Quelle: Blätter 1965 Heft 10 (Oktober)


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       DOKUMENTATION ZUM KRIEG IN VIETNAM
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       1. Das Vorspiel: Der erste Indochinakrieg 1947 bis 1954.
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       ...Doch 90  Prozent der  vietnamesischen Bevölkerung  standen auf
       seiten des  Viet-Minh; die  Intellektuellen und Politiker machten
       aus ihren  Sympathien für die Befreiungsbewegung keinen Hehl, und
       selbst die  antikommunistischen Kräfte des Nordens, der Dong-Minh
       und der V.Q.N.N.D., verhielten sich allen Angeboten der Franzosen
       gegenüber reserviert, wenn nicht ganz offen feindselig...
       Gegenüber dem  französischen Expeditionskorps und den vietnamesi-
       schen Hilfstruppen hatten die "Viets" einen entscheidenden Trumpf
       in der Hand: die Unterstützung durch die Bevölkerung...
       Da die  Fortsetzung des  zermürbenden Kampfes die Mittel zu über-
       steigen schien,  welche die  Regierungen in  Paris  bereitstellen
       konnten - oder wollten -, steuerten die Amerikaner nicht nur Geld
       und Kriegsausrüstungen bei; sie kamen auch in immer größerer Zahl
       als Militär- und Zivilberater sowie als Kontrolleure in das Land.
       Diese Tatsache  wurde von  den Franzosen zunächst begrüßt, wirkte
       sich aber  später für  ihre eigene Stellung in Indochina verhäng-
       nisvoll aus...
       1950 hatten  die Vereinigten  Staaten zum erstenmal 500 Millionen
       Dollar für  die Fortsetzung  des Krieges  zur Verfügung gestellt.
       1954 erreichte  die amerikanische  Finanzhilfe den enormen Betrag
       von 1400 Millionen Dollar. Was diese Unterstützung für Frankreich
       bedeutete, geht  daraus hervor,  daß die  Vereinigten Staaten  im
       letzten Jahre  des Krieges  allein achtzig  Prozent der  gesamten
       Kriegsausgaben bestritten, während Frankreich selbst nur zu zwan-
       zig Prozent daran beteiligt war...
       In Washington  wurde allen  Ernstes erwogen, Atombomben gegen die
       Viet-Minh-Armee einzusetzen.  Ein Weltkrieg  würde so fast unver-
       meidlich werden, wenn die Kommunisten vor dieser massiven Drohung
       nicht zurückschreckten und chinesische Truppen den amerikanischen
       Einheiten direkt  entgegentraten. Der  Chef des Vereinigten Gene-
       ralstabs, Admiral  Radford, sprach sich für den Einsatz von Atom-
       bomben aus,  der Armeebefehlshaber, General Ridgway, war dagegen.
       Präsident Eisenhower  neigte der  Ansicht von  Radford zu, wollte
       aber nicht  ohne die  Einwilligung des  Kongresses und der engli-
       schen Regierung  handeln. Der Frieden der Welt hing an einem sei-
       denen Faden, ohne daß dies der Öffentlichkeit recht bewußt wurde.
       Es war letzten Endes das Verdienst der englischen Regierung unter
       Anthony Eden, den Amerikanern am Ostersonntag 1954 ganz eindeutig
       erklärt zu haben, daß Großbritannien - und damit das Commonwealth
       - nicht bereit sei, das selbstmörderische Spiel mit der Abschrec-
       kung mitzumachen,  um Frankreich in Indochina vor einer militäri-
       schen Niederlage zu bewahren.
       Günter Schütze,  Der schmutzige  Krieg, München-Wien  1959, S 48,
       72, 51, 67, 81-82.
       Die internationale Lage ist kritisch. Ganz Südostasien geht einer
       großen Gefahr  entgegen, und wenn Indochina verloren ist, gibt es
       eine Kettenreaktion im ganzen Fernen Osten und in Südostasien.
       Außenminister John Foster Dailes am 6.V.1953.
       Ich glaube  ehrlich, daß  die Militärhilfe  in Indochina, welches
       auch ihre Bedeutung sein möge, keinen Feind besiegen kann, der zu
       gleicher Zeit überall und nirgends ist, der die Unterstützung und
       Sympathie des Volkes genießt.
       John F. Kennedey, Rede im Senat am 6.IV.1954.
       
       2. Der Genfer Waffenstillstand, Juli 1954.
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       1. Teilung des  Landes durch  eine Demarkationslinie  entlang des
       Ben-Hai-Flusses, der  etwa in  Höhe des 17. Breitengrades von We-
       sten nach Osten fließt.
       2. Räumung aller  Gebiete nördlich dieser Linie durch die franzö-
       sischen Truppen  und aller  Gebiete südlich  der Linie  durch die
       Vietminh-Truppen. Beiden  Mächten bleiben  im Gebiet  des Gegners
       für 300  Tage bestimmte  "Umgruppierungszonen" erhalten, in denen
       die Truppen zunächst zusammengezogen werden und in denen sie sich
       bis zum endgültigen Abtransport aufhalten sollen.
       3. Bildung einer  internationalen Kontrollkommission  aus Vertre-
       tern Indiens,  Kanadas und  Polens. Diese  Kommission fällt  ihre
       Entscheidungen durch  Mehrheitsbeschluß, außer in solchen Fällen,
       die zu  einem Wiederaufleben der Kämpfe führen könnten. In diesem
       Fall ist Einstimmigkeit erforderlich.
