Quelle: Blätter 1965 Heft 05 (Mai)


       zurück

       
       Christian Geißler
       
       WIE AUS MITLÄUFERN FREIE MENSCHEN WERDEN KÖNNEN
       ===============================================
       
       Christian Geißler  hat den  "Blättern" den  Text einer Ansprache,
       die er  anläßlich  einer  Sonderaufführung  seines  Fernsehspiels
       "Schlachtvieh" an  der Universität Hamburg hielt, zum Abdruck zur
       Verfügung gestellt. D. Red.
       
       Ich möchte heute hier anläßlich der Wiederaufführung meines Stüc-
       kes "Schlachtvieh" versuchen, zwei Fragen zu klären. Erste Frage:
       Wie wird aus Gesellschaft SCHLACHTVIEH? Zweite Frage: Welche Mit-
       tel gibt es, eine solche Entwicklung zu bremsen?
       Ich gehe  davon aus,  das Durchschnittsalter  heute hier  im Raum
       liegt bei 23. Leute vom Jahrgang 39 bis zum Jahrgang 45 vor allem
       sind jetzt  hier versammelt,  Jahrgänge, über  die man nachdenken
       muß. Ich komme noch darauf zurück. Ich selbst gehöre zum Jahrgang
       1928, habe  also einen  kleinen Vorsprung Ihnen gegenüber. Lassen
       Sie mich bitte, aus diesem Vorsprung heraus, zunächst ein bißchen
       erzählen, eine Geschichte, das Stück einer Geschichte. Jedenfalls
       fängt das vor 33 schon an:
       Ein Mann  ist in einem Wertsystem aufgewachsen, das hoch tönt und
       edel vom Menschen und von der Menschlichkeit. Eines Tages bekommt
       der Mann  den Verdacht,  daß mithilfe dieses Wertsystems Menschen
       um ihre  Chance betrogen werden, klüger zu werden. Der Mann traut
       der von  oben geredeten  Freundlichkeit nicht mehr. Zuviel Trick,
       sagt er, zuviel Hinterhalt, zuviel Geschäft, zuviel Macht von We-
       nigen über  Viele springt  dabei heraus.  Das sieht er. Das fühlt
       er. Das  wird er  jetzt nicht  mehr los. Aber er kommt nicht vor-
       wärts damit,  kommt nicht klar, kriegt das nicht in den Kopf. Das
       plagt ihn. Und noch etwas plagt ihn: Die alten Wertmaßstäbe, bei-
       zeiten verpflichtend ihm eingeredet, haben Gewissensstrukturen in
       dem Mann  aufgebaut. Gegen Gewissensstrukturen den eigenen, unbe-
       holfenen Verdacht  aufrecht erhalten,  das  fordert  persönlichen
       Mut, einen klaren Kopf, und wo einer den nicht aufbringt, da for-
       dert das mindestens dauerhaft Rausch und Wut, wenn man nicht doch
       wieder absacken will in Gleichgültigkeit gegenüber den verdächti-
       gen Werten.
       Der Mann,  von dem  die Rede ist, findet keinen persönlichen Mut.
       Er ist so erzogen. Er möchte Rausch.
       Jetzt taucht  jemand auf, der bietet Wut und Rausch öffentlich an
       mit lauten,  herzlichen Worten,  mit Tränen  der Entrüstung, dro-
       hend, mit  zitternden Backen,  mit erhobener  Faust, ausgestattet
       also mit allen Signen eines herkömmlichen Vaters.
       Wer möchte dem nicht folgen?
       Und der  lärmende Vater  bietet der  Wut und dem Rausch auch noch
       Ziele an.  Er setzt öffentlich Feinde aus, die man ungestraft an-
       spucken, schlagen,  ausrotten darf, - auf die unser Mann all sei-
       nen ungeordneten  Verdacht, all sein zähflüssiges Mißbehagen wer-
       fen darf.
       Der Mann,  ungeübt im Denken, angestopft mit namenloser Verdrieß-
       lichkeit, ist  heilfroh, daß von nun an sein Verdruß Richtung auf
       Namen hat.  Endlich hat  sein Verdacht eine Adresse. Er prüft sie
       nicht nach,  glaubt sie,  hat Hunger nach solchen Sachen. Endlich
       wird seine  Wut Gesetz.  Er prüft es nicht nach, glaubt, hat Hun-
       ger.
       Endlich, sagt  er. Er  richtet sich  auf, denkt,  er richtet sich
       auf, bückt  sich nun  aber erst  recht, verzichtet blindlings auf
       den eigenen  Kopf, will  Köpfe rollen  sehen. Ein  Mann  ist  das
       jetzt, der  Mördern gehorchen  und gleichzeitig  in allem  dummen
       Ernst bei sich glauben wird, das geschehe, damit es endlich eines
       Tages wieder freundlicher und menschlicher in dieser Welt zugehe.
       Das kann  zwar nicht  gehen, aber  schon genießt  er den  Rausch,
       schon sagt  er: lieber tot als weiter so wie bisher. Er gehorcht,
       hält seinen Kopf hin, jahrelang, geht in jede Finsternis, in jede
       Kälte, jahrelang,  dem brüllenden Vater nach, will, daß es anders
       wird auf der Welt -  o d e r  S c h l u ß.
       Aber jeder Rausch läßt mal nach.
       Der Mann wacht auf und hat Blut an den Händen bis an den Hals. Wo
       ist der  Vater, der  ihm damals zugerufen hatte - im Parteilokal,
       in der Montagehalle, von der Kanzel und vom Katheder herab -, das
       alles sei  gut, die Welt werde anders, richtiger sein am Ende? Wo
       sind die  großen Leute,  die Generale, die Hirten, die Chefs, die
       das gesagt  haben? Auf und davon, die ganze Besatzung. In den Tod
       die einen,  in irgendeinen  Aufsichtsrat, in  irgendein südliches
       Farmrevier andere,  und wieder  andere in  eine fromme, weltferne
       Geste der Strenge und der Vergebung.
