Quelle: Blätter 1965 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       Peter Weiss
       
       ZEHN ARBEITSPUNKTE EINES AUTORS IN DER GETEILTEN WELT
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       Peter Weiss,  der sich durch seine Dramen "Die Verfolgung und Er-
       mordung Jean  Paul Marats" und "Die Ermittlung" als politisch en-
       gagierter Schriftsteller einen Namen gemacht hat, veröffentlichte
       in der  schwedischen Tageszeitung  "Dagens Nyheter"  die folgende
       Stellungnahme:
       
       1. Jedes Wort,  das ich  niederschreibe und  der Veröffentlichung
       übergebe, ist politisch, das heißt es zielt auf einen Kontakt mit
       größeren Bevölkerungsgruppen  hin, um dort eine bestimmte Wirkung
       zu erlangen. Auf meine Mitteilung, die ich einem der Kommunikati-
       onsapparate übergebe,  folgt die  Verarbeitung meiner  Mitteilung
       durch die  Konsumenten. Die  Art, in  der meine Worte aufgenommen
       werden, ist  weitgehend bedingt von der jeweiligen Gesellschafts-
       ordnung, unter  der sie  verbreitet werden.  Da meine Worte immer
       nur einen verschwindend kleinen Teil ausmachen innerhalb der all-
       gemeinen Opinion,  muß ich die größtmögliche Präzision erreichen,
       um mit meiner Meinung durchdringen zu können.
       2. Die Wahl  der Sprache,  die ich zum Schreiben benutze, hat nur
       handwerkliche Funktion.  Ich wähle die Sprache, die ich am besten
       beherrsche. In meinem Fall ist dies die deutsche Sprache.
       Der Vorteil  in der Benutzung dieser Sprache liegt darin, daß je-
       des Wort sogleich in eine verschärfte Beleuchtung gerät. Die Auf-
       teilung Deutschlands  in zwei  Staaten von  diametral entgegenge-
       setzter Gesellschaftsstruktur  stellt die  Teilung der  Welt dar.
       Die Aussagen  eines deutschsprachigen  Autors liegen sogleich auf
       der Waagschale,  wo sie den beiden verschiedenen Bewertungssyste-
       men unterworfen  werden. Dies  vereinfacht meine  Arbeit. Was ich
       schreibe, gerät  unmittelbar in den Brennpunkt der Opinionen. Je-
       doch sind  die Probleme  und Konflikte, die ich benenne, nicht an
       dieses bestimmte Sprachgebiet gebunden, sondern nur Teil des The-
       mas, das heute in allen Sprachen behandelt wird.
       3. Obgleich die  Zweiteilung der  Welt in sich vielfach gebrochen
       und von komplizierten, einander oft bekämpfenden Tendenzen durch-
       setzt ist,  ergeben sich aus ihr doch zwei deutliche Machtblöcke.
       Der eine  Machtblock enthält  die teils  etablierten, teils  sich
       heranformenden sozialistischen Kräfte sowie die Freiheitsbewegun-
       gen in  den ehemals  kolonialisierten oder noch unter Gewaltherr-
       schaft stehenden  Ländern. Der  andere Machtblock enthält die vom
       Kapitalismus bedingte  Ordnung, ansteigend vom freien, unabhängig
       miteinander konkurrierenden  Unternehmergeist bis zu den höchsten
       imperialistischen Konzentrationen.  Innerhalb dieses  Blocks sind
       jedoch auch, vor allem in den skandinavischen Staaten, umfassende
       Demokratisierungen zu  finden und  vom Klassenkampf hervorgezwun-
       gene soziale  Einrichtungen. Das  Werk der  Arbeiterbewegung oder
       -regierungen bleibt  letzten Endes eingeschlossen unter der Ober-
       herrschaft der  Großkapitalverwalter, die  ihren Besitz nie frei-
       willig herausgeben.  Die  hochentwickelte  Wohlstandsgesellschaft
       ist nichts  anderes als eine Klassengesellschaft auf erhöhtem Ni-
       veau, wo  das ehemals  revolutionäre Arbeitertum die Neigung ent-
       wickelt, die Normen der Bürgerlichkeit zu übernehmen.
