sich mehr gegen
       das System als gegen die Menschen richtet; er ist ebenso auch Be-
       währung für  die Aufrichtigkeit  der Bourgeoisie und der Welt der
       Mächtigen, die  "die Ungerechtigkeit  wie das Wasser trinken" und
       letzten Endes  mit gutem  Gewissen und  trotz der Sünde ihre Ruhe
       finden, wenn die Ausgebeuteten schweigen.
       Denkt man  an den  Beginn des  traditionellen Glaubens zurück, so
       war die   A r m u t  vor allem eine innere Haltung des Verzichts,
       die die  Begegnung mit  Gott vorbereitet.  Sie vertrug  sich sehr
       wohl mit den materiellen Reichtümern, und durch den Glauben wurde
       man aufgefordert,  den Reichtum  in gemäßigter Form zu verwenden,
       auch zu  verstehen, sich durch Almosen von ihnen zu trennen, denn
       letzten Endes  bedeutete, einem  Armen etwas zu geben, es Gott zu
       geben. Für  eine Welt  der Gläubigen, die im allgemeinen sehr gut
       lebt, gewinnt  der Arme,  als Zeichen des Verzichts und als Eben-
       bild Christi, eine Art faszinierenden mystischen Wert.
       Und jetzt  kennt der Christ diese Armut in ihrer ganzen Wirklich-
       keit ohne  Romantik. Er  erlebt sie persönlich und sieht, wie sie
       in seiner Umgebung einer ganzen Klasse auferlegt wird.
       Was wird  dann für  ihn das "Selig sind die Armen" mit allen Kom-
       mentaren, die  darauf folgen?  Mehr als  auf jedem anderen Gebiet
       muß er, um eine Antwort darauf zu geben, jetzt auf eine lange Er-
       fahrung des kämpfenden Proletariats hinweisen.
       Er muß sich dann einen der alten Aktivisten ins Gedächtnis rufen,
       der an  sein Lebensende  gelangt ist. Von seiner Jugend an hat er
       gegen das Elend, diesen alten Feind seiner Kindheit, gekämpft; er
       hat mehr Glück und mehr Wohlstand für seine Familie und die ande-
       ren erreichen  wollen. Er verachtet das Geld nicht, denn er weiß,
       daß es schwer zu verdienen ist, und schätzt das Wenige, das er in
       langer Zeit  erwerben konnte, nach seinem richtigen Wert ein. Und
       trotz alldem lebt er als Stiefkind der Gesellschaft: Zwischen dem
       Wert, den  er durch  seine Arbeit  geschaffen hat, und dem Anteil
       der Güter,  den die  Gesellschaft ihm  gewährt, besteht kein Ver-
       hältnis. Warum? Warum waren alle guten Posten nur für die anderen
       vorhanden? Warum  hat man  ihn bei  der Entlohnung fühlen lassen,
       daß er  für den  Betrieb gekauft wurde? Weil er sich in der Zeit,
       die die  anderen dazu  verwendeten, um  Reichtümer anzukaufen, in
       den Dienst  seiner Mitmenschen  stellte. Aber  auch deshalb, weil
       er, oft vor die Wahl zwischen seiner Aktivität als Funktionär und
       einer persönlichen  Förderung gestellt,  die er  auf Grund seiner
       Fähigkeit erreichen hätte können oder die man ihm anbot, um seine
       Aktivität lahmzulegen,  sich immer  zum Opfer  entschloß. Er, der
       gern reich  und gebildet  gewesen wäre,  der ein eigenes Haus ge-
       wünscht hätte,  der reisen  wollte, beendet  sein Leben als armer
       Mann in  einer Armut,  die er  nicht wollte, sondern die eine di-
       rekte Folge seiner Nächstenliebe war.
       Diese Armut, die aus der Forderung der Barmherzigkeit und der Ge-
       rechtigkeit entstanden  ist, akzeptiert  der Christ für sich. Das
       Leben und  der Tod Christi waren nichts anderes. Die Kirche steht
       nicht mehr  allein da mit ihren Heiligen und Märtyrern, um an das
       große Beispiel zu erinnern.
       Das gleiche  gilt für  die   D e m u t.   So wie sie dem Christen
       dargestellt wurde,  bestand sie in der Pflege der Bescheidenheit.
       Praktisch war sie eine Tugend der Mächtigen, der Luxus eines Men-
       schen, der  sich nicht  zu sehr  von der  Wirklichkeit  entfernen
       wollte.