       4. Abhaltung allgemeiner  Wahlen zwischen  dem Juli  1955 und dem
       Juli 1966. Die interessierten Parteien sollen im Juli 1955 zusam-
       mentreten, um die Wahlen vorzubereiten.
       5. Bildung einer  Kommission  aus  beiden  Parteien,  welche  die
       Feuereinstellung und  die Umgruppierung der Truppen verwirklichen
       und darüber  wachen soll,  daß die  Demarkationslinie respektiert
       wird.
       6. Einstellung der  Einfuhr von Waffen, Munition und Truppen nach
       Vietnam und Verbot von Militärstützpunkten...
       Der amerikanische  Delegationschef Bedell  Smith teilte der Indo-
       chinakonferenz mit,  die USA  schlössen sich der Konferenz-Erklä-
       rung nicht  an, weil Amerika immer die Anschauung vertreten habe,
       daß Völker  berechtigt sind,  ihre eigene  Zukunft selbst zu ent-
       scheiden... Bedell  Smith brachte  in einer einseitigen Erklärung
       zum Ausdruck,  die Vereinigten  Staaten würden die erzielten Ver-
       einbarungen in keiner Weise stören...
       Süddeutsche Zeitung v. 22.VII.1954.
       Als sich  dann der Südvietnam unter Diem weigerte, die Bestimmun-
       gen des Genfer Vertrages zu erfüllen und in Verhandlungen mit dem
       "Partner" im Norden einzutreten, verfügten die Garantiemächte von
       Genf nicht  über genügend  wirksame Mittel, um die Einhaltung der
       eingegangenen Verpflichtungen  zu erzwingen.  Frankreich, das für
       die Durchführung  des Genfer  Abkommens in Südvietnam verantwort-
       lich zeichnen  sollte, sah  sich dazu  außerstande, nachdem seine
       noch im  Lande verbliebenen  Streitkräfte vor  dem Julitermin des
       Jahres 1955  hatten abziehen  müssen. In ganz entscheidendem Maße
       hatten allerdings  die Vereinigten  Staaten das  Regime Diems  in
       seiner Weigerung bekräftigt, überhaupt Wiedervereinigungsverhand-
       lungen zuzulassen. Angesichts dieser amerikanischen Stellungnahme
       beließen es  Paris und London und die Mitglieder der Kontrollkom-
       mission bei  Protesten, die  keinerlei praktische  Wirkung  haben
       konnten.
       Günter Schütze, ibid. S. 87-88.
       
       3. Der Südostasienpakt (SEATO), September 1954.
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       Aber schon drei Monate später erklärte Dulles auf der Manila-Kon-
       ferenz, die  USA würden  und müßten unter allen Umständen an Süd-
       vietnam festhalten, weil diese Region so wie Südkorea von vitaler
       Bedeutung für  die strategische  Position der USA im Fernen Osten
       sei und  nicht verlorengehen dürfe. Die Schutzklausel des Manila-
       Paktes stellte  bereits die  erste formelle Überschreitung der in
       Genf getroffenen  Neutralisierungsverpflichtung dar,  und die In-
       ternationale Kontrollkommission  protestierte pflichtgemäß... Die
       Grundidee Dulles'  war dabei  einfach: Gegenüber dem Norden mußte
       alles getan werden, was dem sich auf Friedensverhältnisse umstel-
       lenden Gegner  den wirtschaftlichen und administrativen Boden un-
       ter den  Füßen wegzog  und sein Land ins Chaos stürzte. So sollte
       er dem  Süden so  unattraktiv wie möglich werden und alle Wieder-
       vereinigungswünsche gefährlich und widersinnig erscheinen lassen.
       Nach Dulles' Berechnungen mußte der so isolierte und boykottierte
       Norden langsam  in seiner  unlösbaren Misere  ersticken.  Hierauf
       würde ein  politischer und vielleicht auch militärischer Gegenzug
       der SEATO  das erste  geglückte  "Roll-back"-Manöver  des  Kalten
       Krieges vollenden.  In Ergänzung dieser Taktik mußte im Süden Pa-
       ris daran  gehindert werden, die Genfer Abkommen auszuführen, vor
       allem die  versprochenen Wahlen abzuhalten, und das konnte am be-
       sten über die Verdrängung Frankreichs erreicht werden. Dulles war
       sich gleichzeitig darüber klar, daß die nationalistische, antiko-
       loniale Stimmungswelle  auch in  Südvietnam weiter so hochschlug,
       daß sich  nur ein  Regime halten  konnte, das sich womöglich noch
       antikolonialer gebärdete  als  die  Vietminh  selbst.  Washington
       regte also  das neugeschaffene Regime Diem an, sich so franzosen-
       feindlich wie  nur möglich  zu geben,  um sich populär zu machen,
       und opferte  ihm hierzu  den Verbündeten.  Der gewünschte  Effekt
       trat ein, als im Juli 1955 Hanoi mit Saigon Kontakt zur Vorberei-
       tung der  Wahlen aufnehmen  wollte. Saigon lehnte jeden, auch nur
       jeden postalischen  Kontakt mit  dem Norden  strikte ab, und Diem
       erklärte schon  im Oktober  des gleichen  Jahres, freie Wahlen in
       Nord und  Süd kämen  auf keinen  Fall in Frage. Nur Blutvergießen
       könne sie erzwingen.
       Hans Henle,  Chinas Schatten  über Südost-Asien, Hamburg 1964, S.
       220, 221-222.