       4. Meine Aufgabe  ist, zu  untersuchen, auf  welche  Weise  meine
       Worte von den Gesprächspartnern in der geteilten Welt aufgenommen
       werden. Die  Erfahrung zeigt mir, daß innerhalb jenes Blocks, der
       sich selbst  "freie westliche Welt" nennt, jene künstlerische Äu-
       ßerung, die von subjektiven Erscheinungen und formalen Experimen-
       ten geprägt ist, Anerkennung findet, wie auch eine soziale Kritik
       gewürdigt wird,  soweit sie  die unter  Humanismus und Demokratie
       getarnten Grenzen  der  Gesellschaftsordnung  nicht  durchbricht.
       Während im  Ästhetischen keinerlei  Grenzen gezogen sind und jede
       Neuentdeckung auf diesem Gebiet ihre geschäftstüchtigen Zwischen-
       händler und  Konsumenten findet,  werden Vorstöße im Sozialen ge-
       nauesten Kontrollen  unterzogen. Für  den Autor  ist das Erkennen
       der sozialen  Grenzen mit großen Schwierigkeiten verbunden, da er
       die Freiheit,  die ihm  zugesprochen wird,  oft für eine absolute
       Freiheit hält.  Er hat  einen langen  Weg zurückzulegen,  ehe  er
       dorthin gelangt,  wo seine  Freiheit der  Gesellschaft nicht mehr
       ungefährlich ist.
       5. So wie  die künstlerische Arbeit im westlichen Block den größ-
       ten Kaufwert hat, wenn sie dem Konsumenten einen ästhetischen und
       geistigen Genuß  oder eine  emotionale Sensation  vermittelt,  so
       wird auf  der Gegenseite nach der praktischen Funktion des Kunst-
       werks gefragt.  Das formale  Experiment, der  innere Monolog, das
       poetische Bild  bleiben wirkungslos,  wenn sie  der Arbeit an der
       Neuformung der Gesellschaft nicht von Nutzen sind.
       Herangewachsen unter der Vorstellung einer unbedingten Ausdrucks-
       freiheit, sehen  wir uns hier in unserem Vorhaben behindert - so-
       lange wir den Eigenwert der Kunst höher schätzen als ihren Zweck.
       Erkennen wir  den Zweck,  können wir auch um die Durchsetzung der
       kühnsten Formen kämpfen, denn wir wissen: Zu einer Revolution der
       Gesellschaftsordnung gehört auch eine revolutionäre Kunst.
       Es ist  deshalb ein  Widerspruch, wenn in einigen Ländern des So-
       zialismus die Kunst auf Grund ihrer innewohnenden Kraft niederge-
       halten und zur Farblosigkeit verurteilt wird, während sie sich in
       den bürgerlichen  Ländern aus  Mangel an  Bindungen bis zum Anar-
       chismus entfaltet.
       6. Hier tritt  die Frage der Wahl schon an mich heran. Für welche
       der beiden  Seiten entscheide  ich mich?  Auf welcher  der beiden
       Seiten sehe  ich hinter den Unvollkommenheiten, den Widersprüchen
       und Fehlern die Möglichkeit zu einer Entwicklung, die meinen Vor-
       stellungen von  Humanität und  Gerechtigkeit entspricht? Kann ich
       meine eigene  Ungewißheit, meine  Ambivalenz  überwinden  und  in
       meine Arbeit  bewußt die politische Wirkung einbeziehen, die sich
       bisher nur  passiv äußerte,  indem ich  mich den  Konsumenten als
       anonymer Gesprächspartner  anbot? Kann  ich den  bequemen dritten
       Standpunkt aufgeben,  der mir  immer  eine  Hintertür  offenließ,
       durch die  ich in  das Niemandsland bloßer Imanigation entweichen
       durfte?
       7. Schon das  Aufwerfen dieser  Frage ist der Beginn ihrer Beant-
       wortung. Im  Verlauf der  Untersuchungen, die ich betreibe, um zu
       einer Antwort  zu gelangen, sehe ich, daß es nur zwei Möglichkei-
       ten gibt  und daß das Verharren im Außenstehn zu einer immer grö-
       ßer werdenden Nichtigkeit führt.