       Der Mann  sieht sich  nach allen  Seiten um, sieht Trümmer, sieht
       sich allein,  fragt sich:  Kann ich  noch fliehen?  Aber er kommt
       schon vor ein Gericht. Was nun?
       Du hast  gestohlen und  geplündert, sagen sie. Du hast geschunden
       und gequält.  Du hast  dich verkrochen,  wenn um  Hilfe geschrien
       wurde. Du  hast zugelassen,  daß gemordet  wurde. Und du hast ge-
       lacht in all dieser Zeit, als sei das nichts.
       Der Mann schweigt. Er weiß, das stimmt.
       Und du  hast gewollt, daß endlich mal alles anders wird und rich-
       tiger, nicht  wahr? Ja,  würde jetzt  der Mann  antworten. Und er
       würde hören  wollen, was  nun kommt, was nun vielleicht ja kommen
       könnte, zum  Beispiel sowas: Du hast also gewollt, daß alles end-
       lich mal  anders und richtiger wird. Aber du warst verdammt dumm,
       mein Lieber,  hast dich von denen, die sich die Macht geholt hat-
       ten, immer  weiter dumm  und besoffen  halten lassen,  und  jetzt
       sitzt du  drin im  Dreck und jetzt willst du raus. Willst du ver-
       nünftig raus, mit dir selbst, und vorwärts, und lernen?
       Der Mann  wartet darauf, daß  d a s  einer sagt, ehrlich und klar
       und hart zu ihm sagt. Dann will er anfangen, dann will er die Au-
       gen aufmachen und lernen und raus.
       Willst du  vernünftig raus? Aber das fragt ihn keiner. Sie fällen
       vielmehr schon  das Urteil. Entweder Verbrecher und Untermensch -
       oder MITLÄUFER.  Was willst  du? Der Mann zögert. Verbrecher? Un-
       termensch? Das  kann nicht stimmen. Das hatten wir eben erst. Und
       'Mitläufer'? Der  Mann zögert.  Er versucht,  sich genau zu erin-
       nern. War  das denn 'mitlaufen'? Was das einfach nur Hundemanier?
       Einfach böser  Kindergarten? Ich  war doch  mal stolz,  fällt ihm
       ein, hatte  doch mal  was vor.  Ja, ich  hatte was vor. Aber was?
       Mitlaufen? War da nicht noch was?
       Aber da  kommen zu  ihm schon drei große Leute, einer in Schwarz,
       einer in  Uniform, einer  schon wieder im Auto. Und die fangen es
       nun mit  ihm an:  So ihr  nicht werdet  wie die  Kindlein...  Der
       Mensch ist schwach... Dienst und Pflichtentreue sind die Tugenden
       des Mannes... In der Welt habt ihr Angst... Ordnung muß sein...
       Und der Dicke im Auto lästert geschickt: Kommt her, ich will euch
       erquicken.
       Der Mann  zögert. Die  Großen werden  ungeduldig, treiben an. Sie
       brauchen den Mann schon wieder in der eigenen, alten Sache.
       Fängt das  schon wieder  an, denkt  der Mann.  Ohne mich. Diesmal
       ohne mich.  Und er  schreibt das  an die Wände, schmiert das aufs
       Straßenpflaster, hält  das fest  mit seinen verdreckten, verdamm-
       ten, verhungerten Händen: OHNE MICH!
       Bürschlein, du  bist verstockt,  sagen da  die drei  Herren, also
       doch ein Verbrecher, weg mit ihm! Sie drohen. Treiben an. Treiben
       rasch wieder  ein bißchen  Angst ein. Sagen dann aber: Nicht doch
       vielleicht einfach  nur Mitläufer gewesen? Was willst du denn ei-
       gentlich? So war das doch immer. Ohnmacht und Einfalt bei Vielen,
       Macht und  Klugheit bei  Wenigen. Die  Bäume wachsen nicht in den
       Himmel. Gehe in dich!
       Aber sie  w a c h s e n  doch, sagt der Mann.
       Du bist verstockt!
       Aber ich wollte mal was, sagt der Mann.
       Wer wollte was?
       Ich.
       Und wer ist das?
       Ich. Ich wollte mal was.
       Die Drei  lächeln ihn  nachsichtig an.  Nun ja,  mein Lieber,  du
       wolltest mal  was, und  genau das  war dein Fehler, das siehst du
       doch. Komm  also nun  mit, lauf mit, lauf einfach mit, sicher ist
       sicher, sieh  dir deine  verbrannten, blutigen Hände an, hör also
       auf damit, hüte dich, gib  u n s  deine Hände, hab Vertrauen, der
       Mensch ist schwach allzumal und hinfällig von Natur.
       Ja, sagt der Mann, hat Hunger, will Arbeit haben, will vier feste
       Wände und ein sicheres Dach, hat Angst, sagt Ja.
       Mitläufer, komm!
       Ja, sagt  der Mann  und geht  mit, ohnmächtig, beschämt über sich
       selbst, über  das, was  er mal  gewollt hat,  vor allem aber über
       das,   d a ß  er überhaupt mal irgendwann was gewollt und gehofft
       hat, er, der Mann. Aber jetzt  w a r  das ein Mann, jetzt ist das
       zahm, sagt:  Mit uns  kann mans  ja machen, läuft mit, ist dumpf,
       wird treu sein, war mal am Leben.
       Ende der Geschichte vom Mann.