       Unsere Regierung  kann sich  auf keinem  Gebiet durch  den Genfer
       Vertrag, der von ihr nicht unterzeichnet wurde, gebunden betrach-
       ten.
       Präsident Ngo Diem am 9.VIII.1955.
       Parallel zum Aufbau des südostasiatischen Militärblocks richteten
       die Vereinigten  Staaten, sofort  nach dem Waffenstillstand, ihre
       militärischen, wirtschaftlichen,  administrativen Organe  in Süd-
       vietnam ein, ohne den Genfer Vertrag zu berücksichtigen. Schon am
       21. Juli  (1955) hatte  Eisenhower verkündet, daß die Vereinigten
       Staaten durch  diesen Vertrag keineswegs gebunden sind. Die Mili-
       tärmission M.A.A.G., die hätte zurückgezogen werden müssen, wurde
       verstärkt. Die  U.S.O.M. (U.S.  Organization Mission), welche die
       amerikanischen Gelder  verteilte, brachte  ihre Büros  im größten
       Hotel Saigons  unter, und  ihre Berater traten ihren Dienst an in
       den Ministerien Diems. Eine Mission der Universität Michigan wid-
       mete sich  der Erziehung, und im Sicherheitsdienst zeigte Colonel
       Lansdale seine  Talente. Ein  anderer  amerikanischer  Spezialist
       leitete das  Amt der  "Agrarreform". Amerikanische  Staatsmänner,
       Generäle, Kardinäle fuhren zwischen Washington und Saigon hin und
       her, während amerikanische Missionen jeder Art in Eile ihre Zelte
       aufschlugen.
       Nguyen Kien,  Le sud-vietnam  après Dien-Bien-Phu, Paris 1963, S.
       32.
       Nicht nur der Friede in Indochina, sondern im ganzen Fernen Osten
       und in  der ganzen  Welt verlangt  die vollständige Anwendung des
       Genfer Vertrags  durch die  interessierten Parteien  sowie allge-
       meine Wahlen nach den Vorschriften dieses Vertrags.
       Indisch-polnische Regierungserklärung v. 26.VI.1955.
       Der hauptsächliche  Fehler besteht in der Tatsache, daß Herr Diem
       den Genfer  Vertrag nicht  anerkennt, obwohl  er Vorteile  daraus
       wahrnimmt.
       Ministerpräsident Nehru am 29.II.1956.
       Die Vereinigten  Staaten werfen  Kambodscha vor,  der SEATO nicht
       beigetreten zu sein. Das kambodschanische Volk sieht in der SEATO
       einen Militärblock  und in dem Beitritt zu diesem Block eine Ver-
       letzung des Genfer Vertrags.
       Prinz Sihanouk, Staatschef von Kambodscha, am 6.IV.1956.
       Unsere ersten  Anstrengungen verfolgen den Zweck, Vietnam bei der
       Aufrechterhaltung seiner Sicherheitskräfte - umfassend eine regu-
       läre Armee  von 150 000  Mann, eine  mobile Zivilgarde von 45 000
       Mann und lokale Einheiten zum Kampf gegen den Umsturz in den Dör-
       fern -  zu helfen. Wir sind dabei, diesen Kräften Geld und Ausrü-
       stung zu  liefern, und  wir haben die Aufgabe, die vietnamesische
       Armee auszubilden. Wir helfen auch bei der Organisierung, Ausbil-
       dung und Ausrüstung der vietnamesischen Polizei.
       W. Robertson,  US-Unterstaatssekretär der  Abteilung Fernost,  am
       1.VI.1965.
       
       4. Die Diem-Diktatur 1954-1963.
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       Alle diese  Fragen und  Klagen führten immer wieder zu einer Zen-
       tralfigur, um  die in  Südvietnam  das  ganze  öffentliche  Leben
       kreiste. Es  war der Präsident Ngo Dinh Diem. Ngo war Südvietnam.
       Die Amerikaner  hatten ihn dazu gemacht... Kardinal Spellman, der
       Ngo von  Maryknoll her kannte, empfahl ihn an Dulles. Dulles wie-
       derum diktierte Bao Dai Ngos Ernennung zum Ministerpräsidenten im
       Juni 1954,  und Ngo begann mitten in die Genfer Verhandlungen mit
       so saftigen  antifranzösischen Verbal-Breitseiten hineinzufeuern,
       daß die  Amerikaner sofort bereit waren, alles auf seine Karte zu
       setzen...
       Aber fast  zur gleichen  Zeit mit seinem Abstimmungserfolg 1) er-
       ging die Ankündigung, daß der Süden die für Sommer 1956 angesetz-
       ten Wiedervereinigungswahlen verweigere. Das war für die überwäl-
       tigende Mehrheit  der Nation ein furchtbarer Schlag, bedeutete er
       doch nicht  nur die  Zerreißung aller  familiären Bande  zwischen
       Nord und  Süd, sondern  auch die Negierung aller nationalen Hoff-
       nungen und  Wünsche und  die Frustrierung jenes brennenden Anlie-
       gens, für  das Millionen  Vietnamesen jahrelang  gelitten und ge-
       stritten hatten.  Mit einem  Schlag war Ngo in den Augen der Mas-
       sen, wenn nicht ein Verräter, so doch suspekt geworden.
       Hans Henle, ibid. S. 229, 230, 231.