       Ganz anders steht es aber für jenen, der von früh bis abends, von
       der Jugend  bis zu seinem Tode Demütigungen ausgesetzt ist. Gede-
       mütigt ist er schon durch seine Lebensbedingungen: Für den Unter-
       nehmer ist  er nur ein Arbeiter, der leichter zu ersetzen ist als
       eine Maschine,  und sein  Schicksal ist  das einer ganzen Klasse.
       Nichts scheint  ihm notwendiger,  als diesen  Männern ihren Stolz
       als Menschen wiederzugeben.
       Aber in  diesem Kampf lernt er eine neue Form der Demütigung ken-
       nen. Für  seine Kameraden ist er nichts anderes als einer von ih-
       nen. Man  beurteilt ihn vor allem nach der Wirksamkeit seiner Ar-
       beit, die  er in den gemeinsamen Organisationen leistet. Nicht er
       entscheidet, sondern alle Arbeiter gemeinsam. Er wird ständig zu-
       rechtgewiesen auf  seinem Posten.  Die Demütigung besteht für ihn
       darin, diese  demokratische Disziplin  zu akzeptieren, diese Kon-
       trolle der  anderen als normal zu empfinden und sie sogar zu lie-
       ben.
       Er bleibt  ein Christ. Er stellt sogar fest, daß sein Glaube sich
       in dieser  Auseinandersetzung gefestigt  hat. Er  hat das Bewußt-
       sein, dem  treu geblieben  zu sein,  was in  der Kirche wahr ist.
       Aber wird ihm auf diese Weise die Kirche, die er sieht, nicht als
       eine Welt  erscheinen, die  außerhalb der  Welt steht,  in der er
       lebt?
                                    *
       Die Arbeiter  stellen mit  Interesse eine gewisse Entwicklung der
       sozialen Einstellung der Kirche fest, eine Entwicklung, die übri-
       gens verspätet  und unter  dem Druck  der Völker  vor sich  geht.
       Trifft sie den Kern der Probleme?
       Die Männer der Kirche sind der Meinung, daß die Ungerechtigkeiten
       Zufälle sind,  die nur von Mißbräuchen abhängen, und daß sie auch
       beim Fortbestehen  des Systems  korrigiert werden können. Die Ar-
       beiterfunktionäre finden  in dieser  Einstellung nicht  ihr Ideal
       und ihren  Willen nach Befreiung des Menschen. Die Bischöfe haben
       zum Beispiel seit einiger Zeit Verständnis für zwei Arten der so-
       zialen Krise gezeigt: für Streiks und Entlassungen. Sie haben Er-
       klärungen abgegeben, die sich jedoch im allgemeinen auf folgendes
       beschränken: sie haben Mitleid, sie rufen zur Versöhnung auf. We-
       der sehen sie, daß diese Krisen nur ein sichtbarer Ausdruck eines
       von Grund auf unmenschlichen Systems sind, noch sagen sie es.
       Es gab  jedoch auch  lokale Streiks  und Arbeiteraktionen, wo die
       Kirche geholfen hat. Die katholische Presse und Propaganda verab-
       säumt es  nicht, dies  jedesmal hervorzuheben, und viele Christen
       freuen sich  darüber, als  ob die  Arbeiter auf  diese Weise  dem
       Glauben näher  kämen. Gewiß, da die Kirche gegenwärtig eine poli-
       tische und  gesellschaftliche Kraft ist und es noch lange bleiben
       wird, verstehen  wir den  Wunsch der  Arbeiterorganisationen, sie
       dazu zu  bringen, daß  sie für  die Ziele  der Arbeiter  Stellung
       nimmt. Wir  verstehen auch,  daß die  Kirche, die  über einen  so
       großen Einfluß  verfügt, sich verpflichtet fühlt, ihn manchmal in
       den Dienst  der Arbeiterklasse  zu stellen.  Aber wenn  sie  ein-
       greift, handelt  sie noch immer als eine Macht, die die Arbeiter-
       klasse von  außen und zur Erreichung von Zielen, die nicht gerade
       ideeller Art sind, unterstützt.
       Uns erscheint  es aber  unmöglich, zu  hoffen, daß  die Arbeiter-
       klasse die  Botschaft Jesu  Christi verstehen  kann, solange  die
       Kirche faktisch auf Grund ihrer Reichtümer, ihrer Organisationen,
       der Stellung ihrer Gläubigen eine Macht dieser Welt bleiben wird.