                                    *
       Von was  für einem Mann ist die Rede gewesen? Es ist die Rede ge-
       wesen von  einer Gesellschaft,  die bestanden hat, als Sie, meine
       Damen und  Herren, Ihren  ratlosen und  beschämten Eltern auf dem
       Arm hockten.  Sie haben  sogenannten Mitläufern  auf der Schulter
       gesessen, geplagten,  verschuldeten, im  Stich gelassenen Leuten.
       Bitte versuchen  Sie, sich  vorzustellen, was es für eine Gesell-
       schaft bedeutet,  wenn man  der Mehrzahl ihrer Glieder die Chance
       nimmt, zu begreifen, was geschehen ist und warum, und was nun ge-
       schehen soll und warum. Ihnen die vernünftige Chance wegnimmt da-
       durch, daß  man ihnen en masse den Mitläufer-Status anbietet, sie
       also zu  einer Befreiung verführt, die bezahlt wird mit öffentli-
       cher Entmündigung!
       Das, und  vor allem  das, ist  einer ganzen Generation vor kurzem
       hierzulande passiert.
       Eine ganze Gesellschaft einketten in das Bewußtsein eigener Unzu-
       rechnungsfähigkeit, eine  ganze Gesellschaft  obendrein auch noch
       mit Wohlgefühl  ausstatten angesichts  solcher  Ketten,  das  ist
       zweifellos geschickt gemacht, aber wie geht sowas vor sich? Warum
       wird überhaupt soviel Entmündigung akzeptiert?
       Nun, wie schon geschildert: Den Titel MITLÄUFER kann man nur Leu-
       ten anhängen, die in ihrem Selbstbewußtsein verletzt worden sind.
       Es muß  schon eine  Gesellschaft in  allen ihren Schichten schoc-
       kiert worden  sein, um so ein entwürdigendes Angebot überhaupt zu
       goutieren. Und,  in der Tat, es  w a r  ein Schock, es  w a r e n
       Angst und  Ekel, was da auf uns alle loskam bei der Eröffnung der
       Fakten Auschwitz und Plötzensee, der Fakten Deutsche Generalität,
       Deutsche Gerichtsbarkeit,  Deutsche Wissenschaft, der Fakten Kir-
       che und  Krieg, Industrie und Parteifinanzierung. Plötzlich stand
       das offen vor uns: Fakten der Brutalität, der Dummheit, der Feig-
       heit; Fakten der Angst ganz allgemein bei uns allen. Was war denn
       geschehen?
       Nochmals: Eine  ganze Gesellschaft, damals sagte man vorzugsweise
       irrational EIN  GANZES VOLK, war in Wut und Rausch, in einen Tau-
       mel scheinbaren  Veränderungswillens geraten,  alles mußte anders
       und besser  werden und in Ordnung kommen, koste es, was es wolle.
       Fehlerhaft an  diesem Vorgang war meineserachtens  n i c h t  das
       gesellschaftliche Faktum  des gemeinsamen  Wünschens und Wollens.
       Aber fehlerhaft, weil irrational und magisch und also am Ende ge-
       walttätig und  verbrecherisch, waren die, allenfalls in Wallungen
       und Suggestionen  erlebten,   I n h a l t e  des allgemeinen Wün-
       schens. Das  Wünschen, damals, hatte tatsächlich unerhört taumel-
       hafte, analphabetische  Züge, und  es endete dann ja auch dement-
       sprechend auf  dem Niveau  der sich zerfleischenden Horde.  D a s
       war der  Schock, damals,  als Sie, meine Damen und Herren, anfin-
       gen, die Gesichter von Menschen anzusehen. Ich fürchte, das waren
       sehr erschöpfte,  resignierte, verstellte Gesichter, die die mei-
       sten von  Ihnen in  den ersten Jahren Ihres Lebens gesehen haben.
       Sowas am Anfang sehen, wirkt sich aus. Ich komme später noch ein-
       mal darauf zurück. Fragen wir erstmal weiter:
       Was ist  aus der  schockierten  Nachkriegsgesellschaft  geworden?
       Schon wieder  SCHLACHTVIEH? Kam  denn die Gesellschaft nicht eben
       erst aus  dem Schlachthaus?  Meine Damen und Herren, die Methode,
       nach der soetwas funktioniert, ist schließlich einfacher, als man
       zunächst denkt.  Sie ist  überdies alt. Man findet sie im Urwald,
       und schon  in sehr  frühen Zeiten der Menschheitsgeschichte kommt
       sowas vor.  Das funktioniert  am einzelnen  wie an ganzen Gesell-
       schaften.
       Man nehme, so man die materiellen Machtmittel dazu hat, Menschen,
       ertappe sie  bei ihren  Schwächen, bei Heilsgeschrei, im Zustande
       ratloser Gewalttätigkeit,  also im  Zustande der  Verdummung. Man
       hindere sie  nun, zu lernen, wer, und warum wer sie verdummt hat.
       Man rede  ihnen ein,  Dummheit, Schwäche, Ratlosigkeit und Gewalt
       seien natürliche  bleibende Eigenschaften  der menschlichen  Exi-
       stenz, und  Hoffnung auf eine gründliche Änderung in dieser Sache
       sei Anmaßung,  sei vom  Teufel. Man  verschreibe ihnen  dann  die
       Wechselbäder SPOTT  hier, DROHUNG  dort, und  wenn sie  schreien,
       wenn sie schön tief drinstecken im Selbstekel, dann biete man ih-
       nen den Erlösungstitel vom MITLÄUFER an.
       Sie werden annehmen.