       Diem ist  vor allem ein Mandarin, ein reiner Feudaler. 1954 hatte
       das vietnamesische  Feudalsystem, das  von der Kolonialverwaltung
       am Leben  erhalten worden war, eine gewaltige Krise erlitten. Zum
       erstenmal in  der Geschichte  des Landes war es den "Piraten" ge-
       lungen, den  Großgrundbesitzern den  Boden wegzunehmen, die Nota-
       beln, die  Mandarine zu  verjagen und  in der Nordhälfte Vietnams
       ein neues  Regime zu errichten. Ein großer Teil der nordvietname-
       sischen Feudalen,  mitsamt ihrer  Klientel, folgten dem französi-
       schen Expeditionskorps in den Süden. Alle diese Feudalen stellten
       sich sogleich  unter amerikanischen  Schutz und glaubten, mit der
       allmächtigen Hilfe  der Vereinigten Staaten eines Tages im Norden
       ihr Land und ihre Vorrechte wieder zu bekommen. Im südlichen Teil
       Mittel-Vietnams hatte die Widerstandsbewegung den Boden ebenfalls
       unter die  armen Bauern  verteilt, Volksausschüsse  anstelle  der
       Mandarine und  Notabeln eingesetzt. Nach dem Waffenstillstand wa-
       ren die  Feudalen wieder an die Macht gelangt, als die Volkstrup-
       pen das  Land verließen,  um in den Norden abzuziehen. Die Regie-
       rung Diem ruhte also im wesentlichen auf dieser Klasse von Feuda-
       len, Grundbesitzern, Mandarinen, Notabeln...
       Nguyen Kien, ibid. S. 81-82.
       Das politische Regime Vietnams beruhte seit je nicht auf der Ver-
       waltung durch  Volksvertreter, sondern  durch einen  von  einigen
       aufgeklärten Ministern  umgebenen Herrscher. Diese Konzeption gab
       einst ausgezeichnete  Resultate... Es  wäre wahnsinnig, blind und
       ohne Einschränkung das von den friedfertigen Nationen des Westens
       praktizierte demokratische System übernehmen zu wollen.
       Präsident Ngo Diem am 23.III.1959.
       Alle ehemaligen  Widerständler werden verfolgt, aus den öffentli-
       chen Ämtern  und sogar aus den privaten, dem Regierungsdruck aus-
       gesetzten Unternehmungen  entfernt.  Diems  Truppen  veranstalten
       Säuberungsaktionen wie  mitten im  Krieg, füllen die Konzentrati-
       onslager mit  Tausenden Menschen  an, die  einst in der Vietminh-
       Zone lebten,  geben sich  der Plünderung hin, häufen die Erschie-
       ßungen im Gebiet nahe des 17. Breitengrads. Die politische Dikta-
       tur ist derart, daß sogar mehr oder weniger nuancierte antikommu-
       nistische Meinungen nicht geduldet werden.
       Tribune des Nations, Paris, vom 23.IX.1955.
       Auf die  Nachricht vom Sturz der Diem-Diktatur 2) brachen in ganz
       Südvietnam ungeheure  Freudenkundgebungen aus.  Das  Volk  entlud
       seinen immensen  Haß gegen  die Unterdrücker. Es kam zu spontanen
       Verbrüderungsszenen mit  der Armee.  Nhus 3)  engste Mitarbeiter,
       besonders die Polizeikommandeure, wurden gelyncht oder summarisch
       erschossen. Mit  einem Schlag  barst auch die ganze demokratische
       Fassade, die  die USA um ihren Schützling aufgebaut hatte. Plötz-
       lich erfuhr  das staunende  Asien, daß  in diesem  Vorposten  der
       freien Welt  jahrelang 130 000 Häftlinge in KZs und Bagnos geses-
       sen hatten, daß politische Häftlinge, darunter Frauen und Kinder,
       lebendig begraben, eingemauert, erstickt, gefoltert worden waren,
       daß die  Diems immense  Gelder aufgehäuft  und in  Sicherheit ge-
       bracht hatten.  Man erfuhr,  daß Erzbischof  Tuc, der Verteidiger
       des Christentums  in der Provinz Hue, das Monopol des Holzhandels
       innegehabt hatte,  daß seine  Seminarien durch  die Armee  gebaut
       wurden, daß die Kirchenbehörden die Wohlfahrtspenden aus dem Aus-
       land gegen  Gold und Schmuck verramscht, daß die Reisverteilungen
       nur an  Katholiken und  "Bekehrte" stattgefunden,  daß Tuc selbst
       die Verwendung  von Blasengas gegen demonstrierende buddhistische
       Schulkinder befohlen  hatte -  und das  seit Jahren und unter den
       Augen der  amerikanischen Protektoren.  An der Mitverantwortlich-
       keit der USA an Diems trauriger Bilanz gibt es keinen Zweifel.
       Hans Henle, ibid. S. 293.
       
       5. Die Intervention der Vereinigten Staaten.
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       12.5.1961: Vizepräsident  Lyndon Johnson verspricht der Regierung
       in Saigon zusätzliche militärische Hilfe.
       16.6.1961: US-Beratergruppe  wird von  685 auf  3000 Mann vergrö-
       ßert, darunter sind Spezialisten für den Anti-Guerillakrieg.
       11.10.1961: Präsident  Kennedy entsendet seinen militärischen Be-
       rater, General  Maxwell Taylor (seit 1964 Botschafter in Südviet-
       nam), mit einer Delegation nach Saigon.
       15.11.1961: USA liefern Hubschrauber und alte B 26-Bomber.
       9.2.1962: Vier-Sterne-General Paul D. Harkins übernimmt "US-Mili-
       tärhilfe-Kommando Vietnam".
