Quelle: Blätter 1965 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       OFFENER BRIEF DES AUSSCHUSSES DER NEW YORKER UNIVERSITÄTEN
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       AN PRÄSIDENT JOHNSON ZUR VIETNAM-FRAGE
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       Wir, als Glieder der akademischen Gemeinschaft, sehen uns gezwun-
       gen, Ihnen, Herr Präsident, gegenüber die derzeitige Vietnampoli-
       tik unserer  Regierung öffentlich  zur Diskussion zu stellen. Wir
       ersuchen Sie,  den gegenwärtigen  Kurs erneut zu prüfen, und dies
       angesichts folgender Tatsachen:
       Wir intervenieren  dort einseitig,  in Unterstützung  einer Folge
       von undemokratischen  Regierungen, die  von der Mehrheit des süd-
       vietnamischen Volkes abgelehnt werden.
       Wir führen  einen unmoralischen und grausamen Krieg, der dem Volk
       von Südvietnam unendliches Leid zugefügt hat.
       Unsere kürzlich durchgeführten Luftangriffe auf Nordvietnam erhö-
       hen die  Gefahr, daß ein lokaler Konflikt sich zu einem Großkrieg
       ausweitet.
       Es ist behauptet worden, daß die Vereinigten Staaten eine von ih-
       rer Bevölkerung  gestütze Regierung  gegen fremde Umsturzversuche
       verteidigen. Wir  behaupten, Herr  Präsident, daß die dem Kongreß
       und der  amerikanischen Öffentlichkeit  verfügbaren Beweise keine
       solche Auslegung des vietnamischen Konflikts erlauben.
       Tatsache ist  vielmehr, daß die USA Regime an der Macht erhalten,
       die vom  Großteil der Landesbevölkerung nicht unterstützt werden.
       Wie soll  man  sonst  eine  Situation  erklären,  in  der  35 000
       Vietcongtruppen ständig an Boden gewinnen, gegenüber einer Regie-
       rungsarmee von 200 000 Mann plus einem Kontingent von 23 000 ame-
       rikanischen "Beratern"? Die Überfälle von Bienhoa und Pleiku sind
       ein untrüglicher  Beweis, daß die Saigoner Regierung nicht einmal
       die Unterstützung  der Bevölkerung in der Nachbarschaft von Bien-
       hoa und Pleiku genießt.
       Wie hat  sich unsere Politik für die Bevölkerung von Vietnam aus-
       gewirkt? Nur  eine kleine  Minderheit profitiert von den 600 Mil-
       lionen Dollar,  die wir  jährlich an Südvietnam gehen lassen. Die
       Bauern von Vietnam werden terrorisiert. Das Land, vor Zeiten eine
       der blühendsten  Regionen von  Südostasien, wird  verwüstet durch
       die Napalmbombardements der Bauerndörfer, durch die hemmungslosen
       Angriffe mit  Flugzeugen amerikanischer  Herkunft, durch die Kon-
       zentrationslager und  Massenverschickungen der  einheimischen Be-
       völkerung. Gefangene  werden in Südvietnam gefoltert. Es ist kaum
       anzunehmen, daß  dies ohne  Mitwissen amerikanischer  Stellen ge-
       schehen kann.
       Welche Wirkung  hat unsere Vietnampolitik auf das Ansehen der USA
       in der  Welt gehabt? Unser Einstehen für diktatorische Militärre-
       gime in  Südvietnam hat die Glaubwürdigkeit unserer immer wieder-
       holten Erklärung,  wonach Nationen ihrer Bestimmung ohne Angriffe
       von außen sollen nachleben können, sehr in Frage gestellt. Obwohl
       wir uns verpflichteten, die Genfer Vereinbarungen von 1954 zu re-
       spektieren, haben wir diese Verträge verletzt, indem wir Südviet-
       nam Truppen  und Waffen  zur Verfügung stellten. Wir haben unsere
       Zustimmung zu  einer internationalen Rechtsordnung verleugnet, da
       wir uns  weigerten, den Streitfall einem internationalen Gremium,
       wie zum Beispiel den Kontrahenten der Genfer Vereinbarungen, oder
       einem der Organe der United Nations zu unterbreiten.
       Unsere Rechtfertigung für die Intervention in Südvietnam war, daß
       wir die  Ausbreitung des  Kommunismus in  Südostasien  verhindern
       müßten. Die  Wirkung unserer  Politik jedoch war, daß wir uns die
       Nachbarländer Vietnams wie unsere Verbündeten entfremdeten.
       Wie die  letzten Ereignisse gezeigt haben, sind die Chancen einer
       Ausweitung des Krieges in Vietnam um so größer, je länger er dau-
       ert. Unsere  Luft- und  Flottenangriffe auf Nordvietnam haben die
       Situation im Süden nur unmerklich verändert, anderseits haben sie
       jedoch die  Gefahr eines  Großkrieges in  Asien und der Anwendung
       von Nuklearwaffen erhöht.
       Nachdem laut  einer kürzlichen Gallup-Umfrage 81 Prozent des ame-
       rikanischen Volkes sich zugunsten einer Konferenz mit den führen-
       den Politikern  Südostasiens und Chinas und für den Versuch einer
       friedlichen Verständigung  aussprachen, müssen wir da unseren ge-
       fährlichen Weg noch weiter gehen?
       Herr Präsident,  wir ersuchen  Sie dringend, eine andere Richtung
       einzuschlagen.
       Wir verlangen,  daß Sie  dem Einsatz  amerikanischer  Männer  und
       Geldmittel im Südvietnamkonflikt ein Ende setzen.
       Wir ersuchen  Sie, alle  Mittel dafür einzusetzen, daß in Vietnam
       eine unabhängige, neutrale Regierung zustande kommt, und die ame-
       rikanischen Truppen zurückzuziehen.
       Wir ersuchen  Sie, die Streitfrage unverzüglich einem internatio-
       nalen Gremium zu unterbreiten und mit unseren einseitigen und il-
       legalen Aktionen Schluß zu machen.
       Wir ersuchen Sie dringend, Herr Präsident, unverzüglich die nöti-
       gen Schritte zu tun, um den Krieg in Südvietnam zu beenden.
       Je länger  wir unsere  jetzige Politik  fortsetzen, um so weniger
       werden uns  andere Möglichkeiten einer Regelung des Konflikts of-
       fen bleiben.
       Von ca. 600 Professoren unterzeichnet und in der "New York Times"
       v. 28.II.65 als Anzeige erschienen.
       

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