       Wenn  ich  als  Arbeitsbeispiel  meinen  deutschen  Sprachbereich
       wähle, so  finde ich,  daß im westlichen Staat meine Unentschlos-
       senheit, meine  Zweifel nicht nur akzeptiert, sondern auch gutge-
       heißen werden. Dies ist natürlich: Solange ich nur meinem Unbeha-
       gen, meinem  Überdruß in  der Gesellschaft  Ausdruck gebe, bleibt
       dies ein  psychologisches Problem,  das die Herrschenden in ihren
       Machenschaften nicht stört. Unbehindert darf ich den Zustand mei-
       ner Ausweglosigkeit  schildern, denn  meine Ausweglosigkeit setzt
       ja die  Stärke ihrer  Institutionen voraus.  Abgekauft werden mir
       auch meine  absurdesten Ideen,  mein Hohn, meine Ironie, denn da-
       durch erstelle  ich den Machthabern nur den Beweis für ihre Frei-
       gebigkeit. Sie fühlen sich so sicher in ihren Positionen, daß ich
       für vieles eintreten darf, was mir fortschrittlich erscheint. Sie
       genehmigen wohlwollend,  wenn ich  mich der  Meinung hingebe, die
       bestehenden Unterschiede  ließen sich allmählich ausgleichen. Ei-
       nes der  Hauptargumente der  Steuernden ist  ja, daß diese Unter-
       schiede schon  weitgehend behoben  seien und daß sich Arbeitgeber
       und Arbeitnehmer  heute in einer gleichberechtigten Interessenge-
       meinschaft befänden.  Hier stehe ich ihrer ganzen Welt von raffi-
       niert gelenkten  Wirklichkeitsfälschungen gegenüber. Indem sie im
       Besitz der Kommunikationsmittel sind und das Unterrichtswesen be-
       herrschen, haben sie alle Bevölkerungsschichten mit ihren Ansich-
       ten durchsetzt.  Da sie  eine linke  Opposition teils unschädlich
       gemacht haben  oder diese Opposition sich teils auf Grund der äu-
       ßerlichen Erfolge  einer Illusion  des Wohlstandes  angepaßt hat,
       wird die  Frage nach  dem Hintergrund  dieses Wohlstandes und die
       Frage, auf wessen Kosten dieser Wohlstand erlangt wurde, nur sel-
       ten gestellt Wenn es geschieht, dann wird der Fragende allerdings
       auf das  unflätigste beschimpft,  und es  zeigt sich,  wie faden-
       scheinig der  Begriff von  Humanität und Demokratie im Wappen der
       Besitzenden ist.
       8. Im östlichen deutschen Staat wird mein Mangel an Farbebekennen
       als Zeichen  eines Untergangs  bewertet. Selbst  meine  negativen
       Schilderungen der  bürgerlichen Zivilisation bleiben sinnlos, so-
       lange ich darin nicht den Versuch unternehme, mich aus der Einge-
       schlossenheit zu  befreien. Solange  ich mir  einbilde, daß  sich
       dort meine Integrität und Bewegungsfreiheit bewahren läßt, bleibe
       ich ein  Gefangener dieser  Gesellschaft und  meine ich,  daß sie
       noch durch soziale Bestrebungen verändert werden könnte, so beru-
       hige ich  damit nur  mein Gewissen  und idealisiere die Tatsache,
       daß ich von dieser Gesellschaft meinen Lebensunterhalt beziehe.
       Die Angriffe  auf die Korruption, die Ausbeutung und die von pri-
       vaten Monopolen  geleitete Meinungsverseuchung  führen zu nichts,
       wenn sie  nicht eine  deutliche Alternative  anzeigen. So  wie im
       westlichen Staat  vor allem eine politische Zurückhaltung vom Au-
       tor erwartet  wird, so wird im östlichen Staat vor allem die ein-
       deutige politische Haltung gefordert.
       9. Damit entferne  ich mich  wieder von  dem engen  Begriff eines
       Sprachgebietes und  setze die ganze Welt als Wirkungsfeld für die
       künstlerische Arbeit voraus.
       In dieser  Welt fällt die Entscheidung. Die Besitzenden der Erde,
       eine verhältnismäßig  kleine Gruppe,  bemühen sich  heute  darum,
       ihre Stellungen zu befestigen und zu verteidigen. Nachdem sie die
       Notlage nach  dem Krieg ausgenützt und sich daran noch einmal äu-
       ßerst bereichert hatten, sehen sie sich jetzt den wiedererwachen-
       den Kräften  der ausgeplünderten  Völker gegenüber. Das Gespenst,
       das vor  ihnen aufsteht,  geht nicht  nur in  Europa um,  sondern
       überall, wohin sie ihren Blick wenden. Wo sie auch ihre Bastionen
       bauen, in  Afrika, Asien oder Lateinamerika, wachsen Freiheitsbe-
       wegungen an,  die nicht  mehr aufzuhalten  sind. Noch sind sie an
       vielen Orten  dank ihren  Waffen und  Söldnern in  der Übermacht.