       15.3.1962: Verteidigungsminister McNamara gibt zu, daß US-Berater
       an Kampfhandlungen  teilnehmen und  US-Piloten Einsätze gegen die
       Vietkong fliegen.  Die US-Soldaten  dürfen nur in Selbstverteidi-
       gung schießen.
       1962/63: Die Zahl der US-Soldaten erhöht sich auf 13 000.
       Februar 1964: Neuer Stand: 16 500 US-Soldaten.
       5.8.1964: US-Flugzeuge  zerstören vier  Torpedoboothäfen in Nord-
       vietnam.
       Herbst 1964:  Bewaffnete US-Aufklärungsflüge  über Laos, Jagdbom-
       bereinsätze gegen Nachschublinien der Vietkong.
       27.12.1964: Erstes "Polaris"-U-Boot im Pazifik. Drei Flugzeugträ-
       ger im Südchinesischen Meer.
       Ende 1964: Neuer Stand: 23 500 US-Soldaten.
       28.1.1965: US-Verluste  seit 1961:  360 Tote, 1546 Verwundete, 19
       Vermißte.
       7. bis  11.2.1965: Erste  Vergeltungsangriffe gegen  militärische
       Ziele in Nordvietnam. "Hawk"-Raketen-Bataillon nach Da Nang.
       Mitte  Februar   1965:  Düsenjäger   und  Bomber   greifen  Viet-
       kong-Stellungen an.
       8.3.1965: 3500 Marine-Infanteristen landen bei Da Nang.
       Munzinger-Archiv, Lieferung 22/1965, S. 9985.
       Die Entscheidung  ist gegen  die Ausweitung des Krieges nach Nor-
       den, auf  das kommunistische  Gebiet Nordvietnams  und möglicher-
       weise Chinas,  gefallen. Das  Stichwort heißt  "Konzentration auf
       Südvietnam" ...  Dies nicht  nur, weil die Operationen eine Welt-
       kriegsgefahr heraufbeschwören  könnten, sondern  weil die Analyse
       der örtlichen Lage, die McNamara jetzt bestätigt fand, den Ratge-
       bern der  Beschränkung recht  gab. Das  Problem wäre, selbst wenn
       amerikanische Eingriffe den kommunistischen Norden Indochinas er-
       obert hätten,  nicht gelöst.  Die antikommunistische  Seite hätte
       trotzdem Südvietnam  verlieren können,  wo der  Kampf  wesentlich
       zwischen Südvietnamesen  stattfindet, wenn  auch die  kommunisti-
       schen Vietkong  von außen  Unterstützung erhalten.  Der Verteidi-
       gungsminister hat  an Ort  und Stelle seine Auffassung bekräftigt
       gefunden, daß es sich um einen politischen Krieg handelt.
       Die Welt v. 19.III.1964.
       Das amerikanische Außenministerium gab am Wochenende ein Weißbuch
       über den Vietnam-Krieg heraus. Es ist dazu bestimmt, die amerika-
       nische Politik  in Südostasien gegen das wachsende internationale
       Drängen nach Verhandlungen zu rechtfertigen. Seine These ist: Der
       Krieg in  Südvietnam ist  kein interner Bürgerkrieg, sondern eine
       von der kommunistischen Regierung in Nordvietnam organisierte und
       gelenkte "getarnte  Aggression zur  Unterwerfung eines souveränen
       Volkes in einem Nachbarstaat".
       Süddeutsche Zeitung v. 1.III.1965.
       Die Legende  eines von Hanoi aus unternommenen Aggressionskrieges
       konnte den Amerikanern dienen, um einen Verantwortlichen für ihre
       Rückschläge zu  entdecken: sie widersteht keiner Prüfung und kann
       weder der Kriegsführung noch der Friedenssuche nützlich sein.
       Le Monde v. 9.IV.1965.
       Man weiß  hier nur  zu gut, daß die These von der "Aggression aus
       dem Norden"  eine Hilfsthese  neueren Datums  ist, man  weiß, daß
       selbst die  Amerikaner unter vier Augen zugeben, daß die Zahl der
       Infiltranten aus  dem Norden im Jahre 1964 geringer war als 1962,
       und man  weiß, daß im gesamten Krieg bisher nur zwanzig nordviet-
       namesische Staatsangehörige in Südvietnam gefangengenommen worden
       sind, der  erste davon im Juli 1964. Man zweifelt hier daran, daß
       es den  Amerikanern gelingen  wird, eine volksnahe und damit auch
       stabile Regierung  in Südvietnam  auf die Beine zu bringen, uner-
       läßliche Voraussetzung einer dauerhaften Lösung...
       Stuttgarter Zeitung v. 23.IV.1965.
       Die Wahrheit  ist, daß  die Vereinigten Staaten nicht hoffen kön-
       nen, einen  theoretisch  im  Namen  des  vietnamesischen  Volkes,
       "Opfer einer ausländischen Aggression", geführten Krieg zu gewin-
       nen, ohne daß dieses Volk ihnen dazu den Auftrag erteilt und sich
       selbst bereit zeigt zu kämpfen.
       Le Monde v. 25. VIII. 1965.
       
       6. Die Opfer.
       -------------
       
       Man erfährt aus vertrauenswürdiger Quelle, daß die Amerikaner und
       Südviamesen Gas im Kampf gegen die Vietkong verwenden. Neben Trä-
       nengas wird  Gas, das Erbrechen und vorübergehende Blindheit her-
       vorruft, über  die Männer  der Befreiungsfront  aus Hubschraubern
       und Flugzeugen  verbreitet. Große Behälter sind unter den Maschi-
       nen angebracht. Manchmal werden Granaten abgeworfen, um Gasschwa-
       den zu verbreiten.