       Die Kraft  des menschlichen Selbstbewußtseins hat Grenzen. Hunger
       und Scham machen schlapp. Volkswagen und Klein-Aktie werden in so
       einer Situation zu Mitteln existentieller Tröstung.
       Haben sie  angenommen, dann  werden sie  in Zukunft zahm sein wie
       Kastraten. Man  hat ihnen  nämlich jetzt  einiges weggeschnitten.
       Weggeschnitten das  Zutrauen zum  eigenen Plan:  Guck dir mal an,
       wie dumm  und gemein  dein Plan  war. Weggeschnitten die Hoffnung
       auf Änderung: Guck dir an, was alles einstürzt, wenn du die alten
       Ordnungen anfaßt.  Weggeschnitten die  Absicht, klüger zu werden:
       Guck dir  an, wie wenig du gewußt hast, Schwachkopf, wie wenig du
       bisher gelernt hast. Weggeschnitten mit alledem das Interesse für
       die öffentliche  Sache, für  den politischen  Bereich  überhaupt:
       Guck dir doch an, wie machtlos du gewesen bist gegen Lüge und Ge-
       meinheit.
       Dieses Register der Einschüchterung und der Verohnmächtigung kann
       noch vervollständigt  werden. Ich  denke  aber,  die  wichtigsten
       Punkte sind ersteinmal genannt.
       Also: Die  materielle Not,  die Ratlosigkeit  und die  natürliche
       Trägheit einer Gesellschaft ausnutzen zum Zwecke der Zerschlagung
       ihrer Möglichkeiten, das ist Aufzucht von SCHLACHTVIEH.
       Soviel zur ersten Frage: Wie wird aus Gesellschaft SCHLACHTVIEH?
       Übrigens: Die uns oft unangenehmen Züge an den hiesigen Leuten im
       Alter zwischen  45 und 65 Jahren, Züge, über die wir Jüngeren und
       Jüngsten gern  spötteln und  lästern, Züge  der Unsicherheit, der
       Sturheit, der  Feigheit, Züge  des reaktionären Anpassungsvergnü-
       gens, erklären sich meineserachtens sehr wohl aus dem verordneten
       Mitläufer-Status von  damals. Erschrockene Leute sind das, in ei-
       nem Rausch  unterbrochen. Das schmerzt. Und dann ohne genaue Auf-
       klärung gelassen, zurückverwiesen in das Bewußtsein eigener Unzu-
       rechnungsfähigkeit,  also   betrogen,  noch   nachträglich,   das
       schmerzt doppelt,  macht uneins mit sich selbst, macht nervös und
       stumm.
       Unser Spott  trifft also geschädigte, lahme Leute. Sehen wir des-
       halb mit  unserem Spott lieber auf uns selbst. An uns liegt jetzt
       viel. Wir  sind keine  Kinder mehr.  Richten an  uns  selbst  die
       Frage:
       Wer hat  Freude an einer derartigen Mißentwicklung? Wem macht so-
       was Spaß?  Wer den  Nutzen hat  in so  einer Sache, dem macht sie
       auch Spaß.  Wer Macht  gewinnt an  so einer  Sache, dem macht sie
       auch Spaß.  Denn die  materiellen Dinge der Macht und des Nutzens
       sind insachen  der Gesellschaft  viel wichtiger,  weil ursächlich
       wirksamer als alle bis eben von mir zitierte Psychologie.
       Also: Wer Macht gewinnt, wer den Nutzen hat: Wer ist das?
       Ich möchte  es mit  der gebotenen  Vorsicht so  formulieren:  Wer
       heimlich was  vorhat mit  Leuten, dem  macht es Spaß, wenn andere
       auf ihr eigenes Vorhaben verzichten. Wer Lust hat auf pure Macht,
       auf das  Zutrauen Aller  auf ihn  allein, dem macht es Spaß, wenn
       einer seinem Nebenmann nichts mehr zutraut.
       Wer Maschinen  sein eigen  nennt, für die man Leute, die über die
       Bedienungsvorschrift  nicht  hinausdenken  wollen,  gut  brauchen
       kann, damit  der Eigentümer  allein den großen Gewinn bekommt aus
       den Maschinen, dem macht es Spaß, wenn einer es aufgibt, in eige-
       ner Sache klüger zu werden.
       Wer über Lust und Leben, Bett und Tisch, Haus und Hof, Ländereien
       und Bänke  von Knieenden verfügt, über ihre Gewissen mithilfe ih-
       rer Angst  vor dem  Tod, dem macht es Spaß, wenn andere ihren Mut
       und ihre Selbstachtung nicht mehr finden und ängstlich bleiben.
       Wer befehlen  will, und  sei es "Zur Verteidigung", den Untergang
       von Städten  und Straßen,  dem macht es Spaß, wenn andere auf Öf-
       fentlichkeit, auf  offene Plätze, auf ihren offenen Platz hier in
       der Stadt verzichten.
       Ich fasse  zusammen: Mitläufer  sind gut  für Mächtige,  die ihre
       Macht nicht  abgeben wollen an alle. Mitläufer werden gemacht un-
       ter der  Wirkung von  Drohung und Lockung. MITLÄUFER, das ist nur
       ein anderes,  ein aus  deutscher politischer  Realität  kommendes
       Wort für das alte Wort SCHLACHTVIEH.
                                    *
       Jetzt möchte  ich von den Mitteln reden, die wir haben, diese ge-
       sellschaftliche Fehlentwicklung zu bremsen.
       Bei diesen Überlegungen möchte ich ausgehen von dem, was ich vor-
       hin ein paarmal 'eine Sache von Bedeutung' genannt habe. Nämlich:
       Daß Sie,  meine Damen  und Herren, ihrem Alter entsprechend, Men-
       schen auf  dem Arm  gesessen haben,  die man zu Mitläufern degra-
       diert hatte.  Daß also  die Gesichter, die Sie zuerst, in den er-
       sten Jahren Ihres Lebens angesehen haben, vor allem Gesichter von
       geplagten, resignierten, erschöpften Leuten gewesen sind.
