Quelle: Blätter 1965 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WAS DENKEN UNSERE NACHBARN ÜBER UNS?
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       Im folgenden  Artikel gibt  Dr. A.L.  Constandse, ein prominenter
       niederländischer Historiker,  Journalist und  Spezialist auf  dem
       Gebiet der internationalen Beziehungen, eine Zusammenfassung sei-
       ner Meinung  über die  Haltung der Bundesrepublik in der interna-
       tionalen Politik.  Seine Meinung  ist charakteristisch  für viele
       Niederländer, obwohl sie sich zum Teil vom offiziellen Standpunkt
       der  niederländischen  Regierung  unterscheidet.  Dieser  Artikel
       wurde für Niederländer kurz nach dem Besuch von Königin Elisabeth
       in der  Bundesrepublik geschrieben und wurde erstmalig publiziert
       in einem unabhängigen niederländischen Wochenblatt. D. Red.
       
       Kaum zwei Wochen nach der Gedächtnisfeier der deutschen Kapitula-
       tion von  1945 kam  Königin Elisabeth  von England zu einem offi-
       ziellen Besuch  in die  Bundesrepublik. Frisch  in der Erinnerung
       war noch  das Bild  der Besetzung  der Niederlande  mit all ihren
       barbarischen Erscheinungen.  Und unmittelbar  wurden wir konfron-
       tiert mit  der Tatsache,  daß 55  Millionen Deutsche, die einst -
       und gar  nicht ohne  Begeisterung -  Hitler gedient hatten, schon
       seit zehn  Jahren nicht nur Englands, sondern auch unsere Verbün-
       deten seien.  Die englische  Königin mußte weit in die Geschichte
       zurückgreifen, bis  1813-1815, um ein Beispiel britisch-deutscher
       militärischer Zusammenarbeit zu finden. Was ihre Minister beseelt
       hat, sie  General Blücher  loben zu lassen, der geholfen hat, das
       napoleonische Frankreich  zu besiegen,  ist ebenso rätselhaft wie
       ungeschickt. Das  Schlimmste, was  man in  dieser Periode  machen
       kann, ist die Verherrlichung von deutschen militärischen Leistun-
       gen. Dann noch lieber die zu bekannte Aussage vom "Volke der Den-
       ker, Dichter und Komponisten" oder die merkwürdige Mitteilung der
       Königin, daß  sie schwäbisches  Blut in  ihren Adern habe. Keiner
       erweist nämlich  den Deutschen einen Dienst, wenn er den Eindruck
       erweckt, ihre  militärischen Leistungen  könnten noch  einmal den
       Ausschlag geben zum Besten Europas.
       Ich habe  Verständnis für  die britische  Politik, die  seit 1688
       wiederholt Parallelen zeigte zur niederländischen Politik und ein
       Machtgleichgewicht auf  dem  Kontinent  anstrebte.  Die  Seemacht
       richtet sich gegen den mächtigsten Staat des Kontinents und sucht
       eine Verbindung  mit  Ländern,  die  diesen  dominierenden  Staat
       ebenso fürchten.  Nach diesem  Prinzip haben  sich die Briten der
       Reihe nach  gerichtet gegen  Louis XIV,  Napoleon, den russischen
       Zaren, das  deutsche Reich und die Sowjetunion, um durch Gegenge-
       wicht ein  Gleichgewicht zu  erreichen. Ich  erkenne auch an, daß
       seit undenklichen  Zeiten die Sieger versuchen, den zerschlagenen
       Feind zu  einem Verbündeten  zu machen.  Solange Philosophie  und
       Ethik die Welt nicht regieren, bietet die "balance of power" eine
       Möglichkeit, den  Frieden zu  handhaben. Nach  Waterloo hat  bei-
       spielsweise die  englisch-russische Spannung  bis 1907 angedauert
       und doch nur zu einem lokalen Konflikt geführt, nämlich dem Krim-
       krieg von 1853-1856. Wenn auf der Basis einer Verteilung der Ein-
       flußsphären (heute  an den  beiden Seiten des Eisernen Vorhanges)
       ein "Status  quo" und ein "Modus vivendi", also eine Form von Ko-
       existenz erreicht  werden kann,  so bietet  dies wenigstens  eine
       vorläufige Lösung. Die Frage ist nur, ob diese Konzeption aus der
       Periode der  konventionellen Kriege im Atomzeitalter noch Gültig-
       keit hat.  Aber nicht  nur die  Strategen leben in der Vergangen-
       heit.