       Le Monde v. 23.III.1965.
       Südvietnamesische Regierungstruppen  haben mit  Hilfe  amerikani-
       scher Ausbilder  diese Woche  zum erstenmal in größtem Ausmaß die
       Kriegstaktik der  "verbrannten Erde"  gegen  die  kommunistischen
       Vietkong-Rebellen  angewandt.  Bei  einer  dreitägigen  Operation
       wurde ein  30 km langer  Landstreifen entlang  des  Vaico-Flusses
       nahe der  kambodschanischen Grenze  verwüstet. Der Fluß und seine
       Ufer bildeten  nach Ansicht  der Regierungstruppen  eine wichtige
       Nachschublinie und  ein Versteck  für Versorgungsdepots der Viet-
       kong. Tiere und Pflanzen wurden bis auf wenige Ausnahmen vernich-
       tet. Die  Haustiere der Bewohner wurden abgestochen und liegenge-
       lassen oder  von den abziehenden Regierungstruppen mitgeschleppt.
       Die evakuierten Dörfer wurden mit 3000 amerikanischen Raketen von
       Hubschraubern bombardiert.  700 Dorfbewohner - Frauen, Kinder und
       alte Leute - wurden aus ihren Häusern vertrieben. Die wehrfähigen
       Männer flüchteten  vor den  anrückenden Regierungstruppen  in den
       Dschungel. Von  den in  dieser Gegend  vermuteten Vietkong wurden
       bei der Operation 25 getötet...
       Süddeutsche Zeitung v. 8.VI.1964.
       532 Flüge  wurden über Vietkong-Basen in Südvietnam an einem ein-
       zigen Tag  ausgeführt. Das  ist eine  Rekordzahl im  Laufe dieses
       Kriegs. Apparate  der drei amerikanischen Flugzeugträger Indepen-
       dence, Oriskany  und Coral-Sea nahmen zum erstenmal an Bombardie-
       rungen teil.  Man nimmt  an, daß die Bombardierungen eine Ausdeh-
       nung und  Intensität erreicht haben, die selbst den Zweiten Welt-
       krieg übertreffen.
       Le Monde v. 5.-6.IX.1965.
       Bei den  Kämpfen in Südvietnam sind nach Angaben der Regierung in
       Saigon allein  im Monat  August 360 000 Menschen obdachlos gewor-
       den. Ein  Regierungssprecher sagte,  die Zahl der Flüchtlinge sei
       jedoch erheblich  niedriger. So  seien im Juli nur 10 000 gezählt
       worden, seit der Ausweitung der Kampfhandlungen steige jedoch de-
       ren Zahl. Die Flüchtlinge würden nach Möglichkeit in Lager einge-
       wiesen und durch ausländische Hilfe versorgt. Amerikanische Stel-
       len äußerten,  daß das Flüchtlingsproblem sehr bedauert werde und
       daß zugleich  alle Anstrengungen  gemacht würden, die Not zu lin-
       dern. Botschafter  Cabot Logde  zeigte selbst  große Anteilnahme,
       Schäden der  Zivilbevölkerung seien  in Kriegszeiten jedoch nicht
       zu verhindern.  Auch Bombenschäden für die Besitzer der landwirt-
       schaftlichen Plantagen  werden eingeräumt. Aber "wir können nicht
       eine Gummiplantage  schonen,  wenn  der  Vietkong  darin  aufmar-
       schiert". Bis  zum Jahresende wird der Krieg den Kautschukertrag,
       den Hauptexportartikel  Südvietnams, nach Schätzungen um mehr als
       die Hälfte senken, auch die Reisernte wird schwer getroffen.
       Süddeutsche Zeitung v. 16.IX.1965.
       Nicht allein  die Professoren drückten ihre Opposition aus. Mitte
       April klagten 350 Schriftsteller und Künstler (unter ihnen Robert
       Lowell, Arthur  Miller, Philip  Roth, William  Styron und  Edmund
       Wilson) die  amerikanische Politik  an. Fast zur gleichen Zeit...
       veröffentlichte ein  interkonfessionelles Komitee in der New York
       Times ein  ganzseitiges Manifest unter dem Titel: "2500 Pastoren,
       Priester und  Rabbiner sagen:  Herr Präsident,  in Gottes  Namen,
       halten Sie  ein!" Sie  erklärten sich  "entsetzt  angesichts  der
       Rolle, die  die Vereinigten  Staaten  in  Vietnam  spielen",  sie
       drückten die Furcht aus, "daß (die Regierungspolitik) das Gottes-
       urteil über unsere Nation bringe".
       Le Monde v. 8.VII.1965.
       In internationaler  Politik bin  ich völlig  unzuständig. Ich ur-
       teile nicht,  ich verdamme nicht, aber ich lese das amtliche Kom-
       muniqué: "Drei  aufeinanderfolgende Wellen  über den Vororten von
       Hanoi. Ziele erreicht. Ein Flugzeug mit fünf Mann gilt als verlu-
       stig." Der  Militärgeistliche des  Flugzeugstützpunktes (oder des
       Flugzeugträgers) wird für die fünf militärischen Opfer einen Got-
       tesdienst abhalten...  Erlauben Sie,  daß ich das gleiche tue für
       die fünftausend  Zivilisten, unschuldige  Opfer dieser Operation?