       Was sich  Kinder am Anfang ansehen, das prägt sich ein, das setzt
       Zeichen, Zeichen,  die eindringen. Aus der Oberfläche der Gesich-
       ter, aus  bestimmten Gesten  und Bewegungen dringt das ein bis in
       die Zentren  der Hoffnung,  des Planens, des Mutes, also genau in
       die den  Menschen bezeichnenden Zentren seiner Kraft, Neues, Küh-
       nes zu versuchen in Freundschaft und Zutrauen, zusammen mit ande-
       ren.
       Wer sich  einmal klar macht, wem Sie am Anfang Ihres Lebens zuge-
       hört, wem  Sie ins  Gesicht gesehen  haben die  ersten Jahre, den
       wundert nicht  mehr, was Ihnen alles verloren gegangen ist. Fragt
       sich aber: Muß das so bleiben? Kann man wiederfinden, was mal ab-
       handen gekommen ist?
       Glücklicherweise, das scheint eine geheimnisvolle Sache beim Men-
       schen zu  sein, ist  es realiter niemals ganz so finster, wie man
       am Anfang meint.
       Eines, allerdings,  steht zunächst einmal fest: Würden die heuti-
       gen Zwanziger,  die sogenannten  twens, tatsächlich von den alten
       Menschen lernen wollen, wie man sich in dieser Welt zurechtzufin-
       den und  was man zu tun hat, dann würden die meisten Resignation,
       Verstocktheit und Leisetreten lernen, Weisheiten einer geschlage-
       nen Generation.
       Aber muß das denn übernommen werden? Ist die Politik, die öffent-
       liche Sache, die Sache der Gesellschaft ein Terrain für Schwätzer
       und Bullen,  bloß weil  abgekämpfte Leute  sagen: Ist  doch alles
       bloß Schwindel, ich habs erlebt -?
       Muß der Mut, neue, politische Möglichkeiten auszudenken, abhanden
       kommen, bloß  weil einer  sagte: Sei nicht blöd, mein Junge, ver-
       brenn Dir nicht auch noch die Finger -?
       Müssen politische  Demonstrationen auf  offener Straße,  Protest-
       texte auf  Pappschildern, unbedingt  Schwachsinn sein,  bloß weil
       eine geschlagene  Generation sagt:  Vor 33  war das genau so, der
       Pöbel geht auf die Straße -?
       Muß der  General denn  recht behalten,  bloß weil erfahrene Leute
       sagen: Komm, mach mit, kriegst sonst nur Scherereien -?
       Vielleicht denkt  jetzt der  eine oder andere von Ihnen: Was soll
       der Quatsch, mit den Alten sind wir längst fertig. Einmal abgese-
       hen davon,  daß so ein Gedanke ja eigentlich von einer sehr unan-
       gemessenen Abfälligkeit  und Hochmütigkeit  gegenüber  den  Alten
       wäre, gegenüber  denen also, von denen wir schließlich herkommen,
       die uns  Essen und Trinken und, so gut sie eben konnten, ihre Ob-
       hut gegeben  haben, - einmal abgesehen also von der doch wohl et-
       was pubertären Leichtfertigkeit eines solchen Gedankens: Wir müs-
       sen tatsächlich,  bevor wir  uns selbständig  nennen, erst einmal
       nachprüfen, ob wir denn wirklich fertig sind mit dem, was die äl-
       tere Generation  falsch gemacht  und falsch gedacht hat, - ob wir
       fertig sind,  das heißt: vernünftiger und mutiger, als sie es wa-
       ren zu ihrer Zeit.
       Ich gebe  zu, etliches, was man so heute sieht in der Uni-Gegend,
       in Gesichtern  und Gesten,  in schönen alten Autos, auf Reisepro-
       spekten, in Arbeitskreisen und Hochglanzzeitschriften, das deutet
       auf Freiheit.  Aber, erlauben  Sie trotzdem  Bedenken, lassen Sie
       uns versuchen, die Sache richtig zu sehen: Unsere schöne, muntere
       private Freiheit  steht, ob  wir wollen  oder nicht, in einem be-
       stimmten, also  bestimmbaren Abhängigkeitsverhältnis zu den Mäch-
       tigen im Lande. Und mit dem Auto, meine Damen und Herren, mit der
       genauen Kenntnis  vom Jazz,  mit dem  linksgehäkelten Backenbart,
       mit blanken  Zeitschriften kommt man den Mächtigen, kommt man dem
       möglicherweise verächtlichen  Programm der  Mächtigen noch  nicht
       unbedingt näher.  Aber wir müssen nah ran, wenn wir nicht einfach
       nur mitlaufen  wollen wie  die Alten,  wenn wir nicht mitgelaufen
       werden wollen, müßte man, dem häßlichen Vorgang entsprechend, ei-
       gentlich sagen.  Wir müssen  nah ran.  LIEBE IM AUTO und WIE VER-
       FÜHRE ICH  MEINEN MANN,  ich fürchte,  diese twen-Themen fixieren
       gelegentlich den  Leser ein  bißchen zu  sehr auf  einen einzigen
       Sektor der Wirklichkeit. Es gibt ja noch einiges mehr, was wir im
       Auge behalten  müssen, damit  die Sache nicht wieder schief geht.
