Quelle: Blätter 1965 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       PETITION DES CHRISTLICHEN FRIEDENSDIENSTES
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       AN DIE REGIERUNGEN BEIDER DEUTSCHER STAATEN
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       Der Gedanke  an die  großen Opfer des Zweiten Weltkrieges, beson-
       ders an  die Opfer  der in  ihm  von  amtlicher  deutscher  Seite
       vollzogenen Verbrechen,  die den  Namen des  deutschen Volkes für
       lange Zeit  schwer belasten  - dieser  Gedanke ruft  zugleich die
       Forderung deutscher  Schuldigkeit und Verpflichtung wach, die al-
       len Völkern, besonders den betroffenen gegenüber besteht.
       Die Tatsache,  daß unter  den großen  Weltproblemen das  deutsche
       noch immer  zu den  akutesten und bedrohlichsten gehört und sogar
       eine Schlüsselstellung  unter allen  hat, weil  die beiden  Welt-
       mächte auf  Gedeih und  Verderb darin  verwickelt sind  und  ihre
       Hauptenergien noch  immer nicht  vorwiegend für Entwicklungs- und
       Kulturpolitik, sondern  für Rüstung und gegenseitige Abschreckung
       verwenden, diese  Tatsache legt den Deutschen auch für diese ern-
       ste Gegenwartslage große Verpflichtungen auf, den Frieden so sta-
       bilisieren zu helfen, daß die Probleme des weltweiten Hungers und
       der allgemeinen  Kulturentwicklung nicht auch weiterhin durch die
       Spannungsfaktoren des deutschen Problems in ihrem so unaufschieb-
       baren Lösungsgang  behindert werden.  Es geht  hierbei in der Tat
       darum, daß  das deutsche Volk das Maß seiner Schuld gegenüber der
       Welt nicht noch weiter erhöht.
       Was ist  zu tun?  -: Verhelfen  wir zuerst dem Selbstbestimmungs-
       recht der  Menschheit auf  Frieden und friedliche Entwicklung zum
       Erfolge, stellen  wir unsere,  wie immer  begründeten politischen
       Forderungen nach gerechten Grenzen, nach Anerkennung, nach atoma-
       rer Gleichberechtigung  und dem  alleinigen Vertretungsrecht  für
       Deutschland geraume Zeit zurück, um die dadurch freiwerdenden fi-
       nanziellen und  sozialen Energien  ganz der  Lösung der Hauptpro-
       bleme des  Hungers und  der menschlichen Entwicklung zuwenden und
       zuwenden lassen  zu können.  Bringen  wir  dieses  temporäre  An-
       spruchsopfer für  zehn oder  zwanzig Jahre.  Die Welt wird es uns
       danken und  Nachsicht zu  üben eher  bereit  sein.  Das  bedeutet
       keinen Verzicht auf prinzipielle Positionen, nur die pragmatische
       Zurückstellung von  Forderungen, wodurch sich die gesamte Lage so
       zum Guten  wenden könnte,  daß auch die Ziele und Gegenstände der
       zurückgestellten   politischen    Einzelforderungen,   die   1965
       unerfüllbar sind  und den  Weg in die Zukunft zu verbauen drohen,
       dann nach  zehn oder  zwanzig Jahren  in einem  neuen, der  guten
       Lösung nahen Lichte erscheinen können.
       Wir bitten  darum die  in Deutschland Verantwortlichen und Regie-
       renden, den  von ihnen  so oder so verändert gewünschten jetzigen
       politisch-völkerrechtlichen Zustand  des Landes feierlich erklär-
       termaßen für  zehn oder zwanzig Jahre zu belassen. Wir bitten die
       so fest engagierten Welt- und Großmächte, dafür ihre Schutzgaran-
       tie wie  bisher zu  gewähren, um  die aus  solchem Forderungsstop
       freiwerdenden finanziellen  und sozialen  Kräfte der  so dringend
       notwendigen Besserung der wahren Weltprobleme des Hungers und der
       menschenwürdigen Entwicklung zu widmen.
       Tun wir  diesen Dienst  zugleich als Buße für all das Unfaßliche,
       das an Verbrechen im Namen des deutschen Volkes während des Zwei-
       ten Weltkrieges  geschehen konnte, erfüllen wir ihn auch als Bei-
       trag zur Bewältigung der Vergangenheit.
       In welchen  Formen solche  Verpflichtung oder Versicherung einge-
       gangen wird, ist Sache der Staatsmänner: ob in ein- oder mehrsei-
       tigen  Deklarationen,  ob  in  völkerrechtlichen  Garantien,  die
       Deutschland auch a priori aus jeder Kriegshandlung - insbesondere
       nuklearen -  ausdrücklich ausnehmen:  all das  ist bei  gutem und
       einsichtigem Willen  der Verantwortlichen und Regierenden techni-
       sches Detail, an dem der Friede nicht scheitern darf.
       
       Marianne Albertz; Renate Dörner; Klaus Ehrler, M.A.; Solveig Ehr-
       ler; Christian  Gizewski; Prof. D. Helmut Gollwitzer; Cäcilie Du-
       dopp; Dieter  Hirschfeld;  Jürgen  Horlemann;  Renate  Horlemann;
       Pfarrer Dr.  Manfred Karnetzki; Dipl.-Ing. Manfred Kiemle; Pastor
       Erwin Kruse;  Giselind Lochmann;  Michael Mauke;  Dipl.-Ing. Gerd
       Merrem; Urs Müller-Plantenberg; Helga Pasch; Prof. Dr. Marcel Re-
       ding; Irmhild Schaefer; Dr.-Ing. Johannes Schaefer; Prof. Dr. Ja-
       cob Taubes;  Barbara Weißbach;  Günter Weißbach; Dipl.-Ing. Diet-
       rich Wetzel.
       

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