       Das Kommuniqué  spricht niemals  davon. Die  Zeitungen fast  nie.
       Aber ich  kenne dieses  Delta von Tonking, mit den am meisten be-
       siedelten Reisfeldern  der Welt.  Für eine zerstörte Brücke - und
       die Franzosen kennen aus eigener Erfahrung die Breite der Bomben-
       teppiche -, wieviele ermordete Frauen und Kinder? Strategisch ist
       das ein Erfolg. Menschlich ist es ein Massaker. Christlich ist es
       ein Skandal.  Auf meinem Schreibtisch liegt ein Brief eines alten
       befreundeten Missionars aus Vietnam, der mich drängt zu sprechen,
       sonst wird  das Schweigen  der Christen des Abendlands die schön-
       sten Schemata  des Konzils  zunichte machen.  Denn die armen Men-
       schen der Reisfelder sind jedesmal die Opfer.
       Monsignore Rohain,  Generalsekretär  der  Secours  catholique  in
       Frankreich, Le Monde v. 5.-6.IX.1965.
       Wenn ich  das vorgeschlagen hätte, was Johnson heute in der Domi-
       nikanischen Republik  und Vietnam  macht, dann  hätte man mich an
       den Daumen  aufgehängt. Damals  betrachtete man  mich  als  einen
       Kriegshetzer, mit  dem Finger  am Abzug, weil ich zum großen Teil
       das forderte, was wir heute tun.
       Senator Barry Goldwater am 10.V.1965.
       Daher ist  das Wort  Frieden in unseren Augen das wichtigste Wort
       unserer Sprache  in diesem  Augenblick, und mehr als jedes andere
       Wort beansprucht es unsere Aufmerksamkeit.
       Präsident Johnson am 25.VIII.1965.
       
       7. Krieg oder Frieden?
       ----------------------
       
       Wer glaubt,  daß der Kampf, den wir gegen den Vietkong führen, in
       drei oder  vier Monaten  gewannen oder  verloren werden kann, hat
       nichts begriffen.  Es handelt  sich um  einen langen  Krieg,  der
       zwanzig Jahre dauern kann. Wir brauchten vierzig Jahre, um das zu
       verwirklichen, was wir in den Philippinen geleistet haben.
       Generaloberst Viney,  2.  Kommandeur  der  US-Spezialtruppen,  am
       11.VIII.1964.
       Die Vereinigten  Staaten verfügen  bereits über Pläne zur Zerstö-
       rung militärischer  und industrieller  Ziele, einschließlich  der
       Atomanlagen im  kommunistischen China  im Falle eines allgemeinen
       Konflikts. Diese  Enthüllungen machte General John Lavelle, zwei-
       ter Generalstabschef und Direktor des Raketenprogramms.
       Le Monde v. 27.IV.1965.
       Die Beamten des Verteidigungsministeriums geben zu, daß der Viet-
       namkrieg für die Streitkräfte ein "Kriegslaboratorium" darstellt.
       Man probiert  Taktiken, man bildet Soldaten aus, man prüft Waffen
       in echten  Kämpfen. Das  interessiert die Marine genau so wie die
       Luftwaffe oder das Landheer...
       New York Times v. 4.V.1965.
       Die Südvietnamesen  sind nicht  stark genug,  um den  Krieg  nach
       Nordvietnam zu  tragen. Aber wir haben die Möglichkeit, die Natur
       dieses Krieges zu ändern. Das ist ein folgenschwerer Entschluß...
       Die Frage  einer demokratischen Regierung, so wie wir sie kennen,
       gehört nicht  zu den dringenden Fragen... Wir sind nicht dort un-
       ten, um  für die  Demokratie zu werben... Für mich ist der legale
       Aspekt des Problems am unwichtigsten.
       Cabot Lodge, US-Botschafter in Saigon, U.S. News and World Report
       v. 15.II.1965.
       Die erste  Realität ist, daß Nordvietnam eine unabhängige Nation,
       Südvietnam, angegriffen  hat... Und  das Ziel dieses Angriffs ist
       ein befreundetes Land, demgegenüber wir Verpflichtungen eingegan-
       gen sind... Über diesem Krieg und über ganz Asien lastet eine an-
       dere Realität: der immer drohender werdende Schatten des kommuni-
       stischen Chinas...  Wir handeln  so, um das Vertrauen des mutigen
       südvietnamesischen Volkes  zu stärken... Wir werden nicht nachge-
       ben, wir  werden uns  nicht zurückziehen,  weder offen noch unter
       dem Deckmantel eines wertlosen Vertrags.
       Präsident Johnson am 7.IV.1965.
       Ich hoffe,  daß Präsident  Johnson seine  feste  Stellung  halten
       wird, um  den Kommunismus  zu stoppen... Muß man China bombardie-
       ren? Das hängt von der Lage ab. Man muß zwei Fälle unterscheiden:
       Entweder China  provoziert uns  oder es  provoziert uns  nicht...
       Wenn ich  Präsident wäre,  würde ich  beten, damit  China uns an-
       greift, denn  dann könnten  wir es  bombardieren. Aber ich glaube
       nicht, daß es das tun wird.
       Senator Barry Goldwater am 28.IV.1965.
       Senator Fulbright, Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses,
       sprach sich zugunsten einer Rückkehr zum Genfer Vertrag 1954 aus,
       mit freien  Wahlen, die  unter UNO-Kontrolle stattfinden könnten.