       Und lassen  Sie sich bitte nicht einreden, die Jugend sei nun mal
       so, heiter,  achtlos, ein  bißchen verspielt, ein bißchen opposi-
       tionell, mal ein bißchen linksherum, mal ein bißchen rechtsherum,
       das gibt  sich alles, das schleift sich ab, wir waren schließlich
       auch mal jung, sagt der Vater.
       Wenn er  recht behält mit dieser müden Philosophie, wenn er recht
       behält mit der resignierten Meinung, Freiheitswillen sei eine pu-
       bertäre Phase,  nichts weiter,  dann wird  er schließlich ein un-
       glücklicher Vater sein. Die Kinder haben des Vaters Krankheit er-
       wischt, Mißmut und Ohnmacht und faules Gelächter. Die Mitläuferei
       geht über auf die nächste Generation.
       Nein, meine  Damen und Herren, wenn das stimmt, daß die junge Ge-
       neration heute tatsächlich Witz im Kopf hat und Lust am Leben und
       Vergnügen an  Freiheit, an lebendigen Sachen, am Experiment, wenn
       Sie tatsächlich Lust haben am Knacken von Tabus, am Auslachen von
       Unsinn, -  wenn das alles wirklich da ist, dann fehlt eigentlich,
       um am  Ende nicht  doch noch in die Mitläuferei abzurutschen, nur
       noch eins:
       Die Kenntnis und, wo die schon da ist, die unnachgiebige Kenntnis
       davon, daß  das ganze private Vergnügen, diese schöne, lebendige,
       neugierige Freiheit,  auf die  wir scharf  sind,    b e d r o h t
       ist. Und zwar  n i c h t  von außen, sondern von innen, von innen
       und oben.
       Wo das verstanden worden ist, wo diese Gefahr erkannt worden ist,
       da hört  die Mitläuferei, das Schlachtviehtraben ziemlich schnell
       auf, denn da hat man ja begriffen:
       Die private  Freiheit; mein  persönliches Experiment, auf das ich
       loswill, weil  es mir Spaß macht; meine Neugier, meine ungestörte
       Aufmerksamkeit in  dieser und jener Sache, die mich klüger machen
       wird, die mich voran bringen wird, alles das, was man so das Pri-
       vatleben eines  lebendigen Menschen nennt, hat unmittelbar abhän-
       gig zu  tun mit  der politischen, gesellschaftlichen Wirklichkeit
       draußen.
       Mit anderen  Worten, konkret:  Wer die Zusammenhänge von privatem
       Wunsch und  gesellschaftlicher Wirklichkeit  begriffen  hat,  der
       wird nicht  auf Trettner  pfeifen und  gleichzeitig ganz naiv bei
       der Meinung  bleiben, ein langes, kühnes Leben läge noch vor ihm.
       Ein langes,  kühnes Leben kann, wenn es realistisch zugehen soll,
       gar nicht  gewünscht werden unabhängig von den Wünschen der Mäch-
       tigen hier im Lande.
       Der Luxus,  auf Trettner,  Höcherl und  Springer zu pfeifen, wird
       teuer bezahlt.  In dieser  Sache gibt es hinreichend historisches
       Material. Fragen  Sie Ihren  Herrn Vater.  Nein, fragen  Sie  ihn
       nicht. Er  wird in seiner Ratlosigkeit doch nur antworten können:
       Laß die Finger davon, da kann man nichts machen.
       Aber man  k a n n,  meine Damen und Herren.
       Wenn einem  das eigene  Leben wirklich  teuer ist, wenn man will,
       daß es Spaß macht, dann kann man.
       Die Pläne,  die Wünsche,  die Gedanken  der Mächtigen hierzulande
       sind nämlich  gar nicht  so undurchschaubar, wie man uns mancher-
       orts glauben  machen möchte. Prüfen wir sie also, fragen wir uns,
       wie diese  Pläne und  Wünsche zusammenpassen mit dem vernünftigen
       Wunsch des Einzelnen auf ein langes, menschliches, gescheites Le-
       ben. Prüfen wir nach, was draußen, was oben gewollt wird.
       Das fängt  leise an.  Ein Film kommt in die Kinos, 1964, zum Bei-
       spiel ein  Film mit  dem Titel SIEG IN FRANKREICH. Zugegeben, man
       muß schon sehr müde und abgespannt sein (oder Verdacht haben), um
       sich sowas  mal anzusehen.  Aber - und zahllose Werbetexte nützen
       täglich diese  Tatsache aus  - sehr viele Leute hier bei uns sind
       müde und abgespannt, gehen also nicht in die Kunst-Kinos, sondern
       sehen irgendeinen  Film, z.B.  SIEG IN  FRANKREICH. Und was sehen
       sie da,  Tausende, stundenlang?  Sie lernen  den Krieg  sehen als
       eine Tragödie, als eine unheilbare Krankheit, als ein Naturereig-
       nis. Und,  darüberhinaus dann: Krieg als die Millimeterarbeit von
       tüchtigen Kerlen.
       Wenn nun  machthabende Institutionen  in der Bundesrepublik einen
       solchen Film mit dem Prädikat BESONDERS WERTVOLL auszeichnen, die
       Produktion von  derartigen Filmen  also mit erheblichen öffentli-
       chen Geldern stützen - und machtvolle Institutionen haben das ge-
       tan -, dann, behaupte ich, wird ein Plan deutlich. Ich bitte Sie,
       zu prüfen,  ob das  ein Plan ist, der unseren Wunsch auf ein lan-
       ges, gescheites menschliches Leben gefährdet oder nicht.
       Das geht fast unmerklich weiter: Vertreter der beiden großen Par-
       teien verhindern,  daß in einer bestehenden Fernsehsendung 30 Se-
       kunden Ostermarsch-Bilder gezeigt werden. Bilder also von Leuten,
       die zur  Zeit als  einzige in der Bundesrepublik für Abrüstung in
       Ost und  West und  für eine vernünftige Politik der Verständigung
       auf die Straße gehen. Wenn große Parteien Bilder von solchen Leu-
       ten unterdrücken,  dann, behaupte  ich, wird ein Wunsch deutlich.