       Diese Macht  werden die Arbeiter entweder bekämpfen oder vorüber-
       gehend ausnützen: sie werden durch sie nicht bekehrt werden.
       Ist die  Kirche eine Predigt Gottes, wenn sie Sicherheit und Mit-
       tel anderswo  als in  Ihm sucht? Ist das Evangelium die Gute Bot-
       schaft, wenn  es seine  Überzeugungskraft anderswo  als  in  sich
       selbst finden soll?
       Noch mehr,  der Wunsch  der Kirche, das Leben der Menschen zu be-
       einflussen, erregt  ihr Mißtrauen.  Hingegen würde die Ablehnung,
       einen Einfluß  weltlicher Art auszuüben und die Mittel hierfür zu
       besitzen, diesen  unwiderlegbaren Beweis für die völlige Uneigen-
       nützigkeit erbringen, die die Welt braucht.
       Man spricht  viel darüber,  daß die  Kirche arm sein muß. Aber es
       geht nicht  darum, daß  sie nur  den äußeren Schein des Reichtums
       verliert (Luxus,  Lebensweise der  Bischöfe, des  Klerus und  der
       Geistlichen), sondern darum, die Armut wirklich zu wollen.
       A l l e s,   w a s    d e r    K i r c h e    M a c h t    v e r-
       l e i h t,   i s t  e i n  F a k t o r  d e s  A t h e i s m u s.
       Nach diesen 17 Jahren manueller Arbeit und Teilnahme an dem Kampf
       der Arbeiter  sind wir  der Meinung,  daß die  erste Pflicht  der
       Kirche gegenüber  den Arbeitern vor allem darin besteht,  e i n e
       Tatsache zu  kennen:  das  Vorhandensein  eines  Bewußtseins  der
       Arbeiter, ein  Bewußtsein, das eine steigende Anzahl von Menschen
       besitzt.  Das   ist  keine   künstliche  Schöpfung,  sondern  das
       übereinstimmende Ergebnis  einer  menschlichen  Anstrengung,  die
       Situation, in  der man  lebt, zu  verstehen und  zu verändern. Im
       Besitze einer  mehr als hundert Jahre alten Tradition an Kämpfen,
       Erfahrungen, Siegen  und Niederlagen  hat die Arbeiterschaft ihre
       Ziele und  ihre Instrumente  festgelegt und  bietet einen  echten
       Humanismus, der  heute imstande  ist, die  Hirne und  Herzen  von
       Millionen   Menschen   anzusprechen   und   ihre   Energien   zu-
       sammenzuschweißen. Diese Kraft befindet sich im Vormarsch und hat
       noch nicht  alle ihre Möglichkeiten erschöpft; sie stellt für die
       Kirche eine  neue Erscheinung  dar, für die sie in der Vergangen-
       heit kein Gleichnis finden kann.
       Deshalb ist es notwendig, diese Wirklichkeit zu kennen, zu akzep-
       tieren, zu  versuchen, sie  zu verstehen, ihre tiefen Beweggründe
       zu erfassen  und ohne jedes Vorurteil herauszufinden, was sie be-
       seelt: ein Wille nach Gerechtigkeit und der Sinn für den Wert des
       Menschen. Das  erfordert von  der Kirche  eine Haltung  des  Ver-
       zichts, der  Bereitwilligkeit und  der Aufmerksamkeit.  Diese Art
       Demut gegenüber  Menschen, die  ihr Schicksal in ihre eigene Hand
       genommen haben und denen sie dieses Recht zubilligt, wird ihr er-
       möglichen, in den Bemühungen dieser Menschen den Geist Christi am
       Werk zu  entdecken. Sie  wird es ihr auch ermöglichen, zu verste-
       hen, daß  die Kenntnis  Gottes für diese Menschen nur aus dem Be-
       wußtsein über  den Wert  des Menschen  und den Kampf, den sie zur
       Hebung dieses  Wertes führen,  entstehen kann.  Der Glaube muß im
       Herzen der dynamischen Arbeiterklasse keimen, um echte Wurzeln zu
       schlagen.
       Die Arbeiter  brauchen die Kirche nicht als Führer oder Verbünde-
       ten. Aber  in dem Ausmaß, in dem die Kirche bereit sein wird, als
       Macht zu verschwinden, kann sie ihnen den tieferen Sinn der Werte
       enthüllen, für die sie leben.
       Wenn der Samen nicht in die Erde fällt und dort stirbt...
       
       Eine Gruppe  von Arbeiterpriestern,  die bei der Arbeit geblieben
       sind.
       

       zurück