       "Ich glaube, das Resultat wäre ein unabhängiges nationalistisches
       Regime, weil  ich nicht  denke, daß die Vietnamesen unvermeidlich
       für eine Art chinesisches kommunistisches Regime stimmen werden."
       Le Monde v. 7.V.1965.
       Schließlich und  ganz besonders  entfernen  die  Angriffe  (gegen
       Vietnam) die  befreundeten Mächte in Asien, Europa und Afrika von
       uns; sehr wahrscheinlich verstärken sie dort die Opposition. Ver-
       schiedentlich, während  mancher Epochen muskulöser Verirrung, ha-
       ben wir  gedacht, daß wir keine Freunde brauchten, und regelmäßig
       mußten wir entdecken, daß dies unmöglich sei.
       John K.  Galbraith, Professor  in Harvard, ehemaliger Botschafter
       in Indien, Le Monde v. 29.IV.1965.
       Der Generalsekretär  (der UNO) erachtete es für notwendig, in ei-
       ner  Erklärung  seine  Befürchtung  auszudrücken  angesichts  der
       "Gefahr einer  möglichen escalation".  In  seiner  Erklärung  be-
       hauptet U Thant ebenfalls, daß der Konflikt nicht durch militäri-
       sche Methoden  gelöst werden kann und daß das allein gültige Mit-
       tel das  der Verhandlungen  ist. Bei dieser Gelegenheit sprach er
       von der "Wiederbelebung der Genfer Konferenz".
       Le Monde v. 14.-15.II.1965.
       In der  Einleitung zu seinem Jahresbericht forderte Generalsekre-
       tär U Thant wie schon mehrfach während der vergangenen Monate die
       Delegierten auf,  Rotchina in  ihre Reihen zuzulassen. Ohne China
       namentlich zu  nennen, erklärte  der Generalsekretär, daß die Si-
       tuation in  Vietnam ebenso  wie der tote Punkt, auf dem die Abrü-
       stungsfrage sich  befinde, den  Vereinten Nationen  die dringende
       Notwendigkeit vor Augen führten, so bald wie möglich eine Univer-
       salität der Mitgliedschaft zu erreichen.
       Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 23.IX.1965.
       Tatsächlich gibt es in Asien keine politische Realität betreffend
       insbesondere Kambodscha,  Laos, Vietnam  oder  Indien,  Pakistan,
       Afghanistan, Birma,  Korea oder  Sowjetrußland  oder  auch  Japan
       usw., die  China nicht  berührt oder  interessiert. Vor allem ist
       weder Krieg  noch Frieden in diesem Erdteil vorstellbar, ohne daß
       China nicht mitinbegriffen wäre. So ist absolut, außerhalb seiner
       Mitwirkung, ein  eventueller Vertrag  über  die  Neutralität  der
       Staaten Südostasiens undenkbar, denen wir Franzosen, aus so zahl-
       reichen Gründen, eine ganz besondere und herzliche Aufmerksamkeit
       widmen... Neutralität,  die in der gegenwärtigen Periode die ein-
       zige mit dem Frieden und Fortschritt der Bevölkerung zu vereinba-
       rende Situation zu sein scheint.
       Staatspräsident de Gaulle am 31.I.1964.
       Bundeskanzler Erhard  teilte nach  seinem Gespräch  mit Lodge  im
       Bayerischen Rundfunk  mit, er  habe dem Sonderbotschafter die Un-
       terstützung der  Bundesrepublik für  die Südostasien-Politik  der
       USA zugesagt. "Wir können zwar keine militärische Hilfe leisten -
       sie wurde uns auch nicht abverlangt -, aber wirtschaftlich können
       wir etwas  tun", sagte  Erhard. Er  fühle sich  verpflichtet, der
       amerikanischen Regierung in ihrer Südostasien-Politik moralischen
       Beistand zu  leisten, damit  Asien nicht dem Kommunismus überant-
       wortet wird. "Das würde auch auf Europa Rückwirkungen haben."
       Süddeutsche Zeitung v. 28.VIII.1964.
       Deutschland befürwortet  es, wenn Präsident Johnson aus einer Po-
       sition der  Stärke verhandeln  will. Sollten sich die Vereinigten
       Staaten einseitig  zurückziehen, dann könnte das eine Kettenreak-
       tion hervorrufen, die auch neue Unruhe in Berlin schafft.
       SPD-Fraktionsvorsitzender Fritz Erler, AP-Meldung v. 21.IV. 1965.
       Diese Emanzipationsbewegung  ist noch nicht beendet - das ist et-
       was, was  begriffen werden muß. Sie wird in Ostasien und Südosta-
       sien nicht  beendet sein,  bis es in dieser Weltgegend keine oder
       fast keine  amerikanischen und britischen Militärstützpunkte mehr
       gibt. Der Wunsch, jeden okzidentalen Machteinfluß gänzlich loszu-
       werden, liegt  im Herzen  jedes  Ostasiaten  oder  Südostasiaten,
       gleichgültig, ob er augenblicklich politisch neutralistisch, pro-
       westlich oder kommunistisch eingestellt ist.
       Lily Abegg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, v. 12.III.1964.
       
       (Zusammengestellt von Heinz Abosch)
       
       _____
       1) Im Oktober  fand eine Volksabstimmung statt, die die Monarchie
       abschaffte und  Diem mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten
       der Republik wählte.
       2) Am 1. November 1963.
       3) Ngo Dinh Nhu, bis November 1963 "Politischer Berater" des Prä-
       sidenten und Chef der Geheimpolizei.
       

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