       Ich bitte  Sie, zu  prüfen, ob  das ein  Wunsch ist,  der unseren
       Wunsch auf  ein langes,  menschliches, gescheites Leben gefährdet
       oder nicht.
       Das geht  weiter auf  Parteitagen: Ein  alter SPD-Politiker,  Max
       Brauer, warnt im Dezember seine Partei vor der MLF. Aber die Par-
       teitagsversammlung ist  anderer Meinung,  will die Bundestagswahl
       gewinnen, will sich anpassen. An was? Ich behaupte, diese Partei,
       die inzwischen mehr und mehr ihre vernünftigen, menschlichen Tra-
       ditionen verleugnet  aus Angst  vor dauernder Ohnmacht, will sich
       anpassen an  politische Gedankengänge  der Gewalt. Ich bitte Sie,
       zu prüfen,  ob das Gedankengänge sind, die unseren Wunsch auf ein
       langes, menschliches, gescheites Leben gefährden oder nicht.
       Und das  geht weiter, zum Beispiel ganz oben aus den Kanzeln her-
       aus bei  den Hirten:  Ein Bischofsbrief  macht im Dezember 64 die
       Runde gegen SCHAMLOSIGKEIT und UNZUCHT, geht durch fast alle Zei-
       tungen, kommt  über fast jeden Draht. Knöpft die Blusen zu, macht
       endlich das  Nachttischlicht aus. Schön und gut. Ich bin zwar der
       Meinung, daß das Privatsache ist und bleiben soll, aber schön und
       gut ist  das sicher  gemeint. Dennoch ist das wahrscheinlich Heu-
       chelei. Denn  wenn schon  so ein ominöses Wort wie UNZUCHT einge-
       setzt wird,  dann sollte man es in den richtigen Kontext bringen.
       Wenn schon  moralisches Pathos,  wohlfinanziert und also weitver-
       breitet, dann  soll man es ersteinmal richten gegen die offen un-
       moralischen  Pläne  unserer  Mächtigen,  Massenvernichtungsmittel
       einzulagern gegen  lebendige Menschen.  An der  freien Liebe  ist
       noch keine  Gesellschaft zerbrochen, meine Damen und Herren, aber
       sehr wohl an Generalen und gesegneten Kanonen.
       Daß die  kirchlichen Oberhirten diese Tatsache bisher nicht recht
       in den  Blick bekommen, das hängt wahrscheinlich zusammen mit be-
       stimmten Denktraditionen, aufgebaut auf dem Wunsch nach Beibehal-
       tung alter  materieller Macht. Dennoch, auch hier: Ich bitte Sie,
       zu prüfen,  ob das  Denktraditionen sind,  die unseren Wunsch auf
       ein langes, menschliches, gescheites Leben gefährden oder nicht.
       Und nun zu Trettner, dem Generalinspekteur der Bundeswehr. Er hat
       einen Atom-Minen-Plan  vorgelegt. Ich  setze voraus,  Sie kennen,
       dank Weinstein und Augstein, den Plan in seinen wichtigsten Punk-
       ten. Ich behaupte: Dieser Trettner-Plan zeigt, wie kaum jemals in
       der Geschichte zuvor ein militärischer Plan es gezeigt hat, offen
       und öffentlich,  wie die  Lust am Tod jeder militärischen Uniform
       den letzten  Halt und  Sitz gibt. Vorwärtsverteidigungspathos und
       buchstäblich todmüde  Resignation werden als Synonymbegriffe end-
       lich für  jedermann deutlich.  Ein Plan ist das, dieser Trettner-
       Plan, von  dem Robert  Jungk in anderem Zusammenhang sagt: "Würde
       eine Einzelperson  Derartiges ausbrüten,  man würde sie für wahn-
       sinnig erklären  und als  öffentliche Gefahr einsperren. Nicht so
       ein Generalstab. Ihm ist es erlaubt, Wahnsinnspläne zu spinnen."
       Fragt sich  aber: Soll  es den  Generalen weiterhin erlaubt sein?
       Ich bitte  Sie, zu prüfen, ob der Trettnerplan unseren Wunsch auf
       ein langes, menschliches, gescheites Leben gefährdet oder nicht.
       Und Axel  Springers Plan?  Im Herbst 64 meint BILD, Seite 1: "Die
       Feinde auf  diesem Weg" (gemeint ist der Weg zur Einheit Deutsch-
       lands) "sitzen  in Moskau,  in Pankow  und leider  auch im Westen
       Deutschlands. Es  sind diejenigen,  die aus  den  verschiedensten
       Gründen die  DDR anerkennen  wollen.  Diese  DDR-Anerkenner  sind
       schlechtere Deutsche als die Russen..."
       Einmal abgesehen  von der Unlogik des letzten Satzes: Meine Damen
       und Herren,  wer verhindern will, daß Leute partnerlich miteinan-
       der reden,  der will verblöden, der will Gewalt. Das ist zwar ein
       dummer Wille,  aber ein Wille mit Macht, Auflage 4 Millionen täg-
       lich. Ich bitte Sie, zu prüfen, ob das ein Wille ist, der unseren
       Wunsch auf  ein langes,  menschliches, gescheites Leben gefährdet
       oder nicht.
