Quelle: Blätter 1965 Heft 04 (April)


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       und beim gleichnamigen Verlag bezogen werden kann. Näheres siehe
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       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Egbert Hoehl
       
       DAS ORAKEL VON WILFINGEN
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       Zu Ernst Jüngers 70. Geburtstag
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       "Jünger, Ernst  (29.3.1895), nach  dem zweiten  Weltkrieg leiden-
       schaftlich  umstritten,   hat  unerbittlich  Grunderlebnisse  und
       -empfindungen der  Menschen seiner Zeit in dichterischen und den-
       kerischen Werken  fixiert." Franz  Lennartz in  "Deutsche Dichter
       und Schriftsteller unserer Zeit" (Kröner Verlag).
       "Jünger ist zuerst und vor allem ein Mann der denkenden Ordnung."
       Paul Fechter in "Geschichte der deutschen Literatur" (SM-Bücher).
       "In seinem  Bemühen um die phil. Analyse der Zeit wechselt Jünger
       immer wieder  seinen geistigen  Standpunkt." Meyers Handbuch über
       die Literatur (Bibliographisches Institut, Mannheim).
       "Jünger, Ernst  (1895 zu Heidelberg geb.): Vertreter eines heroi-
       schen Realismus  im Kampf gegen den Leviathan des Kollektivs, des
       Terrors. Bekämpfer  des chaotischen  Unbewußten aus  höchster Be-
       wußtheit, in  stets 'großer  Haltung'."  Hermann  Pongs  in  "Das
       kleine Lexikon  der Weltliteratur" (Union Deutsche Verlagsgesell-
       schaft).
       "Die korrekte  Langeweile". Titel  einer Betrachtung über Jüngers
       Prosa in "Der junge Buchhandel" Nr. 4/1959.
       "Die Albgemeinde  Wilfingen hat  ... Ernst  Jünger ...  aus Anlaß
       seines 65.  Geburtstages ...  die Ehrenbürgerrechte verliehen. An
       der 'Vorfeier'  nahm auch  der  Oberbefehlshaber  der  NATO-Land-
       streitkräfte in  Mitteleuropa, General Dr. Hans Speidel, teil ...
       Speidel hatte  als alter  'Jüngerleser' im  Zweiten Weltkrieg den
       Dichter in  seinen Stab  geholt ... Der Kulturkreis im Bundesver-
       band der deutschen Industrie überreichte dem Dichter Ernst Jünger
       einen Geldbetrag als Ehrengabe." "Mannheimer Morgen", 29.3.1960.
       "Inzwischen hat  über Jüngers  Weiterleben und  seine  Wirkungen,
       samt allen  daraus resultierenden  praktischen Folgen, allein die
       Qualität und Substanz seines Werkes zu entscheiden, nicht im min-
       desten aber die Frage, wieviel er mit dem Nazismus zu tun hatte."
       Joachim Günther in "Christ und Welt", 18.5.1962.
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       ...
       "Anspruch auf  Autorität, ohne daß diese sich durch Verantwortung
       oder Tat  zu legitimieren brauchte; ein Sichgefallen in Heroismus
       ohne Frage  nach dessen Sinn; Gleichgültigkeit und Kälte vor men-
       schlichem Leiden  und eine  Selbsteinschätzung und Wertung an der
       Grenze des  geschmacklich Einwandfreien...  Nichts hat  zu nichts
       eine Relation,  sämtliche Kriterien  sind ausgelöscht,  hinwegge-
       fegt, der  Mensch hängt  in der  Luft, frei  von allen Bindungen,
       frei von  Verantwortung, für  das Verbrechen  frei. Frei auch für
       die Unschuld: Man tut etwas und weiß es gar nicht; ... die andern
       haben es  gemacht, sind dafür verantwortlich, die da draußen, die
       drüben, die Russen, die Kommunisten, die Defaitisten, Humanisten,
       Neutralisten, Kapitalisten, Pazifisten, aber man selber war nicht
       dabei, ist nie dabeigewesen..."
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       "Wenn überhaupt  jemand in Deutschland heute das Format für einen
       'Schriftsteller im  Sinne des  Nobelstatuts' abgibt...,  dann nur
       Ernst Jünger und nach ihm eine ganze Weile niemand."
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       "Wie lebte  ein deutscher  Offizier, der  mit dem  Regime auf ge-
       spanntem Fuß  stand, im  besetzten Paris vom Februar 1941 bis zum
       August 1944?"