       Noch können  sie Terror verbreiten mit dem Niederbrennen von Dör-
       fern und  Landschaften, noch  können sie  Nationen überwachen mit
       ihrer Brutalität  und mit  den Erpressungen  ihrer Gelder, histo-
       risch aber kämpfen sie um eine verlorene Sache.
       Ihnen gegenüber  setzt sich  eine Macht  langsam durch, die davon
       ausgeht, daß  die Güter  der Welt jedem Menschen im gleichen Maße
       gehören sollen.  Noch befinden  wir uns  im Anfangsstadium dieser
       umfassenden Veränderung.  Einige Länder  haben weitgehend die von
       der Teilung der Welt bedingten ökonomischen Schwierigkeiten über-
       wunden und eine kommunistische oder sozialistische Ordnung herge-
       stellt, andere  bemühen sich  um diese Ordnung zunächst unter den
       Vorzeichen eines  nationalen Befreiungskampfes. Überall aber tre-
       ten durch den Kalten Krieg, dessen innere Glut ständig zu offenen
       Kampfherden aufflammt, die Unausgeglichenheit und Streitpunkte in
       der Auffassung  der neuen  Gesellschaftsordnung zutage. In dieser
       Situation findet  der Gegner reichlich Stoff, um auf das Versagen
       oder die  Utopien des  Sozialismus hinzuweisen. Die Aufgabe eines
       Autors ist  hier: immer wieder die Wahrheit, für die er eintritt,
       darzustellen, immer  wieder die  Wahrheit unter den Entstellungen
       aufzusuchen.
       10. Die Richtlinien  des Sozialismus  enthalten für mich die gül-
       tige Wahrheit.  Was auch  für Fehler im Namen des Sozialismus be-
       gangen worden  sind und  noch begangen werden, so sollten sie zum
       Lernen da  sein und  einer Kritik unterworfen werden, die von den
       Grundprinzipien  der   sozialistischen  Auffassung  ausgeht.  Die
       Selbstkritik, die  dialektische Auseinandersetzung,  die ständige
       Offenheit zur Veränderung und Weiterentwicklung sind Bestandteile
       des Sozialismus.  Zwischen den  beiden Wahlmöglichkeiten, die mir
       heute bleiben, sehe ich nur in der sozialistischen Gesellschafts-
       ordnung die  Möglichkeit zur  Beseitigung der bestehenden Mißver-
       hältnisse in der Welt.
       Ich bin selbst aufgewachsen in der bürgerlichen Gesellschaft, und
       ich habe  in meiner  Arbeit und  in meinem persönlichen Leben die
       größte Zeit damit verbracht, mich von der Eingeengtheit, den Vor-
       urteilen und  dem Egoismus zu befreien, die mir von diesem Milieu
       auferlegt wurden. Ich habe lange geglaubt, daß mir die künstleri-
       sche Arbeit  eine Unabhängigkeit  verschaffen könnte, die mir die
       Welt öffnete. Heute aber sehe ich, daß eine solche Bindungslosig-
       keit der  Kunst eine  Vermessenheit ist  angesichts der Tatsache,
       daß die  Gefängnisse derjenigen Länder, in denen die Unterschiede
       zwischen den Rassen und den Eigentumsverhältnissen aufrechterhal-
       ten werden, angefüllt sind mit den tortierten Vorkämpfern der Er-
       neuerung. Jedes  meiner in vermeintlicher Freiheit gewonnenen Ar-
       beitsresultate hebt  sich ab vor der Notlage, die für den größten
       Teil der Welt noch gegeben ist.
       Ich sage  deshalb: Meine  Arbeit kann erst fruchtbar werden, wenn
       sie in  direkter Beziehung steht zu den Kräften, die für mich die
       positiven Kräfte  dieser Welt  bedeuten. Diese  Kräfte sind heute
       überall, auch in der westlichen Welt zu verspüren, und sie würden
       ein noch stärkeres Gewicht, eine größere Solidarität und ein noch
       umfassenderes Engagement  bekommen, wenn  sich die  Offenheit  im
       östlichen Block  erweiterte und  ein freier,  undogmatischer Mei-
       nungsaustausch stattfinden könnte.
       

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