Quelle: Blätter 1965 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       OFFENER BRIEF AN DEN MÜNCHNER OBERBÜRGERMEISTER
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       An den Herrn Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München,
       Dr. Hans-Jochen Vogel
       München
       Rathaus
                                               München, den 24. 11. 1965
       
       Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister!
       
       Am 1.  Januar 1966  treten die sogenannten "kleinen" Notstandsge-
       setze in  Kraft. Wir  weigern uns,  diesen Gesetzen Folge zu lei-
       sten.
       Sie verpflichten zu folgenden Dienstleistungen und Aufwendungen:
       Eine Grundausbildung von 4 Monaten im Zivilschutzkorps; dazu meh-
       rere Übungen  von 8 Monaten Gesamtdauer - alles gegen ein Entgelt
       in Höhe des Wehrsoldes der Bundeswehr -; Ausbildungslehrgänge und
       Übungen in Selbstschutz während der Freizeit und an Wochenenden;
       Anschaffung von Verdunkelungs-Rollos, Feuerpatschen, Volksgasmas-
       ken, Notvorräten,  Bergungstüchern, Geiger-Zählern,  Geräten  zur
       "Selbstbefreiung" und anderem im Gesamtwert von rund DM 250,- pro
       Person;
       Ausstattung der  Wohnhäuser mit  Luftschutzräumen; Kosten etwa DM
       500,- pro Mieter.
       Nach den  Feststellungen kompetenter  Atomwissenschaftler  bieten
       diese Maßnahmen in einem modernen Krieg keine Überlebens-Chancen.
       Außerdem verstoßen  diese Gesetze  nach dem Urteil namhafter Ver-
       fassungsrechtler gegen die verfassungsmäßige Grundordnung.
       Mit sogenannten  Selbstschutzgesetzen etwas regeln zu wollen, was
       nicht zu  regeln ist, heißt, der Bevölkerung Sand in die Augen zu
       streuen. Wer  einen modernen  Krieg als kalkulierbar und kontrol-
       lierbar hinstellt,  fördert die psychologische Kriegsbereitschaft
       und damit die Kriegsgefahr.
       Gewissen und  Verantwortungsgefühl verbieten  es uns  daher,  die
       verordneten Maßnahmen durch unsere Mitwirkung zu decken. Wir sind
       bereit, die Konsequenzen hieraus zu nehmen.
       
       Mit vorzüglicher Hochachtung
       
       gez. Walter  Alexander, Schauspieler - Carl Amery, Schriftsteller
       - Frank  Arnau, Schriftsteller - Dr. Gerd Biermann, Arzt und Psy-
       chotherapeut -  Klaus Budzinski,  Journalist  -  Wolfgang  Ebert,
       Schriftsteller - Michael Ende, Schriftsteller - Karl Freiherr von
       Feilitzsch, Komponist  - Prof. Ernst Geitlinger, Maler - Heinrich
       Guter, Architekt  - Erika  Guter-Wackernagel, Reporterin  - Peter
       Hamm, Schriftsteller  - Ingeborg  Haun, Grafikerin - Rainer Haun,
       Journalist - Kurt Hirsch, Journalist - Gerd Hirschauer, Redakteur
       - Ingeborg  Hoffmann, Schauspielerin - Hanns Ernst Jaeger, Schau-
       spieler - Michael Jürgs, Journalist - Helmut Käutner, Regisseur -
       Prof. Georg  Kinzer, Maler - Eberhard Kremer, Landesbezirksleiter
       der IG  Druck und  Papier -  Kai A.  Niemeyer, Redakteur - Walter
       Ohm, Regisseur - Sieghart Ott, Rechtsreferendar - Karsten Peters,
       Redakteur - Ingeborg und Oskar Piloty, Grafiker - Erwin Piscator,
       Intendant -  D.E. Ralle, Rechtsanwalt - Dr. Franz und Dr. Juliane
       Roh, Kunsthistoriker - Anneliese Sebald, Sekretärin - Rolf Seeli-
       ger, Journalist  - Xaver  Senft, Gewerkschaftsreferent  - Gertrud
       Sommer, Rechtsreferendarin  - Hans Schweikart, Regisseur - Werner
       Schweinsberg, Gewerkschaftssekretär  - Karl  Stankiewitz, Journa-
       list -  Joschim Teege,  Schauspieler -  Alexander Tiplt,  Gewerk-
       schaftsreferent -  Margot Trooger, Schauspielerin - Thilo von Us-
       lar, Journalist  - Sabine Wackernagel, Schauspielschülerin - Theo
       Weyde, Rechtsreferendar  - Dr.  Ernst von Xylander, Diplompsycho-
       loge.
       
       Kontaktstelle für  Rückfragen: Rainer Haun, 8 München 45, Hyazin-
       thenstraße 13.
       

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