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       "...obwohl ich  in diesem  Zweiten Weltkrieg zum größten Teil von
       den Kulissen  des Komforts umgeben bin, lebe ich doch in größerer
       Gefährdung als während der Somme- oder der Flandernschlacht."
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       ...
       de Mendelssohn:  "Für den  Komfort finden  sich reichlich Belege,
       für die  Gefährdung nur  gelegentliche vage  Andeutungen. (Es ist
       nicht meine  Schuld, wenn  ich nicht  alle gefunden habe!) Jünger
       wird im  Juni 1941 auf Veranlassung Speidels dem Stab des Oberbe-
       fehlshabers (v.  Stülpnagel) zugeteilt und bleibt bei ihm bis zur
       Auflösung des Stabes im August 1944. Von seiner Tätigkeit berich-
       tet er  so gut  wie nichts...  'außerdienstlich'  sehen  wir  den
       Hauptmann Jünger  fast zu allen Tageszeiten in Paris und Umgebung
       spazieren gehen,  Besuche und  Einkäufe machen, Studien aller Art
       treiben, in  Museen, Kirchen,  bei Freunden,  in  Antiquitätenge-
       schäften - ein Flaneur in der Welt des Angenehmen und Schönen ...
       von einer noch so losen Verbindung dieses deutschen Hitlergegners
       par   excellence    mit   der    intellektuellen    französischen
       'resistance', und  bestünde sie auch nur in einer Sympathie-Äuße-
       rung, finde  ich keine Spur. Wohl aber verschiedene Eintragungen,
       aus denen  hervorzugehen scheint, daß Jünger nicht nur mit dieser
       Widerstandsbewegung nichts anzufangen wußte, daß er sie überhaupt
       nicht begriff, ja, daß sie ihm im Grunde recht zuwider war..."
       ...
       ...
       "-Alarme, Überfliegungen.  Vom hohen  Dache des  Raphael sah ich,
       ... es handelt sich um Angriffe auf die Flußbrücken. Beim zweiten
       Male, bei  Sonnenuntergang, hielt  ich ein Glas Burgunder, in dem
       Erdbeeren schwammen,  in der Hand. Die Stadt mit ihren roten Tür-
       men und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Blüten-
       kelch, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird."
       "Derlei", folgert  de Mendelssohn,  "schreiben  schriftstellernde
       Soldaten, nicht  aber Schriftsteller,  die gegen ihren Willen und
       ihr Temperament  in einer  Uniform stecken  ... wiewohl er versi-
       chert, er habe den Krieg als Lebensform überwunden, ... hängt die
       militärische Terminologie  gleich zerfetzten Segeln noch an allen
       seinen Masten ..."
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       ...
       "Die Katastrophe  hat ihren  Platz und  ihre Aufgabe in der Welt.
       Sie ist nicht nur ein Zeichen dafür, daß die Ordnung gestört ist,
       sondern auch dafür, daß sie sich wiederherstellen will..."
       ...
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       "Wir stehen in der Mitternacht der Geschichte ... Es ist eine To-
       desstunde, aber auch eine Geburtsstunde. Die Dinge, die wir sehen
       oder zu sehen glauben, haben noch keinen Namen, sind namenlos..."
       ...
       ...
       "Der  Kommandierende  (Heerführer)  ist  daher  meist  einfacher,
       'beschränkter', als sein Chef des Stabes ... Dafür werden Festig-
       keit in  bedrohter Lage,  ausstrahlende Autorität  und väterliche
       Größe (!) von ihm verlangt..."
       ...
       ...
       "Der Unbekannte Soldat ... ist eher Befruchter der Erdmutter..."
       "...der Richter  oder der  Feldherr ... (verfügen) ... auf legale
       Weise über das Leben ..."
       "Aber auch  Mussolini wußte, warum sich sein ungestümer Sinn beim
       Anblick eines Schneegestöbers erheiterte..."
       ...
       ...
       "Mit Recht  hat man  im Rationalismus  (also im Programm der men-
       schlichen Vernunft;  E.H.) von  jeher die  zerstörende Hauptmacht
       gesehen. Er  wirft die  Flutwelle mit  dem leuchtenden  Kamm, der
       kein Gebäude standhält und in der sich Aufklärung und Wissen ver-
       einigen. Von  hier aus wird der erste Angriff geführt, der innere
       Leere schafft  und  der  Entzauberung,  Entweihung,  Entheiligung
       bringt..."
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