       Das vornehmlichste  Bedenken gegen  das Loben deutscher militäri-
       scher Kapazitäten ist, daß die Führer der Bundesrepublik nun eben
       keine Verteidiger  der "balance  of power",  des "Status quo" und
       der "Koexistenz" sind. Und daß der Westen nichts unternommen hat,
       um die  Bundesrepublik zu  zwingen, diese Politik anzunehmen. Die
       "Vitium originis" der Bundesrepublik ist, daß sie schon bei ihrer
       Gründung im Jahre 1949 zu einem Rumpfstaat gemacht wurde mit ter-
       ritorialen Ansprüchen.  Gewiß, ihre Grenzen sind in ihrer Konsti-
       tution genau umschrieben. Wie gut wäre es aber gewesen, zu unter-
       streichen, daß diese Republik ein neuer Staat ist - genau wie die
       ostdeutsche DDR  -, der  nie Krieg  geführt hat,  somit also auch
       kein Friede  geschlossen werden  muß. Und  der in keiner Hinsicht
       die Fortsetzung  des Deutschen  Reiches ist.  Leider ist dies nie
       geschehen. Durch diplomatische Noten und Erklärungen ist die Bun-
       desrepublik zum Erbe des gesamten Reiches erhoben worden. Nur sie
       "dürfte sprechen  im Namen  aller Deutschen".  Obwohl die Bestim-
       mung, daß  West-Berlin 1949 ein Bundesland wurde, durch die west-
       lichen Besatzungsmächte außer Kraft gesetzt ist, tut man in Bonn,
       als ob  dieser Beschluß  der Sieger nur ein Blättchen Papier sei.
       Und nach  den Erklärungen  aller westdeutscher  Parteien (vom 12.
       Mai) verhalten  diese sich  so, als ob es noch das Deutsche Reich
       "de jure" gebe und als ob es nicht durch die bedingungslose Kapi-
       tulation zerschlagen  sei und  als ob die natürlichen Grenzen von
       1937 (was  haben diese aber "Natürliches"?) noch immer Gültigkeit
       hätten. Gewiß,  die Deutschen  wollen verhandeln, aber sie wollen
       dann "ausgehen  von den  Grenzen von  1937", als ob sie den Krieg
       nie verloren hätten.
       Und dies ist nun die kardinale Tatsache, daß die westdeutsche Re-
       gierung und ihre Anhänger den Krieg mental fortsetzen, wenigstens
       gegen die slawischen Völker; daß sie sich am besten gefühlt haben
       in der  Zeit, als Dulles seinen Slogan vom "Roll back" lancierte;
       daß sie  so tun,  als ob  die Russen 1941 die Aggressoren gewesen
       seien und  immer noch  illegal deutsche  Gebiete besetzt hielten;
       und daß  sie mit  dem mühsam erreichten Machtgleichgewicht keinen
       Frieden haben  könnten. Sie  schweigen dann  über die  Leute, die
       meinen, daß der Vertrag von München immer noch gültig sei und daß
       das Sudetenland  immer noch  rechtens zum  Reich gehöre, oder sie
       flüstern, daß das Dritte Reich nie kapituliert habe, weil das die
       Armee gemacht habe und nicht die Regierung.
       Was dies  bedeutet, habe  ich im letzten Jahr erfahren in Gesprä-
       chen mit  jungen Deutschen  zwischen zwanzig  und dreißig Jahren.
       Sie identifizieren  sich mit  dem Reich von 1937 (wenigstens) und
       werfen dem  Westen vor,  nichts zu tun, um dies wieder herzustel-
       len. Wie denn dies zu machen sei, fragte ich. Die NATO hätte doch
       z.B. im August 1961 die Mauer in Berlin zerstören und in den öst-
       lichen Sektor  der Stadt  eindringen können. Ich wies darauf hin,
       daß dies  die gleiche Bedeutung gehabt hätte, als wenn die Russen
       nach West-Berlin  marschieren würden, ein "Casus belli". Dann kam
       die Theorie  des "Roll back": daß die Russen sich so sehr vor ei-
       nem Krieg  fürchten, daß sie sich zurückgezogen hätten! Ich nehme
       wohl an,  daß in  der Bundesrepublik keiner mit normaler Vernunft
       ernsthaft an einen selbstzerstörenden Krieg denkt. Aber die Wahn-
       vorstellung der  Wiedervereinigung (auch  durch Königin Elisabeth
       wieder erwähnt) ist eine psychische Erkrankungserscheinung gewor-
       den, eine in der Geschichte der Deutschen so gefürchtete Form von
       Schizophrenie.