       Und was  gibt es sonst noch? Notstandsgesetze. Ich weiß, etliche,
       auch vernünftige  Leute können dieses Wort nicht mehr hören. Den-
       noch: Wer  herausbekommen will, wie aus Gesellschaft SCHLACHTVIEH
       wird, der  muß die  Augen aufmachen.  Und was sieht er da möglich
       werden?  Kontrolle   der  Presse,  Aufhebung  des  Streikrechtes,
       Schutzhaft,  Zivildienst,  Einschränkung  der  Bewegungsfreiheit,
       Einsatz der Bundeswehr gegen sogenannten INNEREN NOTSTAND.
       (Um nur  das Letzte,  den Bundeswehrpassus, aus unserem deutschen
       Erfahrungsschatz zu konkretisieren: Es ist in diesem Zusammenhang
       interessant, sich in Erinnerung zu rufen, in welchen Industriege-
       bieten seinerzeit die reichswehrgesteuerten Freikorps für Ordnung
       gesorgt haben, gegen wen, und für welche Ordnung!)
       Prüfen Sie  bitte nach,  was das  für Pläne, Wünsche und Gedanken
       sind, die da Gesetz werden sollen. Prüfen Sie mit allem Egoismus,
       ja, Egoismus,  das heißt: mit allem persönlichen Ernst, gerichtet
       auf das  eigene Wohl  und Wehe, nach, ob diese Pläne, Wünsche und
       Gedanken der  Mächtigen unseren  Wunsch auf ein langes, menschli-
       ches, gescheites Leben gefährden oder nicht.
       Und   w e n n   diese kommenden Gesetze von Ihnen als eine Gefahr
       erkannt werden  sollten, wenn  Sie erkennen  können, daß mithilfe
       dieser Gesetze  mit dem  freien, vernünftigen Menschen möglicher-
       weise schlecht umgegangen werden wird, dann wehren Sie sich gegen
       diese Gesetze, gemeinsam, organisiert, mit klarem Kopf.
       Schreiben Sie  Flugblätter, gehen  Sie auf die Straße, reisen Sie
       statt nach  Paris diesmal mit Bussen nach Bonn, streiken Sie, tun
       Sie, was Sie jetzt noch tun können.
       Und wenn der Trettner-Plan von Ihnen als eine Gefahr erkannt wer-
       den sollte,  dann wehren sie sich gegen ihn, kämpfen Sie, organi-
       siert, mit  klarem Kopf.  Sagen Sie,  wenn man Sie unter das Kom-
       mando dieses  traurigen Mannes  bringen will: NEIN-mit Selbstmör-
       dern keine gemeinsame Sache.
       Und wenn  Sie eine  große Partei  sehen, die sich anpaßt und also
       ihre wichtigsten  Grundsätze öffentlich  verleugnet, dann  prote-
       stieren Sie, organisieren Sie Ihren Protest, sagen Sie den Leuten
       dieser Partei,  daß sie  die letzte echte demokratische Oppositi-
       onspartei nicht  zuschanden machen  dürfen, wenn  ihnen der Land-
       strich, für  den sie arbeiten, lieb ist. Versuchen Sie öffentlich
       klar zu machen, daß Sie bei einer Wahl eine Partei wählen wollen,
       die Mut und Intelligenz einsetzt für eine neue, vernünftige, men-
       schliche Politik.
       Und wenn  Sie jene Abart der Frömmigkeit antreffen, die Macht ha-
       ben will,  und die darum mit den Mächtigen geht und die Macht von
       Mächtigen segnet,  also eher  noch mit  der Gewalt paktieren wird
       als mit  der Gewaltlosigkeit,  mit der  Liebe, dann  greifen  Sie
       diese falsche  Frömmigkeit an.  Und wenn Sie Christ sind, also an
       die Erlösung  des Menschen  durch die  Liebe Gottes glauben, dann
       greifen Sie  erst recht an, organisiert, mit klarem Kopf, mit der
       Forderung, daß  der, der  von Gott reden will, vom Menschen reden
       soll, damit Gott sein Recht bekommt.
       Und sollten Sie finden, daß Axel C. Springer mit seinen Zeitungen
       die Leute  dumm macht, also ein gefährlicher Mann ist für die Ge-
       sellschaft, dann  lächeln Sie nicht drüberhin, dann verbieten Sie
       sich jedes  großzügige Schulterzucken.  Dann tun Sie, was Sie tun
       können, gegen  die tägliche Verdummung von ganzen Menschenmassen.
       Sagen Sie  diesem mächtigen  Mann in  aller  Öffentlichkeit,  daß
       seine Zeitungen lügen, wenn es darin heißt, daß Deutsche, die mit
       Deutschen realistisch  verhandeln wollen, die Feinde Deutschlands
       sind. Sagen Sie ihm, wer der Feind ist. Wehren Sie sich.
       Wenn Sie  sich nicht  wehren, meine  Damen und  Herren, wenn  Sie
       jetzt nicht  antworten, dann  werden Sie möglicherweise demnächst
       gar nicht mehr gefragt werden. Tun Sie endlich das, was Studenten
       in anderen und meist nur in unterentwickelten Ländern längst tun:
       Protestieren Sie gegen Dummheit und gegen geheime Gewalt.
       Organisieren Sie Ihren Protest mit klarem Kopf.
       An dem Grad des Ernstes und der Aufmerksamkeit, den Sie einsetzen
       für die öffentlichen Dinge hier bei uns, wird man in Zukunft mes-
       sen können  den Grad  des Ernstes und der Aufmerksamkeit, den Sie
       auf sich  selbst richten, auf Ihre eigenen Wünsche, Pläne und Ge-
       danken. Darin,  wie ernst  Sie das öffentliche Leben nehmen, kann
       man erkennen, wie ernst Sie sich selbst nehmen.
       Nur SCHLACHTVIEH übersieht den Metzger.
       

       zurück