Quelle: Blätter 1965 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ÖFFENTLICHE WARNUNG DER HUMANISTISCHEN UNION
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       VOR DER "AKTION SAUBERE LEINWAND"
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       Unter der  Devise des  Kampfes für eine "saubere Leinwand" ist in
       einer Reihe  von Städten  eine Aktion angelaufen, die es sich zum
       Ziel gesetzt  hat, die  Aufführung von Filmen zu unterbinden, die
       bestimmte Bevölkerungsgruppen  für unmoralisch  und sittengefähr-
       dend halten.
       Die Humanistische  Union bestreitet  keiner  dieser  Gruppen  das
       Recht, ihre  Überzeugungen zu  verbreiten und das Urteil und Ver-
       halten möglichst  vieler Bürger  in ihrem  Sinne zu beeinflussen.
       Die Auseinandersetzung  zwischen den verschiedenen Welt- und Men-
       schenbildern ist  das Lebenselement  einer freiheitlichen Gesell-
       schaft. Es  ist jedoch,  wo nicht  die erklärte  Absicht, so  die
       zwangsläufige Konsequenz  der von  der 'Aktion  Saubere Leinwand'
       erhobenen Forderungen,  daß ihre  Auffassung von  Kunst und Moral
       nicht durch Argumente, sondern nur mit Hilfe des Staates durchge-
       setzt werden kann. Die inszenierte 'Volksbewegung' soll Anlaß und
       Material für  einen von  einer Gruppe von CDU/CSU-Bundestagsabge-
       ordneten unterstützten Antrag auf Änderung des Grundgesetzes lie-
       fern. Dieser Antrag sieht vor, die in Artikel 5 garantierte Frei-
       heit von  Kunst und  Wissenschaft zukünftig  an  die  "allgemeine
       sittliche Ordnung"  zu binden.  Eine solche  Einschränkung  würde
       nach dem  Wunsch und Willen der Antragsteller Polizei und Staats-
       anwaltschaft instand  setzen,  alle  künstlerischen  und  wissen-
       schaftlichen Werke  zu verbieten,  die mit  den zur Allgemeinver-
       bindlichkeit erhobenen  Kunst- und Moralvorstellungen der zustän-
       digen Behörden  nicht in  Einklang zu  bringen sind. Es wäre dies
       der Anfang  vom Ende  der Bemühungen,  nach den  Erfahrungen  der
       Jahre 1933  bis 1945  wenigstens im  westlichen Teil Deutschlands
       die Spielregeln  eines freiheitlichen  Kulturstaates heimisch  zu
       machen.
       Die Entscheidung über Bejahung oder Ablehnung einer wissenschaft-
       lichen These oder eines künstlerischen Werkes, über das Anschauen
       oder Nichtanschauen  eines Filmes,  steht in einer demokratischen
       Gesellschaft keiner  staatlichen Instanz  und auch  keiner Unter-
       schriften-Kampagne, sondern allein dem einzelnen mündigen Staats-
       bürder zu.  Für Schutz  der Minderjährigen,  der immer wieder als
       Argument für den Feldzug herhalten muß, ist gerade in der Bundes-
       republik ausreichend gesorgt. Sie zeichnet sich durch eine beson-
       ders strenge  Jugendschutzgesetzgebung aus  und hat  unter  allen
       westlichen Ländern  den höchsten  Prozentsatz von Filmen, die für
       Jugendliche verboten sind.
       Die "Aktion  Saubere Leinwand"  ist der  gefährliche Versuch, aus
       den geschmacklichen und moralischen Neigungen und Abneigungen ei-
       nes Teiles  der Bevölkerung Kapital für eine politische Aktion zu
       schlagen, die  durch einen  Eingriff in die Verfassung unser gei-
       stiges und  kulturelles Leben  einer Gesinnungs-  und Geschmacks-
       gleichschaltung unterwerfen  will, wie sie in autoritär und tota-
       litär regierten  Ländern üblich ist. Die bisher vorliegenden Ver-
       lautbarungen der  Aktion zeigen, daß wir es hier mit einer neuer-
       lichen üblen Mobilisierung des sogenannten "gesunden Volksempfin-
       dens" gegen  das zu tun haben, was die Diktaturen aller Schattie-
       rungen als  "entartete Kunst" und "zersetzende Wissenschaft" dif-
       famieren und verfolgen.
       Die Humanistische  Union hält  ein Gespräch  mit den Befürwortern
       der "Aktion  Saubere Leinwand" nur für sinnvoll, soweit diese un-
       mißverständlich erklären,  daß sie  bei der Diskussion um die zu-
       künftige Entwicklung  der Filmkunst  und Filmindustrie  nur  ihre
       Überzeugung zur  Geltung bringen, nicht aber andere Überzeugungen
       mit Hilfe  von Polizei und Staatsanwaltschaft ausschalten wollen.
       Solange dieser  durch viele Dokumente belegte Verdacht nicht aus-
       geräumt ist,  rufen wir alle politischen, kulturellen und wissen-
       schaftlichen  Institutionen  und  Verbände  und  jeden  einzelnen
       Staatsbürger auf, sich dieser Warnung anzuschließen.
       München, am 11. Juni 1965
       HUMANISTISCHE UNION,  gez.: Prof.  Otto Dix,  Prof. Dr.  Ossip K.
       Flechtheim, Prof.  Dr. Dietrich Goldschmidt, Prof. Dr. D. D. Hel-
       mut Gollwitzer,  Martin Held,  Prof. Dr.  Walter Jens,  Dr. Erich
       Kästner, Helmut  Käutner, Peter  Lühr, Prof.  Dr. Alexander  Mit-
       scherlich, Erwin  Piscator, Prof.  Dr. Ulrich Sonnemann, Dr. Ger-
       hard Szczesny,  Oberlandesgerichtspräsident Dr.  Richard  Schmid,
       Intendant Hans Schweikart, Bernhard Wicki.
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