       Früher sprach  man auch  noch von  der "Wiedergutmachung".  Damit
       scheint es  nun in Ordnung zu sein, nachdem die Juden entschädigt
       wurden. Wenn  irgendein Schuldbewußtsein  den slawischen  Völkern
       gegenüber besteht, so ist dessen Verdrängung weitgehend. Man kann
       sich über  die Frage streiten, ob eine kollektive Schuld eine be-
       wußte Realität  sein kann. Aber sie sollte es doch für diejenigen
       sein -  so würde  man denken  -, die sich mit dem Deutschen Reich
       identifizieren und  die sich  für die  Erben halten.  Sie sollten
       sich doch  wenigstens den Polen gegenüber offenbaren. Ich habe es
       nie entdeckt.
       Die westdeutschen Parteien haben in ihren Erklärungen vom 12. Mai
       1965 auch wieder gesagt, daß die "Teilung Deutschlands gefährlich
       ist für Frieden und Sicherheit". Warum? Keiner außer diesen Deut-
       schen sieht  in der  Aufhebung des Reiches eine Gefahr, im Gegen-
       teil. Wer  schafft dann  evtl. eine  solche Gefahr? Die Deutschen
       selbst, eben  ganz ohne  Schamröte! Man  scheint im  Westen abge-
       stumpft gegen so höchst ungewöhnliche Ansprachen und Bedrohungen,
       obwohl kein  Mensch daran  denkt, ein Kriegsrisiko einzugehen, um
       Hitlers bankbrüchiges  Reich wieder herzustellen. Ebenso für nor-
       mal scheint  es erachtet  zu werden, daß 63% der deutschen Männer
       und 76%  der deutschen Frauen gegen eine Fortsetzung der Prozesse
       gegen Kriegsverbrecher  sind, wie eine Untersuchung der öffentli-
       chen Meinung  ergab. In Amsterdam erklärte (am 13. Mai) Dr. Simon
       Wiesenthal, der  Leiter des  jüdischen Dokumentationszentrums  in
       Wien, daß in der Bundesrepublik noch mindestens 75 000 bis 82 000
       Kriegsverbrecher auf  freiem Fuß  sein müßten.  Dies muß eine mä-
       ßige, sehr mäßige Abschätzung sein. Man kann solche Leute z.B. im
       Urlaub in Jugoslawien treffen! Es ist erstaunlich.
       Ich weiß wohl, daß dies manchmal gesagt wird. Aber in der Bundes-
       republik werden bald Wahlen sein, und man kann dann Orgien erwar-
       ten von  nationalistischen Erklärungen  und Forderungen.  Man ge-
       winnt Stimmen damit. Dieses Volk ist nie zur Ruhe gekommen, nicht
       zur Ergebung  in die  Niederlage. Und  im Westen geschieht wieder
       dasselbe wie in Versailles: Der Groll über die Niederlage ist ein
       Hebel für politische Macht. Mit dem Unterschied, daß die Weimarer
       Republik daran  zu Grunde gegangen ist und daß die Bundesrepublik
       davon lebt.
       Zum Glück  gibt es noch einen anderen Unterschied: Daß die Macht-
       verhältnisse damals  den Versuch zur Revanche gefördert haben und
       sie nun  hemmen. Die  Realisierung von  einem neuen  "Drang  nach
       Osten" würde Selbstmord bedeuten.
       Aber wenn  dies so ist, warum ergreifen dann die westlichen Alli-
       ierten nicht  endlich die  Gelegenheit, um deutlich zu sagen, daß
       die Wiedervereinigung  eine nutzlose  Obzession ist? Was fürchtet
       man? Daß  die Barone  vom Ruhrgebiet zum Russen überlaufen? Diese
       warten wohl  mit sehr  viel Geduld darauf, das ist wahr, weil nur
       sie etwas  anbieten könnten, das eine Art von föderativer Wieder-
       vereinigung bringen  könnte. Aber auch dann müßte die Bundesrepu-
       blik die  DDR als  legal anerkennen und auch diplomatische Bezie-
       hungen zu ihr aufnehmen. Und so die Niederlage und das Verschwin-
       den des Reiches anerkennen.
       Ich neige  nicht dazu,  alle Deutschen für gleich zu halten, noch
       West- oder  Ostdeutschland zu meiden, noch eine Schwäche zu haben
       für die  DDR. Wir  haben uns  aber unmittelbar damit zu befassen,
       weil die  Niederlande Mitglied sind in der NATO und der EWG usw.,
       mit der  von der Regierung der Bundesrepublik verkündeten und ge-
       pflegten Mentalität,  die in Europa einen Unruhefaktor darstellt.
       Dies wird nur aufhören, wenn die Fiktion aufgegeben wird, daß das
       alte Reich  "de jure"  noch besteht und daß die Bundesrepublik es
       wieder herstellen  sollte. Sollte  es einmal  soweit kommen, erst
       dann könnte man wieder ohne Furcht und Nebengedanken von den Hel-
       dentaten des Generals Blücher sprechen.
       "De groene Amsterdamer", 29.V.65
       

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